Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 118
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Gnädige Tante,

Sie halten es also wirklich für möglich, daß ich wegen meines Schicksals vier Tage in Ungewißheit und doch ruhig bleiben könne? Zweymal habe ich vergebens um die Erlaubniß angesucht, Ihnen aufzuwarten, und da ich mir endlich diese Erlaubniß selbst gegeben, so schienen Sie, Gnädige Tante, über meine Dreistigkeit auf eine ganz ungewöhnliche Art so misvergnügt, daß mich Ihre ernsthaften Vorwürfe noch unruhiger machten, als ich vorher war. Ich verlange ja nichts mehr zu wissen, als dieses, ob ich glücklich, oder unglücklich seyn soll. Ich glaube, diese Frage ist natürlicher Weise für mich so wichtig, das ich solche thun kann, ohne der Hochachtung zu nahe zu treten, die ich Ihnen schuldig bin, und ohne die Pflichten zu beleidigen, die mein Großvater von mir fodern kann. Wie sehr verbittern Sie mir eine Pflicht, die ich von meiner ersten Kindheit an mit Vergnügen beobachtet habe, und die mir itzt zum ersten male unerträglich wird, da man sie zu hoch treibt! Ich glaube, Gnädige Tante, mein Großvater und ich sind in diesem Falle als zwo fremde Personen anzusehn, wovon eine jede das Recht haben muß, ihre Absichten zu verfolgen, so gut es möglich ist. Und ich glaube, mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, daß ich noch mehr Recht dazu habe, als er. Meine Absichten auf das Fräulein sind gewiß älter, als die seinigen; und hat er derselben seine Liebe eher und deutlicher entdeckt als ich: so hat er etwas gethan wovon ihn seine Jahre hätten abhalten sollen, und woran mich meine Blödigkeit, und eine unzeitige Bescheidenheit gehindert hat. Es mag bloß auf den Ausspruch der Fräulein ankommen, ich bin es ja zufrieden; nur das ist zu hart, daß man mich hindern will, der Fräulein meine Liebe eben so deutlich zu entdecken, als es mein alter Großvater gethan hat. Was will sie für einen Ausspruch thun können, wenn sie davon nichts weis? Mein Großvater hält seine Absichten vor mir am geheimsten; vielleicht mögen sie alle wissen, nur ich noch nicht. Dieses Mistrauen will ich mir zu Nutzen machen. Ich kann also dem Großvater sagen, daß ich das Fräulein liebe, weil es mir ganz unbekannt ist, daß er sie liebt; und dem Fräulein kann ich meine Hand anbieten, da ich nicht weis, daß es mein Vater gethan hat. Halten Sie etwan, Gnädige Tante, diesen Einfall für zu verwägen? Vielleicht. Aber es ist nun zu spät, mir solchen auszureden. Ich habe schon an den Großvater, an das Fräulein, und an den Obersten von – – deswegen geschrieben. Hier haben Sie eine Abschrift von den Briefen. Entschuldigen Sie, Gnädige Tante, eine Uebereilung, wenn es eine ist, die nunmehr nicht geändert werden kann. Vielleicht wäre ich vorsichtiger und gelaßner gewesen, wenn man sich gegen mich etwas weniger geheimnißvoll bezeigt hätte. Die Umstände, in die man mich gestürzt hat, verdienen Mitleiden. Entziehn Sie mir solches nicht, Gnädige Tante. Ich würde ganz ohne Trost seyn, wenn Sie mich nur einen Augenblick an Ihrem unveränderten Wohlwollen zweifeln liessen. Das können Sie nicht thun; Sie sind zu gütig dazu, ich weis es, und werden dafür niemals aufhören zu seyn u. s. w.

 << Kapitel 117  Kapitel 119 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.