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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 131
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Hochgebohrner Herr Oberster,
Hochgeehrtester Herr Bruder,

Die Schwierigkeiten, welche das Fräulein von L – – gefunden hat, mich ihrer Gegenliebe zu würdigen, vermindern die Hochachtung im geringsten nicht, die ich gegen sie hege. Sie sind ihrem Alter und ihrer Einsicht so anständig, daß ich sie doppelt verehren muß. Hätte sie meinen Wunsch erfüllt, so wäre ich gewiß der glücklichste Mann geworden; ihr Glück aber würde immer noch unvollkommen gewesen seyn, da mich meine Jahre zu ernsthaft machen, ihre Liebe zu vergelten. So ungerecht bin ich nicht, daß ich mein Glück dem ihrigen vorziehen sollte. Der Herr Bruder sind ein neuer Beweis, wie unschätzbar ein vernünftiger Freund sey. Ich sehe meine Uebereilung ein, die ich begangen habe. Sie erinnern mich auf eine sehr bescheidne Art meines Alters, und der Pflicht, die ein Greis bey seinem herannahenden Ende zu beobachten hat. Ich will Ihr Vertrauen zu verdienen suchen, und mich seiner Leidenschaft entschlagen, die mir bey meinen Jahren nicht mehr anständig ist. Ich verwandle die Liebe, die ich gegen das tugendhafte Fräulein hegte, in eine väterliche Zärtlichkeit. Diesen einzigen Fehler halten Sie mir zu gute, daß ich zu eifersüchtig bin, den Besitz dieses liebenswürdigen Kindes jemanden anders als meinem Enkel zu gönnen. Ich weis, daß er sie anbetet. Er verdiente nicht mein Sohn zu seyn, wenn er anders dächte. Es ist mir unbekannt, ob das Fräulein gütig genug ist, seine jugendlichen Fehler zu übersehn, und ob sie sich entschliessen kann, einen Menschen zu lieben, der weiter keine Verdienste hat, ihrer würdig zu seyn, als diese, daß er den Werth ihrer Tugenden und ihrer vorzüglichen Eigenschaften empfindet. Nehmen Sie Gelegenheit, Hochgeehrtester Herr Bruder, die Neigungen des Fräuleins zu untersuchen. Das Vermögen, welches mein Enkel von seiner Mutter ererbt hat, ist gar ansehnlich. Ich werde ihn, wenn ich lebe, in noch bequemere Umstände zu setzen suchen. Ich will ihm einen anständigen Rang kaufen. Sterbe ich einmal, so fällt der größte Theil meines Vermögens wieder auf ihn. Aber ich will haben, daß er mir noch bey meinen Lebzeiten für meine Vorsorge danken soll. Für das danken uns die Kinder selten, was wir ihnen durch unsern Tod lassen müssen, weil wir es nicht ändern können. Diejenigen Wohlthaten geniessen wir selbst mit, die wir ihnen bey unserm Leben erweisen. Kann sich mein Enkel eine grössere Wohlthat wünschen, als die, um welche ich für ihn bitte? Er hält es selbst für die größte, ich weis es. Machen Sie ihn, und zugleich mich glücklich, Werthester Herr Bruder. Wir wollen das Vergnügen unsrer Kinder befestigen, weil wir beyde noch leben. Vielleicht hat uns der Himmel unsre hohen Jahre nur um deswillen so lange gefristet, daß wir an diesem Glücke gemeinschaftlich arbeiten sollen. Ich denke ganz ruhig an meinen Tod, wenn ich mir vorstelle, daß ich in den Armen dieser zärtlich geliebten Enkelinn sterben soll. Lassen Sie diese mir so angenehme Vorstellung nicht vergebens seyn. Eilen Sie, meine Bitte zu erfüllen. Sie wissen nicht, wie lange Sie bey Ihren Jahren noch im Stande sind, es zu thun. Ich wenigstens fühle mein Alter alle Tage mehr. Meine Mattigkeit, und andre Beschwerungen erinnern mich stündlich an den letzten wichtigen Schritt, den wir zu thun haben. Ich werde meine Rückreise beschleunigen, und mit Ungeduld den Augenblick erwarten, da ich von Ihnen erfahre, ob sich das Fräulein entschliessen kann, meinen Enkel glücklich zu machen, und einem redlichen Vater, der sie so zärtlich liebt, seine Bitte, vielleicht seine letzte Bitte, zu gewähren. Der Himmel lasse unsre Kinder gesegnet seyn. Das Gebet eines Vaters bleibt nie unerhört. Es wird ihnen wohl gehen, und sie verdienen es auch. Wir wollen uns lieben, Herr Bruder, bis wir sterben. Unsre Kinder sollen von uns lernen, was Freundschaft sey, damit sie uns auch im Grabe noch segnen. Dieses schreibe ich mit der wahren Hochachtung eines alten Freundes, und bin,

Hochwohlgebohrner Herr Oberster,
Meines Hochgeehrtesten Herrn Bruders,

ergebenster Diener.
– – – –
       

N. S. Es wird mir lieb seyn, wenn Sie, und die Fräulein vergessen, daß ich die Uebereilung begangen habe, sie auf eine andere Art zu lieben, als es itzt geschieht. Ich würde Sie bitten, gegen keinen Menschen etwas davon zu gedenken, wenn ich nicht wüßte, daß Sie auch ohne meine Bitte so gefällig wären meine Schwachheit zu bedecken. Grüssen Sie die Fräulein in meinem Namen tausendmal. Wie sehr verlangt mich bey Ihnen zu seyn! Die guten Kinder! Es gehe ihnen ewig wohl!

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