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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 132
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Bey Vernünftigen ist es eine der vornehmsten Regeln in der Freundschaft, daß man Niemanden zu seinem vertrauten Freunde wähle, dessen Charakter, dessen Fehler und Tugenden man nicht vorher sorgfältig geprüft hat. Man behält zwar stets die Freyheit, sich von seinem Umgange zurück zu ziehen, wenn man findet, daß er die Hoffnung nicht erfüllt, die man sich von seiner Aufrichtigkeit gemacht hat; allein der Vorwurf ist dennoch bitter, und unsrer eignen Ruhe nachtheilig, wenn wir erfahren müssen, daß wir zu leichtgläubig, oder doch nicht vorsichtig genug gewesen sind.

»Ich habe mich vielmal gewundert, wie es kommen müsse, daß man bey dem Heirathen, bey dieser wichtigsten und fast unzertrennlichen Art der Freundschaft, so wenig Sorgfalt bezeigt, vernünftig zu wählen. Es wäre diese Vorsicht besonders um deswillen sehr nöthig, da gemeiniglich von beyden Theilen alle Sorgfalt angewendet wird, einander zu hintergehn, und seine Fehler zu verbergen. Unsre Vorfahren haben in gewissen Handlungen drey Hauptmängel festgesetzt, welche den Kauf ungültig machen, wenn sie verschwiegen worden sind. Sollte der Ehstand nicht wichtig genug seyn, daß man ihrer auch wenigstens drey festsetzte, durch welche die Verbindlichkeit von beyden Theilen aufhörte, so bald sie verschwiegen würden?

»Ich gebe hiermit allen verheiratheten Personen, beyderley Geschlechts, die Freyheit, und ersuche sie darum, daß eine jede drey Fehler aufsetzen möge, von welchen sie glaubt, daß sie so wichtig seyn könnten, die Ehe zu trennen. Es wird diese Nachricht zu einem Schlüssel so vieler unglücklichen Ehen dienen, und ich werde Gelegenheit bekommen, aus allen Fehlern zusammen drey der wichtigsten auszusuchen, und es an seinem Orte in Vorschlag bringen, daß sie durch ein Landesgesetz für zureichend erklärt werden möchten, als Hauptmängel alle Verbindung des Ehestandes aufzuheben. Mein Verleger soll die Aufsätze annehmen; ich werde sie sodann mit Verschweigung der Namen und Orte zusammen drucken lassen, und einen Vorschlag thun, der dem gemeinen Wesen nicht anders als vortheilhaft seyn kann, wenn er das Glück haben sollte, die Achtung der Obern zu verdienen.

»So viel muß ich noch erinnern, daß unverheirathete Personen kein Recht haben sollen, dergleichen Fehler in Vorschlag zu bringen. Sie haben gemeiniglich zu viel Vorurtheile, und ich würde müssen gewärtig seyn, viele wichtige Kleinigkeiten anzuhören.

»Da ich die Hoffnung nicht habe, daß mein patriotischer Einfall so bald zu Stande kommen, und als ein allgemeines Gesetz eingeführt werden möchte; so würde ich gern sehen, wenn meine Mitbürger sich wollten gefallen lassen, ihre Liebesbriefe, statt der bisherigen Seufzer und Flammen, und verstellten Schmeicheleyen, so einzurichten, daß sie ein wahres und redliches Bekenntniß ihrer Fehler wären. Wie viel unglückliche Ehen würden wir weniger haben, wenn dieses geschähe!

»Ich gebe hier eine Probe von einem so aufrichtigen Bekenntnisse. Die übrigen Briefe, die angedruckt sind, erläutern dasjenige noch weiter, was ich von dieser Materie oben gesagt habe. Wenn ich die Aufsätze einmal der Welt bekannt mache, welche wegen der drey Hauptmängel im Ehestande bey mir einlaufen werden; so will ich zugleich einen reichen Vorrath von Formularen für alle Stände und Arten der Liebhaber beyderley Geschlechts liefern, wie sie einander von ihren Fehlern beyzeiten Nachricht geben sollen. Das Werk wird, wenn ich anders die Welt kenne, ziemlich weitläuftig ausfallen. Es soll auf Vorschuß gedruckt werden, und ich will zu mehrer Erbauung die Namen derjenigen vordrucken lassen, welche darauf pränumeriren.

Hier sind die versprochnen Briefe:

 

Mademoiselle,

Ich liebe Sie mit der größten Hochachtung. Bey den Vorzügen, die Sie so schätzbar machen, und bey meiner Gemüthsart, ist nichts natürlicher, als daß ich Sie ewig zu lieben wünsche. Geben Sie mir Ihre Hand; so glaube ich der glücklichste Mann auf der Welt zu seyn. Vielleicht wundern Sie sich über meinen unregelmäßigen Antrag. Meine Offenherzigkeit ist Schuld daran, und die Sache, die ich bitte, ist mir gar zu wichtig, als daß ich in dem Romanstyle darum bitten sollte. Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit, Ihre Erklärung zu thun; länger halten Sie mich nicht auf, ich ersuche Sie mit aller der Zärtlichkeit, die ich gegen Sie empfinde. Mein Alter, meine Person, meine Glücksumstände sind Ihnen bekannt; aber vermuthlich meine Fehler nicht. Ich will so offenherzig seyn, und Ihnen diese sagen.

Ich bin eigensinnig, sehr eigensinnig, Mademoiselle. Sie können die Ordnung in meinem Hauswesen einrichten, wie Sie wollen, und wie es meine Umstände leiden; alles über diese Ordnung muß unverändert gehalten werden.

Ich muß eine jede Stunde voraus wissen, wenn ich essen, schlafen, arbeiten, und mich vergnügen soll. Die Veränderung einer einzigen Stunde bringt mich auf die ganze Woche in Unordnung. Ich werde Ihnen nichts an Putz und Bequemlichkeit mangeln lassen, was Ihr Stand erfodert, und meine Einkünfte erlauben. Aber es wohnen in meiner Gasse Männer, welche noch einmal so vornehm, und noch einmal so reich sind, als ich. Werden Sie das Herz haben, die Weiber derselben prächtiger ausgeputzt zu sehen, und ihren grössern Aufwand zu bemerken, ohne eine gleiche Pracht, und eben so viel Aufwand zu verlangen? Gewiß, Mademoiselle, ich würde es Ihnen abschlagen, und alsdann würden mich weder Bitten noch Thränen erweichen. Nur aus Liebe zu Ihnen würde ich nein sagen. Es ist keine Thorheit kostbarer, als die Thorheit, es denen gleich zu thun, welche vornehmer, und reicher sind, als wir. Wenn man sein ganzes Vermögen daran gewendet hat, um Vernünftigen zehn Jahre lächerlich zu werden; so ist man die übrige Zeit des Lebens Vernünftigen und Unvernünftigen verächtlich, wenn sie sehen, daß uns die Armuth hindert, länger thöricht zu seyn. Wenn Sie meine Frau sind, so verlange ich, daß Sie sich eben so viel Mühe geben, mir durch einen reinlichen Anzug zu gefallen, als Sie sich in den ersten Tagen unsers Ehestandes geben werden. Eine Frau, welche sich mehr für die Welt, als für ihren Mann putzt, verräth eine Sorglosigkeit, welche ihrem Manne empfindlich, und der Welt verdächtig seyn muß. Eifersüchtig bin ich nicht; aber ich werde es gern sehen, wenn Sie Ihre Aufführung so vorsichtig einrichten, als wenn Sie den eifersüchtigsten Mann von der Welt hätten. Meine Bedienten sind gewohnt, von mir als freye Menschen, und nicht als Sklaven gehalten zu werden. Es scheint mir unrecht, ihnen ihre Armuth empfinden zu lassen, da sie gemeiniglich keinen Fehler weiter haben, als diesen, daß sie nicht so reich sind, wie wir. Ich glaube nicht, daß es Ihnen schwer fallen wird, sich eben so glimpflich gegen sie zu bezeigen, da dieses das bequemste Mittel ist, die Hochachtung und Treue der Bedienten zu gewinnen. Noch unzufriedner bin ich über diejenigen Herrschaften, welche sich zu ihren Bedienten allzu vertraulich herablassen. Man gibt ihnen eine Freyheit, deren sie sich mit der Zeit gewiß misbrauchen. Ich werde Ihnen sehr verbunden seyn, wenn Sie zu keiner Zeit vergessen, daß Ihr Aufwartmädchen niemals Ihre vertraute Freundinn ist. Bemächtigen Sie sich der Herrschaft in der Küche. Ich verlange nicht, daß Sie selbst kochen sollen; aber das verlange ich, daß das Gesinde Sie für eine vernünftige Wirthinn, und nicht für ein erwachsnes Kind hält, welches nur da sitzt, um sich füttern zu lassen. Ich habe einen sehr armen Vater, welcher ein redlicher Greis, aber kränklich, und ein wenig einfältig ist. Getrauen Sie sich wohl, ihn so zu lieben, wie Ihren eignen Vater? Ich werde es von Ihnen verlangen. Das Vermögen, welches mir der Himmel bey meiner Handlung gegeben hat, das hat er mir vermuthlich darum gegeben, um diesem redlichen Manne sein Alter erträglich zu machen. Es würde mir nahe gehen, wenn Sie anders dächten; und ich würde es nicht zulassen, gewiß nicht, Mademoiselle. Auf diesen alten redlichen Vater bin ich stolz, und meine Freunde können mir niemals empfindlicher schmeicheln, als wenn sie diesem gutherzigen Alten in seiner schlechten Kleidung eben die Achtung bezeigen, die man einem angesehenen Greise vom Stande schuldig ist. Wie sehr werde ich Sie lieben, Mademoiselle, wenn Sie sich gewöhnen können, diesen guten Alten zu lieben! Noch eins. Ich kann mir nicht hitzig widersprechen lassen. Ich habe nicht allemal Recht, es ist wahr; aber ich sehe es gern, wenn man mir Zeit läßt, dieses selbst einzusehn. Ich sehe es sehr bald ein, und alsdann schäme ich mich doppelt, sowohl über meine Uebereilung, als über die Nachsicht meiner Freunde, die ich gemisbrauchet habe.

Sehen Sie wohl aus allen diesen Umständen, Mademoiselle, daß ich die ungewöhnliche Absicht habe, Herr im Hause zu seyn? Es ist eine sehr altvätrische Mode; aber ich will sie doch beybehalten wissen. So viel kann ich Ihnen inzwischen versichern, daß, so gewiß ich Herr im Hause zu seyn verlange, so gewiß will ich auch, daß meine Frau Frau im Hause seyn soll. Diese Versichrung muß Sie beruhigen.

Was meinen Sie, Mademoiselle? Getrauen Sie sich einen Mann zu heirathen, der alle diese Fehler hat? Glauben Sie, dem ungeachtet glücklich mit ihm zu leben? Ich bitte mir binnen acht Tagen Ihre Antwort aus. Entschliessen Sie sich dazu, so bin ich der glücklichste Mensch. Können Sie sich nicht entschliessen, so werden Sie mir bey einem aufrichtigen Geständnisse wenigstens nicht Schuld geben, daß ich Sie habe betrügen wollen. Leben Sie wohl. Ich bin &c.

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