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Johan Skjoldborg: Sara - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJohan Skjoldborg
titleSara
publisherVerlag von Georg Merseburger
year1913
firstpub1912
translatorLaura Heldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
projectid645d4c1d
wgs9110
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1.

Die Hallumer Höhen zeichnen sich am Horizont in so wunderbar schönen und schlichten Linien ab, als habe Gottes Finger diese Linien am Morgen aller Morgen selbst gezogen. Vor Kraft strotzend, wie der Rücken eines Riesentieres, dessen Füße tief in der Erde wurzeln, liegen sie da.

Deshalb zieht diese Höhenlinie auch allemal den Blick auf sich, sei es, daß man den Weg benutzt, der dicht daran vorbei führt, oder daß man sie nur in der Ferne, sich leicht und zart von den Wolken abhebend, schimmern sieht.

Bei trübem Wetter stehen die Hügel schwermütig da, als grübelten sie über ihre eigenen Schatten. Der Weg hastet verstohlen an ihnen vorbei dem offenen, sonnigen, flachen Lande zu.

Bei milder Beleuchtung jedoch fesseln diese weiten heidebewachsenen Erdhügel durch ihren Liebreiz; namentlich bei sinkender Sonne liegt es wie ein ewiger Friede auf diesen unberührten Höhen.

Nur hie und da sieht man einen Fußsteig oder einen Hohlweg. Die wenigen Menschen, die hier wohnen, sind kleine Leute, die ein billiges Fleckchen Erde gefunden haben, wo sie untergekrochen sind. Und diese Leute gehen hin und her auf den Fußsteigen mit den schweren Schritten der Armen; still und schweigsam bewegen sie sich in der großen Einsamkeit.

Eines Tages, es ist der erste November, kommt ein junges Mädchen durch die Talsenkung gegangen, die das Langetal heißt; gerade jetzt kommt sie hinter einem vorspringenden Hügelknoten zum Vorschein.

Diese hier geht nicht stille; man könnte weit eher sagen, daß sie über den weichen, halbwelken Grasboden dahintanzt.

Sie mag ungefähr achtzehn Jahre zählen.

Es ist Sara, die Tochter des Weidenhäuslers: – es war nicht leicht gewesen, Namen für all die vielen Kinder zu finden.

Sie ist die Tochter eines arbeitsgewohnten, wetterharten Geschlechts. Hier auf den Sandhügeln ist sie groß geworden. Hier oben gehört sie hin. Sie ist eines der armen Mädel hier draußen von den Höhen, die von klein auf sich ihr Brot bei Fremden verdienen müssen.

Hübsch ist sie nicht mit ihrem rötlichen Haar und den vorspringenden Backenknochen. Doch ihre zarte Haut, ihre blendend weißen Zähne und ihre blitzenden blauen Augen leuchten einem förmlich entgegen. Über ihrer Person liegt ein Schimmer von Unschuld und Gesundheit, und ihre Augen und ihr Mund lassen ahnen, daß sie heimlich im Herzen etwas Teures, Helles trägt.

Sie schreitet über den Erdboden hin als würde sie von irgendetwas in ihrem Innern sanft gehoben. Ihre Hüften sind voll Leben, und eine kitzelnde Unruhe ist in ihren Schultern.

Jetzt geht sie erst nach Hause zu den Eltern und den Geschwistern, und dann soll sie ihre neue Stellung antreten im Wiesenhof unten am Fjord.

... Es war Anders, der Sohn, der sie gedungen hatte. Sie hatten auf ein paar Sommerfesten viel miteinander getanzt, – wie der zu führen verstand ...

Sie lächelt und kann gar nicht ordentlich und vernünftig auf ihren Beinen gehen; sie muß dann und wann 'mal einen kleinen Sprung machen.

Es ist auch niemand da, der sie sieht; sie kann sich daher gehaben wie sie will. Und dann macht sie noch einen kleinen Sprung.

Sie betrachtet ihre netten Knöpfschuhe; sie sind funkelnagelneu. Sie hebt den Rocksaum etwas, um zu sehen, wie sich ihre Füße darin ausnehmen.

Sara war noch nie in ihrem Leben so fein wie heute: braunes wollenes Kleid, schwarze anschließende Tuchjacke und Mütze, Kragen und Muff aus Pelzwerk. Diese Pelzgarnitur war es, die so viel gekostet hatte, daß der ganze Lohn draufgegangen war. Damit würden sie zu Hause nicht einverstanden sein.

Sara seufzt bei dem Gedanken daran. Gleich darauf jedoch spitzt sie den Mund und flötet ein paar Töne.

Jetzt hat sie ein fließendes Wasser erreicht.

Sie ist der Talsenkung gefolgt, die sich – gleich einem launenhaften Fjord – zwischen den Höhen aus- und einbuchtet. Jetzt ist sie an der Stelle angelangt, die sie so gut kennt und wo in alten Zeiten die Leute tief hineinsanken in den Morast. Es ist ein Fleckchen Erde mit schilfbewachsenen Sümpfen und mehreren dunklen Wasserlöchern. Alles steht hier und wächst von selber, ohne daß je eines Menschen Hand daran rührt. Schilf und Gras schießt im Wasser in die Höhe, verfault und wird zu Moorboden. Das von den Höhen herabrieselnde Wasser sickert durch diesen sumpfigen Boden und rinnt später weiter: ein kleiner, klarer Bach.

Hier muß sie hinüber! Sie bleibt stehen. Sie horcht auf das Wasser, welches plätschert und rieselt und rinnt, alles so deutlich hörbar in der tiefen, sie umgebenden Stille. Ein Weilchen hält sie inne; sie scheint aus etwas zu lauschen, das in ihrer eigenen Brust quillt und rieselt und rinnt.

Wie aus einem Traum erwachend, blickt sie auf, seufzt leicht – springt dann über die beiden, nassen Felssteine, durch die der Bach sich hindurchpreßt, und läuft, einmal im Zuge, gleich noch ein Stückchen weiter.

Ihre Hand gleitet an dem Pelzkragen nieder und streichelt den Muff. Sie führt den weichen Pelz schmeichelnd an die Backe und begräbt die Nase darin.

Plötzlich lacht sie laut auf. Um sich etwas Luft zu machen in ihrer Ausgelassenheit, ist sie nahe daran, laut zu rufen. Aber sie besinnt, sich; sie gibt es plötzlich auf, als fürchte sie, daß dort drinnen in den Bergen etwas wach werden könne.

Jetzt schrägt sie hinauf nach dem Schulsteig. Sie muß das Kleid schürzen, damit es nicht zu innig mit dem Heidekraut in Berührung kommt, das zu beiden Seiten des tief ausgetretenen Fußsteiges hängt.

Seitwärts liegen die gewaltigen Sandhaufen, von der Zeit her, als der Skarpholtmann tief unten aus den großen Gruben den Mergel holte. Hier kam Svend Post ums Leben, und hier hatte sich die Hock-Hanne ertränkt. Es waren ihrer wohl noch mehr. Das versteckte Grab, das die Höhen verbargen, hatte es den Leuten angetan.

Flüchtigen Fußes eilt sie daran vorbei.

Eine Schar Krähen zieht gen Osten dem Wäldchen zu, das im Schutze der Berge liegt; die schwarzen Vögel zeichnen sich scharf ab gegen das helle Himmelsgewölbe, dessen Kuppel gleichsam von den höchsten Spitzen ringsum getragen zu werden scheint. Sie beugt sich vornüber und strebt der Spitze zu. Oben angekommen, füllt sie die Brust mit Luft, die sie langsam wieder durch die roten Lippen ausstößt.

Frisch und blühend steht das achtzehnjährige Kind der Heidehügel hier oben und blickt hinaus in die weite Welt. Die fernen Toruper Berge gen Westen gleichen in ihrer Farbe und Zartheit den Wolken; die schweren Erdmassen scheinen zu schweben; sie sehen nicht mehr irdisch aus, sie wirken märchenhaft. Und im äußersten Osten streckt das Möruper Moor sich sehnsüchtig dem Meere entgegen.

Es gibt keine festen Grenzen. Es blaut unendlich nach allen Seiten hin.

Sie späht. In ihren weitgeöffneten Augen liegt es wie erwachende Sehnsucht, und sie steht da wie ein Vogel, der davonfliegen will.

Es liegt ein heidebewachsener kleiner Hügel in der Nähe. Sie steigt hinauf, um besser sehen zu können. Sie muß so hoch hinauf wie nur möglich.

Vor ihr die Ebene, die bis an den Fjord hinabreicht, ist fruchtbar und dicht mit Häusern bestanden. In den Rübenfeldern wird gearbeitet, und alle Windmühlen drehen sich in dem frischen Winde. Ein paar beladene norwegische Schaluppen kreuzen hinauf, und eine Galeasse mit hoch aus dem Wasser ragenden, leeren Schiffsrumpf eilt mit ausgebreiteten Segeln vorwärts, der Fjordmündung zu. Jenseits des blauen Fjordstreifens stehen die nackten, jähen Lehmabhänge merkwürdig träumend ganz draußen im Wasser.

Die Sonne scheint nicht, und doch ist es ein klarer Tag. Es liegt wie ein heller Lichtstreifen über dem Fjord, über dem Flachland, wo die Rübenfelder in den bunten Farben des Herbstes welken, über den weißgetünchten Häuserfronten.

Saras Blick heftet sich auf den Wiesenhof. Hoch und schlank erhebt sich ihre Gestalt dort oben auf dem Hügel, straff vor jugendlicher Erwartung, während sie lange, lange den Bauernhof betrachtet, dessen runde gewölbte Türöffnung ihrer wartet.

Ihr Kopf ist ein wenig seitwärts gebeugt, als horche sie auf einen Ton aus weiter Ferne. Und ihre großen, klaren Augen drücken die Lebensverwunderung des jungen Gemütes aus.

Der Wind preßt das Kleid gegen ihren Körper und gegen die Knie und wickelt es in Falten um ihre Beine. Mit hoher Brust und weitgeöffneten Nüstern trinkt sie die frische Luft in sich hinein, die sausend über die Höhen fährt.

Sie beginnt den Hügel hinabzusteigen, doch wird alsbald ein Laufen daraus, und schneller und schneller geht es die Böschung hinab, daß die Röcke nur so fliegen. Schließlich vermag sie gar nicht mehr innezuhalten. Es sieht fast gefährlich aus. Sie muß stolpern. Sie weiß es, denn ihr wird angst, und trotzdem lächelt sie wie in einem süßen Schauder.

Endlich stürzt sie kopfüber hin und rollt ins Heidekraut. Dort bleibt sie einen Augenblick ganz still liegen. Dann aber ertönt ein helles, übermütiges Lachen, wie ein glucksender Strom unten zwischen den Heidekrautbüscheln.

Nur noch wenige Schritte, und gerade vor ihr liegt das Weidenhäuschen auf halber Höhe eines Berges. Bei diesem Anblick wird ihr Blick so ruhig, so voll Frieden und herzlicher Freude. Es ist das Vaterhaus.

Rings um das Häuschen herum wächst kurzes, immergrünes Gras von der Art, wie man es auf Wällen sieht. Hier will das Heidekraut nicht gedeihen. Das Grüne endet nach unten zu in einer Spitze. Dort liegt der Brunnen, der Quell, das heißt ein offenes Wasserloch, draus die Bewohner des Weidenhäuschen ihr Wasser holen, indem sie einfach einen Eimer hineintauchen. Es war einmal dort ein Garten, doch ist er aufgegeben. Die Menschen sind wohl der Mühe überdrüssig geworden. Man sieht dort nur noch ein paar moosbewachsene Stachelbeerbüsche und eine einzelne Weide, die so alt ist, daß niemand sehen kann, ob sie noch lebt oder ob sie eingegangen ist. Sie krümmt sich gen Osten und die Zweige ebenfalls, wie ein verkrüppeltes altes Weib, dessen Haare wild flattern, das aber noch bis zuletzt den Rücken steif hält.

Das Haus selber sieht zusammengedrückt aus infolge des schweren hohen Strohdaches und der niederen Lehmwände. Unterm Dachfirst kommen ein paar kleine Fenster zum Vorschein; recht kümmerlich und fast wie traurig sehen sie aus.

Es ist nur ein ärmliches Kätnerhäuschen, vom Sturm zerzaust und gebrechlich, und es liegt so geduldig und läßt Wind und Wetter über sich ergehen.

Das Weidenhäuschen ist der Mittelpunkt, von dem aus Fußsteige nach allen Richtungen hin laufen. Die Menschen hier haben sich von jeher ihren Unterhalt von weit her holen müssen. Jakob, der Weidenhäusler, geht getreulich in aller Frühe jeden Morgen und kehrt jeden Abend spät zurück auf diesen Steigen, die er mit seinen eisenbeschlagenen Holzschuhen tiefer und tiefer höhlt. Das tut er nun schon vierzig Jahre lang.

Auf diesen Wegen haben die Eltern ihre Kinder hinausgesandt in die Welt, immer eins nach dem andern, im ganzen zehn an der Zahl. Das erstemal begleitete die Mutter sie so weit, daß sie, zurückblickend, das Vaterhaus nicht mehr sehen konnten. Denn die Mutter weiß aus eigener Erfahrung, welche Macht eine solche Hütte wie das Weidenhäuschen ausübt, wenn ein Kind sie verlassen soll. Waren sie dann die letzte Böschung hinabgeschritten, dann hat sie ihr Kind geküßt und es mit tausend Ermahnungen fortgeschickt. Sie hat genickt und gelächelt, als sei sie vergnügt, während ihr doch die Tränen die Brust zuzuschnüren drohten. Und der kleine Knirps oder das Mädchen haben einen wehmütigen Abschied genommen und sind mit ihrem Bündel auf dem Nacken davongetrabt. Endlich ist noch mehrmals gewinkt worden.

Mit der Erinnerung an eine Mutter, die hoch oben steht und mit der Hand zum Abschied winkt, und dem Bild des Vaterhauses da drinnen in den Bergen zieht das Kind fort.

Und jeden Tag in der Fremde denkt es an das Haus mit dem Weidenbaum und dem grünen Fleck. Jeden Tag nehmen die Gedanken daran an Innigkeit zu, bis sich schließlich über der heimatlichen Hütte ein Glorienschein wölbt, um den alle Schlösser der Welt sie beneiden könnten.

So wird das Weidenhäuschen geliebt von zehn Kindern. Sie tragen es in ihrem Herzen. Und wenn sie, selbst erwachsen, heimkehren, dann eilen sie den Berg hinan, als ginge es zum Stelldichein, nur, um so bald wie möglich die Schornsteinspitze vor Augen zu haben.

An jedem ersten Novembertag sitzen Jakob und Dorte im Weidenhäuschen und warten auf das Kommen der Kinder, die auf all den verschiedenen Fußsteigen eintreffen. Für diese Familie ist dieser Tag der jährliche Festtag geworden. Lange vorher schon gelten ihm alle Gedanken und alle Worte. Jakob und Dorte sprechen von nichts anderem in der ganzen Welt als von den Kindern: ob sie sich gut führen und wie sich ihr Leben überhaupt gestaltet.

Jakob, der Weidenhäusler, versäumt niemals seine Arbeit.

Selbst wenn ihm so elend zu Mute ist, daß er morgens auf dem Fußsteig wie ein krankes Pferd zwischen den Strängen hin und her schwankt, auf seinen Posten verfügt er sich trotzdem. Am 1. November jedoch bleibt er zu Hause. Er schützt Krankheit vor, oder er findet seinem Arbeitgeber gegenüber irgend einen anderen Vorwand; denn er sieht wohl ein, daß er unmöglich den wahren Grund angeben kann. Seinen Tagelohn verlieren, um zu Hause mit seinen Kindern zusammen zu sein, das ist eine Weichherzigkeit, die ein Mann in Jakobs Stellung nicht verantworten kann. Er versucht es auch gar nicht. Er weiß gut, daß es nicht stattfinden darf, er kann nur einfach nicht widerstehen.

Wenn Jakob eines Abends kurz vor dem 1. November seine Arbeit verläßt, geht er zum Höker und macht dort größere Einkäufe an Kaffee, Zucker, Zwieback und Kringeln. Und dann kauft er auch einen Viertel Liter alten Rum. Das Ungewohnte dieses seltenen Getränks erhöht die Festlichkeit des Tages; sein Duft und die schöne dunkelbraune Farbe beleben den Mut. Aber er begreift gut, daß er hier die Wege der Üppigkeit und des Luxus wandelt; daher steckt er auch heimlich die Flasche in die Tasche, damit niemand sie zu sehen bekommt. Er tut ganz verschämt – aber es ist nun einmal Sitte geworden, daß er am 1. November zu seinem Kaffee ein Gläschen alten Rum genießt. Und vor allen Dingen will er nicht, daß von dem Glanz dieses Tages auch nur ein Titelchen verloren geht.

An diesem ersten Novembertag funkelt Dortes Ofen stärker als an irgend einem anderen Tage des Jahres. Die beiden baumwollenen Vorhänge vor dem Alkovenbett hängen – frischgewaschen – in frischen, steifen Falten.

Tag für Tag, wenn die Zeit heranrückt, ordnet und putzt sie an allem herum, damit alles in bester Ordnung ist. Schon lange vorher sind sich die beiden Alten gegenseitig behilflich, die alte Hütte auszubessern, zu verkleben und zu tünchen und das Dach zu flicken, wo immer es not tut. So sorgfältig wie möglich richten sie alles her und verschönern alles, damit den Kindern auch in Zukunft noch das alte Weidenhäuschen gefällt.

Jakob und Dorte sind am 1. November in aller Frühe auf den Beinen. Es gibt nichts zu tun, aber sie können nicht schlafen. Jakob hat sich rasiert und sich das erste Gläschen Rum genehmigt, er geht jetzt hinaus, um noch einmal nachzusehen, ob auch alles so ist, wie es sein soll; er geht wieder hinein, und er und Dorte unterhalten sich darüber, welch ein Glück es ist, daß das Wetter sich heute so gut anläßt. Fast den ganzen Vormittag sind sie allein. Sie blicken zum Fenster hinaus und auf die alte Uhr.

»Nun dauert's nicht mehr lange, dann kommen sie«, sagt Jakob einmal ums andere.

Sie gehen wohl auch hinaus bis an den Hausgiebel und spähen sehnsüchtig die Fußsteige hinunter.

Der erste, der da kommt, ist Peter. Seine Hosen stecken in ein paar langen, funkelnagelneuen Schaftstiefeln; die Narben des Leders sind noch deutlich sichtbar. Peter ist schon rundrückig. Er stolpert über den Fußboden wie ein alter Mann und setzt sich, als sei er sehr müde.

Und doch ist er nur neunzehn Jahre alt. Aber er hat von jeher zu schwer gearbeitet; seit zwei Jahren verrichtet er schon ganze Knechtsarbeit. Peter will nämlich Geld haben, viel Geld.

»Naa,« sagt der Vater und steckt sich, belebt durch des Sohnes Ankunft, ein frisches Stück Kautabak in den Mund. »Naa, Peter, du hast dir wohl ein paar Stulpstiefel zugelegt?« Jakob beäugt scharf die neuen Stiefel und befühlt das Leder.

»P–ti«, Jakob Weidenhäusler spuckt einen Strahl in weitem Bogen aus, »die sind warm und gut!«

Peter zieht die Strippen hoch, und seine Augen folgen der feinen, roten Saffiankante, die der Schuster als Abschluß oben angebracht hat. »Aber sie waren auch teuer,« seufzt er.

»Ach das kannst du dir schon erlauben, mein Bester. Bei dem Lohn, den ihr heutzutage kriegt – P–ti!«

Peter murmelt: »Na, na.«

»Du bleibst wohl auf deinem Platz, Peter?«

»Ja.«

»Das ist recht; das hab' ich gern!«

»Ach – was, Dreck!«

Peter blickt unentwegt vor sich nieder und ist so merkwürdig schweigsam und verdrossen.

Die Mutter bemerkt es. »Dir ist doch nichts?« fragt sie.

»Ach nein, nichts weiter.«

»Du bist doch nicht etwa krank?« Es zittert wie Angst in ihrer Stimme.

»Nein, aber – es fehlen mir in der Kasse noch zehn Kronen an dreihundert.«

Die Mutter schlägt eine laute Lache auf. »Du bleibst dir doch immer gleich, ha, ha, ha!«

Jakob Weidenhäusler aber lächelt vor sich hin, voll heimlichen Stolzes und auch darüber, daß dies der Grund der Verstimmung war.

Peter verzieht keine Miene. Er legt das Geld auf den Tisch und zählt. Die Eltern rücken zusammen und helfen ihm; sie lassen die Banknoten und das Silbergeld immer wieder durch die groben, knochigen Finger gleiten. –

Es wird aber nicht anders, die zehn Kronen fehlen.

»Das ist ärgerlich,« sagt Peter. »Es ist nur, weil ich die Stiefel kaufte. Das war dumm!«

Er sitzt und starrt das Geld an, das geordnet vor ihm auf dem Tische liegt. Und als könne er den Gedanken nicht loswerden, fragt er den Vater: »Kannst du mir nicht die zehn Kronen leihen?«

»He, nein, das kann ich nicht, Peter, ich schulde noch dem Höker.«

»Das ist doch des Teufels!«

Nach einer Weile fragt der Vater: »Wozu sparst du denn nun eigentlich das Geld, Peter?«

»Ich will ein Geschäft haben.«

Jakob scheuert sich den Ellenbogen vor lauter Vergnügen. »Soo, du willst ein Geschäft haben?«

»Jawohl, damit verdient man am meisten Geld.«

Die Eltern blicken sich verstohlen an.

»Ich will Viehhändler werden, so wie Anders Vabbesgaard.«

Das aber scheint dem Alten bedenklich. Der bloße Gedanke macht ihn schwindeln. Also selbst der solide und besonnene Peter konnte ihnen Grund zu Besorgnissen geben.

Der vergnügte und lebhafte Schimmer verschwindet aus Jakob Weidenhäuslers Antlitz, das wieder den gewohnten kummervollen Ausdruck annimmt. Dann sagt er: »Du wirst doch wohl ein ehrlicher und treuer Knecht bleiben in deinen Stellungen, damit wir Freude an dir haben können!«

»Ein Geschäft will ich haben,« nickt Peter energisch.

Die Mutter fürchtet ebenfalls, daß seine Gedanken zu vermessen sind, daher fügt sie hinzu: »Es ist wohl am besten, du bleibst mit den Füßen auf der Erde und vergißt nicht, wo du bist.«

In diesem Augenblick kommt Jens, ein seit einem Jahre konfirmierter Knirps, zur Tür hereingestürmt. Er ist sommersprossig mit dicken Lippen und hat ein paar entsetzlich große Ohren, die vielleicht heute noch größer als gewöhnlich aussehen, da er ganz kurz geschoren ist. Seine Augen sprühen vor Lebenslust.

Jens schwingt ein blaues Taschentuch, »Huh!« sagt er und wirft es mitten auf den Tisch.

Der Vater sieht ihn verwundert an. »Was hast du denn da?«

»Das ist Weizenbrot und Kuchen! heute wollen wir, Gott verdamm mich, einmal flott leben!« antwortet der Junge und lacht.

»Ich glaub', du bist verrückt, Jung,« schilt die Mutter; im Grunde aber freut sie sich trotzdem über ihren Jens.

Der Vater blickt den Sohn fest an und sagt mit einer Stimme so voll Güte, daß keines der Kinder ihm je widerstehen konnte: »Mir ist, Jens, als hörte ich dich fluchen – aber das kann doch wohl nicht stimmen.«

Der Junge errötet und schlägt die Augen nieder. Und um von diesem Thema abzulenken, öffnet er das Taschentuch und beißt in einen Kuchen hinein.

Die Mutter aber tritt hastig dazwischen: »Willst du das lassen, Bursche! Du kannst doch wohl warten, bis die andern kommen!« Sie reißt das Päckchen an sich und leert den Inhalt auf einen Teller, den sie hinter einen Vorhang auf das Brett über dem Ofen stellt.

»Na, Jens,« fragt der Vater, »du bleibst wohl auch, wo du bist?«

»Nein, ich glaube nicht, daß ich da länger dienen will. Der Mann ist gut, aber sie ist ein verteufeltes Frauenzimmer.«

»Willst du 'mal ordentlich von deiner Hausmutter sprechen!« tadelt die Mutter.

Und der Vater fügt still hinzu: »Jeder ordentliche Dienstbote kann in seiner Stellung bleiben, solange er will. Auf diese Art kommen armer Leute Kinder vorwärts!«

»Ach Dreck! Stellungen gibt's genug!« antwortet Jens. – »Hungern läßt sie uns auch. Und dann hält sie mir vor, daß ich arm bin und von Haus her nichts Besseres gewöhnt.«

»Bei solchen Gelegenheiten tun wir am besten, uns taub zu stellen. Damit kommen wir am weitesten, mein Junge,« seufzt der Vater.

Die Mutter fragt in einem Ton, durch den es wie erwachendes Mißtrauen klingt: »Du bist ihr gegenüber doch nicht naseweis?«

»Ach – nein!« kicherte der Junge.

»Ob du es nicht doch mitunter bist? Mir ist bange, du läßt deinen Mund zu sehr laufen.«

Wohl klingt durch der Mutter Stimme ein leiser Vorwurf, doch auch eine geheime Freude darüber, daß ihr Junge nichts an sich herankommen läßt.

Daher fürchtet sich Jens auch nicht zu erzählen:

»Vor ein paar Tagen, als wir unser Vesperbrot bekamen, ein elendes Schnippelchen Speck zu einem dicken Stück Schwarzbrot, da fragte ich sie, hi, hi, ob wir nicht etwas mehr Licht anstecken könnten, da ich mein Stück Speck nicht finden könne, hi, hi, – Herr des Himmels, wie hat sie da geschimpft!«

Peter, der bisher dagesessen, an seine Zahlen gedacht und seine Stiefel betrachtet hat, fängt plötzlich an zu lachen. Es wirkt sehr komisch; niemand hat zuletzt auf ihn geachtet. Die Mutter wendet sich ab und beginnt mit allerhand Dingen herumzuhantieren. Mit abgewandtem Gesicht sagt sie:

»Ich hab' mein Mundwerk auch wohl gebrauchen können, aber naseweis und frech war ich nie; – auf was der Junge nicht alles kommen kann!«

Der Vater aber schüttelt den Kopf: »Arme Leute müssen sich nach den anderen richten, wenn sie je daran denken wollen, vorwärts zu kommen.«

»Ach Dreck! es gibt Stellen genug!« sagt Jens sorglos.

Es entsteht eine kleine Pause.

Dann fängt Jakob Weidenhäusler leise an zu lachen. Die Bemerkung des Jungen zu der Hofbesitzersfrau hat ihn wohl doch belustigt. Aber sofort rafft er sich wieder auf und runzelt sogar die Brauen, indem er sagt: »Zeig' mal deinen Lohn her, Jens!«

Es fehlen ungefähr zwölf Kronen.

»Aber wozu hast du all das viele Geld gebraucht, Junge?«

»Ich hab' mir eine Pfeife gekauft – äh – dann hab' ich mir 'was erhandelt und umgetauscht und – äh – dabei – ich weiß nicht mehr genau!«

Dieses Rechenschaftablegen ist nicht so angenehm, und Jens blickt verlegen zum Fenster hinaus.

»Hallo!« ruft er, »da kommt Paul!« Und fort ist er, zur Tür hinaus, um seinen kleineren Bruder zu empfangen.

Jakob Weidenhäusler aber schüttelt den Kopf und blickt zu seiner Frau hinüber: »Ich fürchte, der Junge wird nicht gut tun, du!«

»Ach – am Ende wird er gerade der allerfixeste, Jakob,« antwortete Dorte, »das kann man nie wissen!«

Der kleine Paul ist ein richtiger Dickwanst mit roten, vollen Backen. Er watschelt so drollig einher und sieht sehr zufrieden aus. Er ist das Nestkücken, der jüngste der ganzen Schar.

Der Mutter reicht er das Bündel mit alten Sachen, das er auf dem Rücken hat; er trägt ja sein Sonntagszeug: einen aus den Sachen der älteren Brüder angefertigten Anzug, der zum Wachsen eingerichtet ist, so daß er die viel zu langen Ärmel umkrempeln muß.

Er steht mitten im Zimmer und sieht sehr drollig aus in seiner viel zu großen Jacke. Seine großen Kinderaugen aber strahlen vor Freude, wieder daheim zu sein, und er blickt immer von einem zum andern. Und Paulchens Blick ist wie eine Sonne, die ringsum zündet.

»Paul, der soll aber einen Kuchen haben, Mutter!« ruft Jens.

»Ja, ja, das muß er wohl!« Sie greift nach dem auf dem Bort stehenden Teller. »Und du mußt wohl auch einen haben, du Schlot!« murmelt sie gutmütig.

Jakob Weidenhäusler steht auf. »Wär's nicht an der Zeit, daß wir jetzt ein Täßchen Kaffee kriegten, Mutter? sagt er und blickt zum Fenster hinaus.

»Ich sehe, da drüben kommt Anine.«

Anine, die Älteste, ist unverheiratet. Sie ist außerordentlich vernünftig, ein bißchen altjüngferlich. Ihr Anzug ist einfach, aber solide; es sieht fast so aus, als spare sie ihr Geld zusammen. Sie steckt der Mutter einen Geldschein zu und hilft sofort bei der Zubereitung des Kaffees, als könne sie überhaupt nicht gut stillsitzen und ohne Beschäftigung sein.

Jakob blickt im Zimmer umher.

»Tschja, dann fehlt wohl nur noch Sara!«

»Kräften und Tammes, das sind ja verheiratete Leute,« sagt die Frau, »aber an uns denken, das werden sie heute trotzdem.«

»Davon bin ich überzeugt,« nickt Jakob, seiner Sache ganz sicher.

Darauf fragt Anine: »Gott mag wissen, wie es Hans und Sören drüben in Amerika geht. Ist es nicht sonderbar, daß sie nicht schreiben?«

»Ja, es ist merkwürdig genug,« antwortet Jakob. Aber er lacht dabei so verschmitzt und blinzelt der Frau zu, daß er sicher ein Geheimnis mit sich herumträgt.

Jens ist empört darüber, daß Anders, der Soldat ist, nicht seine Photographie schickt, denn er will gerne sehen, wie er sich in Uniform ausnimmt.

Doch auch dazu lächelt Jakob vielsagend. Dann vernimmt man ein Schaben oder Kratzen am Fenster oder an der Tür. Wenn sie aber alle aufhorchen und hinblicken, hört das Geräusch auf, das ist doch sonderbar.

Aber plötzlich werden Jakobs kummervolle Züge von einem tief aus dem Innersten kommenden Lächeln erhellt, das ihm so gut steht. Er flüstert:

»Ich glaub', es ist Sara!«

Diese Vermutung erweist sich als richtig. Als Jens die Tür aufreißt, steht sie da und lacht und lacht, daß es geradezu ansteckend wirkt und sie alle mitlachen müssen.

Jakob reibt sich vergnügt den Ellenbogen und wiederholt: »Ich dachte wohl, daß es Sara sei, he, he!«

Sie ist seine Lieblingstochter. Sara, die so fein ist, bildet sofort den Mittelpunkt! Nun sieht sie außerdem nach dem Spaziergang durch die Berge so frisch und anmutig aus, und die Herzensfreude verschönt geradezu ihr Gesicht.

Man fingeriert an der seidenen Einfassung und den Perlstickereien ihrer Jacke.

»So, ist das nun modern?« sagt Dorte Weidenhäusler. Sie faltet dabei in interessierter Betrachtung die Hände über dem Magen; es gab eine Zeit, wo sie meiner Seel wohl wußte, was modern war und was nicht.

Jakob bemerkte still: »Ich hab es gern, Kinder, wenn ihr auf gutes Aussehen haltet; denn wer sich nicht selbst ehrt, den ehren andere auch nicht, aber – ich – ich – weiß – –«

»Ja, Gott mag wissen, für wen sie sich so herausstaffiert!« spottet Anine gereizt.

Sara wird puterrot und antwortet hastig: »Es hat wohl eine Zeit gegeben, wo du dich auch gerne putzen mochtest; es ist allerdings lange her!«

»P–h!« Zischt Anine.

»Aber Kinder, Kinder!« beschwichtigt Jakob. Wo bleibt denn der Kaffee, Mutter?«

Der Tisch wird gedeckt. Die alte Zuckerschale und der Sahnentopf aus blauem Glas, die nur bei solchen Gelegenheiten hervorgeholt werden, stehen bereit. Zu beiden Zeiten des blauen Kaffeegeschirrs wird ein bis oben mit Weichbrot gehäufter Teller gestellt, und der feine würzige Duft des Kaffeekessels zieht über das weiße Tischtuch hin und verleiht allem einen festlichen und lebhaften Glanz. Es herrscht heute Überfluß im Weidenhäuschen. Man sieht es auch Jakob an, wenn er den Blick auf dem ganzen Familienkreise ruhen läßt, daß er das Gefühl des Ungewohnten hat, wie an den großen Tagen unseres Lebens.

»Ja, Kinder, nun geniert euch nicht, greift zu!« sagt er und gießt sich selbst ein Gläschen, vom alten Rum ein.

In diesem Augenblick zählt Jakob Weidenhäusler nicht zu den kleinen Leuten.

Er lehnt sich zurück in seinen Stuhl: »Ihr habt es ja gut, alle miteinander, nun laßt mich sehen, daß ihr euch auch in Zukunft gut führt!« Er räuspert sich; denn der Rum kratzt im Halse. Jakob ist solch starke Getränke nicht gewohnt.

Es sind alles Menschen, die zuzulangen verstehen.

Mit einem Male fängt Sara laut an zu lachen. Der kleine Paul sitzt nämlich so ernsthaft da und stopft einen Kuchen nach dem andern in sich hinein. Kaum hat er das letzte Stück im Munde, so haften die Augen schon begehrlich am nächsten. Er ist ganz überwältigt von all den Herrlichkeiten. Das sieht sehr komisch aus.

Sara lehnt sich zurück. Ihr zwitscherndes Lachen steigt zur Decke empor.

Die anderen werden jetzt auch aufmerksam und lachen. Paul schaut, gleichsam erwachend, umher und gönnt sich eine kleine Pause.

Sara beugt sich fröhlich über ihn und küßt seine roten Backen.

»Ja, du hast recht, Paul!« nickt der Vater ermunternd, »man muß die Gelegenheit wahrnehmen, he, he!«

Der festliche Nachmittagskaffee ist schon weit vorgeschritten. Jakob hat den zweiten Kaffeepunsch zu sich genommen, und sein Nasenrücken schimmert bereits rötlich. Da steht er auf mit der Miene eines Menschen, der etwas weiß, das die anderen nicht wissen. Ganz langsam geht er auf das Bett zu und streckt die Hand nach dem darüber befindlichen Bort aus.

»Kennt ihr diese beiden Kerle hier, he, he?« sagt er und zeigt eine Photographie vor.

»Ach nein, doch – das sind ja Hans und Sören aus Amerika!« ruft Sara erfreut.

»Laß mich sehen! Laß mich sehen!« Der kleine Paul krabbelt eifrig hoch.

Sie stehen in dichtem Haufen beieinander, um das Bild so recht in sich aufzunehmen. Jakob steht daneben mit lächelndem Munde und schaut überlegen zu; er hat während der letzten acht Abende nichts weiter getan als diese Bilder betrachtet; er kennt sie also.

Sara hält sich die Photographie dicht vor die Augen. »Sie sehen gut aus! Und so nett gekleidet!«

»Ja, das tun sie! Sie sehen gut aus!« nickt der Vater. »Aber sie verdienen auch monatlich sechzig Dollar!« Jakob Weidenhäusler spuckt drei Ellen weit in die Stube hinein. »Und dazu die Kost – alle beide!«

»Das wär doch des Teufels!« ruft nun Peter völlig wach.

Aber Jakob hat noch eine Überraschung. Er hält etwas in der Hand hinterm Rücken. Beinahe lacht er selber laut auf vor Vergnügen, als er noch eine Photographie hervorholt.

»Ob ihr den wohl schon mal gesehen habt, he, he?«

»Ah, das ist ja Anders,« ruft Jens, »und in Uniform!«

»Ja, das ist er, und so leibhaftig, als wenn wir ihn hier lebend vor uns sähen!«

Einen Augenblick herrscht tiefes Schweigen.

Dann sagt die Mutter: »Seht, wie stolz er dasteht!«

»Ja, das hat er von dir, Mutter!« Jakob ist ganz aufgeräumt. »Du hast immer die Nase sehr hoch getragen – he, he!«

»Ach du – –« Dorte wirft den Kopf in den Nacken. »Aber er ist doch ein prächtiger Soldat!«

»Das ist er!«

Jens ist ganz begeistert von dem Bild: »Welch' prächtige Kleider!«

»Ja, es ist 'ne nette Uniform!« .

»Was ist er jetzt, Vater?«

»Er ist Konstabler, mein Junge!« antwortet Jakob in feierlichem Tone, als sei das etwas, worüber man nur mit dem größten Respekt reden dürfe.

Sara dreht die Bilder in den Händen: »Jetzt wollt ihr sie wohl einrahmen!«

»Ja, das wollen wir, mein Kind! Und dann haben Mutter und ich abgemacht, daß sie da hängen sollen!« Jakob zeigt auf den braun angestrichenen Balken, der quer über die Decke und dann am Kopfende des Bettes hinunterläuft. »Das muß sehr gut aussehen!« Jakob kaut nachdenklich seinen Tabak.

Anine fügt hinzu, sie werde schon ein paar nette Rahmen besorgen.

Und Dorte Weidenhäusler schließt: »Ja, man sieht doch, daß sie ihre Eltern nicht vergessen haben, wenn sie auch da draußen in der weiten Welt sind!«

»Da hast du recht, Mutter.«

Jakobs Seele zittert in der Stimme, als er hinzufügt: »Und laßt mich sehen, Kinderchen, daß das auch in Zukunft so bleibt.«

Ein paar Stunden sind schnell vergangen, und der Augenblick des Abschieds rückt heran: die schwere Stunde für Jakob und Dorte.

Sie gehen fort, einer nach dem anderen und werden zur Türe geleitet unter endlosen Ermahnungen. Und je mehr gehen, um so trauriger werden die Eltern.

Wiederum müssen sie ja die Kinder hinauslassen auf die wunderlich verschlungenen Wege des Lebens. Und das Leben ist so zerbrechlich, namentlich für die Kinder armer Leute, das wissen sie.

Zuletzt geht Sara.

– »Sag?« fragt die Mutter, »warum bleibst du eigentlich nicht auf deinem guten Platz?«

Sara gibt eine etwas stotternde Antwort: Es wäre doch am Ende ganz gut, mal zu wechseln und dergleichen; daß die Besitzer von Wiesenhof sehr fortschrittlich seien, so daß man dort viel lernen könne, und daß der Sohn, der sie gemietet, so ein netter und flinker Mensch sei.

»Ich sage dir nur, nimm dich in acht!« Die Mutter sieht die Tochter scharf an.

»Ja, um Gotteswillen, Sarachen!« fügt der Vater hinzu.

Sara aber lächelt nur, und ihre Augen strahlen in wunderbarem Glanz.

Sie nimmt Abschied. Leichten Fußes schreitet sie den Berg hinan; ein paarmal kehrt sie sich um und winkt den Eltern zu, die in der Tür stehen und zurückwinken.

Die Mutter hält die Hände unter der Schürze und schüttelt sich, als fröre sie: »Ach du lieber Gott, solch ein kleines, junges, unschuldiges Menschenkind, und das soll nun hinaus in die Welt!« Zwei Tränen tropfen herab auf ihre Wangen.

»Ja, Herrgott, halte deine Hände über sie!« sagt der Vater still.

Ihre Augen folgen Sara unentwegt, damit sie kein Zeichen geben soll, ohne Antwort zu erhalten.

Oben auf dem Bergrücken winkt Sara zum Abschiedsgruß mit den Armen, und die beiden Alten winken zurück.

Jetzt sehen sie sie nicht mehr.

Die beiden Alten stehen noch eine Weile da. Dann untersuchen sie alle Fußsteige, die vom Weidenhäuschen aus strahlenförmig nach allen Richtungen hin auseinandergehen. Aber überall ist es leer. Sie wissen es nur zu gut.

Damit ist dieses Novemberfest zu Ende, und vor ihnen liegen wieder die grauen Tage eines ganzen Jahres.

Jakob und Dorte gehen still hinein in das alte Weidenhäuschen.

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