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Satiren

Horaz: Satiren - Kapitel 16
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke
authorHoraz
translatorJohann Heinrich Voß
year1893
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSatiren
pages113
created20020627
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Die Erbschleicherei.

(Gespräch in der Unterwelt.)

Ulixes.
        Dies, o Tiresias, auch zu den anderen Meldungen, bitt' ich,
Thue mir kund: wie doch, das verlorene Gut zu ersetzen,
Mittel und Wege ich finde. Was lachst du?

Tiresias.
                                                                    Schlauer, genügt's nicht,
Heim nach Ithakas Fluren zu gehn und der Väter Penaten
5   Wiederzuschaun?

Ulixes.
                              Du, der keinen mit Lug je täuschte, du siehst, wie
Nackt ich und bloß heimkehre, da du's weissagetest; und dort
Nicht Vorräte die Freier noch Vieh mir verschoneten. Aber
Tugend ist und Geschlecht, wenn Gut fehlt, schnöder denn Seegras.

Tiresias.
Da du die Armut denn, ohn' all' Umschweife, verabscheust,
10   Höre, wie Reichtum haschen du kannst. Wenn etwa 'ne Drossel
Oder was Herrliches sonst dir geschenkt wird, flieg es zum Haus' hin,
Wo weitglänzende Güter ein Greis hegt; liebliche Baumfrucht,
Und was immer durch Kunst dein Landhof Herrliches einträgt,
Ehe der Lar, kost' alles der Reich', ehrsamerer Lar dir.
15   Sei er sogar meineidig, von dunkler Geburt, mit des Bruders
Blute befleckt, ein der Fessel Entronnener, dennoch verschmäh nicht,
Ihm im Geleit auswendig, gebietet er, gerne zu wandeln.

Ulixes.
Ich ein Trabant für Dama, den schuftigen? Nicht ja in Troja
Handelt' ich so, wetteifernd nur stets mit Besseren.

Tiresias.
                                                                                  Gut, dann
20   Bleibest du arm.

Ulixes.
                            Dies soll mein tapferes Herz mir erdulden!
Und wohl Größeres trug ich vordem! Doch weiter, woher ich
Reichtum wühl' und Haufen Metalls, weissage mir, Seher.

Tiresias.
Was ich gesagt, das sag' ich. Nach Testamenten der Greise
Hasche du listig umher; und ob auch dieser und jener
25   Schlau von der Schnur dir entwischte, nach abgebissener Angel,
Laß nicht schwinden die Hoffnung, noch gieb fehltreffend die Kunst auf.
Wird, groß oder auch klein, ein Geschäft auf dem Markte verhandelt:
Wer unbeerbt von beiden und reich ist, ob er den Bessern
Auch mutwillig und frech vor Gericht ruft, diesem als Anwalt
30   Stelle dich; jenen an Ruf und Rechtssach' edleren Bürger
Achte für Spott, wenn im Haus ihm ein Sohn, ein fruchtbares Weib ist.
»Publius, so, auch Quintus,« (ein Vornam' hallet melodisch
Zartem Gehör) »dir machte zum Freund dein hohes Verdienst mich.
Wohl ist das schlüpfrige Recht mir bekannt, und wie Sachen man ausführt.
35   Eher entreiß' ein jeder die Augen mir, eh' er verachtend
Nur um die taube Nuß dich plündere! Mein ist die Sorg' hier,
Daß du weder verlierst noch Gespött seist!« – Heiß' ihn nach Hause
Gehn und pflegen der Haut; und werde du selbst der Vertreter;
Streb' und schalt', ob nun »unmündige Statuen spaltet
40   Der rotglühende Hund,« ob, voll von feisten Kaldaunen,
Furius »graulichen Schnee auf die winternden Alpen herabspeit.«
Mancher, o schau, mit dem Arme den Nachbar stoßend, beginnt dann:
»Welch ausharrender Dulder! wie warm als Freund! wie betriebsam!«
Scharweis ziehn Thunfische heran, den Behälter dir füllend.
45   Außerdem, wenn einem ein schwächlicher Sohn in des Reichtums
Herrlichem Glanz aufwächst, daß weniger deine Verehrung
Lediger Greis' auffalle, so schmiege dich leis' in die Hoffnung
Durch Dienstfertigkeit ein, Nacherbe zu sein im Vermächtnis,
Und, so irgend ein Fall das Knäblein führet zum Orkus,
50   Einzunehmen den Platz. Ein Spiel, das selten dir fehlschlägt!
Wenn sein Testament dir jemand bietet zu lesen,
Sträube dich wohl und schiebe zurück die wächsernen Täflein:
Nur daß du schnell hinschielst, was die Anfangsseit' in dem zweiten
Absatz eigentlich woll', ob allein, ob mit mehreren teilend,
55   Werde mit flüchtigem Auge gehascht Oft weiß ein Geschäftsmann,
Der zum Schreiber gedieh, den schnappenden Raben zu täuschen;
Und es verlacht ein Coranus den Erbschaftsfischer Nasica.

Ulixes.
Rasest du? oder zum Spott weissagest du Rätsel mit Absicht?

Tiresias.
Edler Laertiad', es geschieht, was ich rede, so wahr als
60   Göttlichen Geist mir verliehn der erhabene Phöbus Apollo.

Ulixes.
Doch was die Mär' andeute, verkündige, wenn es erlaubt ist.

Tiresias.
Künftig einmal, wenn der Jüngling, ein Graun der Parther, vom hohen
Urahnherrn Äneas entstammt, zu Land' und zu Wasser
Groß ist, wird dem beherzten Coranus schlanke Gemahlin
65   Jenes Kind des Nasica, den graut zu bezahlen das Anlehn.
So nun geht es dem Schwäher; der Eidam giebt ihm die Täflein,
Daß er sie les', anflehend: es sperrt sich lange Nasica,
Aber empfängt sie zuletzt und liest stillschweigend und findet
Nichts sich selbst und den Seinen vermacht, als Heulen und Jammern. –
70   Eines empfehl' ich dir noch, wenn ein Schalksweib, wenn ein Gefreiter
Etwa den albernen Greis beherrschet mit Schlauheit, jenen
Werd' ein Genoß, lob' sie, und du wirst abwesend gepriesen.
Förderlich ist auch das; doch entscheidender siegt es, zuvor selbst
Ihn zu erobern, das Haupt. Schreibt elende Verse der Pinsel,
75   Lobe sie; liebt er die Fraun, nicht laß dich ersuchen, von selber
Mußt du Penelope willig dem Edleren bieten!

Ulixes.
                                                                          Du glaubest,
Dazu werde gebracht, die so brav ist und so enthaltsam,
Die nicht konnten die Freier vom Weg' ableiten der Tugend?

Tiresias.
Jünglinge kamen ja nur, die kargeten, Großes zu schenken,
80   Nicht um Liebe so sehr, wie um leckere Küche beschäftigt.
So ist Penelope dir wohl brav. Doch hat sie von einem
Greise gekostet einmal und geteilt mit dir das Profitchen,
Niemals wird wie der Hund vom geöleten Leder sie abstehn. –
Hör' was selbst ich in Thaten erlebt. Ein schälkisches alt Weib
85   Hatt' im Vermächtnis bestimmt, daß den Leichnam, wär' er mit Salböl
Reichlich gesalbt, austrüge der Erb' auf nackenden Schultern;
Nämlich, ob ihm sie entschlüpfen auch tot noch könnte, vermut' ich,
Weil er zu sehr sie bedrängt als Lebende. – Nahe behutsam,
Fehle du weder dem Werk noch vergeud' unmäßigen Eifer.
90   Einem, der launt und murrt, ist der Plauderer lästig; doch mußt du
Selber auch nicht still schweigen. Du steh, als komischer Davus,
Vorwärts neigend das Haupt, gar ehrfurchtsvoll von Gebärde.
Doch in Gefälligkeit schwärme! Bedeut ihn, wenn sich der Wind hebt,
Daß er das teuere Haupt wohl einhüll'; aus dem Getümmel
95   Zeuch ihn mit drängender Schulter; dem Schwätzenden spitze das Ohr hoch.
Mag er mit Ungestüme gelobt sein: Bis: O genug schon!
Er, zum Himmel die Hände gestreckt, ausrufend, bestürm' und
Blase mit schwellenden Worten den stets anwachsenden Schlauch auf.
Wenn er vom saueren Dienst dich Sorgsamen endlich erlöst hat,
100   Und hellwachenden Ohrs: »Ein Vierteil soll des Ulixes
Erbschaft sein!« du gehört: – »Also! mein redlicher Dama
Ist nicht mehr! Wo nun ein so Biederer mir, ein so Treuer?«
Schluchz' oftmals, und, kannst du, ein weniges weine dazu; das
Dient ausbrechende Freud' im Gesicht zu bergen. Des Grabmals
105   Bau, den er frei dir stellte, besorg unkarg; das Begängnis
Lob' und das Ehrengepränge, die Nachbarschaft mit Bewundrung,
Ist dir vielleicht Miterb' ein bedenklich hustender Greis, dem
Sage, wofern von dem deinen ein Grundstück oder ein Haus ihm
Ansteht, daß du mit Freuden es gebst um ein Spottgeld. Allein mich
110   Ruft mit strengem Gebote Proserpina. Lebe gesund denn!
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