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Satiren

Horaz: Satiren - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke
authorHoraz
translatorJohann Heinrich Voß
year1893
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSatiren
pages113
created20020627
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Lob anständiger Mäßigkeit.

    Welch' und wie groß sei die Tugend, mit wenigem leben, ihr Wackern:
(Nicht ist mein das Gespräch, nein, was mir geraten Ofellus,
Bäuerlich, unschulmäßig gescheit, mit derbem Naturwitz:)
Solches vernehmt, nicht unter dem Prunk der beschüsselten Tafel,
5   Wann unsinnigen Glanz anstarrt das geblendete Aug' und
Wann, auf Falsches geneigt, sich der Geist des Besseren weigert;
Nein, vor dem Mahl hier laßt uns spähn miteinander. »Warum das?«
Sagen will ich's, wenn ich kann. Schlecht taugt zu erforschen die Wahrheit
Jeder befangene Richter.
                                        Wann lang' ein verfolgeter Hase,
10   Oder ein störrisches Pferd dich ermüdete, oder (wofern dich
Römische Zucht abmattet, den Griechelnden) wann dich der Springball,
Der mit versüßendem Eifer die Bitterkeit täuschet der Arbeit,
Oder die Scheib' umtrieb; (in die weichende Luft sie geschnellet!)
Wann du den Ekel herausarbeitetest: trocken und leibleer,
15   Dann verschmäh Hauskost! dann nichts, denn hymettischen Honig
Trink' in Falerner zerflößt! Auswärts ist der Schaffner, und dunkel
Woget zum Schutz den Fischen der Meerschwall; Salz auf dem Brot wird
Schon dir den knurrenden Magen befriedigen. Wie und woher wohl
Käme doch das? Nicht ist im köstlichen Brodem die höchste
20   Wollust, nein in dir selbst. Verschaffe du leckere Zukost
Dir durch Schweiß. Wer gedunsen in Trägheit bleichte, den labt nicht
Auster und nicht Meerbrassen und kein ausländisches Schneehuhn.
Dennoch gewinn' ich es kaum, wenn ein Pfau dastehet, daß nicht weit
Lieber mit dem, als dem Huhne, den Gaum dich verlange zu kitzeln:
25   So hat nichtiger Schein dich bethört, denn der seltene Vogel
Kostet ja Gold und entfaltet des Schweifs schauprangenden Spiegel.
Als ob das zur Sache gehörete! Schmausest du etwa,
Was du lobst, das Gefieder? und bleibt dem gekochten sein Ansehn?
Doch ist besser das Fleisch um gar nichts, dieses denn jenes;
30   Nur ungleiche Gestalt verleitet dich, sehen wir. Sei's doch!
Aber wie schmeckst du heraus, ob ein Tiberishecht, ob ein Meerhecht
Dort angähnt? ob er reiner sich tummelte zwischen den Brücken
Ob an der Mündung des Stroms? Du lobst unsinnig den Rotbart,
Drei Pfund schwer, den du dennoch für einzelne Näscher zerhaun mußt.
35   Dich lockt, seh' ich, die große Gestalt. Nun, sage, warum sind
Dir großleibige Hechte verhaßt? Weil diesen, versteht sich,
Größeres Maß die Natur, den anderen kleines Gewicht gab.
Widerlich deucht das Gemeine dem kaum einst nüchternen Magen,
Wonne zu schaun, wie er groß in großer Schüssel sich ausdehnt!
40   Ruft der gefräßige Schlund, wie Harpyi'n heißhungerig. Daß doch
Käme der Süd und die Speise der Leckeren kochte! Wiewohl schon
Frisch anstinkt Waldeber und Meerbutt' einen von Unlust
Krankhaft walgenden Magen, der voll nach sauergebeiztem
Alant oder Radieschen sich sehnt. Doch ward nicht die Armut
45   Ganz von den fürstlichen Schmäusen verjagt; unachtbaren Eiern
Gönnt man und dunklen Oliven den Platz noch. Neulicher Tag' erst
Wurde des Stadtheroldes Gallonius Tafel berüchtigt
Durch den Stör. Was? nährte denn weniger Butten die Salzflut?
Sicher war im Meere die Butt' und sicher das Storchnest,
50   Bis ein prätorischer Schmecker die Zung' erst feinerte. Wahrlich,
Wenn ein Prätor verfügt, wohl schmeck' ein gebratener Taucher,
Folgsam allem Verkehrten, gehorcht die römische Jugend.

Filziges Mahl ist verschieden vom mäßigen nach des Ofellus
Richtendem Spruch. Denn umsonst entfliehst du dem vorigen Laster,

55   Wenn du verkehrt hinneigst zu dem anderen. Avidienus,
Welchem mit Recht anhaftet der schmutzige Name des Hundes,
Frißt fünfjährige Beeren des Öls und wilde Kornellen,
Ehe der Wein umschlägt, haushälterisch spart er des Fasses;
Ja, mit ranzigem Öl unerträglichen Duftes (und lass' ihn
60   Feiern die Nachhochzeit, den Geburtstag, welcherlei Fest auch,
Stattlich im weißen Gewande) beträufelt er selbst den Salat euch
Aus zweipfündigem Horn, nicht karg des verlegenen Essigs.

Welch ein Leben denn ziemt dem Verständigen? welchem von beiden
Ahmet er nach? Dort drohet der Wolf, nach der Sage, der Hund dort.

65   Reinlichkeit üb' er so weit, daß entfernt anstößiger Schmutz sei,
Weder in Zier ausschweifend, noch Unzier. Nie wird er herrisch,
Gleich dem alten Albuz, bei der Dienst' Aufgabe die Knechte
Züchtigen, aber auch nicht, arglos, wie Nävius, fettig
Wasser am Tisch darreichen; auch das ist leidiger Unschick.

70  

Lerne nunmehr, wie vieles und heilsames bringe die Hauskost.
Erstlich bleibst du gesund. Denn wie sehr vielfaches Gemengsel
Schade dem menschlichen Leib, das glaubest du, denkend, wie wohl dir
Immer bekam einfacher Genuß. Doch sobald du Gekochtes
Unter Gebratenes mengst, und Schaltier' unter Geflügel,

75   Dann aus dem Leckeren zeuget sich Gall', und inneren Aufruhr
Brütet der zähere Schleim. O siehe, wie blaß sich ein jeder
Hebt vom verwirrenden Speisengewühl! Ja der Leib, den belastet
Gestriger Schuld Unmaß, drückt selber den Geist mit herunter,
Niedrigem Staub' ankettend den Hauch der beseelenden Gottheit.
80   Jener, nachdem die im Winke gelabeten Glieder zu sanftem
Schlaf er gedehnt, springt munter empor zu den Pflichten des Lebens.
Dennoch kann er einmal zum Besseren auch sich versteigen,
Ob ein festlicher Tag in des Jahrs Umlaufe daherkam,
Ob er wünscht zu stärken den Leib nach erschöpfender Arbeit,
85   Oder die Jahr' annahen, und sanftere Pflege des Alters
Kommende Schwäche verlangt. Du dort, was willst du zu jener
Weichlichkeit dann noch fügen, die jung und stark du vorausnimmst,
Wann dich befällt Siechtum und des wankenden Greises Entkräftung?

Muffiges Schwarzwild lobte der Vorfahr: nicht weil die Nas' ihm

90   Etwa gebrach; nein, glaub' ich, nur deshalb, weil ja der Gastfreund,
Wann er zu spät einkehrt, Anbrüchiges besser vorlieb nimmt,
Als daß frisch es der Herr aufschmausete. Wär' ich mit jenem
Biedervolk der Heroen entkeimt dem Gefilde der Urwelt!

Liegt dir am ehrbaren Ruf, der lieblicher als ein Gesangton

95   Schmeichelt dem menschlichen Ohr? Die mächtigen Butten und Schüsseln
Bringen dir mächtige Schande zugleich mit Schaden. Dazu noch
Dein unwilliger Ohm, und die Nachbarn, selber du feind dir,
Und umsonst herwünschend den Tod, wenn dem Armen der Dreier
Fehlt, zu erkaufen den Strick. »Ganz recht wird Trausius,« sagst du,
100   »Also mit Worten gestraft: Ich hab' Einkünfte ja reichlich,
Und unermeßliche Güter, genug drei Königen!« – Nun denn,
Hast du zu viel; ist nichts, worauf du es besser verwendest?
Warum darbt unverdient jemand, du Reicher da? Warum
Sinken verjährt die Tempel der Ewigen? Warum so lieblos
105   Gönnst du der Heimat nicht vom unendlichen Haufen ein wenig?
Dir ja wahrlich allein, dir wird's wohl gehen auf immer!
Ha, du lautes Gelächter dem Feind' einst! Wer denn von beiden
Darf bei wankendem Glücke sich selbst herzhafter vertraun? Er,
Der an mehreres üppig so Leib als Seele verwöhnt hat?
110   Oder vielmehr, wer, mit Kleinem vergnügt, vorsorgend der Zukunft,
Schon im Frieden, ein Kluger, was not zum Kriege, bereitet? –

Daß du es gläubiger hörst: als Knab' hab' ich diesen Ofellus
Wohl gekannt, der im vollen Besitz nicht üppiger lebte,
Als im geschmälerten nun. Da seht auf vermessenem Gütlein

115   Ihn mit Söhnen und Vieh, den tapfer bestellenden Mietling;
»Niemals hab' ich so leicht,« erzählet er, »außer am Festtag
Etwas gegessen denn Kohl und ein Stück des geräucherten Schinkens.
Aber besuchte mich einst ein lang' ungesehener Gastfreund,
Oder im müßigen Regen, zum Tisch willkommen, ein Nachbar,
120   Dann ging's hoch: nicht Fische, geholt aus der Stadt, nur ein Böcklein
Schmausten wir oder ein Huhn. Dann kam zum prächtigen Nachtisch
Stattlich die hangende Traube, die Nuß und die doppelte Feige.
Dann kam lustiges Spiel, wo der Fehl war König des Trunkes.
Sprengten wir jetzo der Ceres, daß so fortwüchse der Fruchthalm,
125   Aufgeklärt war im Wein der gerunzelten Stirne Bewölkung.
Tobe mit neuem Tumulte daher Fortuna! Wie viel wohl
Kann sie entheben von hier? Um wie viel weniger sind wir
Glatt, ihr Bursch', im Gesicht, seit kam der neue Bewohner.
Denn nicht gab ja Besitz die Natur und eigenen Boden,
130   Ihm so wenig, wie mir, noch sonst wem. Jener vertrieb uns;
Ihn wird, wo Lockerheit nicht, doch Unkund' spitzigen Rechtes,
Oder gewiß austreiben ein frisch nachlebender Erbe.
Jetzo heißt nach Umbrenus das Gütlein, jüngst nach Ofellus,
Eigen indes wird's keinem; nur Nießbrauch bietet es bald mir,
135   Bald dem anderen dar. Wohlan denn, tapfer gelebt mir,
Und mit tapferer Brust andringendem Übel begegnet!«
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