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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 127
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Frau Tochter,

Meine Reise ist, Gott Lob! glücklich gewesen. Ich bin am fünften dieses hier angekommen, und habe so gleich meine Badekur angetreten, wobey ich mich wohl befinde. Im rechten Fusse habe ich seit einigen Tagen ziemliches Reissen. Es könnte wohl gar das Podagra werden. Je nun, nun! vielleicht lebe ich hernach noch zwanzig Jahre länger, und bin desto muntrer, wenn es vorbey ist. Aber aufs Hauptwerk zu kommen. Was für ein Narr ist unserm Jungen, meinem Enkel, in den Kopf gestiegen! Lies einmal seinen Brief, Frau Tochter, den ich gestern von ihm bekommen habe. Des Himmels Einfall hätte ich mir eher versehn, als so einen albernen Streich von dem Buben. Kaum habe ich den Rücken gewandt, so wird das Närrchen verliebt, und weißt du wohl, in wen? In die Fräulein von L – –. Ich sehe wohl, ich muß dem Jungen wieder einen Informator halten, daß er in die Schule geht, sonst wird er zu muthwillig. Bedenke nur einmal, Frau Tochter, der Limmel ist kaum neunzehn Jahr alt, und will schon eine Frau haben, und was das lächerlichste ist, bloß aus Hochachtung für mich will er eine Frau haben, damit ich das geschwinde Vergnügen haben soll, in meinem zwey und siebenzigsten Jahre zu erfahren, wie meine Urenkel aussehn. Ich glaube, Frau Tochter, der Bube ist betrunken gewesen, da er an mich geschrieben hat. Wenn habe ich ihm denn gute Worte gegeben, daß er sich verheirathen soll? Meine selige Frau hat wohl ein paarmal davon gesprochen, ich habe wohl auch ein Wort davon laufen lassen, es kann seyn; aber die Fräulein von L – – ist keine Sache für ihn, schlechterdings keine Sache. Das Mädchen ist gut genug, es ist wahr, sie ist gut erzogen, ein frommes christliches Mädchen, und sieht reinlich aus; aber sie ist für ihn viel zu jung. Was soll sie mit so einem Laffen anfangen, der selber noch eine Kinderfrau braucht? Und wenn die Fräulein ja heirathen will, so wird ihr der Oberste schon einen feinen, vernünftigen Mann aussuchen, der in seinen besten Jahren ist, und die gute junge Fräulein vollends heran ziehen kann. Ihr Vermögen ist auch, unter uns gesprochen, nicht das stärkste, und Fritze muß eine Frau mit Gelde haben, da er nichts gelernt, und kein Amt hat, folglich nichts verdienen kann; denn für einen Müßiggänger ist er noch lange nicht reich genug. Aber so machen es heut zu Tage unsre junge Herrchen. Wenn sie ein paar Dörfer voll Bauern, und sieben Haare im Kinne haben, so denken sie, sie sind reich und alt genug, Papa zu werden. Hernach setzt sich der Taugenichts auf sein Gut, und wird der vornehmste Bauer im Dorfe. Zu meiner Zeit, o! da wars ganz anders! Ich war ein mäßiger Bursche von dreizehn Jahren, als mich mein Vater seliger, der Oberstwachtmeister, mit nach Wien nahm. Da half ich Wien entsetzen, und schlug den Türken. Das gieng warm zu, Frau Tochter. Die Strapazzen, und was ich zu folgenden Jahren ausgestanden habe, hätte Fritze nimmermehr ausgestanden. Ich war schon vier und zwanzig Jahre alt, als mir mein Vater eine Frau gab. Ich will Fritzen schon auch eine geben, wenn es wird Zeit seyn; aber die Fräulein von L – – nicht. Sage es dem Limmel! Ich weis nicht, Frau Tochter, seit welcher Zeit hat denn der Bengel lernen die Nativität stellen? Woher weis er denn, daß ich bey meinen hohen Jahren nicht lange mehr leben kann? Zwey und siebenzig Jahre, und die noch nicht einmal völlig, sind bey meinem gesunden und starken Körper ja kein so schrecklich hohes Alter; und meiner seligen Großmutter Bruder hat in seinem drey und siebenzigsten Jahre noch taufen lassen. Die Zeit mag Fritzen schrecklich lang werden, daß der Großvater so ein zähes Leben hat. Mit einem Worte, Fritz ist ein Narr, sag es ihm; und damit er klug werde, so habe ich mich entschlossen, daß er drey Jahr auf Reisen gehen soll. Er kann seine Sachen darnach einrichten. Sobald ich zurück komme, soll er fort. Er soll über Wien, wo ich meine erste Campagne gethan habe, nach Italien, und sodann weiter, und damit der Junge unterwegens keinen Schaden nimmt, so will ich ihm meinen alten Kammerdiener mitgeben. Kömmt er nach drey Jahren wieder heim, und ich habe ihn ein feines austrägliches Amt gebracht; so mag er sich eine Frau nehmen, ich bins zufrieden, aber die Fräulein von L – – nicht. Er kann eine hübsche reiche Wittwe freyen. Es wird ihm auch gut thun, wenn er einen Thaler Geld mit kriegt. Die Zeiten sind schwer! Nun, wie gesagt, Frau Tochter, er kann sich reisefertig halten. So bald ich komme, muß er fort. Laß ihn den Brief lesen. Es wird so gut seyn, als wenn ich ihm selber geantwortet hätte. Lebe wohl, und antworte mir bald.

N. S. Ich habe ein paar Tage vor meiner Abreise der Fräulein von L – – gewisse Rechnungen zugeschickt. Ob sie solche wohl muß bekommen haben? Erinnere sie daran. Vielleicht antwortet sie ein paar Zeilchen. Sie darf den Brief nur unfrankirt gleich auf die Post geben. Ich möchte nur wissen, wie Fritze auf die Fräulein gefallen wäre. Der Laffe!

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