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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 103
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Nun war von meinen alten Liebhabern niemand mehr übrig, als der ehrendienstwillige Würzkrämer in R – –. Sollte ich noch einen Angriff wagen, da ich so oft schimpflicher Weise abgewiesen war? Aber war ich nicht schon bey aller Schande abgehärtet? Was konnte ich weiter verlieren, wenn ich mich auch von meiner Höhe bis in den Kramladen eines ehemaligen Freyers herabließ? So weit hatte ich mich schon gefaßt, daß ich den Reifenrock vor der Thüre ausziehen wollte, damit ich Platz darinnen hätte. Was für Ueberwindung kostet es einem Frauenzimmer, ehe sie sich, dieses zu thun, entschließt! Aber, wie sollte ich es anfangen? Sollte ich von meines Liebhabers Verstande, von seinen großen Verdiensten, von meiner Liebe zu ihm, sollte ich von Pflicht und Gewissen reden? Was meinen Sie, mein Herr? Das sind wohl ordentlicher Weise die Sachen nicht, die einen Kaufmann weichherzig machen. Vom Gelde konnte ich nicht viel sagen; das wäre sonst wohl der bündigste Schluß gewesen. Ich wagte eine ganz neue Art zärtlich zu seyn. Ich setzte ihm den Degen an die Brust, und bat ihn demüthig um sein Herz. Hier haben Sie meinen Fehdebrief.

 

Mein Herr,

»Gewiß, Sie misbrauchen meine Geduld. Da ich mir seit fünf Jahren Mühe gegeben, Sie zu Ihrer Schuldigkeit zurück zu bringen, da alle diese Mühe, alle meine freundschaftlichen Briefe vergebens gewesen; so sehe ich mich genöthiget, ein Wort im Ernste mit Ihnen zu reden. Erinnern Sie sich wohl Ihres Briefes vom 7 May 1745, in welchem Sie mich baten, ich möchte mich entschliessen, die Ihrige zu werden? So schwer es meinem Vater, und meinen Freunden ankam, ihre Einwilligung zu geben, so geneigt war doch ich dazu. Ich meldete Ihnen die Zweifel meiner Verwandten, zugleich gab ich Ihnen deutlich genug zu verstehen, wie angenehm mir ein Antrag sey, der von einem Manne herkam, an dessen Redlichkeit und billigen Absichten zu zweifeln, ich nicht Ursache hatte. Ich überwand endlich die Zweifel meines Vaters und meiner übrigen Freunde. Sie gaben ihre Einwilligung dazu, die ich Ihnen ohne Verzug meldete, und Ihr Anerbieten aufs feyerlichste annahm. Hätten Sie diejenigen Pflichten, die ein ehrlicher Mann für unverbrüchlich hält, nicht genöthiget, mir zu antworten, so hätten es wenigstens die Pflichten des Wohlstandes thun sollen. Beyde waren bey Ihnen nicht stark genug, eine Antwort zu erpressen. Ich schrieb in einigen Wochen darauf noch einmal an Sie. Ich wiederholte dieses zum drittenmal, da sich eine Gelegenheit für mich fand, die ich, so vortheilhaft sie auch war, doch ausschlug, um Ihren Wunsch zu erfüllen, und mich mit Ihnen zu verbinden. Noch erhielt ich keine Zeile Antwort. Ich überwand mich noch einmal, den letzten Entschluß von Ihnen zu erfahren, aber auch dasmal umsonst. Ich kann Ihnen durch eine Bescheinigung aus dem Postamte beweisen, daß alle diese Briefe richtig abgegangen sind. Wie bin ich im Stande, Ihnen das Misvergnügen deutlich genug zu beschreiben, das ich empfand, da ich erfahren mußte, daß Sie der billige und aufrichtige Mann nicht wären, für den ich Sie gehalten hatte! Ich wagte noch den letzten Versuch, und schickte am verwichnen Markte eine Freundinn an Sie, welche mündlich dasjenige wiederholen sollte, was ich Ihnen so oft schriftlich, und vergebens, versichert hatte. Aber auch diese Freundinn liessen Sie nicht vor sich, und Sie kam unverrichteter Sache zurück. Wahrhaftig, mein Herr, das hieß eine Geduld aufs höchste treiben. Ich verlange von Ihnen eine anständige Genugthuung. Melden Sie mir, wessen ich mich zu Ihnen zu versehn habe. Ist Ihr gegebnes Wort, meine Freundschaft, meine Liebe zu Ihnen, ist Ehre und Gewissen nicht vermögend, Ihnen Ihre Pflicht und Schuldigkeit begreiflich zu machen; so muß es der Richter thun. Es geschieht sehr ungern, mein Herr, daß ich diesen Entschluß fasse; aber meine Ehre verlangt ihn. Ich habe Ihre Verbindung in meinen Händen. Die weltliche Obrigkeit soll mir Recht schaffen, da Ihr Herz zu meineidig ist, es zu thun. Verlangen Sie eine Frau, die Sie redlich, die Sie zärtlich liebt, die bloß durch Ihre aufrichtige Gegenliebe glücklich zu werden verlangt, die ihr ganzes Wohl von Ihren Händen erwartet, die Geld und Vermögen genug hat, Ihre Aufmerksamkeit zu verdienen, verlangen Sie dieselbe; so sollen Sie wissen, daß ich eine Freundinn bin, die alle Beleidigungen vergißt, die auf den ersten Wink Ihnen folgen und Sie ewig lieben will. Sind Sie noch hart, und empfindlich, so sollen Sie erfahren, daß ich mein Recht suchen werde. Ich habe es schon einem Advocaten aufgetragen, welcher durch den weltlichen Arm Sie zwingen soll, redlich zu seyn. Er soll nicht ruhen, bis er Sie billig, oder ganz unglücklich gemacht hat. Wollen Sie nicht mit mir glücklich seyn, so sollen Sie es auch nicht ohne mich bleiben. Meine Rache soll keine Gränzen haben. Die ganze Welt soll erfahren, wie strafbar es sey, ein Mädchen zu betrügen, dessen Stand, dessen Erziehung, dessen redliches Herz mehr Achtung verdient, als Sie, Undankbarer, gegen mich bezeigt haben. Ich lasse Ihnen die Wahl, mein Herr, wollen Sie mit mir glücklich leben, oder wollen Sie ohne mich an den Bettelstab gebracht seyn? Bis an den Bettelstab! Eher ruhe ich nicht. Wie vergnügt wäre ich, wenn es mir erlaubt wäre, einen Mann zu lieben, welcher die Kunst verstanden hat, mein Herz zu gewinnen, meine ganze Hochachtung zu erlangen; einen Mann, den zu lieben, ich mein Glück, und meine Hoffnung aufgeopfert habe. Fürchten Sie sich vor der Verzweiflung eines beleidigten Frauenzimmers. Noch itzt redet meine Liebe für Sie; bald aber wird sie müde seyn, es zu thun. Wenn ich betrogen werden soll, so ruhe ich nicht, bis Sie ganz unglücklich sind. Hier haben Sie Liebe und Rache. Wählen Sie sich! Ich gebe Ihnen vier Wochen Zeit, länger nicht. Bedenken Sie Ihr eignes Wohl. Ich bin,

Mein Herr,

– – – –
am 27. des Christmonats
1750.
Ihre Dienerinn,
F – – –
       

 

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