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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 105
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Antwort des Autors,

an die

Mademoiselle F – – –

Mademoiselle,

Die Ehre ist ganz unerwartet, welche Sie mir zugedacht haben. Es kann in der That nichts schmeichelhafter für mich seyn, als daß ein so versuchtes Frauenzimmer, welches alle Schulen durchgeliebt hat, und mit ihrem zärtlichen Herzen zwanzig Jahre hausiren gegangen ist, sich endlich auf mich besinnt, und ihren verliebten Brandbrief bey mir einwirft. Bey allen meinen Fehlern, die Sie mit so vieler Einsicht an mir wahrgenommen haben, bin ich doch nicht undankbar. Kann ich ihre Liebe nicht so fort auf die Art erwiedern, wie sie es verlangen; so will ich doch auf eine andre Art gewiß erkenntlich seyn. Und vielleicht entschliesse ich mich dennoch, der Ihrige zu werden, wenn ich ja einmal mit einer Frau betrogen werden muß, wie Sie gar gründlich angemerkt haben; so ist es in der That am besten, daß es durch Ihre gütige Besorgung geschieht. Ein Unglück, das man voraus weis, ist nur halb so empfindlich, als ein unerwartetes Unglück. Noch zur Zeit bin ich freylich nicht aufs äusserste gebracht; aber vielleicht bin ich dem traurigen Augenblicke nahe, wo ich mich aus Verzweiflung entschliesse, Ihre Hand anzunehmen. Lassen Sie mir Zeit, Mademoiselle, mich recht zu besinnen. Ich will es mit dem Publico überlegen. Die Sache ist für mich von Folgen, und wichtig genug.

Sollten Umstände kommen, welche mir anriethen, Ihre Liebe zu verbitten; so habe ich mich noch auf ein andres Mittel besonnen, Sie aus Ihrer Jungfernoth zu reissen, und Ihnen ein Glück zu schaffen, das Ihnen fehlt. Was meinen Sie, Mademoiselle? Ich will Sie ausspielen! Ja, ja, im ganzen Ernste, ausspielen will ich Sie, und zwar auf die vortheilhafteste Art von der Welt. Haben Sie nur Geduld, meinem Plane anzuhören.

Ein jeder bürgerlichen Standes, der seit zehn Jahren in hiesigen Landen muthwillig bankrut gemacht hat, und ein jeder, der binnen den nächsten zehn Jahren auf diese legale Art andre um ihr Vermögen bringen will, soll gezwungen seyn, um Sie zu würfeln. Der Einsatz ist der zehnte Theil von demjenigen, was er von seinen Gläubigern gewonnen hat, oder zu gewinnen gedenkt. Die Einlage geschieht binnen dato, und dem letzten des Wintermonats künftigen Jahres. Mit dem ersten des Christmonats werden die Bücher geschlossen, und den letzten desselben, als am Tage Sylvester, wird auf öffentlichem Markte, im Beyseyn eines alten Notarien, und sieben alten Zeugen, allerseits Junggesellen, gewürfelt. Ich habe einen freyen Wurf. Mich deucht, es ist billig. Wer die meisten Augen wirft, hat die Ehre, Ihr Bräutigam zu seyn. Hat er schon eine Frau, so behalten Sie die erste Hypothek auf sein Herz; und er ist schuldig, Ihnen die gesammte Einlage, als die Sie zur Mitgabe bekommen, mit sechs pro Cent so lange zu verintereßiren, bis entweder seine Frau stirbt, oder er Gelegenheit gefunden hat, Sie vom neuem auszuspielen. In diesem Falle bleibt Ihnen die erste Einlage; die neue, die nur halb so stark seyn soll, als die erste, wird zum Capital geschlagen, und derjenige, der Sie ausspielt, bekommt drey Quart Provision, behält aber keinen freyen Wurf. So geht es immer fort, bis Sie an einen Mann kommen, der keine Frau hat, und dieser ist schuldig, Sie zu heirathen.

Erlauben Sie, Mademoiselle, daß ich Ihnen die Billigkeit meines Plans ein wenig deutlicher zeige.

Vielleicht sind Sie unzufrieden, daß ich die Interessenten nur auf den bürgerlichen Stand einschränke? Dieses kann gar wohl möglich seyn, wenn Sie Ihre alte Neigung zum Adel noch nicht verlohren haben sollten. Aber lassen Sie sich es immer gefallen. Es ist billig. Wollte ich die von Adel mit dazu ziehen, so würde der Zulauf zu groß seyn. Viele von guten Häusern würden sich an ihrer Ehre Schaden thun; denn es ist ein größrer Vorwurf, ein Bürgermädchen zu heirathen, als einen Muthwilligen Bankrut zu machen. Ich kenne ein Fräulein, daß mit Ihnen einerley Charakter, und einerley Schicksal hat. Für dieses hebe ich die von Adel auf; und wenn es mit Ihrem Projecte gut abläuft, wie ich hoffe, so will ich dieses Fräulein künftige Ostermesse über ein Jahr auf eben diese Art in Auerbachshofe, unter der Garantie des Herrn von – – ausspielen. Das bin ich allenfalls zufrieden: Sollten Sie nämlich einem verheiratheten Manne zufallen, und es will Sie einer von Adel, gegen einen billigen Rabatt, an sich kaufen, so soll es ihm frey stehn; nur soll er nicht gezwungen seyn. Beruhigen Sie sich! Es wird gewiß nicht an Liebhabern fehlen, die es für vorträglicher halten, durch bürgerliches Geld sich vor der Unbescheidenheit ihrer Gläubiger, und vor dem Hunger zu schützen, als unter dem stolzen Glanze der sechzehn Ahnen kümmerlich zu darben. Das wäre also eins!

Fürs zweyte: Daß ich nur von denen rede, die muthwillig bankrut machen, das ist billig. Es giebt Fälle, die den redlichsten Mann unglücklich machen können. Sollte dieser noch unglücklicher werden, und gezwungen seyn, Sie, Mademoiselle, zu heirathen? Das wäre grausam! gewiß gar zu grausam! Ein ehrlicher Mann, der bankrut machet, gewinnt nichts dabey. Wovon soll er also die Einlage thun? Ueberhaupt verlieren Sie wenig dadurch. Die Exempel sind auch so gar häufig nicht.

Warum ich, drittens, zehn Jahre gesetzt habe, das hat diese Ursache: Wer einmal einen vernünftigen Bankrut mit Vortheil gemacht hat, dem wird diese Nahrung gewiß so gut gefallen, daß er ihn wenigstens alle zehn Jahre wiederholt. Kann er es binnen zehn Jahren nicht so weit bringen; so ist er entweder zu ungeschickt, oder er hat weder Geld noch Credit mehr, oder er ist so abergläubisch gewesen, wieder ehrlich zu werden. Bey allen diesen Leuten ist nichts zu verdienen. Es ist,

Viertens, ein vortrefflicher Einfall von mir, daß ich diejenigen mit dazu ziehe, die sich Mühe geben, in den nächsten zehn Jahren muthwillig bankrut zu werden. Ueberlegen Sie es einmal selbst. Alle Jahre steigt die Anzahl dieser Glücklichen. Wenn Sie, Mademoiselle, die Progreßionsrechnungen verstünden; so wollte ich Ihnen darthun, daß binnen zehn Jahren fast zwey Drittheile unsrer vorsichtigen Mitbürger das Vergnügen haben werden, das übrige Drittheil um das Seinige zu bringen. Sehn Sie einmal unsre Kaufleute, aber die Kaufleute nicht allein, sehn Sie auch andre Stände an! Wie bearbeiten sich die meisten von ihnen, ihren ehrlichen Namen mit sechzig bis siebenzig pro Cent Gewinnst zu verlieren! Geben Sie auf unsre handelnde Jugend, auf die Söhne dererjenigen alten Kaufleute Achtung, welche altvätrisch genug waren, ehrlich zu sterben. Bey den itzigen schweren nahrlosen Zeiten, bey den hohen Abgaben, über die man sich beklagt, bey dem kläglichen Verfalle der Handlung, wissen diese jungen Herren die vornehme Kunst, mit der besten Art von der Welt, in einem Jahre unnöthiger Weise mehr zu verschwenden, als ihre wirthschaftlichen Väter bey den glückseligsten Zeiten in fünf Jahren zur bequemen Unterhaltung für sich, und die Ihrigen, brauchten. Sollten diese Herren, diese Hoffnung des Vaterlandes, nicht im Stande seyn, in zehn Jahren alles dasjenige zu verthun, was ihre Väter in funfzig Jahren gesammlet haben? Rechnen Sie einmal selber nach, wie glücklich Sie seyn werden, wenn alle diese Herren, größtentheils recht artige Herren, um Sie würfeln, und Ihnen den zehnten Theil ihrer Beute geben müssen. Aber dieser Entwurf ist von mir nicht Ihrentwegen allein, Mademoiselle, nein, er ist selbst dieser bankruten Nachwelt zum Besten gemacht worden. Gemeiniglich fehlt es diesen Leuten an Unglücksfällen, welche sie angeben sollen. Ich glaube, derjenige, der Sie erwürfelt, braucht weiter keinen Unglücksfall, als diesen, daß er die Ehre hat, Ihr Mann zu seyn. Er hat ein Recht, seinen Gläubigern mit der ehrlichsten Miene von der Welt zwanzig pro Cent weniger, als sonst, zu bieten. Ein doppelter Vortheil für ihn! Zwanzig pro Cent mehr zu gewinnen, und doch noch ehrlich auszusehen! Daß ich, Fünftens, nur von denen rede, die auf eine legale Art andre um das Ihrige bringen, das geschieht, um die muthwilligen Bankrutirer von denjenigen zu unterscheiden, welche die Reisenden auf der Strasse plündern, oder die Uhren aus der Tasche ziehen. Es war nöthig, diesen Unterschied zu bestimmen, der ausserdem sehr schwer in die Augen fällt. Räuber und Diebe gehören an den Galgen; jene aber, wenn sie es recht zu machen wissen, in allen Gesellschaften oben an. Sie sehn wohl, Mademoiselle, wieviel Ehre Sie in Ihrem künftigen Ehestande zu erwarten haben.

Sechstens: Vielleicht scheint es überflüßig, zu sagen, daß die vergangnen und künftigen Bankrutirer gezwungen werden sollen, um Sie zu würfeln, da ich mir Mühe gegeben habe, zu erweisen, wie vortheilhaft es für dieselben seyn könne. Sie müssen wissen, Mademoiselle, daß diejenigen das Aeusserliche der Ehrlichkeit am sorgfältigsten zu erhalten suchen, welche sich die meiste Mühe geben, nicht mehr ehrlich zu seyn. Ich will es lieber wagen, den ehrlichsten Mann einen Schelm zu heissen, er wird es nicht so hoch empfinden, als ein muthwilliger Bankrutirer. Um deswillen wird es nöthtig seyn, Zwang zu brauchen. Die Richterstuben müssen angewiesen werden, ein zuverläßiges Verzeichniß dererjenigen einzusenden, die seit zehn Jahren muthwilligen Bankrut gemacht haben; wobey ich voraus setze, daß der Richter weder Vetter noch Schwager von dem Bankrutirer ist, und während des Concurses kein Geschenke von ihm bekommen hat. Die künftigen Bankrutirer aber kan man dadurch zwingen, daß, wofern sie sich itzt nicht zur Einlage bequemen, sie aller heilsamen Beneficien der Bankrutirer auf ewig verlustig und gewärtig seyn sollen, nach der Gerechtigkeit der Gesetze gestraft zu werden. Sie haben gar nicht Ursache, diesen Zwang für eine Grausamkeit zu halten, da sie es so billig befinden, durch vielerley Mittel ihre Gläubiger zu zwingen, daß sie ihre Einwilligung dazu geben müssen, sich von ihnen bevortheilen zu lassen. Ich glaube endlich,

Siebentens, nicht, daß Sie, Mademoiselle, dabey eine Schwierigkeit finden werden, wenn ich Sie auf diese Art der ganzen bankruten Welt Preis gebe, und Sie dem Glücke der Würfel überlassen will. Wenn ich Sie anders aus Ihren Briefen recht habe kennen lernen; so muß es Ihnen gleichgültig seyn, was Sie für einen Mann kriegen, wenn es nur ein Mann ist. Aber ich thue noch mehr; ich verschaffe Ihnen zugleich so viel Vermögen, daß Sie ein gegründetes Recht bekommen, Ihrem künftigen Manne es nachdrücklich fühlen zu lassen, was das sagen wollte, eine reiche Frau zu heirathen.

Machen Sie einmal einen Ueberschlag von Ihrem künftigen Reichthume. Wir wollen setzen: In die erste Classe kommen die, so seit zehn Jahren muthwillig bankrut gemacht haben. Auf jedes Jahr rechne ich vier solche Bankrute. Jeden Bankrut zu 25000 Reichsthalern. Sie sehn, wie billig ich bin, da es bekannt genug ist, daß vier Bankrute nicht zureichen, und daß 25000 Thaler für einen Bankrutirer gar nichts heissen. Die kleinen Schurken, welche sich die Mühe nehmen, ihren ehrlichen Namen nur für ein paar tausend Thaler hin zu geben, verdienen nicht einmal in Ansatz gebracht zu werden. Wir wollen sie unter die übrigen mit einrechnen, welche das Handwerk besser verstehn, und die, wenn sie ihren guten Namen dran wagen, es doch nicht unter 25000 Thalern thun. Solcher gestalt betragen die vier Bankrute, auf ein Jahr 100000 Thaler——. Ich will den billigsten Accord nehmen, der seyn kann, und sehr selten geschlossen wird. Ich will setzen, daß der muthwillige Bankrutirer mit den Gläubigern theilt, und sie nur um die Hälfte betrügt. Wenn er so großmüthig ist, und funfzig pro Cent giebt; so thut er mehr, als man verlangen kann. Es beträgt also die Beute von einem Jahre 50000 Thaler——. Hiervon den zehnten Theil zur Einlage genommen, thut auf ein Jahr 5000 Thaler—— und auf alle zehn Jahre zusammen funfzigtausend Thaler. Was meinen Sie, Mademoiselle? Müssen Ihnen nicht die Augen vor Freuden übergehn, wenn Sie sehn, wie mühsam ich bin, Sie reich und glücklich zu machen? Aber das heißt alles noch nichts gegen den Vortheil, den Sie aus der zwoten Classe ziehn werden. Wir wollen das zum Fusse behalten, daß jeder Bankrut 25000 Thaler stark ist, und bey jedem auf 50 pro Cent accordirt wird. Wir wollen aber nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit, die ich oben bey dem vierten Punkte angeführet habe, voraussetzen, daß sich künftig alle Jahre die Bankrute verdoppeln. Der muß die Welt gar nicht kennen, wem dieses unwahrscheinlich vorkommen soll. Nach den Regeln dieser Verdoppelung kommen im Jahre 1753. acht Bankrute, im nächsten Jahre sechzehn, in dem darauf folgenden zwey und dreyßig Bankrute, und so fort. Damit Sie die Richtigkeit meines Plans desto besser einsehen mögen; so sende ich Ihnen zugleich die Tabelle, die ich dem Publico zur Nachachtung bekannt machen will. Wieviel meinen Sie wohl, daß Ihr Antheil betrage? Weniger nicht, als 10230000 Rthlr.—— Hierzu die 50000 Thaler aus der ersten Classe, thut in

Summa /   10280000 Thaler.

Ich bin vor Freuden ganz ausser mir! Das hätte ich selber nicht gedacht! Es überfällt mich ein zärtlicher Schauer, wenn ich bedenke, daß Sie ein so reiches Frauenzimmer sind, und daß es so ungewiß ist, ob ich hernach das Glück haben kann, der Ihrige zu werden. Sollte Sie das Schicksal an einen verheiratheten Bankrutirer bringen, so belohnen Sie meinen Eifer. Es wird alsdann bey Ihnen stehn, ob Sie mich zu dem beneidenswürdigsten Sterblichen unter der Sonnen machen wollen. Ich vergesse alle Ihre Abentheuer, vom Hofrathe an bis auf den Würzkrämer; so gar vom Lieutenante weis ich nicht ein Wort mehr. Daran gedenke ich vollends gar nicht, daß Sie ein Frauenzimmer sind, welches, allem Ansehen nach, dem künftigen Ehemanne bey der geringsten Beleidigung beyde Augen auskratzen wird. Es gehe mir, wie es der Himmel beschlossen hat. Wer wollte sich dadurch abhalten lassen, ein Mädchen mit zehn Millionen und 280000 Thlr.—— zu heirathen? So verliebt bin ich in meinem Leben noch nicht gewesen, als ich in diesem Augenblicke bin. Ja, Mademoiselle, alt, krumm, lahm, bucklicht, blind, verbuhlt, herrschsüchtig und abergläubisch, alles mögen Sie seyn; seyn Sie nur die Meinige. Ich beschwöre Sie bey Ihren 10280000 Thalern! Lieben Sie mich! Würdigen Sie mich alsdann Ihrer Hand. Glauben Sie, daß ich mit der größten Unruhe, die sich bey einer zärtlichen und einträglichen Liebe denken läßt, den glücklichen Augenblick erwarte, da ich die Erlaubniß haben soll, mich den Ihrigen zu nennen. Bis dahin bin ich mit der tiefsten Ehrfurcht,

Mademoiselle,

Leipzig,
den 4ten August

1 7 5 1.
Dero
ganz gehorsamst ergebenster Diener,

der Autor.
       

 

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