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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 121
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Gnädiger Großpapa,

Sie hatten allerdings Ursache, mir bey Ihrer Abreise meine Zerstreuung und Unruhe vorzuhalten. Ausser der Besorgniß für Ihre Gesundheit, welche mir bey einer so beschwerlichen Reise, und bey Ihren hohen Jahren in Gefahr zu kommen schien, hatte ich allerdings noch ein Anliegen, welches meinen innerlichen Kummer verrieth. Es geschah damals nicht aus Mangel eines kindlichen Vertrauens, daß ich diesen Kummer vor Ihnen verbarg. Ich bin von Ihrer väterlichen Liebe überzeugt genug, und die Art, mit welcher Sie Ihre Kinder lieben, ist mehr die Zärtlichkeit eines vertrauten Freundes, als die Ernsthaftigkeit eines bejahrten Vaters. Mein Anliegen war zu wichtig, als daß ich hätte gelassen seyn können; und bey Ihrer Abreise war ich noch ungewisser, als itzt, ob ich in meinen Absichten glücklich seyn würde. Erinnern Sie sich, Gnädiger Großpapa, wie oft Sie gewünscht, mich noch vor Ihrem Ende verheirathet zu sehn. Sie haben mir mehr als einmal vorgestellt, wie nöthig es sey, meine Güter selbst zu verwalten, und meine Jahre auf dem Lande in Ruhe zu zu bringen, ohne mich um das zweydeutige Glück des Hofs zu bemühen, oder im Kriege mein Heil zu versuchen. Sie haben den Einwurf niemals gelten lassen, daß ich noch zu jung sey, ruhig zu leben. Sie waren so gütig, mich zu versichern, daß Sie bey Ihrem Alter Sich kein größres Vergnügen vorstellen könnten, als die Familie desjenigen noch zu sehen, der der einzige Erbe Ihres Namens sey. Ich halte es für einen Theil meiner Pflicht, alles zu thun, was Ihnen ein Vergnügen machen kann. Diese Vorstellung hat bey mir alle die Zweifel überwunden, welche mir sonst so wichtig schienen. Ihr Alter, Gnädiger Großpapa, die tägliche Abnahme Ihrer Kräfte, die schreckliche Besorgniß, Sie unvermuthet zu verlieren, da Sie der Himmel uns nunmehr zwey und siebenzig Jahre erhalten hat; alles dieses ist Ursache, daß ich mir vorgenommen habe, Ihren Wunsch und mein Glück zu beschleunigen. Ich würde trostlos seyn, wenn ich mir vorwerfen könnte, eins von beyden gehindert zu haben. Nein, Gnädiger Großpapa, da ich das Zeugniß eines gehorsamen Sohnes von Ihnen so oft erhalten habe; so mag ich auch itzt nicht Gelegenheit geben, diesen Titel zu verlieren, auf den ich stolzer bin, als auf mein ganzes Vermögen, und auf meinen Adel. Ich will mich verheirathen. Ich habe mir eine Person ausgesehn, die Ihrer väterlichen Liebe würdig ist. Ihr Stand, und ihre Schönheit sind das vornehmste nicht, was mich zu diesem Entschlusse bewogen hat. Ihre Tugend ist es, ihr unvergleichlicher Charakter. O wäre ich itzt bey Ihnen, Gnädiger Großpapa, um Ihnen die Hände zu küssen; um Ihnen alles zu sagen, was ich fühle, da ich dieses schreibe; um ein Zeuge von den väterlichen Thränen zu seyn, die Sie, ich weis es gewiß, die Sie über das Glück Ihres Enkels vor Freuden fallen lassen; Ihres Enkels, der Ihre ganze Liebe hat, und an dem Sie den Segen Ihres Gebets noch bey Ihrem Leben erfüllt sehn! Ich schreibe in einer wahren Entzückung, aus Liebe zu Ihnen, meinem besten Vater, dem liebreichsten Greise in der Welt, und aus Liebe zu meinem Fräulein, meinem englischen Fräulein! Kann man sich wohl anders ausdrücken, wenn man von der Fräulein von L – – redet? Ihre Person ist Ihnen nicht unbekannt; aber sollten Sie ihre Gemüthsart, ihre vortreffliche Gemüthsart so kennen, wie ich sie seit etlichen Monaten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt: Sie würden mit gefaltenen Händen mir vom Himmel ein Glück erbeten helfen, dessen ich in der That kaum würdig bin; und das, wenn mir es der Himmel giebt, mir nur Ihrentwegen, nur als eine Belohnung Ihres redlichen Herzens, und zur Erhörung Ihres Segens, Gnädiger Großpapa, gegeben wird. Sie sehn mein ganzes Herz; aber wem wollte ich es auch lieber entdecken, als Ihnen? Ich habe an die Fräulein geschrieben, auch an ihren Onkel. Noch zur Zeit habe ich von beyden keine Antwort. Ich finde Ursachen zu hoffen, daß die Fräulein nicht abgeneigt ist. Ein Umgang von etlichen Monaten hat mich sie kennen lehren, und ich weis, daß mein Brief nicht gleichgültig aufgenommen ist. Sie wird es aber doch auf den Ausspruch ihres Onkels ankommen lassen. Nur eins befürchte ich noch. Ihr Onkel glaubt, sie sey zum Heirathen noch viel zu jung. Ich glaube es nicht, Gnädiger Großpapa, und ich hoffe, Sie werden meiner Meinung seyn. Da ich nur zwanzig Jahre alt bin, so ist ein Fräulein von sechzehn Jahren für mich wohl nicht zu jung. Wäre ich älter, so würde ich mich allerdings schämen, ihrem Onkel zu wiedersprechen. Ich bitte Sie, Gnädiger Großpapa, an den Herrn Obersten zu schreiben. Ihr Vorspruch giebt der Sache auf einmal den Ausschlag. Eilen Sie, das Glück Ihres Sohnes zu beschleunigen; ein Glück, von dem mein Leben, und meine ganze Wohlfahrt abhängt. Der Himmel lasse dafür Ihre Jahre gesegnet, und Ihr Alter seyn, wie Ihre Jugend. Dieß ist der Wunsch Ihres Enkels, welcher Ihnen mit kindlicher Hochachtung die Hände küßt.

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