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Johan Skjoldborg: Sara - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJohan Skjoldborg
titleSara
publisherVerlag von Georg Merseburger
year1913
firstpub1912
translatorLaura Heldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
projectid645d4c1d
wgs9110
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2.

Zu Laras Füßen breitet sich die Fjordlandschaft aus, wie eine neue Welt, in die sie hineinschreitet. Unten im fruchtbaren Flachlande liegt das große Tor des Wiesenhofes und wartet auf den Klang ihrer Schritte. Dort soll sie also jetzt ihr Leben leben – in dem Geburtshofe von Anders ...

Welch gute Augen er hatte – und wie er führen konnte beim Tanz, so spielend leicht durch all die anderen hindurch; stets konnte er sich herauswinden. Und wie zart er einen umfaßte ... so merkwürdig, daß es einem gleichsam im Herzen wohltat.

Sara lächelt, während sie gedankenvoll den Fußsteig hinabschreitet, der sich in vielen Krümmungen den Berg hinunter schlängelt.

Das da ist also nun das Leben, das vor ihr liegt, das reiche, wunderbare Leben. Ihre Brust hebt sich, und sie atmet in kleinen, kurzen Stößen, wie ängstlich. Ihr Körper hat kein Gewicht, ihre Füße bewegen sich von selber; sie schwebt – – –

Das fruchtbare Talland hier unten hat mit den sandigen Berghöhen nichts gemein. Fuder für Fuder goldgelber Rüben werden vom Felde heimgebracht. Die Bauernhöfe, an denen sie vorbeischreitet, sehen alle so wohlhabend aus, einer wie der andere, es liegt wie Ruhe und Zufriedenheit über ihnen. Hinter ihren Kornhaufen sieht man sie liegen, wie satte, schläfrige Tiere.

Sie betritt einen sumpfigen Weg, der zu beiden Seiten aufgeworfene Erde hat, und bleibt an einem Heckloch stehen, um ein paar Füllen zu beobachten, die wild umherlaufen und nicht wissen, was sie mit all der jungen Kraft anfangen sollen, die in ihren Muskeln federt. Sie lehnt sich über das Heckloch und streckt die Hand aus nach dem zunächst Stehenden. Es hält still und blickt das junge Mädchen mit seinen glänzenden braunen Augen an; darauf kommt es vorsichtig näher auf seinen blanken, graugeflammten Hufen, die klar und feucht sind von dem saftigen Wiesengras, und streckt ihr sein schnaubendes Maul entgegen. Kaum hat sie aber das weiche, warme Maul liebkosend berührt, so setzt es auch schon in den ausgelassensten Sprüngen davon, hinein in die grüne Wiese.

Wie Unruh und Freude zuckt es um Saras Schultern, und ihren weißen Zähnen entschlüpft ein stilles, kaum hörbares Lachen, eine verständnisvolle Freude, die ihr aus tiefster Brust quillt. –

Je näher Sara dem Wiesenhofe kommt, um so ernster wird sie. Sie will gern den Leuten dort gefallen. Unwillkürlich blickt sie an sich hinunter und streicht mit der Hand über ihr Kleid; sie ist setzt sehr zufrieden, daß sie nicht gespart hat ... Ihre neue Kommode, die war wohl schon angekommen, – es war nicht unmöglich, daß sich sogar im Wiesenhofe keine so schöne fand. Sie hatte den Tischler Lars auch gebeten, sich die größte Mühe zu geben. Jedenfalls würden sie wohl finden, daß es ein feines Stück Möbel war mit den gelben Blumen, die er so hübsch auf die Schubladen gemalt hat ...

Wie sie nun die Pappelallee betritt, die zum Hofe führt, ist es, als würde der Boden unter ihr lebendig. Wie ein heißer Strom saust es ihr um die Schläfen und den Rücken entlang. Diesen Weg muß sie wandern; da gibt es kein Ausweichen; diese Allee ist für sie angelegt.

Daher kommt es ihr auch ganz feierlich vor, hier zu gehen. Seltsam saust über ihrem Haupte der Wind in den Zweigen. Die hohen Bäume sind wie ein Säulengang; und das hohe, sich daranschließende Tor ist wie der Eingang zu etwas Geheimnisvollem. –

Der fette, schmutzig-gelbe Hofhund empfängt sie mit einem heftigen Gebell, das laut zwischen den Außengebäuden widerhallt. Es erschreckt sie derartig, daß sie ganz blaß wird. Sie beugt sich lockend vor, um das Tier zu versöhnen. »Thor« wedelt ein paarmal zufrieden mit dem Schwanz und leckt sich um den Mund; er gestattet ihr zu passieren und sieht mit einem welterfahrenen Blick dem jungen Dinge nach, das auf hübschen Mädchenfüßen in neuen Knöpfschuhen über das Steinpflaster trippelt.

Die Wohnstube des Wiesenhofs ist von altmodischer Niedrigkeit, aber sehr geräumig. Der Platz ist ausgefüllt mit Möbeln und Bildern, wie in den Häusern wohlhabender Leute. Hier haben stets wohlhabende Leute gewohnt, das sieht man. Wahrscheinlich war es dasselbe Großbauerngeschlecht seit mehreren Generationen. Die massiven Mahagoni- und Eichenmöbel stammen aus verschiedenen Perioden. Sie sind ererbtes Gut. Alles ist frisch poliert und gut erhalten. Es ist Überlieferung in diesem Zimmer. Hier und da hängen Bilder, vergrößerte Photographien und Kohlezeichnungen; es sind Vorfahren, Onkel und Tanten.

Man sieht auch sofort, daß die Wiesenhofleute nicht von vorne angefangen haben. Der Bauer sitzt vor der ausgezogenen Klappe des Sekretärs und liest die Zeitung, wobei er seine Meerschaumpfeife raucht. Er ist hübsch gewesen, seine hellblauen Augen haben noch immer etwas Sanftes und Gewinnendes. Aber er ist keiner von denen, die sich durchringen. Er sitzt behaglich da mit ein paar warmen Plüschpantoffeln an den Füßen. Man sieht deutlich, daß er mitten im ererbten Gute sitzt.

Ebenso sicher ist es, daß die Bäuerin, die mit einem Nähzeug am Fenster Platz genommen hat, von wo aus sie Umschau hält, sich wieder in anderer Weise auf ihre Vorfahren stützt. – Sie hat viel von dem Ausdruck eines Adlers an sich: das Hochmütige, das allen anderen über den Kopf sieht. Sie hat niemals eine Rechnung in der Hand gehabt, die sie nicht hat bezahlen können, und das haben ihre Vorfahren seit mehreren Generationen ebenfalls nicht. Im übrigen ist sie ein wohlgenährtes Weib mit einer stattlichen Haltung. Und wenn sie zum Fenster hinaussieht, scheint ihr Blick bis in die fernsten Winkel zu dringen.

Sobald Sara in diesem Zimmer steht, begreift sie sofort, daß ihre Kommode mit den Prachtblumen des Tischlers Lars nur Plunder ist. Sie atmet leise auf mit einem tiefen Seufzer. Dies ist für sie ein fremdes Haus.

Und als die Leute zu ihr sprechen, ist ein fremder Klang in ihrer Stimme.

»Soo, du heißt also Sara. Hoffentlich bist du manierlich,« sagt die Bäuerin und mißt sie von oben bis unten mit den Augen. »Ich habe übrigens stets nur Gutes von Jakob Weidenhäuslers Kindern gehört.«

Sara fühlt sich nicht wohl unter dem Blick der Wiesenhofbäuerin und tritt von einem Fuß aus den anderen.

Der Bauer Niels läßt langsam den Rauch aus seinen weichen, lüsternen Lippen entweichen und betrachtet mit Wohlbehagen ihren schlanken, festen Körper.

Wiederum mustert die Frau Sara so scharf, daß diese die Empfindung hat, als stände sie entblößt da von dem Pelzwerk, das sie unter vielen Bedenken für ihre letzten Groschen gekauft hat, gerade um auf diese Menschen einen möglichst guten Eindruck zu machen.

»Na, also putzen willst du dich auch!« Es klingt fast wie Hohn in dem Ton der Bäuerin, so daß Sara die Augen niederschlägt.

»Es kann deshalb ja aber trotzdem sein, daß du ordentlich bist!«

Sara schlägt ihre großen blauen Augen auf, und sie sind so klar und voller Unschuld, daß die Wiesenhofbäuerin milde gestimmt wird.

»Ja, ja, Sarachen, so wollen wir denn hoffen, daß wir beide gut miteinander auskommen werden.« Frau Maren versucht sogar zu lächeln, aber dieses Lächeln ist etwas künstlich und ohne Innigkeit. Sie schiebt den Lehnstuhl zurück und erhebt sich hoch und stolz, um Sara ihre Kammer anzuweisen.

Als Sara das Zimmer verläßt, blickt Niels, der Bauer, verstohlen zur Tür, und es ist, als schmecke er den Tabak zweimal.

Sara sucht sich zurechtzufinden in den Räumlichkeiten des Wiesenhofes jetzt am ersten Tage. Es gibt dort viele Türen zum Ein- und Ausgehen. Überall herrscht die größte Sauberkeit, und die gepflasterten Dielen des Wasch- und Brauhauses sind gescheuert.

Aber in diesem Hofe ist etwas, das sich Sara schwer auf die Brust legt. Vielleicht auch erscheint ihr nur deshalb die Luft so drückend, weil ihr noch alles so unbekannt ist.

Sie trifft das andere Mädchen, das mit einem Eimer in der Hand angerannt kommt, sie hat nackte, dicke braune Atme. Boel ist älter als Sara und sieht aus wie eine Frau; man sieht es ihr an, daß sie Kinder gehabt hat.

»Na, das ist unser neues Mädchen!« sagt sie, und ihre Augen überfliegen hastig Sara. »Ich hoffe, du kannst was leisten; denn hier müssen wir uns gehörig tummeln!«

Sara lächelt ihr freundlich zu; doch Boel achtet kaum darauf, und bald ist sie wieder mitten in der Arbeit.

Auch diese gefällt Sara nicht. Sie geht hinein in ihre Kammer und wieder heraus. Sie fühlt sich hier arm, fremd und überflüssig.

Da hört sie jemand kommen. Sie horcht mit den Ohren, den Augen, dem ganzen Körper. Sie stützt sich auf den rechten Fuß, der linke berührt den Erdboden nur mit der Zehenspitze, und der Kopf ist dem Laut der Schritte zugewandt, die näher und immer näher kommen.

Einen Augenblick ist sie unsicher; sie denkt daran fortzulaufen.

Aber dann steht Anders, der Sohn vom Wiesenhofe, grad vor ihr in dem klaren Licht des Nachmittags, das voll zu den großen Fenstern des Brauhauses hereinströmt.

Er drückt ihr warm die Hand und sagt erfreut: »Willkommen, Sara!«

Sara ist es, als käme mit ihm die Sonne ins Haus. Ihre Augen leuchten, und ihre Wangen brennen.

Mit einem Male werden die kalten Räume des Hofes licht und warm, wie wenn plötzlich im Dunkeln ein großes Feuer angezündet wird.

Anders vom Wiesenhof sieht seinem Vater ähnlich. Er ist vollwangig, aber blaß; seine Augen sind ganz hellblau, seine Lippen dick und dunkelrot, dazu hat er gelbes, lockiges Haar.

Sara dankt zurückhaltend und sucht ihre Freude zu verbergen.

Es kommt jemand.

Sara schreitet leichtfüßig einher; sie ist nicht mehr allein; sie fühlt sich nicht mehr fremd hier. Der Widerhall ihrer eigenen Schritte ängstigt sie nicht mehr.

Ihre kleine Kammer liegt nach dem Garten hinaus. Der Fjord ist nicht weit; sie kann das singende Sausen von da draußen hören. Lange steht sie da und lauscht. Und ihr Blick wird so ruhig, als sei sie fröhlichen Herzens.

Sie schüttelt sich leicht, und dann setzt sie sich, legt die Hände in den Schoß und betrachtet des Tischlers Lars Meisterwerk. Sie besaß bisher keine Kommode und findet diese so nett. Und dann ist es ihr Eigentum, für das sie lange gespart hat.

Sie findet den Schlüssel und öffnet sämtliche Schubladen, eine nach der anderen, um zu sehen, ob das Zeug auch ordentlich liegt, viel hat sie ja noch nicht. Sie nimmt eine neue weiße Nachtjacke heraus mit ausgezackter Halskrause und fängt an, sich auszukleiden.

Das braune Wollkleid mag wohl geniert haben; denn sie reibt sich und streicht mit der Hand über den festen weißen Hals, wie liebkosend. Dann strafft sie das Hemd über der strotzenden Brust.

Nachdem sie noch dies und jenes fingeriert hat, hüpft sie hinein in das saubere Bett, in dem sie sich recht behaglich ausstreckt.

Und dann faltet sie die Hände.

Gleich darauf umfängt sie ein leichter Halbschlummer; aber die Gedanken arbeiten noch fort. Sie sieht ein helllockiges Haupt vor sich und ein Paar rote, stark gewölbte Lippen, deren Winkel in einer dunklen Falte endigen, die ihr so gut gefällt.

Und mit diesem Bild vor Augen schläft Sara ein.

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