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Satiren

Horaz: Satiren - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke
authorHoraz
translatorJohann Heinrich Voß
year1893
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSatiren
pages113
created20020627
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch.

1. Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Lose.

                  Wie doch kommt's, Mäcenas, daß niemand, welcherlei Los ihm
Glück zuschleuderte oder Vernunft auswählte, mit solchem
Als Zufriedener lebt und rühmt, die andres verfolgen?
O glückselige Krämer! so ruft, von Jahren belastet,
5   Jener Soldat, dem die Glieder vor Arbeit starren und Drangsal.
Ihm entgegen der Krämer, umwogt ihm die Barke der Südwind:
Kriegsdienst lob' ich mir doch! Denn was mehr? Man stößt an einander;
Stracks im Nu ist entweder der Tod da oder die Siegslust!
Ruhe des Landmanns preist, wer mit Recht und Gesetzen vertraut ist,
10   Wann vor des Hahnes Getön an dem Hofthor pocht ein Befrager.
Er. den vom Lande zur Stadt hinzog die gestellte Bürgschaft,
Schwöret, allein in der Stadt sei glückliches Leben zu finden.
All das Geschlecht zu durchgehn, so wimmelt es! möchte den Schwätzer
Fabius selbst ermüden. Daß kurz ich mich fasse, vernimm du
15   Nur, wie die Sach' ausgeht. Wenn ein Gott so redete: »Kommt mir!
Euch soll geschehe wie ihr wollt. Sei du, der eben Soldat war,
Krämer. und du Landmann, der bisher Rechts pflegete. Dort ihr,
Ihr dort, nehmet den Platz nach gewechselter Rolle. Wohlauf denn!
Steht ihr?« – Sie weigerten sich. Doch gilt es ja, glücklich zu werden!
20   Sage, warum nach Verdienste dem Schwarm nicht Jupiter beide
Backen im Zorn aufbläst und erklärt, er wolle hinfort nicht
Wieder so leicht sich bequemen und jeglichem Wunsche das Ohr leihn?

Ferner, um nicht, im Tone des Spaßenden, alles mit Lachen
Abzuthun: (Wiewohl, als Lachender reden die Wahrheit,

25   Ist unverwehrt; wie den Knaben der schmeichelnde Lehrer ein Plätzlein
Manchmal reicht, daß sie willig zum Abc sich verstehen:
Dennoch hinweg uns wendend vom Scherzton, suchen wir Ernstes.)
Er, der schweres Gefild' umwühlt mit strebender Pflugschar,
Jener verschlagene Wirt, der Soldat und der Schiffer, der tollkühn
30   Läuft durch jegliches Meer, arbeiten so scharf mit der Absicht,
Sagen sie, daß sie als Greis' in sichere Ruhe zurückgehn,
Wann sie einmal Vorräte genug für das Leben gesammelt:
So wie die klein' Ameise, der großen Geschäftigkeit Beispiel,
Schleppt mit dem Munde, wie viel sie nur kann. und den Haufen vergrößert,
35   Welchen sie häuft, wohlkundig und wohl vorsorgend der Zukunft;
Drauf, wann gewendet das Jahr von des Wässerers Urne getrübt wird,
Kreucht sie nirgend hervor und bedient sich dessen genügsam,
Was sie zuvor aufsparte: da dich nicht kochende Schwüle
Abziehn kann vom Gewinn, noch Frost, Meer, Eisen und Feuer,
40   Nichts dich zu hemmen vermag. sei nur kein Reicherer, als du.

Was doch frommt ein Gewicht unermeßlichen Goldes und Silbers,
Das du verstohlen mit Angst versteckst in gehöhletes Erdreich?
»Wenn du kleiner es machst, es verrinnt bis zum schmählichen Pfennig.«
Aber wenn nicht, was hat ein gestapelter Haufen noch Schönes?

45   Möge des Korns dir die Tenn' auch hundert Tausende dreschen,
Dennoch faßt dein Bauch nicht mehr als der meinige: wie, wenn
Du im verkäuflichen Trupp Leibeigener etwa das Brotnetz
Trügst auf belasteter Schulter, du nicht mehr Brotes empfingst, als
Wer nichts hätte geschleppt. Was denn, o sage. verschlägt dir's,
50   Lebst der Natur du gemäß, ob hundert Morgen Gefild's, ob
Tausend du pflügst? »Abnehmen vom mächtigen Haufen behagt doch.«
Wenn du vom mäßigen uns gleichviel zu entheben verstattest,
Warum soll dein Speicher vor unserem Korbe gelobt sein?
Wie wenn des Tranks nicht mehr. denn ein Krug voll, oder ein Nößel,
55   Not dir wär'. und du sprächst: Aus dem mächtigen Strome doch lieber
Möcht' ich, als hier aus dem Quellchen, mir gleich viel schöpfen. Daher kommt's,
Daß, wenn über Bedarf sich jemand freuet des Vorrats,
Ihn mit dem stürzenden Bord der gewaltige Aufidus fortrafft.
Doch wer so wenig begehrt, als not ist, dieser erschöpft sich
60   Weder getrübete Flut. noch verliert er das Leben im Strombett.

Doch der gewöhnliche Mensch, von falscher Begehrlichkeit schwindelnd,
Ruft dir: Nichts ist genug; weil so viel du, wie du hast, bist.
Was ist diesem zu thun? Heiß elend ihn sein, da beliebig
Einmal solches ihm dünkt; wie erzählt wird, daß in Athen einst

65   Jener kargende Reiche des Volks Urteil zu verachten
Also gepflegt: Mich zischet das Volk aus, aber mir klatsch' ich
Selber daheim, wenn der Pfennig so hell in der Kiste mich anlacht.
Tantalus schnappt in dem Durst umströmende Flut, die den Lippen
Ewig entflieht. – Was lachst du? Vertauscht sei der Name, so trifft dich
70   Selbst die erzählete Mär. Auf gesammelten Säcken von ringsher
Schläfst du mit lechzendem Mund und gleich wie Geheiligtes schonen
Mußt du sie, oder nur gleich wie Gemäld' anschauen mit Inbrunst.
Weißt du noch nicht, was gelte, wozu dir diene der Pfennig?
Brot sei gekauft und Gemüs' und des Weins ein Mäßchen und endlich,
75   Was sich Menschennatur mit sehnendem Schmerze versaget.
Schlaflos liegen von Furcht wie entseelt und nächtlich und täglich
Zagen in Angst vor der Dieb' Einbruch, vor Feuer, vor Knechten,
Daß sie das Haus dir räumen im Fliehn: das freuet dich? Solcher
Seligkeit mög' ich, o Götter, der Ärmste bleiben auf ewig!

80  

Aber wenn etwa der Leib vom schaudernden Froste dich schmerzet,
Oder von anderem Fall bettlägerig; hast du doch jemand
Sitzen bei dir, der Bähung besorg' und flehe den Arzt, daß
Dich er gesund herstelle den Kinderchen und der Verwandtschaft! –
Nicht dein Weib verlangt dich gesund, noch der eigene Sohn; rings

85   Nachbarn hassen dich all', und Bekannte dich, Knaben und Mägdlein!
Wunderst du dich, da du alles gesamt nachsetzest dem Silber,
Daß dir keiner erweist, was nicht du verdienetest, Liebe?
Wenn jedoch die Verwandten, die ohne dein Thun die Natur schon
Selber dir gab, zu erhalten als dauernde Freunde du strebtest;
90   Fruchtlos wäre vergeudet die Müh, wie wenn einer den Esel
Lehrete durch das Gefild' im lenkenden Zügel zu traben.

Sei des Erwerbs doch ein Ende zuletzt; und je mehr du besitzest,
Desto weniger zage vor Dürftigkeit; geh von der Arbeit
Endlich zur Ruh, da du hast, was du trachtetest! Thue nicht also,

95   Wie Ummidius that (nicht lang ist das Märchen), so schwerreich,
Daß er in Modien maß sein Geld, so knickerig, daß er
Niemals besser sich selbst denn ein Knecht ankleidete; rastlos
Bis zu der Abschiedsstunde befürcht' er, Mangel der Nahrung
Möcht' ihn treffen einmal: doch die Freigelassene hieb ihn
100   Mitten entzwei mit der Axt, als tapfere Tyndarustochter.
»Was denn giebst du für Rat? ob ich leb' als Mänius lotternd,
Oder wie Nomentan?« – Fort fährest du, das zu vergleichen,
Was mit befeindeter Stirne sich anrennt? Nicht, wenn ein Geizhals
Dir ich verbiete zu sein, verlang' ich den lockeren Wüstling.
105   Zwischen dem Hageren ist und dem Aufgedunsenen etwas.
Maß ist allem bestimmt und eigene scharfe Begrenzung,
Jenseits der so wenig, wie diesseits, Rechtes bestehn kann.

Hin, wo ich abbog, wieder gelenkt. Daß doch, wie der Geizhals,
Keiner sich selbst wohl fühlt, nein rühmt, die anderswohin gehn!

110   Daß, wenn die Nachbarsgeiß ein gedehnteres Euter daherträgt,
Ärger ihn frißt! daß nie mit dem größeren Schwarme der Ärmern
Er sich vergleicht! den lieber und den zu besiegen sich abmüht!
Dem so Hastenden ist ein Reicherer immer im Wege:
Wie, wenn hervor aus den Schranken geschwungene Wagen der Huf reißt,
115   Hitzig die Ross' ein Lenker verfolgt, die den seinigen vorgehn,
Achtlos des, den er hinter sich ließ im äußersten Nachzug.
Selten demnach, daß einer, der, wohl gelebet zu haben,
Froh bekennt, und, vergnügt mit dem Raum des vollendeten Lebens,
Wie ein gesättigter Gast abgeht, sich erbietet dem Forscher.

120  

Jetzo genug. Leicht könnt' ich Crispinus Schränke, des Triefaugs,
Scheinen geplündert zu haben; darum kein einziges Wort mehr.

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