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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 11
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Ein Schreiben

von vernünftiger Erlernung

der

Sprachen und Wissenschaften

auf niedern Schulen.S. Bel. des Verst. und Witzes, Maymonat 1742.

 

 

Mein Herr,

Man hat mir gesagt, Sie wären seit etlichen Monaten mit einer Sammlung verschiedner deutscher Schriften beschäfftigt. Bey dieser Gelegenheit bekommen Sie vermuthlich viele Briefe von gelehrten Männern zu lesen. Ich zweifle aber doch nicht, Sie werden Sich auf mein Bitten die kleine Gewalt anthun, und einen Brief eines jungen Menschen ansehen, welcher nur vor wenig Wochen die niedern Schulen verlassen hat, und im Begriffe steht, auf eine hohe Schule zu ziehen, um gewöhnlicher maßen längstens binnen drey Jahren zu absolvieren. Daß ich mir diese Freyheit nehme, dazu veranlaßt mich ein Umstand, von dessen Wichtigkeit ich Sie bald überführen will.

Ich habe mich sechs Jahre lang in einer Schule aufgehalten, welche vor andern Schulen einen Vorzug, und gleich den billigen Ruhm hat, daß viele große und gelehrte Männer den Grund ihres Glücks darinnen gelegt haben. So bald ich die ersten Jahre überstanden, und mich geschickt gemacht hatte, die Sache mit einer reifern Ueberlegung einzusehen; so ließ ich bey einem unermüdeten Eifer diejenigen Wissenschaften mein Hauptwerk seyn, zu denen ich den größten Trieb empfand, und welche ich für die edelsten unter allen hielt. Ich traue Ihnen die Einsicht zu, daß Sie von selbst errathen können, worinnen also meine vornehmste Bemühung bestanden habe.

Es ward uns Gelegenheit gegeben, die ältere und neuere Geschichte zu erlernen. Man lehrte uns die Geographie, und andre davon abhangende Wissenschaften. Man bemühte sich, uns einen kleinen Vorschmack von den Rechten eines jeden Reichs, und hauptsächlich unsers Vaterlandes beyzubringen. Es wurden auf Kosten der Obern Leute gehalten, welche die Jugend in der französischen und italiänischen Sprache unterrichten sollten. Ja, welches beynahe unglaublich ist, so gar in der deutschen Sprache gab man uns Anleitung. Die mathematischen Wissenschaften wurden getrieben, soviel es auf Schulen möglich ist. Von der Malerey, Musik, und Tanzkunst will ich nicht einmal etwas erwähnen, so wenig als von der Anweisung, wie man die Buchstaben leserlich und schön schreiben soll.

Was meinen Sie davon, mein Herr? Ich weis, Sie lassen mir die Gerechtigkeit wiederfahren, und trauen mir zu, daß ich die kostbare Zeit mit dergleichen Sachen nicht verderbt habe. Es wäre dieses ein Fehler gewesen, welchen man kaum mit dem gelinden Namen einer Jugendsünde hätte entschuldigen können; und ich glaube, meine Enkel würden sich dereinst schämen müssen, wenn man ihnen dergleichen gelehrte Schwachheiten ihres Großvaters vorwürfe.

Meine Bemühungen waren weit rühmlicher. Lateinisch, Griechisch, Ebräisch, die Redekunst, und die Logik, dieses sind die Wissenschaften, worauf ich mich mit einem unersättlichen Fleiße, und mit Ausschließung aller andern gelegt habe.

Ist es nicht kläglich, daß man die Jugend zu Erlernung der Geschichte, und besonders unsrer gegenwärtigen Zeiten anhält? Dieses vermehret ihre leichtsinnige Neugierigkeit, zu der sie ohne dem mehr als zu geneigt ist. Aus dieser Ursache habe ich mich jederzeit davor gehütet, und ich kan mir ohne eiteln Ruhm nachsagen, daß mir dasjenige, was nach dem Raube der Helena in Griechenland vorgegangen, weit bekannter ist, als die Unruhe, worein Deutschland durch den Tod des Kaisers gestürzt seyn soll. Wozu die Geographie, und die zugehörigen Wissenschaften nützen, das kann ich nicht einsehen. Ich habe den Weg von der Schule nach meiner Heimat gewußt, ich will ihn auch wohl ohne Geographie nach Leipzig finden. Ich weis die Namens- und Geburtstage meiner gnädigen Herrschaft; ich weis, daß unser Herr Pfarrer einen Todtenkopf mit einem Kreuze in seinem Petschafte hat; dieses hilft mir mehr, als wenn ich das ganze Geschlecht, und alle Wappen des Kaisers von Fez und Marocco auswendig könnte. Daß ich die Rechte der Reiche und meines Vaterlandes lernen soll, solches scheint mir ein verwägnes Unternehmen zu seyn. Es sind Geheimnisse, welche man nicht erforschen, sondern den Regenten überlassen muß; zu geschweigen, daß man vielmals an den Höfen selbst nicht weis, was Rechtens ist; wie will man es in den Schulen wissen? Die flatterhafte Eitelkeit der Franzosen, und die Gemüthseigenschaften der Italiäner haben mir jederzeit einen Abscheu vor ihren Sprachen gemacht. Deutsch zu lernen, klingt gar lächerlich. Unser Thorwärter in der Schule konnte gutes Deutsch reden, ungeachtet er niemals in die Lehrstunden kam, und meine Mutter verstund mich allemal, wenn ich um Geld schrieb. Ich habe zwar gegenwärtigen Brief von einem meiner guten Freunde durchsehen, und die Schreibart ändern lassen; dieses geschieht aber mehr aus einer Gefälligkeit, als innerlichen Ueberzeugung, daß es nöthig sey. Daß die mathematischen Wissenschaften auf Schulen getrieben werden, das lasse ich eher gelten. Es kommen doch immer griechische Wörter darinnen vor. Die Malerey, Musik, und das Tanzen schicken sich am besten für Frauenzimmer, und die Kunst, leserlich und schön zu schreiben, für den Pöbel. Denn gelehrte Leute müssen schlecht schreiben; dieses ist ein altes Herkommen.

Sagen Sie mir aufrichtig, mein Herr, wie gefällt Ihnen dieser Beweis? Nicht wahr? vortrefflich! Sollten Sie wohl in einem jungen Menschen so viel Verstand, und einen so guten Geschmack suchen?

Die lateinische Sprache kam mir so einnehmend und reizend vor, daß ich mich schäme, ein gebohrner Deutscher zu seyn. In der griechischen Sprache fand ich etwas, von dem ich viel zu wenig sage, wenn ich spreche, daß es reizend und entzückend war. Ich habe mich vielmals gewundert, warum man sie nicht bey Hofe einführt, und ich bin gewiß versichert, ein Frauenzimmer würde bey einer griechischen Liebeserklärung nimmermehr unempfindlich bleiben können. Daß ich ebräisch ohne Punkte verstehe, das ist das wenigste, dessen ich mich rühmen kann. Die Redekunst hatte mich recht bezaubert. Die Regeln und Muster, die ich mir erwählte, waren zwar nach dem neusten, jedoch nach meinem Geschmacke. Besonders in den Figuren war ich sehr stark. Ich wußte alle ihre Vor- und Zunamen, und meine Reden, die ich hielt, bestunden in nichts, als Fragen und Ausrufungen. Die Erlernung der Logik war meine ernsthafteste Beschäfftigung. Zwar die gemeine Art zu denken hat mir niemals gefallen wollen. Sie ist gar zu deutlich, und die Kunstwörter sind zu sehr gespart. Wenn ich jemanden, als ein Gelehrter, überzeugen will; so muß meine Ueberzeugung kunstmäßig seyn, und ich mag denken, was ich will, so denke ich in forma. Meiner Abschiedsrede kann ich mich ohne einige Selbstliebe nicht erinnern. Ich handelte von den Rauchfängen der alten Griechen, und insonderheit der Lacedämonier. In welcher Sprache ich dieselbe eigentlich gehalten habe; solches kann ich Ihnen nicht sagen. Wenn ich Ihre Ohren nicht beleidigte, so würde ich sie Ebraico-Latino-Graecam nennen. Dieses letzte Meisterstück meiner Fähigkeit mochte sie Ursache seyn, daß man mir ein vortreffliches Schulzeugniß gab. Ich werde es mit nach Leipzig bringen, und also die Ehre haben, Ihnen Brief und Siegel über meine Geschicklichkeit zu zeigen.

Bis hieher klingen meine Erzählungen ganz vergnügt. Sie werden den wichtigsten Umstand noch nicht einsehen können, welcher mich bewogen hat, an Sie zu schreiben. Sie sollen ihn gleich erfahren.

Von der Schule gieng ich nach Hause zu meinem Vater, welcher im Gebirge ein adeliches Rittergut gepachtet hatte. Meine Absichten erfoderten, daß ich unserm gnädigen Herrn sogleich meine Aufwartung machte. Er erkundigte sich nach der Einrichtung der Schule und besonders meines bisherigen Studirens. Ich erzählte ihm alles, was ich itzt geschrieben habe, und ich glaube, ich erzählte ihm noch mehr. Seine Aufmerksamkeit machte mich beredt, und ich versprach mir schon im voraus die Anwartschaft auf eine Pfarre. Allein, wie sehr betrog ich mich in meiner Hoffnung! Urtheilen Sie selbst von meiner Bestürzung, die ich empfand, als mir derselbe mit einem ernsthaften Gesichte ungefähr also antwortete: »Gewiß, mein Freund, ich bedaure ihn, sein Vater hat das Geld verloren, und er die Zeit verderbt. Er hat studirt, und ist keinem Menschen zu etwas nütze. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn er sich auf diejenigen Wissenschaften etwas mehr gelegt hätte, von denen er geglaubt, daß sie so verächtlich und überflüßig sind? Muß er sich nicht schämen, daß er in Griechenland zu Hause, und in Sachsen ein Fremdling ist? Daß er die Gesetze seines Solons versteht, und nicht die geringste Kenntniß von den Rechten seines Vaterlandes hat? Hätte er sich nicht die Sprachen der Ausländer wenigstens nur in etwas bekannt machen sollen; wenn er sie auch allenfalls nicht besser gelernt hätte, als die deutsche? Wie viel brauchen wir lateinische und griechische Sprachmeister? Ich tadle deswegen nicht an ihm, daß er lateinisch und griechisch gelernt hat. Dieses muß seyn, und ein Gelehrter der es nicht kann, kömmt mir eben so abgeschmackt vor, als er, da er seine Muttersprache nicht besser versteht. Was glaubt er wohl, daß ich mit meinem Schneider anfangen sollte, wenn er nichts arbeiten könnte, als solche Kleider, wie sie Seneca und Socrates getragen haben? Würde der Kerl nicht Hungers sterben müssen, wenn er sonst nichts gelernt hätte? Mit seiner Redekunst lockt er keinen Hund aus dem Ofen, geschweige, daß er die Gemüther der Zuhörer rühren sollte, und seine ganze Logik besteht aus Worten ohne Gedanken. Hat ihm denn niemand auf der Schule gesagt, wie unentbehrlich es heutiges Tages sey, daß man die sogenannten gelehrten Sprachen und Künste mit den neuern Wissenschaften verknüpfe?« Ich konnte dieses nicht läugnen. Ich gestund, daß einige meiner Lehrer mich deswegen vielmals getadelt, und mir meine Bemühungen, als unnütze, vorgeworfen hätten. Ich sagte aber auch, daß andre meinen Eifer aufgemuntert, und mir mit großer Zuversicht prophezeihet hätten, ich würde dereinst die Zierde ihrer Schule, eine Brustwehr wider die einreißende Barbarey und eine Stütze des Vaterlandes seyn. Er schüttelte den Kopf, und ließ mich mit vielen derben Vermahnungen von sich gehen.

Wie meinen Sie wohl, mein Herr, daß mir damals zu Muthe gewesen ist? Wahrhaftig, so sehr hat sich wohl Plato kaum geschämt, als ihn Diogenes durch einen nackichten Hahn, wegen seiner irrigen Meinung, lächerlich machen wollte. Ich gieng ganz bestürzt nach Hause.

Allein, das war noch nicht genug. Dieser Tag schien recht zu meiner Demüthigung ausersehen zu seyn. Ich fand unsern Hofmeister, welcher seinen Sohn mit vielem Eifer ausgescholten hatte. Ich hörte nur noch so viel, daß er zu ihm sagte: Du bist mir ein braver Kerl! Du schickst dich zu allem, wie der Esel zum Lautenschlagen. Ein Narr bleibt ein Narr, und wenn man ihn im Mörsel zerstieße. Du kannst nichts, du hast nichts gelernt, du willst nichts lernen, was soll denn endlich aus dir werden? Halte dein Maul, oder – –! Fort! Packe dich! Geh mir aus den Augen!« Ich erstaunte, als ich dieses hörte. Wie? dachte ich. Unser Hofmeister, ein Bauer, ein Mann, der weder lesen noch schreiben kann; der versteht die Redekunst! Sarkasmus, Diasyrmus, Ploki, Anaphora, Ellipsis, Asyndeton, sind dieses nicht alle die Figuren, die ich itzt von ihm gehört habe? Und der Kerl hat nicht studirt! Wie geht das Ding zu? Ich redete ihn an. Ich fragte ihn, warum er sich so ereifert hätte? Was! sprach er, das ist mein Junge, und ich soll mich nicht ärgern, daß sich der Schlingel auf die faule Seite legt? Neue Wunder! Unser Hofmeister versteht auch die Logik. Ist dieses nicht der bündigste Schluß in Darii? War es nicht eben so viel, als wenn er gesagt hätte: Wer einen ungerathnen Sohn hat, welcher sich auf die faule Seite legt, der muß sich ärgern; Atqui, ich habe einen solchen ungerathnen Sohn, Ergo muß ich mich ärgern.

Ich muß es Ihnen gestehen, mein Herr, ich war damals ganz außer mir. Die empfindlichen Reden unsers gnädigen Herrn machten mich nur unruhig, dieser Hofmeister aber ganz und gar kleinmüthig. Gehört zu einem Gelehrten heutiges Tages mehr, als Lateinisch, Griechisch, und Ebräisch; kann auch der einfältigste Bauer in Figuren und Schlüssen reden, ohne daß er weis, wie sie auf griechisch heißen, oder in welcher Forme sie sind: Wozu nützt denn mir mein Fleiß? Warum habe ich mir so viele schlaflose Nächte gemacht? Sollte es wohl in der That vernünftiger seyn, wenn man auf Schulen sich die Sprachen der Gelehrten zwar gründlich bekannt macht, zugleich aber auch in den neuern Sprachen, und wie man sie nennt, in den galanten Wissenschaften sich übt? Sollte es wohl lächerlich seyn, wenn man sich einbildet, die Erlernung einiger Kunstwörter machte uns zu Rednern und Philosophen?

Nein, ich kann mich dieses nicht bereden. Ich gehe von der einmal gefaßten Meinung nicht ab. Das sey fern von mir. Und ich werde Ihnen, mein Herr, ungemein verbunden seyn, wenn Sie mich zu meiner Beruhigung in diesem Urtheile bestärken wollen. Ich werde dafür ohne alle Figur in der besten Forme verharren,

Dero
ergebester Diener,
Irenäus Mastigophorus,
sonst
Friedrich Geißelmann genannt.
       

P.S. Ich habe bey müßigen Stunden des Hieronymus Comitem siue Lectionarium denen zum Besten in griechische Verse übersetzt, welche der lateinischen Sprache nicht mächtig sind. Weil ich nun glaube, daß es eine besondre Belustigung des Witzes abgeben kann; so übersende ich Ihnen diese Uebersetzung zu beliebigen Gebrauche.

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