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Johan Skjoldborg: Sara - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJohan Skjoldborg
titleSara
publisherVerlag von Georg Merseburger
year1913
firstpub1912
translatorLaura Heldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
projectid645d4c1d
wgs9110
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6.

Die Maisonne überflutete das Land rings um den Wiesenhof herum. Unaufhaltsam wälzte sich eine Lichtwoge nach der anderen über die Gegend, und die Erde trank und trank unersättlich, weil sie ein halbes Jahr lang in Kälte und Winterstarrheit dagelegen hatte.

In der Talsenkung, südlich vom Hofe, stand es ganz gelb von Dotterblumen, die die Wurzeln in den feuchten Boden gruben und das ganze Himmelslicht und die Wärme in sich aufsaugten. Die Gänsewiese dicht am Hofe war über und über besät mit Gänseblümchen, die wie tausend Sterne funkelten. Die grünen Spitzen des Winterroggens dehnten und reckten sich, und der Klee ward dicht und breit auf den langen Feldern. Es war fast, als sähe man die Blätter sich dehnen und wachsen. Die Sonne lockte überall Leben hervor, nichts konnte widerstehen.

Es ist ein Tag, der die Menschen froh macht, denn nun wissen sie, daß es auch in diesem Jahre wieder Sommer wird.

Der Alte drüben in Vadgaard ist zum ersten Male draußen. Er ist nach der Ostseite gekrochen, wo für ihn eine Bank steht. Dort sitzt er nun mit wackelndem Kopf in der Sonne und blickt hinaus über die Strandwiesen und die Segelboote des Fjords.

Niels, der Wiesenhofbauer, hat ebenfalls seinen Sitz am Wohnstubentisch verlassen. Er schreitet bedächtig über die mit Frühjahrssaat bestellten Felder, – langsam, weil er den Anblick der ersten bräunlich-grünen Sprossen, die zwischen den Furchen hervorlugen, genießen will. Dann und wann dreht er sich um, beobachtet, wie die Lichtwellen unaufhaltsam sich ergießen und wie wohl die Ernte in diesem Jahre ausfallen wird.

Und die samenerfüllte Luft hallt wieder vom Gezwitscher und Tirilieren der kleinen Vögel, die hin und her schießen und auf und ab in ihrer Freude nicht wissen, auf welchem Flügel sie gleiten sollen.

Es ist wirklich Frühling.

Es steht eine Reihe von Kirschbäumen am äußersten Ende des Wiesenhofgartens; sie sind weiß von Blüten, die wie weiße Schleier über den Zweigen hängen. Dahinter sieht man im Garten zwei Gestalten Wäsche aufhängen; es sind Sara und Boel. Man hört auch ihre Stimmen. Sara lacht viel, und ihr Gelächter ist voller Freude.

Nachdem Boel sich entfernt hat, wird es still, aber nur einen Augenblick. Sara beginnt zu singen, erst leise, dann lauter, als müßte sie ihren Gefühlen Luft machen. Zuletzt stimmt sie an aus voller Brust, daß die Töne durch das Land klingen. Und es liegt Frühlingsjubel in ihrem Gesang.

Anders ist vom Osten um den Hof herumgekommen; er horcht und schreitet am Gartenwall entlang durch einen Wald von Klettenblättern und Schierling, die hier üppig wuchern. Er flötet zweimal auf bestimmte Weise, und sofort zeigt sich Saras Antlitz inmitten der jungfräulichen Blütenschleier der Kirschbäume.

Sie sieht so jung und frisch aus, ihre Augen sind so blau, und ihr Haar so goldig, daß sie selbst wie eine Frühlingsblume anzusehen ist.

»Du – Sara!«

»Boel kommt gleich zurück!« flüstert sie und lächelt mit blitzenden Zähnen.

Er legt sich flach auf den Wall des Gartens; sie beugt sich vor, und sie küssen sich, während die Maisonne in den unschuldweißen Blüten über ihren Häuptern spielt.

Aber schon hört man Boel an der Hausecke husten.

»Na,« sagt Anders laut, als ob dies der Grund seines Kommens sei – »heute sollen die Kühe zum ersten Male aufs Gras!«

»So –, das sollen sie!« antwortet Boel und tut ganz gleichgültig.

Anders blickt mit vernünftigem Ausdruck in die Luft hinauf.

»Ja, es wird jetzt Zeit!«

»Es ist wahrhaftig auch Sünde, bei diesem Wetter irgendeine Kreatur drinnen festgebunden zu halten!« sagte Boel.

»Ja, du hast recht. Wenn ihr hier fertig seid, wollt ihr dann in den Hof kommen und uns helfen? Denn wir müssen alle miteinander Hand anlegen; sie sind natürlich ganz wild!«

Ja, das würden sie schon tun. Und die Mädchen fanden, es sei ganz lustig, daß sie sich mit den springlebendigen Kühen befassen sollten.

Sara summt leise vor sich hin, während sie die nasse Wäsche anklammert. Dann und wann werden die Töne lauter, aber meistens trällert sie nur mit halblauter Stimme; ganz stillschweigen kann sie nicht.

Plötzlich ruft Boel: »Wie zum Teufel – Gott verzeih mir das Fluchen – hängst du denn die Hemden auf!«

Sara hat ein Männerhemd an den Ärmeln angeklammert, anstatt unten an der Naht, so daß es nun wie eine Vogelscheuche hin und her schlenkert.

Sara lacht, als hätte sie nie im Leben etwas so Komisches gesehen; sie weint geradezu Tränen vor Lachen.

»Ach – du bist wirklich ein dummes Ding, ein Kalb, das bist du! Gott mag wissen, woran du nun wieder denkst!« bemerkt Boel gutmütig und lächelt darüber, daß Sara so vergnügt ist.

Noch nach einer ganzen Weile, als Sara auf einem Stuhl steht, um hinaufreichen zu können, lacht sie und kommt dabei in Gefahr, hinunterzufallen, weshalb sie aufschreit und mit den Armen um sich schlägt, als seien es Flügel.

»Willst du nicht am Ende gleich davonfliegen, mein kleines Täubchen,« bemerkt Boel.

Und auch das findet Sara so komisch.

Die weiße Wäsche wird inzwischen rasch auf die schaukelnden Schnüre gehängt, die über dem Trockenplatz ausgespannt sind.

Und immer noch singt und summt und trällert Sara dabei.

»Scheint dir nun wirklich,« fragt Boel einmal, »daß das Leben so herrlich ist?«

»Ja,« antwortet Sara oben auf ihrem Stuhl, wo sie schlank und froh und voller Erwartung mitten im Sonnenschein steht. –

Es ist ein wahres Fest in einem Bauernhofe, wenn kräftige, gut gefütterte Kühe zum ersten Male im Frühling aufs Gras sollen. Sie stehen drinnen in ihren Verschlägen und werden ganz verrückt von den Frühlingsdüften, die zu ihnen hereinströmen. Sie sind wie berauscht und trippeln hin und her vor Sehnsucht. Und sobald die Stricke gelockert werden, springen sie in tollen Sätzen davon, daß es in den Klauen knackt.

Die erste, die Sören, der Großknecht, herausführt, ist sehr manierlich; es ist die Älteste des Stalles. Mit der, meinen sie, wird wohl der Junge losziehen können. Plötzlich schlägt sie indessen die Hinterbeine in die Luft und rennt im Galopp davon.

»Die sollte sich schämen, das sollte sie! So ein altes Ding mit ihrem Hängebauch!« sagt Boel.

Sara steht bereit, die nächste zu empfangen, aber da es die große Bleßkuh ist, will Anders es nicht zugeben. Für die wird er schon selber sorgen. Boel verzieht bei dieser Veranlassung spöttisch die Mundwinkel und pustet leise.

Die Bleßkuh ist schwer wie ein Stier; sie prustet vor Stärke. Mit berauschtem Blick steht sie da und geifert und brummt, während Sören ihr das Klappholz umtut. Die warme Sonne kitzelt ihr den Rücken, daß sie mit dem Schwanze um sich schlägt.

Anders befestigt schon den Ring am Tüder und will eben gehen, aber noch ehe sich jemand dessen versieht, schlägt die Bleßkuh den Kopf zurück und macht einen Satz, daß ihm das Tüder aus der Hand fliegt.

»Das war großartig!« murmelt er.

Boel hat indessen den Strick ergriffen, und nun traben sie miteinander immer rings im Kreise, Boel und die Bleßkuh.

»Paß auf, Boel, daß nur keiner von euch Schaden nimmt!« ruft Maren, die Bäuerin, laut über den Hof hinüber; sie führt die Oberaufsicht.

»Pack sie am Maul!« ruft Anders.

Aber Boel ruft zurück, daß sie schon mit solchem Bürschchen fertig werden wird. Sie strafft das Tüder und schlägt sie an den Kopf, daß sie mit den Augen blinzelt und dabei rückwärts mit ihr läuft; sie gleitet wie auf Eis.

»Paß auf, Boel, nun geht's gewiß schief!« Die Wiesenhofbäuerin wird ängstlich.

»Pack sie am Maul!« ruft Anders.

Vier Hornklauen klappern um die Wette auf dem Pflaster mit Boels Holzschuhen.

Sara kann hin und wieder ein Kichern nicht unterdrücken; denn Boel schimpft und kreischt gegen das ausgelassene Tier.

Aber Maren sagt: »Das ist durchaus nicht zum Lachen; es ist unsere beste Kuh!«

»Pack sie am Maul!« ruft Anders abermals und nähert sich, um ihr zu helfen.

Boel hat schon das Klappholz gepackt und zerrt die Bleßkuh derartig, daß sie sich beinah überschlägt, weil sie sich selbst auf die Klauen tritt, die im Laufe des Winters eine unglaubliche Länge erreicht haben.

Angefeuert durch die Zurufe und die ihr geschenkte Aufmerksamkeit, ist Boel selber ganz wild geworden, und sie schreit siegesbewußt: »Nein, meine Gute, hier bist du an die Unrechte gekommen!« Und gleichzeitig gibt sie der Kuh vorn einen Fußtritt.

Das hätte sie nicht tun sollen. Denn nun rast die Bleßkuh davon, als ob es weder Boel noch andere hemmende Mächte gäbe, und Boel stürzt, mit den Röcken über dem Kopf, zur großen Belustigung der Zuschauer.

Die Kuh genießt in ausgelassenen Sprüngen ihre Freiheit. Nachdem sie eine Weile umhergelaufen ist, steht sie plötzlich von selber still vor der Pumpe; sie streckt ihre Schnauze in die Luft und läuft dann über den Hof, als sammle sie in ihrem mächtigen Schlunde die Proteste aller stummen Kreaturen gegen menschlichen Zaum und Zwang.

Dann läßt sie sich von Anders einfangen, der sie ganz ruhig fortzieht, ohne den allergeringsten Zwischenfall.

Die nächste Kuh bekommt Sara. Sie läuft mit ihr davon. Ihr Nackenknoten hat sich gelöst, und mit wehendem Haar saust sie zur Toröffnung hinaus.

»Wie das wohl gehen mag?« fragt die Wiesenhofbäuerin.

»Ach, Anders wird ihr schon helfen, wenn es not tun sollte,« bemerkt Boel trocken, »davon bin ich überzeugt!«

Die Wiesenhofbäuerin rümpft die Nase, und dann kommt wieder eine Kuh, die für den zurückgekehrten Jungen bestimmt ist.

Niels, der Bauer, hat sich eingefunden. Mit dem Lächeln um den Mund, das die sprossende Frühjahrssaat hervorgelockt hat, steht er da und sieht zu.

Dann und wann gebraucht er einer Kuh gegenüber seinen Stock, aber meist raucht er seine Pfeife und freut sich über all das Leben, das an diesem herrlichen Frühlingstag sich ringsumher entfaltet. – – –

Der Mittagsschlaf hat begonnen im Wiesenhofe, aber Sara kann nicht schlafen; es ist ihr, als sei schlafen eine Sünde bei so klarer und blauer Luft. Solch einen Frühling hat sie noch nie erlebt; jeder Augenblick ist wie eine Perle, von denen sie keine missen möchte. Sie setzt sich auf eine Bank im Garten, wo die Sonne auf die Spalierbäume herunterbrennt, zwischen deren Zweigen die Insekten summen. Sie hat die Empfindung, als höre und sehe sie doppelt soviel wie sonst. Ihre Sinne sind so wach, daß ihr ist, als könne sie nie wieder schlafen und nicht müde werden, ihrem Geiste die rinnenden Minuten einzuprägen.

Welcher Glanz liegt über allen Dingen; wie lebhaft alles zu ihr spricht; wie zum Beispiel die Vergißmeinnicht dort drüben; ein ganzes Beet voll, ein Meer von Blau – Wogen ruhiger Sicherheit, und ein Gefühl des Friedens durchzieht ihr Gemüt beim Anblick der herrlichen blauen Farbe. Es ist die Blume der Treue.

Und im Rasen, gerade zu ihren Füßen, erhebt sich ein Stengel aus dem grünen Grund des Bodens; er schwankt mit seiner leichten, hellen, rosenroten Krone – das zarte, zitternde Herzblümchen ist es, das so stille flammt in liebesroten und unschuldsweißen Farben. – –

Sie hatte versprochen, sich heute abend im Schilf des Sumpfes mit ihm zu treffen. – Sie lächelt, in Gedanken versunken, die ihrem Antlitz eine wunderbare Reinheit und Klarheit verleihen. Und sie hebt den Blick all den leuchtenden und strahlenden Dingen entgegen.

– – – Es ist die Jahreszeit, wo das Wetter schnell wechselt. Am Spätnachmittag wird die Luft so sonderbar; sie verdunkelt sich hoch oben, daß die weißen Segel des Fjords und die getünchten Giebel stärker hervortreten; die Höfe und Bäume werden deutlicher und zeigen schärfere Umrisse. Der Wind nimmt zu, ist aber durchaus nicht kalt. In hastigen Stößen kommt er daher, kleine Wirbelwinde jagen über die staubigen Wege.

Die Kühe werden unruhig und wollen nicht mehr fressen. Namentlich die Kälber beginnen zu brüllen; sie stehen ganz still und brüllen unablässig gen Südost.

Die Wolkenbogen kehren dem Winde den krummen Rücken zu; sie wollen sich treiben lassen; das ist ein sicheres Zeichen.

Die Blätter der Bäume rascheln; die Pappelblätter wenden sich hurtig; sie wollen Wasser haben.

Die Luft ist abwechselnd hell und dunkel. Die Unruhe hält eine Weile an, und die Kälber fahren fort zu brüllen nach Südosten zu.

Dann aber beginnt in der Luft ein Sausen, erst schwächer, dann stärker; es saust, als würde irgendwo in der Ferne eine Schleuse geöffnet. Und danach stürzt der Regen in Strömen hernieder.

Das Vieh wird naß, die Menschen werden naß, triefend naß, ganz durchweicht. Aber schnell kommen die Tiere unter Dach, und die Augen, der Menschen schauen vergnügt aus dem nassen Gesicht hervor; denn Regen ist des Landmannes Freude, er ist Gold im Schoß der Erde.

Als sie fertig sind, steht Sara ein Weilchen mitten im Regen; lächelnd mit blitzenden Zähnen breitet sie die Arme aus und öffnet und schließt die Hände um die herabfallenden Wasserstrahlen, die ihr durch die Finger entschlüpfen.

Und Anders steht hinter der Tür des Brauhauses ganz versunken in ihren Anblick.

Nachdem die Regenwolken sich verzogen haben, glänzen die erquickten Blätter der Felder im letzten Schein der untergehenden Sonne. Auf der anderen Seite des Fjords leuchten die viereckigen Kornfelder der westlichen Abhänge; es glänzt vom Schieferdache der Södaler Meierei, und eine Fensterscheibe des Hofes in Bjärgby funkelt und blitzt.

Nach dem Schauer ist der Abendfrieden so lind und weich.

Und während Dunkelheit die Erde umhüllt, atmet sie satt, selig und fruchtbar.

Sara öffnet ihr Kammerfenster und läßt die herrliche Abendluft hereinströmen. Sie lehnt sich hinaus aus dem Fensterrahmen und blickt nach allen Seiten. Sie erwartet jemand.

Der Duft aus allen Stauden steigt zu ihr empor, und sie saugt ihn mit Wohlbehagen ein; ein eigenartig starker Duft übertäubt alle anderen, – er kommt von den Zwiebelgewächsen drüben auf den Beeten.

Es wächst im verborgenen, wächst im Halbdunkel, wo die Blattpflanzen schwer von Regentropfen stehen.

Es rührt sich etwas; Sara dreht den Kopf; aber es sind nur ein paar kleine Vögel, die den Zweig wechseln, so daß die Tropfen auf die anderen Blätter niederrieseln.

Es liegt eine satte Ruhe über dem Garten, eine Stille, geschaffen zum Wachsen und Träumen, zum glücklichen Träumen.

Niemals hätte Sara geglaubt, so fühlen zu können, wie sie es jetzt tut, eine solche Welt kennen zu lernen, eine so neue und reiche Natur in ihrer Brust. Wie wunderbar das Leben ist und wie dunkel es emporwächst aus dem Grunde.

Sie begreift, daß sie jetzt erst das Leben kennt. – –

Ein einzelner Kiebitzschrei tönt herauf aus den Strandwiesen. Aber wieder umschließt die Dunkelheit und Stille alle Düfte und Träume und das wachsende Leben. – –

Endlich kommt die Gestalt eines Mannes, schreitet am Gartenwall entlang und folgt dem Graben, der zum schilfreichen Sumpfe führt.

Da zieht sich Sara zurück und schließt das Fenster.

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