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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 129
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Hochwohlgebohrner Herr Kammerrath,
Hochgeehrter Herr Bruder,

Wenn sich der Herr Bruder noch wohl befindet, so wird es mir lieb zu vernehmen seyn. Ich befinde mich, dem Himmel sey dank, für meine Jahre ganz wohl. Im übrigen hat die Fräulein von L – –, meine liebe Base, mich avertirt, daß mein hochzuehrender Herr Bruder eine christliche Absicht auf das Mädchen habe. Dessen freue ich mich nun gar sehr, und danke dem Herrn Bruder herzlich für das freundschaftliche Zutrauen zu meiner Familie, und namentlich zu dem guten Kinde. Sie ist fromm und wohl erzogen, und eine gute Wirthinn, die ihren Mann einmal in Ehren halten wird. Allermeist aber kann ich dem Herrn Bruder nicht verhalten, daß das Mädchen fast zu jung ist, in den heiligen Ehestand zu treten. Sie wird kaum noch sechzehn Jahre seyn, und das, deucht mich, ist fast zu jung, eine Wöchnerinn zu werden. Man macht die guten Dinger vor der Zeit alt, und sie kommen in das Ehestandskreuz, ehe sie recht anfangen zu leben. Wie ich denn dem Hochgeehrten Herrn Bruder nicht bergen mag, daß die Fräulein sehr schwer daran geht. Sie ist von so gutem jugement, daß sie des Herrn Bruders Verdienste vollkommen einsieht. Sie gratulirt sich gar höchlich, wie es denn auch billig ist, der Ehre, die ihr angetragen wird, und sie hat mich versichert; daß sie sich nichts mehr wünsche, als mit der Zeit einen Mann zu haben, der so rechtschaffen und edel gesinnet sey, als der Herr Bruder. Nichts minder sieht sie wohl ein, wie groß das Glück in Ansehung der zeitlichen Umstände sey, das ihr angetragen wird. Unbeschadet diesem allen ist sie von dem Gedanken nicht abzubringen, daß sie noch zu jung sey. Wenn aber ich es sehr ungern sehe, daß sie sich in den Kopf gesetzt hat, vor ihrem zwanzigsten Jahre nicht zu heirathen, so wäre dieses ungefähr mein unvorgreiflicher Rath, man liesse das Mädchen vollends heran wachsen. Ist sie zwanzig Jahre, und der Herr Bruder bleibt auf seiner Meinung, eh bien, vielleicht giebt sichs hernach eher. Der Herr Bruder ist bey seinen Jahren noch munter und vigoureux, und wird dieser gebetenen dilation gar wohl deferiren können. Es laufen hier keine fatalia, wie foro. Selbst beliebigem Gutachten überlasse dieses alles, was ich hier wohlmeinend schreibe. Posito aber, der Herr Bruder fände Bedenken, seinem Suchen zu inhæriren, und glaubte, daß bey mehr zunehmenden Jahren es bequemer, und seinem Alter anständiger wäre, unverheirathet zu bleiben, und den Rest seiner Tage in Ruhe zuzubringen, und das Wohl seiner lieben Kinder, die den Herrn Bruder mit vieler Aufrichtigkeit verehren, fernerweit als ein zärtlicher Vater zu besorgen, die auch denselben pflegen und warten, als es für einen guten ehrlichen Vater gehört, und rechtschaffnen Kindern allenthalben eignet und gebühret: posito also, sage ich, es vergienge dem Herrn Bruder die Lust, sich wieder zu vermählen: so wird es mir lieb seyn, wenn Er für mich und die Meinigen die gute Meinung behält, und der Fräulein hold und gewogen bleibt, wie es denn dieselbe verdient, und es weiter zu verdienen suchen wird. Der ich den Herrn Bruder göttlicher Obhut empfehle, und nach abgelegtem guten Wunsche zu einer ersprießlichen Badekur, und glücklichen Wiederkunft, mit alter deutscher Treue unabläßlichen beharre,

Hochwohlgebohrner Herr Kammerrath,
Meines Hochgeehrten Herrn Bruders,

dienstwilliger Freund und Diener.
N.
       

 

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