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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 115
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Was ich thun würde, mein gutes Fräulein? Das weis ich in der That selbst nicht. Sie sind ein allerliebstes Mädchen. Ich glaube nicht, daß ausser Ihnen noch ein Frauenzimmer in der Welt seyn kann, welches dem wunderbaren Einfalle meines redlichen Vaters einen so freundschaftlichen Anstrich geben würde. Aber gestehen Sie es nur, gestehen Sie es wenigstens aus Freundschaft zu mir, daß man auch mitten unter den Schwachheiten meines alten Vaters den vernünftigen, den rechtschaffnen Mann erblickt. Es würde seiner Einsicht wenig zur Ehre gereichen, wenn er gegen Ihre Person, und gegen Ihren tugendhaften Charakter weniger Hochachtung bezeigt hätte. Er ist von Ihren Verdiensten so überzeugt, daß er sich und seine Jahre vergißt, um Ihnen seine Hand anzubieten. Der rechtschaffne Alte! Was ihn vor den Augen der Welt lächerlich machen könnte, das macht ihn vor meinen Augen immer ehrwürdiger. Wäre mein Vater dreyßig Jahre jünger, so würde ich, aus Liebe zu ihm, und aus Freundschaft gegen Sie, mir alle Mühe geben, Sie zu bereden, daß Sie ihn in seinen Wünschen glücklich machten. Da dieses nicht ist, so kann ich in der That nichts dazu sagen, ohne Ihren zärtlichen Geschmack zu beleidigen, und auf der andern Seite meinen Vater an einer Hoffnung zu hindern, auf der sein ganzes Glück zu beruhen scheint. Sie haben Recht, Fräulein, völlig Recht, daß zu einer vergnügten Ehe noch etwas mehr gehört, als die Wahl einer vernünftigen Person. Allerdings muß eine nähere Gleichheit in Jahren dabey seyn. Die Urtheile der Welt lassen Sie sich an nichts hindern. Die Welt urtheilt allemal anders, als wir handeln; und Sie mögen sich entschliessen, wozu Sie wollen, so werden Sie allemal getadelt werden. Folgen Sie Ihrer Neigung, so werden Sie die glücklichste Wahl treffen. Fragen Sie Ihren Onkel, den Obersten. Er ist mit meinem Vater so vertraut, und im übrigen so vernünftig, daß er in dieser Sache am besten rathen kann. Meinem Vetter will ich nichts sagen; aber das bitten Sie ihm ja ab, daß Sie glauben, der Eigennutz werde ihn bey dieser Sache unruhig machen. Er hat seine Fehler, Fräulein, sehr grosse Fehler; aber eigennützig ist er nicht. Wenn ich ihn recht kenne, so glaube ich, er würde Ihnen von unserm und seinem Vermögen noch weit mehr wünschen, als Sie durch einen Ehecontrakt von seinem Großvater erlangen können. Verlassen Sie sich darauf, ich will ihm nichts von allem sagen. Wie gefällig sind Sie, liebes Fräulein, daß Sie dem guten Menschen so viel Unruhe ersparen wollen. Das verdient eine besondre Erkenntlichkeit. Aber ich will ihm nichts sagen, auf mein Wort. Der arme Vetter, wie unruhig würde er sonst seyn! Darf ich wissen, was Ihnen Ihr Onkel antwortet; so melden Sie mir es, so bald es seyn kann. Ich liebe Sie mit der vollkommensten Zärtlichkeit einer aufrichtigen Schwester; und ich glaube, daß ich Sie nicht zärtlicher lieben könnte, wenn Sie auch meine Mama wären. Denn vermuthlich war dieses das fürchterliche Wort, welches Sie in Ihrem Briefe meinten, und doch das Herz nicht hatten, es auszusprechen. Leben Sie wohl. Mein Vater hat sich entschlossen, seine Reise zu beschleunigen. Er will schon morgen ins Carlsbad gehen, um desto eher gesund und jung wieder zurück zu kommen. Können Sie es denn gar nicht übers Herz bringen, den guten Alten ein wenig zu lieben? Ueberlegen Sie es.

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