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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 113
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Vetter,

Habt Ihr denn Euern Brief an das Fräulein wieder durchgelesen, ehe Ihr ihn zugesiegelt? Gewiß, Vetter, so verwirrt schreibt man nur im hitzigen Fieber. Bald fange ich an, Euch im Ernste zu bedauern. War das der gleichgültige Brief, den Ihr an das Fräulein schreiben wolltet? Ich glaube, eine förmliche Liebeserklärung hätte nicht wunderbarer seyn können; wenigstens ist dieses gewiß, daß wohl noch niemals eine Vormundschaftsrechnung mit einer so zärtlichen Verwirrung übergeben worden ist. Der Großvater hat sich schlecht vorgesehn, daß er Euch zum Postillion angenommen; und Ihr hättet entweder dieses Geschäffte gar verbitten, oder gegen den Großvater billiger seyn sollen. Zu Eurer Bestrafung möchte ich Euch beynahe nicht sagen, was Euer Brief für eine Wirkung gethan hat. Das Fräulein erbrach ihn in meiner Gegenwart. Es war schon spät, da er ankam; denn eine Vormundschaftsrechnung zu übersenden, und seine Meinung so deutlich vorzutragen, wie Ihr gethan habt, dazu gehört freylich Ueberlegung und Zeit. und es war immer noch viel, daß Ihr Abends um neun Uhr fertig werden können. So bald sie Eure Unterschrift sahe, stutzte sie. Ein Brief von Ihrem Vetter, Madame, sagte sie, und ward roth. Merkt wohl auf diesen Umstand, Vetter, Ihr könnt ihn so wohl zu Eurer Beruhigung, als zu Eurer Demüthigung auslegen, wie Ihr wollt. Sie las Euern Brief einmal, sie las ihn zweymal durch, sie schüttelte mit dem Kopfe. Vormundschaftsrechnungen? sagte sie, von dem Herrn Großvater? durch Ihren Vetter? Einen Brief, wie diesen? Davon verstehe ich nicht ein Wort, Madame, und gab mir den Brief in die Hände. Sie schien bestürzt; aber doch schien sie nicht unwillig zu seyn. Sie lächelte, als sie mir den Brief gab. Ein Frauenzimmer, das bey einem Briefe von einem jungen Herrn lächelt, ist so gar erbittert nicht! Merkt Euch dieß, Vetter. Mit Euerm Briefe war ich geschwind fertig. Ich gab auf ihre Augen acht, und wartete, was sie für Mienen bey dem Briefe von unserm Vater machen würde. Sie erblaßte. Der Brief zitterte in ihrer Hand, sie stund auf, trat ans Fenster, und steckte den Brief ein, ohne ein Wort zu sagen. Ich ließ ihr ein wenig Zeit, sich zu erholen. Wie stehts, Fräulein, sagte ich endlich, sind die Nachrichten von den Vormundschaftssachen so verdrüßlich? Wie kommen Sie mir vor? Alles, was sie mir antwortete, war dieses, daß sie zu mir kam, mir die Hand drückte, und Thränen in den Augen hatte. Morgen sollen Sie alles erfahren, Madame; ich bin ganz ausser mir; ich brauche Ihre Freundschaft itzt mehr, als jemals. Ich schreibe Ihnen morgen; heute kann ich nicht ein Wort sagen. Bleiben Sie meine Freundinn, verlassen Sie mich nicht. Sie war so bewegt, daß es mir selbst nahe gieng. Ich eilte von ihr, um sie in der Freyheit zu lassen. Nun erwarte ich einen Brief von ihr. Lebt wohl, Vetter, und seyd vorsichtiger, als gestern.

N. S. Diesen Augenblick erhalte ich den Brief von dem Fräulein. Der gute Alte! Bey allen seinen Fehlern bleibt er doch ein rechtschaffner Vater. Vetter, seyd klug! Die Sache wird ernsthaft.

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