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Satiren

Horaz: Satiren - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke
authorHoraz
translatorJohann Heinrich Voß
year1893
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSatiren
pages113
created20020627
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Beurteilung eigener und fremder Fehler.

                    Alle sie haben den Fehler die Musiker: unter den Freunden
Wollen sie nie anheben ein Lied, durch Bitte beweget;
Ohne Geheiß dann singen sie rastlos. So war des Sarders,
Jenes Tigellius Art. Wenn Cäsar, dessen Befehl zwang,
5   Ihn bei der Freundschaft bat, sein selbst und des göttlichen Vaters;
Gar nichts richtet' er aus. Sobald ihm beliebte, vom Ei an
Scholl's bis zum Apfel: Io! Heil! Bacchos! bald zu dem höchsten
Saitengetön, bald wieder zum untersten Halle des Basses.
Nichts Gleichmäßiges war an dem Mann. Oft rannte er, wie wer
10   Flieht den verfolgenden Feind; oft langsam wandelt' er, wie wer
Junos Heiliges trägt. Oftmal zweihundert der Knechte
Hatt' er und oft nur zehn. Bald Könige tönt' und Tetrarchen,
Lauter Erhabnes, sein Mund; bald: »Sei dreifüßig der Tisch mir,
Reines Salz in der Muschel, ein Rock auch, welcher die Kälte,
15   Grob wie er ist, abwehrt!« Ob tausendmal tausend du schenktest
Diesem so leicht und kärglich Befriedigten; wenige Tag', und
Nichts war im Beutel zurück. Nachts schwärmet' er bis zu der hellen
Frühe, den Tag durch schnarcht' er zum Abende. Nichts war so uneins
Je mit sich. Nun könnte mir jemand sagen: Und du hast
20   Keinen Fehl? Wohl andre, vielleicht nur kleinere, hab' ich.
Hinter dem Novius sprach einst Mänius übel. »Gemach!« rief
Jemand: »Bist du dir fremd? und glaubest du, fremd auch uns andern
Worte zu leihn?« – O mir, sprach Mänius wieder, verzeih' ich.
Thöricht und schamlos ist Selbstlieb' und würdig der Rüge.
25   Wann dein eigenes schlecht mit triefendem Auge du musterst,
Sage, warum für der Freunde Vergehn so schärfen die Sehkraft,
Wie epidaurischer Drach' und Adeler? Aber dich selbst nun
Trifft's, daß deinem Vergehn gleich scharf nachspüren die andern.
Reizbar ist er ein wenig zum Zorn; nicht ganz für die feinen
30   Nasen der heutigen Welt; man kann sein lachen, dieweil ihm
Bei zu ländlicher Schur das Gewand hinfließet und schlotternd
Hängt an dem Fuße der Schuh. Doch brav ist dieser und redlich
Wie kein anderer; doch dein Freund; doch großes Gemüt wohnt
Unter der rauheren Hüll' im Verborgenen. Endlich dich selber
35   Rüttele du, ob dir die Natur auch einige Fehler
Eingepflanzt, ob auch böse Gewohnheit manche; du weißt ja,
Auf nachlässigem Boden gedeiht zum Verbrennen das Unkraut.

Dorthin eher gelenkt, daß dem Liebenden immer der Liebsten
Häßliche Fehler entgehn, als blinzenden, oder sogar ihm

40   Reizvoll sind, wie der Hagna Polyp dem verliebten Balbinus.
Wenn in der Freundschaft doch wir auch so irrten, und solchem
Irrtum hätte geliehn anständigen Namen die Tugend!
Ja. wie der Vater am Sohn, so müssen auch wir an den Freunden,
Blickt wo ein Fehler hervor, nicht ekel sehen: den Schieler
45   Nennt sich Blinzaug' der Vater, und Küchlein ruft er, wenn winzig
Blieb ein verbuttetes Kind, wie das unreif fallende Zwerglein
Sisyphus; Teckelchen heißt, wem die Bein' aussäbeln, und jenem
Wird Klumpfüßchen gelallt, der auf klotziger Ferse daherstapft.
Lebt dir der zu genau? Haushälterisch heiß' er. Zu windig
50   Und ruhmredig ist dieser ein weniges? Artig mit Freunden
Hört er sich gerne genannt. Doch Polterer ist er zu sehr, und
Über den Anstand frei? Für einfach nehmt ihn und bieder.
Ist er zu rasch? Er gehört zu den feurigen Seelen. O glaubt mir,
Solch ein Thun verbindet, und hält verbundene Freundschaft.

55  

Wir hingegen verkehren die Tugenden selber und streichen
Gern in das lautere Faß beischmeckende Tünche. Beträgt sich
Ehrlich einer mit uns? O des gar Schwachmütigen! Jenem
Langsamen leihn wir den Namen des Dummkopfs. Dieser vermeidet
Jegliche Schling' und gewährt nie offene Seite der Arglist;

60   Da er in solchem Verkehre des Lebens schwebt, wo ihm nachstellt
Bitterer Neid und ein Heer von Verleumdungen: ihn, der gescheit ist
Und nicht unvorsichtig, benennen wir falsch und verschlagen.
Ist zu natürlich ein Mann, und so, wie ich selber im Frohsinn
Oft mich dir, o Mäcenas, erbot, der den Lesenden etwa
65   Oder den Schweigenden quer anrennt mit mancherlei Schwatzen:
»Ganz des geselligen Sinnes entbehret er« rufen wir. Ach wie
Vorschnell gegen uns selbst ein hartes Gesetz zu verfügen!
Frei war nimmer der Fehl' ein Geborener: besser ist der Mann.
Den geringere drücken. Der herzliche Freund, wenn, wie billig,
70   Fehl' und Gutes zugleich er mir abwägt, wolle der Mehrheit
(Ist ja mehr mir des Guten) das Herz aneignen. Gefällt ihm
Lieb' auf solchen Beding, so wäge die selbige Schal' ihn.
Welcher verlangt, daß den Freund sein eigenes Knollengewächs nicht
Ärgere, schenk' ihm dafür auch einige Warzen. Gerecht ist:
75   Wünschest du deinem Vergehn Nachsicht, so erwidere Nachsicht.

Endlich da ganz mit der Wurzel den Zorn ausrotten so wenig
Jemand kann, wie was sonst anhaftet den Thoren; warum nicht
Will ihr Maß und Gewicht die Vernunft anwenden und jeder
Sache gemäß dem Vergehn abschreckende Strafe bestimmen?

80   Wer den Knecht, der, die Schüssel dem Tisch zu entheben beauftragt,
Halbgegessene Fisch' und lauliche Brühe genaschet,
Nageln ließ an das Kreuz, unklüger denn Labeo würd' er
Unter den Klugen genannt. Wie noch weit rasender, wie weit
Größer ist dieses Vergehn! Ein weniges fehlte der Freund dir;
85   Nicht ihm solches verzeihn, wär' unleutselig; erbittert
Hassest du, fliehest du ihn, wie den Ruso fliehet der Schuldner:
Der, wenn der Elende nicht zur traurigen Frist der Kalenden
Hauptstuhl oder auch Zinsen herausklaubt, herbes Verhängnis!
Seinem Roman, ein Gefangner, den Hals darstrecket, und anhört.
90   Er hat das Polster beharnet im Trunk und vom Tische geworfen
Einen Kump, den die Hand des Euandros drehete; darum,
Oder dieweil er ein Hühnchen, das vor mir lag in der Schüssel,
Sich als Hungriger nahm, darum soll weniger lieb sein
Mir mein Freund? Was, wenn er mir Diebstahl hätte geübet,
95   Oder der Treue Verrat? wenn abgeleugnet die Handschrift?

Welche wie gleich ansehn die Vergehungen, ringen mit Arbeit,
Wann zur Bewährung es kommt; denn Gefühl kämpft gegen und Sitte,
Selber der Nutz, der von Recht und Billigkeit Vater beinah ist.
Als aus beginnender Erde die Brut der Beseelten hervorkroch,

100   Stummes und garstiges Vieh, da begann um Eichel und Lager,
Erst mit Klaun und Fäusten, sodann mit Keulen und hierauf
Gar mit Waffen der Kampf, die Gebrauch allmählich geschmiedet:
Bis man gegliederte Wort', um Laut und Gefühl zu bezeichnen,
Samt den Benennungen fand. Nunmehr abstehend vom Kriege,
105   Gingen sie, Städt' und Vesten zu baun, und ordneten Satzung,
Weder Dieb noch Mörder zu sein. noch Eheverletzer.
Denn vor Helena schon war Geschlechtslust scheußlicher Kriege
Anlaß; doch jene versanken durch ungefeierte Tode,
Die, wenn sie, gleich dem Gewild unstete Vermählungen rafften,
110   Einer an Kraft vorragend erschlug, wie der Stier in der Waldtrift.
Furcht vor dem Unrecht führte zum Recht, was jeder gestehn muß,
Welcher der Zeit Fortgang und der Welt Jahrbücher entrollet.
Weder vermag die Natur vom Recht zu scheiden das Unrecht,
So wie sie teilt, was gut und verkehrt, fliehbar und erwünschbar;
115   Noch wird Vernunft darthun. daß gleich viel sündige völlig,
Wer sich gekräuselten Kohl abbrach im Garten des Nachbars,
Und wer nächtlich der Götter Altargut raubete. Not ist
Regelung, die dem Vergehn gleichmäßige Strafen erkennet:
Daß du, wer Peitsche verdient, nicht haust mit entsetzlicher Geißel.
120   Denn daß nur mit der Gerte du stäupst den härterer Streiche
Schuldigen, sorg' ich nicht, da du aussagst, gleicher Natur sei
Stehlen und mörderisch rauben. und drohst, so Großes wie Kleines
Wollest mit einerlei Hippe du wegmähn, wenn dich zum König
Setzte das Menschengeschlecht. – Wenn reich vor allen der Weis' ist,
125   Gut auch, zum Schuster sogar, und allein bildschön, und ein König;
Wünschest du noch, was du hast? – »Du verstehst nicht,« saget der Mann, »was
Vater Chrysippus sagt: Nie hat sich der Weise Pantoffeln,
Nie sich Schuhe gemacht; doch der Weis' ist Schuster und bleibt's! – Wie? –
»So wie, schweig' er auch ganz, Hermogenes Sänger jedoch und
130   Trefflicher Musiker ist; wie Alfen, der verschmitzte, nachdem er
Alle Geräte der Kunst wegwarf und die Bude verschloß, noch
War ein Barbier: so ist auch der Weis' ein vollendeter Künstler
Jeglicher Kunst, so König allein!« – Mutwillige Buben
Zupfen dir, siehe, den Bart! Wo du nicht mit dem Stocke sie bändigst,
135   Wirst du gedrängt von dem Schwarme der rings Umstehenden, bis du
Jämmerlich platzest und bellst, großmächtiger Könige König!
Um nicht lang es zu machen: indes für den Heller ins Bad du
Gehst, mein König und Herr, und dir kein einziger Hofmann
Nachfolgt, außer Crispinus, dem Plauderer, werden auch mir wohl
140   Gütig verzeihn, wo ich etwa aus Thorheit fehlte, die Freunde;
Ich dann dulde dafür auch ihre Vergehungen willig;
So bin ich Niederer mehr, als du Herr König, beseligt.
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