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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 10
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Ein Auszug

aus der Chronik des Dörfleins

Querlequitsch,

an der Elbe gelegen.S. Bel. des Verst. und Witzes, Aprilmonat 1742.

 

 

Geneigter Leser,

Du wirst mir nicht zumuthen, daß ich dir sagen soll, wie ich zu dem Manuscripte gekommen sey, von welchem ich dir gegenwärtigen Auszug liefere. Wenn ich spräche, ich hätte es unter einem alten Gemäuer gefunden; so würdest du es vielleicht, als ein schätzbares Alterthum, mit vieler Ehrfurcht durchlesen. Ich könnte dich wohl auch bereden, es gehörte in eine Bibliothek, und, weil ich ein Gelehrter bin, so würdest du unfehlbar denken, ich hätte es mit lehrbegierigen Händen heimlich entwendet. Allein, ich bin nicht gesonnen, dir eine Unwahrheit vorzusagen; du sollst aber auch die Wahrheit nicht erfahren. Sey zufrieden, daß ich dir ein Werk mittheile, welches allen Geschichtschreibern zur Vorschrift, und dir vielleicht zur Erbauung dienen kann.

Den eigentlichen Verfasser dieser Chronike, und die Zeit, wenn sie geschrieben worden, kann ich nicht angeben. Auf dem Titelblatte steht an statt des Namens ein N. welches der Verfasser sonder Zweifel um deswillen gethan hat, daß er den Leser neugierig machte, und desto bekannter würde. Meine Vermuthung geht dahin, es habe es ein ehemaliger Pfarrer daselbst geschrieben. Ob ich recht habe, wirst du aus denen Umständen urtheilen, die in dem Auszuge selbst vorkommen. Wenn aber dieser Pfarrer gelebt, und die historischen Nachrichten gesammlet hat, solches ist noch ungewisser. Ich vermuthe, daß es kurz nach des Kanzlers Crells Tode geschehen sey; ich will aber niemanden meine Meinung aufdringen.

Das Werk selbst ist von einer ziemlichen Weitläuftigkeit, in Folio, vier Alphabet stark. Die Schrift ist sehr klein und unleserlich, auch hin und wieder, ich weis nicht, aus was für Ursachen, Platz gelassen worden. Der Auszug, den ich geben will, soll desto kürzer seyn, und mit Ausfüllung der leeren Stellen mögen sich diejenigen belustigen, welche in Ergänzung verstümmelter Alterthümer, wo nicht glücklich, doch unermüdet sind.

Gleich durch den ersten Anblick des Buchs wird man überführt, daß der Verfasser von einem besondern Geschmacke, und kein abgesagter Feind seiner Verdienste müsse gewesen seyn. Man findet daselbst ein Bild, welches er vermuthlich eigenhändig entworfen hat, und das zwar nicht künstlich, doch ziemlich deutlich, gerathen ist. Es stellt die fliegende Fama vor, die zwo sehr dicke Backen und eine Trompete kenntbar machen. An dieser hängt ein Tuch, worinnen man eine menschliche Figur mit einer runden Mütze, einem Ueberschlägelchen und einem altväterischen Kleide erblickt. Es ist eine Umschrift dabey, von der ich aber nichts, als die beyden ersten Buchstaben, errathen kann, welche nach meiner Einbildung P. L. und wie ich glaube, Pastor loci, heißen, wiewohl sie auch Poeta laureatus heißen könnten. Aus den Wolken ragt eine Hand hervor, welche eine zusammengekrümmte Schlange, und noch etwas faßt, das vermuthlich ein Lorbeerkranz seyn soll. Unten fesselt ein Genius die Zeit an einen Baum, in den die Buchstaben gegraben sind: S. H. N. Q. T. L. Q. M. Wenn ich mich nicht irre, so zielen diese auf den Vers: Semper honos, nomenque tuum laudesque manebunt. Dabey stehen sehr viele Leute, welche mit Verwunderung, und aufgehobnen Händen, nach dem Bilde sehen. Sie sind alle sehr undeutlich gemahlt, bis auf einen einzigen, den ich für den Schulmeister des Dorfs halte, weil er das Maul schrecklich aufsperrt. Die Aussicht stellt eine Landschaft, und darinnen das Dorf Querlequitsch vor, über dem ein offnes Buch schwebt, das sonder Zweifel eine Concordanz, oder gar die Chronike selbst bedeuten soll. Ich finde diese Worte darinnen: Nil sine me. Dem Bilde gegen über ist ein Blatt leer gelassen, auf welchem steht: Erklärung meiner Erfindung. Ob er aber seine Erfindung selbst nicht verstanden hat, oder von dem Tode an der Erklärung verhindert worden ist; das weis ich nicht. In Beschreibung dieses Bildes bin ich um deswillen weitläuftig gewesen, damit man das Alterthum des Buchs daraus abnehmen könne; denn heutiges Tages, und schon seit vielen Jahren, sind dergleichen prächtige Bilder gar nicht mehr gebräuchlich,

Hierauf folgt der Titel, welcher ein neuer Beweis des Alterthums, und so weitläuftig ist, daß man ihn, ohne eine rechte gesunde Lunge zu haben, in einem Athem nicht durchlesen kann. Ich will ihn ganz hersetzen. »Hellgeblasene Kriegstrompete und Friedensposaune! Das ist, eine kurz gefaßte Chronike des weitberühmten Dörfleins Querlequitsch an der Elbe, worinnen dessen beliebte, aber zuweilen betrübte, Geschichte, von den ältesten, mittlern und neuern Zeiten, aus zuverläßigen Nachrichten, alter Leute Munde, und andern Urkunden genommen, zugleich auch die darinnen einschlagende Geschichte der assyrischen, persischen, griechischen, und römischen Monarchien, nebst denen merkwürdigen Veränderungen der Kaiserthümer, Fürstenthümer und Reiche, Leben und Thaten der Päbste, Kaiser, Könige, Fürsten &c. nebst ihren guten und bösen Eigenschaften, vorgetragen, die unergründlichen Wunder der Natur an Sonne, Mond und Sternen, ingleichen an Pflanzen, Bäumen, kriechenden und fliegenden Thieren, so wohl auf der Erde, als im Wasser, auch was sonsten lebet, webet und Othem hat, lehrreich beygebracht, und dadurch die verderblichen, abscheulichen und verteufelten Meinungen der Socinianer, Arrianer, Pelagianer, Manichäer, Wiedertäufer, Molinisten, Syncretisten, Atheisten, Indifferentisten, und aller Ketzer, die sich in Isten endigen, heftig und kräftig widerlegt, zur Warnung und Vermahnung, besonders aber zum Troste des christlichen Häufleins in Querlequitsch, mit beliebter Kürze, und eilfertiger Feder entworfen durch N.«

Auf der 1 Seite steht die Zueignungsschrift an seinen lieben Schwiegervater und Gevatter, George Klunkern, Bürgermeistern in Merane, und des löblichen Schneiderhandwerks daselbst Oberältesten. Er weiset darinnen die Aehnlichkeit, welche das Städtlein Merane mit dem alten Rom habe, und nachdem er seinem Herrn Schwiegervater durch viele lateinische Stellen gewiesen hat, wer Cicero gewesen sey, so fragt er ihn und die ganze Bürgerschaft, ob Herr Klunker nicht ein andrer Cicero sey? Er beweist es durch Exempel, und unter andern daraus, daß er den Stadtschreiber daselbst, als einen gefährlichen Catilina, aus ihren Mauern gejagt; so daß man billig ausrufen können: excessit! euasit! erupit!

Auf der 5 S. schreitet er näher zu seinem Vorhaben, und führet die Ursachen an, die ihn bewogen haben, zu schreiben. Er erzählt dieselben nach der Reihe, und hält darunter die für die wichtigste, da er dem heftigen und unaufhörlichen Bitten, Flehen und Drohen seiner Freunde, Gönner und Vorgesetzten mit gutem Gewissen nicht länger widerstehen, und lieber der gelehrten Welt dieses Buch mittheilen, als Anlaß zu einigen Gewaltthätigkeiten geben wollen.

Von der 9 bis 12 S. weist er die Einrichtung des ganzen Werks;

A. d. 13 S. aber dessen grossen Nutzen, und

Von 15 bis 19 erklärt er sich auf sechs Seiten, daß er wegen seiner vielen Amtsverrichtungen abbrechen, und diese Zueignungsschrift schließen müsse, worauf a. d. 20. und 21 S. ein herzlicher Seufzer folgt.

A. der 22 S. stehen diese Worte: Ungeheuchelte Lobschriften und schuldige Ehrendenkmaale auf den T. T. Herrn, Herrn N.–– Verfassern der Chronike des Dörfleins Querlequitsch, aufgerichtet von nachbenannten gelehrten Männern. Es hat aber der Herr N. solche vermuthlich nicht erlebt, weil bis p. 40 leere Seiten in dem Manuscripte sind.

A. d. 40 S. fängt sich endlich die Chronike selbst mit großen Buchstaben Q. B. D. V. an.

Gott aber schuf nur ein Männlein, und ein Fräulein, sind seine ersten Worte, und er weist sodann, wie wunderbar, durch so viele Jahrhunderte, Länder und Orte, sich das menschliche Geschlecht fortgepflanzet, so daß anitzt nur allein in Querlequitsch neun und achtzig vernünftige Seelen zu finden wären, wobey er wünscht, daß sie möchten für Krieg, Pest und theurer Zeit behütet werden, welches sie zwar mit ihren Sünden gar wohl verdienet hätten.

A. d. 46 S. geräth er auf den Einfall, wie es wohl vor tausend Jahren in Querlequitsch ausgesehen habe? Er ist der Meinung, daß die dasige Gegend zu der Zeit ganz und gar unbewohnt gewesen, und vielleicht an dem Orte, wo anitzt die Kanzel stehe, nichts als Rohrdommeln in der Wüsten gehört worden sind. Hierauf legt er seine ganze Gelehrsamkeit aus, und redet von einem Cherusker Fürsten Arminius, von den Hermunduren, und Mysen. Die Thracier und Scythen fallen ihm ein. Er erblaßt, wenn er an den Attila gedenkt, und bewundert das Schicksal, welches die Vandalen aus dem kalten Norden in das heisse Italien geworfen, um die schönen Künste und Wissenschaften zu zerstören. Er besinnt sich auf die Longobarden, und zieht zwölf gelehrte Männer an, welche diesen Namen von den langen Bärten herleiten.

Aus der 59 S. kömmt er wieder zu sich selbst, und erinnert, er hätte um deswillen in seiner Erzählung ausgeschweift, weil er beweisen wollen, wer ihre Vorfahren in dasiger Gegend gewesen wären. Die ganze Sache aber hält er für ungewiß, und will lieber gar nichts, als etwas zweifelhaftes, sagen, indem ein vernünftiger Mann nichts reden müsse, als was er mit gutem Grunde behaupten könne. Er beseufzt den verderblichen Hußitenkrieg, in welchem vermuthlich die schönsten Urkunden von diesem Dorfe verbrannt, oder mit nach Böhmen geführt worden wären. Bey dieser Gelegenheit fällt ihm ein, daß Huß eine Gans heiße, und lacht recht herzlich über die sanctam simplicitatem des Bauers, welcher in Costnitz ein Bündel Holz zum Scheiterhaufen getragen, diesen theuren Märtyrer zu quälen.

A. d. 66 S. will er, um mit Ehren und unbeflecktem Gewissen aus diesem Krame zu kommen, einem jeden hierinnen seine Meinung lassen. Genug, spricht er, daß wir müssen Vorfahren gehabt haben: denn wo ein effectus ist, da ist auch eine causa; atqui schließt er weiter, ich und alle Bauern im Dorfe sind ein effectus, ergo müssen wir eine causam gehabt haben, und diese sind eben unsre Vorfahren, welche ich im Vorhergehenden so mühsam suchte. Durch eine ausführliche Note zeigt der Herr Autor, in welchem modo dieser Schluß sey, und verwünscht den Aristoteles in den Abgrund der Hölle, weil er durch seine Sophisterey die ganze Welt mit Blindheit geschlagen habe. Am Rande stehen die Worte: O Vernunft! wie schädlich bist du! Die Dinte ist aber ganz frisch, und die Züge sind nach der heutigen Art, daher ich vermuthe, diese Randglosse müsse nur etwan vor zwanzig Jahren gemacht seyn.

A. d. 68 S. dankt er dem Himmel mit einem innbrünstigen Ach! daß er ihm Weisheit und Kräfte verliehen habe, aus diesem Labyrinthe der Alterthümer glücklich zu entkommen, und die verwirrten Nachrichten ihrer Vorfahren in ein helles Licht zu setzen. Er beschreibt sodann mit ziemlicher Deutlichkeit, die Lage, den Umfang, Größe, Zäune, Graben, und Eintheilung der Gassen des Dörfleins Querlequitsch, welches ich aber alles unberührt lasse, weil der Ort jedermann bekannt, und noch auf diese Stunde dessen äusserliche Beschaffenheit unverändert ist.

A. d. 80 S. besinnt er sich, daß er in Eil vergessen habe, zu sagen, wo der Name Querlequitsch herstamme. Er hat aber so einen löblichen Abscheu vor alten Untersuchungen bekommen, daß er sich dabey nicht aufhält. Seine Meinung geht dahin, es sey, wegen seiner anmuthigen Lage, in dem Pabstthume querelarum quies genannt worden. Es kömmt ihm dieses höchst wahrscheinlich vor, weil man nur die Buchstaben e und arum wegwerfen, und ies in itsch verwandeln dürfe. Er beweist dieses auch nachdrücklich, indem er sagt, man müsse keine gesunde Vernunft haben. wenn man die Wahrheit davon nicht einsehen wolte.

A. d. 81 S. wird gehandelt von des Dörfleins Querlequitsch weltlichen Hauptgebäuden, und denen damit verknüpften Gerechtsamen, Gerichten und Privilegien. Des gestrengen Junkers Rittersitz wird zuerst vorgenommen. Es ist keine Mauer, keine Stube, kein Fenster, kein Ziegel auf dem Dache, welchen er nicht nach seiner Länge und Breite beschreibt, ja den Einfältigen zum Besten hat er so gar einige Risse nebst dem Maasstabe beygefügt. Es gehört eine ziemliche Geduld dazu, wenn man alles will durchlesen. Doch darf ihm dieses nicht als ein Fehler ausgelegt werden, weil er nichts gethan hat, als was unsre Chronikenschreiber mit einer unermüdeten Sorgfalt noch heutiges Tages thun.

Ueber dem Thorwege entdeckt er eine alte steinerne Figur, welche nach dem verfertigten Entwurfe vermuthlich nichts anders ist, als eine Verzierung von Laubwerke; er will es aber für ein hochadeliches Wapen ansehen, woraus er verschiedene Verbindungen des gestrengen Junkers mit andern Familien, und zugleich einige rechtsgegründete Ansprüche auf sechs Rittergüter ableitet.

Einen Thurm, welcher den Bauern zum Gefängnisse dienen muß, hält er für besonders merkwürdig. Er nennt ihn ein Schrecken der Widerspenstigen und einen Tempel der Gerechtigkeit, den Gerichtsvoigt aber sacerdotem iustitiae, und zeigt bey dieser guten Gelegenheit den gegründeten Unterschied zwischen dem geistlichen und weltlichen Arme.

Das Gemeindehaus kann er mit Stillschweigen nicht übergehen. Er machet eine beynahe eben so lebhafte Abbildung davon, als von dem Rittersitze; über die dabey stehende Linde aber, worunter die Bauern ordentlich zusammen kommen, bezeigt er eine herzliche Freude, weil sie ihn auf die Geschichte der alten abgöttischen Linden, und die Gewohnheit, unter freyem Himmel Gerichte zu halten, durch eine natürliche Ordnung bringt. Er handelt diese Materie mit vieler Belesenheit ab, und ich habe davon einige neuere Schriften gesehen, welche es ihm nicht gleich thun.

A. d. 140 S. folgen die geistlichen Hauptgebäude. Sie bestehen nur aus der Kirche, Pfarre und Schulwohnung. Bey jedem aber macht er eine lange Erzählung, und die Bilder sind auch nicht gespart. Ich will dem geneigten Leser mit einem Auszuge davon nicht beschwerlich fallen. Einige Umstände aber kann ich nicht unberührt lassen.

Wie lange die Kirche gestanden habe, weis er eigentlich nicht; wohl aber, daß sie schon im Pabstthume gewesen. Die Geschichte der Reformation nimmt hier viele Seiten weg, und es kömmt mir wahrscheinlich vor, daß Seckendorf sich dieses Manuscripts mit gutem Nutzen bedient habe. Den Weihkessel, welcher noch in der Kirche eingemauert ist, kann er ohne Thränen niemals ansehen, und er hält solchen für etwas, das zum papistischen Sauerteige gehöre. Den wohl angerichteten und einträglichen Beichtstuhl aber nennt er einen Schmuck und eine Zierde des ganzen Tempels. Bey einem vorgehabten Kirchenbaue hat sich hinter dem Altare etwas gefunden, welches der Herr Verfasser, als eine alte Münze, sehr hoch hält, und nicht allein einen Abriß davon, sondern auch die Münze selbst beygefügt. Anfänglich hat er gar nicht gewußt, was er daraus machen solle. Aber durch eine unermüdete Untersuchung, und Beyhülfe einiger gelehrten Freunde, hat er auf einer Seite ein Roß im Wasser, auf der andern aber eine Figur gefunden, welche beynahe als ein gekröntes Brustbild ausgesehen, mit der zwar etwas undeutlichen Umschrift: vedkend. Seine Freude über diesen Fund ist ganz unaussprechlich. Er beweist, daß diese Münze Carl der Große auf Wittekinds Taufe habe prägen lassen. Er beschreibt die ganzen Kriege der Sachsen, und ihre endliche Bekehrung, und dankt dem Himmel mit gefaltnen Händen, welcher solchen großen Schatz so lange erhalten, und ihn mit dieser kostbaren Münze beseliget habe. Ich schickte sie unlängst dem berühmten Herrn Professor Köhler zu, um seine Meinung darüber zu vernehmen; er schrieb mir aber, es sey nichts anders, als ein alter verrosteter Deckel von einer Mithridatbüchse.

Er rühmt ferner den schönen Büchervorrath, womit die Sacristey ausgeziert sey, welche er deswegen armamentarium sacrum nennet, und versichert, es wären so viele praktische Bücher, Sterne und Kerne, und andere biblische Rüstzeuge darinnen, daß man sich binnen einer halben Stunde mit einer trostreichen Predigt bewaffnen könne.

Das bey der Kirche angemachte Halseisen soll ein untrügliches Merkmaal guter Policeyordnung seyn. Er wünscht, daß alle diejenigen daran geschlossen würden, welche sich nicht schämten, ihrem Pfarrer, an statt des guten Decems, Wicken und Trespe zu geben, da ihnen doch dieser das Wort Gottes lauter und rein predige.

Des Pfarrers Studierstube kömmt ihm nicht anders vor, als das trojanische Pferd. Aus diesem, spricht er, wären so viel tapfere Helden gestiegen, welche das hochmüthige Troja in die Asche gelegt hätten; aus jener aber trete eine erbauliche Predigt nach der andern hervor, welche das stolze Babel bestürmte.

Doctor Luthers Hauspostille nennt er sein Palladium, dessen ganze Geschichte er aus dem Alterthume hervorsuchet.

Von der 203 bis 279 S. ist das Geschlechtregister der gestrengen Junkern von N. Erb-, Lehn- und Gerichts-Herren auf Querlequitsch. Ich will nur einige davon anführen, und mich, so viel möglich, seiner eignen Worte bedienen.

Hanns v. N. ward gebohren 1429, und lebte fünfundsechzig Jahr. Man weis von ihm gar nichts weiter, als daß er einen sehr dicken Bauch gehabt hat

Hanns Ulrich von N. des vorigen Sohn, hatte einen Jagdhund, welchen er unsäglich liebte. Als der Hund starb, schickte er dem Pfarrer eben so viel an Leichengebühren, als wenn ein Sohn gestorben wäre. Es mag ein löblicher Herr gewesen seyn.

Georg von N. aß, trank, und vermählte sich dreymal. Seinen Bauern war er gewogen, dem Pfarrer aber spinnefeind. Er wollte nicht leiden, daß ihm dieser auf der Kanzel die derbe Wahrheit sagte, da es doch an einem so privilegirten Orte geschah. Von undenklichen Jahren her hatte der Pfarrer des Sonntags auf dem Herrnhofe gespeist, dieser George aber brachte es ab. Er war ein rechter Atheiste, ohne Gottesfurcht und Gewissen, und wie er lebte, so starb er auch; denn er fiel vom Pferde, und brach den Hals. Nach dem Tode hat es heftig auf seinem Grabe getobt, und des Pfarrers Frau hat es mit ihren Ohren gehört, daß es nicht anders gewesen sey, als wenn sich die Katzen gebissen hätten. Er starb ohne Kinder, und das Gut fiel an seinen Vetter Casimir von N.

Von der 280 bis 336 S. sind die Leben der Kirchen- und Schuldiener daselbst beschrieben. Es ist dieses mehr ein Zusammenhang vieler Lobschriften, als eine historische Erzählung; und wie dergleichen besondre, und nach Befinden geheime Nachrichten, nur wenigen Leuten gefallen können, den meisten aber ekelhaft sind. So ist auch von gegenwärtiger Abhandlung nicht zu läugnen, daß derjenige schlechterdings Pfarrer in Querlequitsch seyn muß, der ein Vergnügen daran finden soll. Ich will also die Geduld meines Lesers nicht misbrauchen, und nur etwas weniges daraus anführen.

M. Heinrich Quad, ein ehrwürdiger Mann, predigte alle Wochen einmal, und starb. Er hat ein Buch geschrieben, welches den Titul führt: προς εαυτον, oder wohlgemeinter Unterricht, für die einfältigen Pfarrherrn, wie sie sich auf der Kanzel züchtig geberden sollen. Mit Holzschnitten.

George Voigt, verstund das Hauswesen vortrefflich, und predigte ziemlich.

M. Curt Hauzius. Er war ein starker Zelote. Er ward allemal braun im Gesichte, wenn er an den Pabst gedachte, und hat sechs und funfzig neue Ketzer gemacht. Er lebte in großer Uneinigkeit mit seinem Gerichtsherrn, und hatte viel Verdruß mit der Gemeinde, wegen des Pfarrbaues. Ueber das Pfingstbier hat er sich sehr ereifert, woran er auch starb.

M. Heinrich Bockstaudius sollte des Kanzlers Crells Ordonanz unterschreiben, dessen er sich weigerte und des Amts entsetzt ward. Der Herr Autor sieht diesen Umstand für merkwürdig an, weil er glaubt, dieser sey der einzige unter allen Gelehrten, welcher lieber das Amt verlieren als etwas schreiben wollen.

Bis hieher gehen die Kirchendiener, und sind alsdann einige Blätter leer gelassen, welches mich, wie ich im Eingange erwähnt, auf die Vermuthung gebracht, daß gegenwärtige Chronike nach Crells Tode geschrieben sey.

Von den Schuldienern des Orts, deren der Autor zwanzig namhaft macht, will ich nur eines einzigen erwähnen. Er heißt ihn Gall Veidt den Großen. Es kam mir Anfangs lächerlich vor, daß er einem Schulmeister diesen prächtigen Beynamen giebt; er behauptet es aber dadurch: Er habe zierlich schreiben und lesen können, die Kinder fleißig unterrichtet, die Kirche reinlich gehalten, die Glocken wohl geläutet, eine gute Paßion singen können, und alles vollkommen gethan, was einem rechtschaffnen Schulmeister gebührt. Mithin sey er zwar kein großer Held, aber doch ein großer Schulmeister gewesen.

A. d. 336 S. findet man verschiedene gesammelte Nachrichten von gelehrten Querlequitschern, unter denen etwa folgende die berühmtesten zu seyn scheinen.

George Greif, eines Bauers Sohn, legte sich auf die Rechte, und advocirte in einem Städtlein, ohnweit Magdeburg. Man hat als etwas besonders an ihm wahrnehmen wollen, daß er sehr lange Finger, und im Gesichte eine so dicke Haut gehabt, daß er niemals roth geworden ist.

Antonius Cuntz, gleichfalls einer der Rechte, wollte in Erfurt Doctor werden, und disputirte deswegen de capillamento Vlpiani, wobey er auf den Catheder die Wichtigkeit seines Satzes mit solcher Heftigkeit vertheidigte, daß er sich etwas im Leibe zersprengte, und kurz darauf starb.

Balthasar Wurzel, ein Arzt und geschickter Mann. Wenn ein Bauer Blähungen hatte, so wußte er gleich, wie sie auf griechisch hießen. Er erfand viele Universalmedicinen und Lebenstincturen, starb aber in seinen besten Jahren, und vermachte der Bürgerschaft zu Zwenka bey Leipzig einen halben Acker Landes zu einem neuen Kirchhofe.

Martin Pinsel, ministerii Candidatus, war des alten Martin Pinsels, Pfarrers zu Querlequitsch, Herr Sohn. Seine Mutter that in ihrer Schwangerschaft ein Gelübde, wenn ihr der Himmel einen Sohn geben würde, so sollte er ein Pfarrer werden. Ihr Wunsch ward zu allerseits Vergnügen erfüllt, und der gute Pinsel von seinem Herrn Vater zu allen guten Wissenschaften und Künsten angehalten. Er hatte aber einen schweren Kopf, eine stotternde Sprache, und ein langsames Gedächtniß, bezeigte auch wenig Lust zum Studieren, sondern wollte schlechterdings ein Grobschmied werden. Allein die Mutter prügelte ihn so lange, bis er seinen Beruf erkannte, wobey er auch blieb, und im neun und funfzigsten Jahre seines Alters als Informator zu Dresden sanft und selig entschlief.

Ilgen Pape, ein Meistersänger und poßierlicher Mann. Er hatte sehr hohe Absätze an seinen Schuhen, und gieng beständig, als wenn er im Sande wadete. Er schnaubte heftig, wenn er redete, und sang alles ab, was er sagte. Man hat ihn gar nicht lachen, wohl aber oftmals ohne Ursache weinen und zittern gesehen. Niemals war er vergnügter, als wenn es donnerte, und sah, ohne daß es ihm etwas schadete, in den Blitz. Er starb an der Schwulst, und schrieb: das blinde Alter, oder: Tobias ein Trauerspiel.

Zacharias Pape, des vorigen Bruder, und auch ein Meistersänger, doch von jenem ganz unterschieden. Er schminkte sich dergestalt, daß man niemals seine natürliche Farbe hat erfahren können. Die Hände wusch er sich in Rosenwasser, und kaute beständig süß Holz. Sein Wamms war mit Knöpfen von buntem Glase besetzt, und an dem Halse trug er ein ordentliches Pferdegeläute. In Nürnberg war er unter eine Bande Gaukler gerathen; diese hatten ihn gelehrt, wie er seine Glieder auf eine erstaunende Weise ausdehnen, in einem Augenblicke aber wieder zusammen ziehen konnte, daß er nicht größer war, als ein Igel. Er war sehr ungesund, und hatte immerzu Anfälle vom hitzigen Fieber. Seine Gedichte sind zusammengedruckt unter dem Titel: Caniculares. Er schrieb ein Sinngedichte auf seine Leyer, und lachte sich darüber zu tode.

Endlich machen auf der 384 Seite allerhand vermischte Merkwürdigkeiten einen erwünschten Schluß. Die Züge sind hier in dem Manuscripte von den vorigen ganz unterschieden, und ich glaube, daß des Verfassers Ehefrau diese Merkwürdigkeiten niedergeschrieben habe. Meine Vermuthung ist nicht unwahrscheinlich; die Sache aber behält doch ihren Werth, und die ganze Einrichtung ist noch itzt nicht altväterisch geworden. Ja ich kenne einen gelehrten Mann, von dessen Chronike man schwören sollte, daß seine Großmutter die angefügten Merkwürdigkeiten verfertigt habe.

Ich weis nicht, ob ich mich um meine Leser verdient machen werde, wenn ich ihnen einen Auszug davon liefere. Vielleicht geben sie sich zufrieden, wenn sie auch nicht wissen, wie oft Soldaten daselbst im Quartiere gelegen, und des gestrengen Junkers seine Feueresse gebrannt, oder die gnädige Frau in der Kirche, zum Schrecken und schmerzlichen Beyleide aller Anwesenden, den Unterrock versengt habe. Eben so erbaulich ist es, wenn man liest, wie oftmals die Bauern in Querlequitsch mit dem Durchfalle heimgesucht worden sind. Die Geschichte von einem Pferdediebe, dessen Lebenswandel, Verbrechen, Gefangennehmung, und erfolgter Strafe, machen viele Seiten aus, und die Unterredungen des Herren Pfarrers mit diesem Diebe sind von einer ziemlichen Weitläuftigkeit, an und für sich aber sehr erbaulich. Des Schulmeisters ältester Sohn, ein Kind guter Art und großer Hoffnung, ist Anno 1542 jämmerlich in die Mistpfütze gefallen, aber, zu gutem Glücke, ohne Schaden. Wer diese und dergleichen klägliche Begebenheiten mehr wissen will, dem kann ich das Original selbst zeigen. Eine Frau, die den Drachen gehabt hat, könnte zwar viele leichtsinnige Gemüther aus ihrem verstockten Irrthume reißen, und das Himmelszeichen, welches man im Jahre 1541, als eine gewisse Vorbedeutung der sechs Jahre darauf erfolgten Mühlberger Schlacht, gesehen, sollte wohl vermögend seyn, die Hartnäckigkeit unsrer Atheisten zu beschämen: Allein mein Beruf ist nicht, Heiden zu bekehren; meine Schuldigkeit aber erfodert, den geneigten Leser nicht länger aufzuhalten. Ich schließe also mit denjenigen Worten, die am Ende meines Manuscripts stehen:

Exegi monumentum aere perennius:
Non omnis moriar.
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