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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 107
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Die grosse Hälfte des menschlichen Geschlechts liebt gemeiniglich in jungen Jahren von ganzem Herzen und närrisch, in reifen Jahren eigennützig, und im Alter lächerlich. Es gehört keine grosse Philosophie dazu, diese Wahrheit einzusehn. Man darf nur ein wenig auf die Handlungen der Menschen, und wenn man recht gründlich davon überzeugt seyn will, vornemlich auf sich selbst Achtung geben. Eine kleine Untersuchung seiner eignen Neigungen wird machen, daß man von den Fehlern andrer gelinder urtheilt. Ich will hier meinen Lesern einige Briefe vorlegen, in denen der Charakter eines zärtlichen Greises der wilden und unruhigen Liebe eines jungen Menschen entgegen gesetzt ist. An beyden sieht man den Grund eines ehrlichen Herzens, und einer edlen Denkungsart. Bey allem dem Lächerlichen, das sie durch ihre Leidenschaften verrathen, verdienen sie einige Nachsicht. Ich wünsche, daß meine alten Leser eben so anständig fehlen mögen, wenn sie ja die Liebe einmal überraschen sollte. Meine jungen Leser können sich die Hochachtung der Welt gewiß versprechen, wenn sie das Herz haben, von ihren flüchtigen Ausschweifungen so geschwind, wie mein Original, zu ihrer Schuldigkeit zurück zu kehren. Lächerliche Exempel erbauen nicht allemal so sehr, als tugendhafte. Dieses hat mich veranlaßt, eine Mischung des Lächerlichen und Tugendhaften zu machen. Vielleicht ist meine gute Absicht nicht ganz vergebens. Ich werde mich erfreuen, wenn ich erfahre, daß ein Alter aufgehört hat, lächerlich zu seyn; und daß ein Jüngling sich gehütet hat, es zu werden. Die Person der Tochter des verliebten Greises war zu diesem Auftritte nöthig. Ich brauchte sie, die wilde Hitze eines jungen Menschen zu dämpfen, und ihn in der Hochachtung zu erhalten, die er seinem alten Vater, so lächerlich auch dieser liebte, dennoch schuldig blieb. Dieses konnte niemand thun, als ein Frauenzimmer, deren Jahre und Tugend ihn zur Ehrfurcht zwangen. Ich habe mir Mühe gegeben, den Charakter der Fräulein, welche von Großvater und Enkel zugleich geliebt werden, so edel und vorzüglich zu bilden, als es nur hat möglich seyn wollen. Ihre Schönheit und Tugend entschuldigen das Lächerliche eines alten Liebhabers, und das Thörichte eines zärtlichen Jünglings. Was ich hier gesagt habe, kann als ein kurzer Vorbericht meines kleinen Romans angesehn werden. Ich will meine Leser nicht länger aufhalten.

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