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Satiren

Horaz: Satiren - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke
authorHoraz
translatorJohann Heinrich Voß
year1893
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSatiren
pages113
created20020627
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Reise nach Brundusium.

        Roma die große verließ ich, da bot mir Aricia Nachtruh,
Mäßig genug; mit reiste der Rhetor Heliodorus,
Griechischer Zung' ausbündig gelehrt. Dann Appii Forum,
Voll von Matrosen gedrängt und voll von prellenden Wirten.
5   Also schlenderten wir auf der Fahrt zwei Tage, wo Raschern
Einer genügt; für Träg' ist die Appia weniger lästig.
Hier nun war das Gewässer so jämmerlich. daß ich dem Magen
Mußte den Krieg ankündigen, der schmausenden Reisegesellschaft
Harrend mit schwacher Geduld. Schon wollte die Nacht um den Erdkreis
10   Schatten ziehn und den Himmel bestreun mit funkelnden Sternen.
Bursch' und Matrosen anjetzt, im Wechselgeschrei miteinander,
Haderten: »Hier leg an!« – »Drei Hunderte pfropfst du hinein! Halt!
Lange genug!« Bis das Geld man verlangt, bis gespannet das Maultier,
Fliehet die Stund' hin. Mückengeschwärm und die Frösche des Sumpfes
15   Scheuchen den Schlaf uns fort; laut singt der entfernten Genossin,
Brav mit Lauer getränkt, Fährmann und Treiber des Zugtiers
Lied um Lied. Doch endlich vor Müdigkeit legt sich der Treiber
Sanft zur Ruh, und das Seil des zum Grasen entlassenen Maultiers
Knüpft der faule Matros' an den Stein, sinkt rücklings und schnarchet.
20   Als schon hellte der Tag, nicht vorwärts komme der Nachen,
Merken wir jetzt: da entsprang der Strudelköpfigen einer,
Welcher dem Maul und Matrosen so Haupt als Lende mit weidnem
Prügel zerwalkt. Notdürftig um vier Uhr sind wir gelandet.
Deine Flut nun spülte, Feronia, Händ' und Gesicht uns.

25  

Drauf nach dem Mittagsmahl drei Millien kriechend, ersteigt man
Anxurs ragende Stadt auf weithin schimmerndem Felshaupt.
Hierher war Mäcenas bestimmt und der edle Coccejus,
Sich zu nahn, für große Verhandlungen beide geordnet,
Als Botschafter, gewohnt entzweiete Freunde zu einen.

30   Hier verschafft' ich dem blöden Gesicht durch dunkelen Balsam
Linderung. Bald nun kam Mäcenas daher, und Coccejus,
Capito auch, Fontejus genannt, bis zur Probe des Nagels
Abgeschliffen, und so des Antonius Freund, wie kein andrer.
Fundi, unter dem Prätor Aufidius Luscus, verließ man
35   Nicht ungern und belacht' an dem albernen Schreiber den Amtsprunk:
Hellen Talar, breit Purpurgesäum und Pfanne des Weihrauchs.
Müd' jetzt ruheten wir in der preislichen Stadt der Mamurren,
Wo Murena das Haus und die Küch' uns Capito darbot.

Hierauf dämmert' ein Tag von erhabener Seligkeit, weil uns

40   Plotius, Varius auch, und Vergilius zu Sinnessa
Naheten; Seelen der Art, daß reinere nimmer die Erde
Trug, und welchen von mir kein anderer mehr ist verpflichtet.
Welch ein Umarmen das war; wie unendliche Freud' und Entzückung,
Nichts, so lange ich leb', ist dem trautesten Freunde vergleichbar!

45  

Nächst der campanischen Brücke gewährt' ein ländliches Höflein
Obdach, Lieferer boten das schuldige Salz und Gehölz dar.
Drauf in Capua senken die Maul' uns frühe die Sättel.
Spielen geht Mäcenas, ich selbst und Vergilius schlummern:
Denn Triefäugigen schadet wie schwächlichen Magen das Ballspiel

50  

Drauf bot guten Empfang der gesegnete Hof des Coccejus,
Über die Schenken hinaus von Caudium. Jetzo ein wenig,
Wie Sarmentus der Spaßer mit Messius kämpfte, dem Gackhahn,
Muse, verkünde mir doch; und welches Geschlechts sie im Wettstreit
Eiferten. Oscischen Stamms blühn Messier hell; dem Sarmentus

55   Lebt die Eignerin noch. Von solcherlei Ahnen erzeuget,
Traten sie beide zum Kampf. Es begann Sarmentus: »Du hast mir
Völlig des kollernden Gauls Ansehn!« Wir lachen; auch selber
Messius: »Bravo, es gilt!« kopfschüttelt er. »O wenn entmäht nicht
Wäre der Stirne das Horn,« sprach der; »was thätest du wohl, da
60   Also gestutzt du mir drohst?« Den anderen schändete nämlich
Links an der borstigen Stirne die garstige Narbe des Knollens.
Als die Campanergeschwulst und das Antlitz viel er bespöttelt,
Bat er ihn: »Tanz' uns einmal als wilder Cyklop auf der Geißtrift;
Gar nicht brauchst du der Larv' und des tragischen Stelzenkothurnus!«
65   Schreihals vieles darauf: Ob bereits er den Laren die Fessel
Nach dem Gelübde geschenkt? so fraget er; daß er sich Schreiber
Titelte, nähme ja nichts dem Rechte der Eignerin. Endlich
Forscht' er, warum jemals er entflohn; ihm wäre genug ja
Ein Pfund Dinkel des Tags, dem schmächtigen Dinge, dem Wichtlein!
70   Also dehneten uns kurzweilige Possen den Nachtschmaus.

Auf Benevent geht grade die Fahrt: wo der thätige Wirt fast
Wäre verbrannt, umdrehend die mageren Drosseln am Feuer.
Denn rings loderte schon, durch die altende Küche verbreitet,
Glut des Vulkan und schwang sich mit leckender Flamme zum Dach auf.

75   O wie begierig die Gäste den Schmaus, wie verstohlen die Diener,
Rafften hinweg! wie zu löschen ein jeglicher hastig umherlief!

Jetzo beginnt mein holdes Apulien mir die bekannten
Heimatsberge zu zeigen, wo schwül der Atabulus wehet.
Diesen entkrochen wir nie, wenn nicht unweit von Trivicum

80   Uns ein Gehöft' aufnahm, nicht frei des bethränenden Rauches,
Weil noch grünes Gezweige mit Laub im Kamine gebrannt ward.
Hier, ich alberner Thor! erwart' ich ein neckisches Mädchen,
Rastlos bis zur Mitte der Nacht; da bewältigt der Schlummer
Mich in Gedanken der Lust: mit unehrbarem Gegaukel
85   Nahet ein Traum schamlos und läßt unsaubere Spuren.

Vierundzwanzig nunmehr der Millien rollt die Kalesch' uns,
Auszuruhn in dem Städtchen, das nicht im Verse sich nennet,
Lieber an Zeichen erkannt: feil ist, das gemeinste der Dinge,
Wasser daselbst; doch Brot ist wunderherrlich, daß jenseits

90   Häufig davon auf der Schulter der kundige Wanderer mitnimmt;
Denn in Canusium knirscht's. Nicht reichlicher quillet mit Wasser
Jener Ort, den baute der Held Diomedes vor alters.
Hier von den weinenden Freunden entfernt sich Varius traurig.

Müde darauf nach Rubi gelangten wir, weil den so langen

95   Weg wir eilig gemacht, den noch Platzregen verwüstet.
Folgenden Tags war besser die Witterung, ärger die Bahn, bis
Bariums Stadt, von Fischen genährt. Auch Gnatias Örtlein,
Einst im Zorne der Nymphen erbaut, gab Scherz und Gelächter:
Denn es verdampf' ohn' Glut auf der heiligen Schwelle der Weihrauch,
100   Wollte man uns einreden. Das glaube der Jude Apella,
Nicht ich, welcher gelernt, daß mühlos leben die Götter,
Und nicht, wenn die Natur was Seltsames schaffet, des Himmels
Grämliche Mächt' es senden herab aus olympischem Obdach.
Jetzt in Brundusium endet das lange Gedicht und die Reise.
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