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Satiren

Horaz: Satiren - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke
authorHoraz
translatorJohann Heinrich Voß
year1893
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSatiren
pages113
created20020627
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Des Dichters höchster Wunsch.

              Das war immer mein Wunsch: ein Äckerchen, nicht zu geräumig,
Wo ein Garten, und nahe dem Haus ein lebender Quell sei,
Auch darüber ein wenig von Waldungen. Mehr noch und Bessers
Haben die Götter verliehn. Wohl mir; nichts weiter erfleh' ich,
5   Majas Sohn, als daß du zu eigen mir dieses Geschenk machst.
Wenn nicht größer ich macht' auf übelem Wege das Gut mir;
Und nicht kleiner es will durch Fehl' und Vergehungen machen;
Wenn ich Thörichter des nichts anruf': »O daß der Winkel
Dort noch hinzu mir käme, der nun mein Äckerchen einkrümmt!
10   O daß ein Topf voll Geldes sich mir darböte, wie jenem,
Der mit gefundenem Schatz, einst Lohnarbeiter, denselben
Acker nunmehr sich gekauft und gepflügt hat, reich durch den Schutzgott
Herkules!« Wenn mich erfreut, was da ist; fleh' ich dir also:
Fett mir Eigener mache das Vieh und das übrige, nur nicht
15   Fett auch den Geist, und bleib, wie du pflegst, mein größester Hüter!

Da ich demnach in die Berg', als sichere Höhn, aus der Stadt ging,
Was wohl preis' ich zuerst im bescheidenen Ton der Satire?
Nicht sind Gänge nach Gunst mir Verderb, nicht bleierner Südhauch,
Noch strengatmender Herbst, wann graunvoll rafft Libitina.

20  

Vater des Taganfangs, und, hörst du es lieber, o Janus,
Du, von welchem der Mensch sein Werk und die Mühen des Lebens
Früh, nach der Ewigen Rate, beginnt; du sei des Gesanges
Anfang. Bin ich in Rom, du entraffst als Bürgen mich: »Auf doch,
Daß nicht rascher im Dienst ein anderer eifere, schwing' dich!«

25   Ob auch der Nord durchfeget die Land', ob der Winter im engern
Kreise den Tag mit Gestöber einherführt: gehen ja muß ich.
Hab' ich, was schaden mir soll, nun klar und deutlich gesprochen,
Dann wird gerungen im Schwarm und gedrängt, was säumig vorangeht.
»Was, Unsinniger, meinst du? was soll das?« stürmet ein Schuft da
30   Mit nicht segnendem Wunsch: »du knuffst wohl alles, was vorsteht,
Daß du nur zu Mäcenas mit sehnendem Herzen zurückrennst!«
Lust ist das und Honig, um wahr zu reden. Doch kam man
Dorthin nun zu den schwarzen Esquilien; fremde Geschäfte
Springen um Haupt und Seite bei Hunderten. »Morgen vor zwei Uhr
35   Bat sich Roscius dich zum Beistand an der Umhegung. –
Wegen gemeinsamer Sache, die, Quintus, wichtig und neu sei,
Baten dich heute die Schreiber, doch ja zu gedenken der Rückkehr. –
Sorge mir, daß Mäcenas der Schrift aufpräge das Siegel.«
Sagst du: Es gilt den Versuch. »Wenn du willst,« drängt jener, »du kannst schon.«

40  

Bald wird das siebente Jahr, schon näher dem achten, entflohn sein,
Seit Mäcenas begann, in der Seinigen Zahl mich zu haben;
Aber allein dazu, daß er Anteil mir in der Kutsche
Gönnete, reist' er einmal, und vertrauliche Rede von Kleinem,
Etwa: »Wie viel ist die Uhr? Kämpft gleich Gallina dem Syrus?

45   Frisch ist schon Frühkälte, den Unvorsichtigen peinlich:«
Und was ohne Gefahr auch ritzigen Ohren sich mitteilt.
Alle die Zeit her wurde der Scheelsucht täglich und stündlich
Offener »unser Genoß«. Er schauete Spiel' in Gesellschaft,
Oder er spielt' in dem Kampe: »Das Glückskind« rufen sie alle.
50   Schauerlich strömt ein Gerücht von dem Markt durch kreuzende Weg' um;
Jeder Begegnende stracks befraget mich: »Trautester, du ja,
Weil du die Götter der Welt nah anrührst, weißt es natürlich.
Hast du von Daciern etwas gehört?« – Nicht das mindeste. – »Daß du
Stets ein Spötter doch bleibst!« – Nun strafen mich alle die Götter,
55   Weiß ich ein Wort! – »Ob denn die verheißenen Äcker den Kriegern
Cäsar im Sikulerland', ob hier in Italia zudenkt?«
Schwör' ich, mir fremd sei alles, erstaunt gafft jener und nennt mich
Einzig fürwahr und gereift in der Kunst tieffinnigen Schweigens.

Also verrinnt mir Armen der Tag, nicht ohne den Ausruf:

60   Ländliche Flur, wann werd' ich dich schaun? wann darf ich von neuem
Bald aus der Vorwelt Schriften und bald aus verträumeten Stunden
Schöpfen nach Lebenstumult friedsamer Vergessenheit Labsal?
O wann wird mir die Bohne, Pythagoras Freundin, und andres
Frisches Gemüs' aus dem Gärtchen mit fettendem Specke bereitet?
65   O ihr Nächt' und Göttergelag'! Ich selbst mit den Meinen
Schmause vor eigenem Lar Festschmaus, und der weidliche Anwachs
Wird mir satt von des Mahls Abhub. Nach freiem Belieben
Leert ungleiche Gefäß' ein jeglicher Gast, ungefesselt
Von sinnlosem Gesetz: ob jemand tapfer den schärfern
70   Trunk sich erwähl', ob nippe des mäßigen heiterer. Also
Hebt sich Gespräch, niemals von anderer Höfen und Häusern,
Noch ob übel, ob gut ein Lepos tanze; was mehr uns
Angeht, was nicht wissen ein Schad' ist, machen wir aus: ob
Reichtum etwa die Menschen beselige, oder ob Tugend;
75   Was zu der Freundschaft führ', ob Nutz, ob biedre Gesinnung;
Auch was sei des Guten Natur, und das höchste des Guten.

Nachbar Cervius tischt mitunter uns Ammengeschichten
Auf im gelegenen Fall. Wenn wer des Arellius Reichtum,
Seiner Beschwerd' unkundig, erhebt, so beginnet er: Einstmals,

80   Wie man erzählt, bot wirklich die Feldmaus Pflege der Stadtmaus,
Drinnen in ärmlicher Höhle, vorlängst Gastfreundin der Freundin:
Rauh, und mit strengem Erwerb haushälterisch; doch daß am Gastmahl
Gern ihr geengetes Herz sich erweiterte. Kurz, sie entzog nicht
Aufgesparete Kicher, noch länglichten Hafer, vor Mißgunst;
85   Eine Rosin' auch trug sie im Mund' und benageten Speckes
Stückchen herbei; daß mit Wechsel des Mahls sie dem Ekel der Leckern
Steuerte, die kaum jedes mit stolzem Zahne berührte,
Da Hausmütterchen selbst, auf heurigem Halme gelagert,
Spelt und Trespe nur aß, der besseren Kost sich enthaltend.
90   Endlich begann Stadtmaus: Wie kann's dir behagen, o Freundin,
Daß an des waldigen Bergs Abhang' ausduldend du lebest?
Willst du nicht Menschen und Stadt den verwilderten Holzungen vorziehn?
Wandere flugs, ich rate, mit mir; da, was lebet auf Erden,
Sterbliche Seelen empfing von dem Schicksal, und der Vernichtung
95   Keiner, wie groß und wie klein auch, entfliehn kann: Trauteste, darum,
Weil du noch darfst, im Genuß der Vergnügungen lebe beseligt,
Leb', und bedenk, wie so flüchtig die Zeit sei. – Durch die Ermahnung
Ward Feldmäuschen bewegt und im Sprung enthüpft sie dem Hause.
Beid' jetzt richten zur Stadt die beschlossene Wanderung, eilend,
100   Daß noch bei Nacht sie die Mauern ertrippelten. Schon zu des Himmels
Mitte gelangt war die Nacht in der Laufbahn, als die Gesellschaft
In ein begütertes Haus eintrat, wo mit Röte des Scharlachs
Schimmerten Purpurgewand' auf elfenbeinernen Polstern,
Und wo viel noch war vom mächt'gen Schmause des Abends,
105   Hoch in glänzenden Trachten emporgeschichtet von gestern.
Als die Städterin nun auf purpurnem Polster die Feldmaus
Hingestreckt, rasch läuft sie daher als geschäftige Wirtin,
Stets Schmackhafteres reichend, und zwar ganz dienerisch treibt sie
Solches Geschäft, vorkostend ein jedes Gericht, das sie aufträgt.
110   Jen' in gemächlicher Lag' ist froh des veränderten Loses,
Und bei dem Guten vergnügt als heiterer Gast: da mit einmal
Dröhnte der Flügel Gekrach, und dem Pfühl entfielen sie beide.
Angstvoll laufen sie rings im verschlossenen Saale, doch mehr noch
Beben entseelt sie umher, als laut vom Gebelle der Hunde
115   Hallte der hohe Palast. Mir behagt nicht, sagte die Feldmaus,
Solch ein Leben; gehabe dich wohl; mein Höhlchen im Bergwald
Wird, Nachstellungen sicher, bei ärmlichen Wicken mich trösten.
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