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Johan Skjoldborg: Sara - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJohan Skjoldborg
titleSara
publisherVerlag von Georg Merseburger
year1913
firstpub1912
translatorLaura Heldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
projectid645d4c1d
wgs9110
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14.

Allmorgendlich, wenn Sara aufsteht, schnürt sie sich zu einer schlanken Figur zusammen, und sie geht umher, als hätte sie einen steifen Rücken.

Aber arbeiten tut sie für zwei; für ihre Leistungsfähigkeit gibt es keine Grenzen. Sie ist geradezu versessen auf Arbeit.

Die Wiesenhofbäuerin sagt auch zu Niels, daß sie dergleichen noch nie gesehen hat.

»Ja, sie ist ein lebendiges Frauenzimmer,« seufzt er.

Und sie singt und trällert.

Auch Boel findet, daß sie ein flinkes Mädchen ist.

Eines Tages sagt sie: »Mir scheint, du kriegst solch gewaltigen Umfang!«

»Hahaha!« lacht Sara in ganz hohen hellen Kehllauten und wirft den Nacken zurück. »Du bist wohl nicht recht gescheit!«

»Ja, dann bist du, meiner Treu, wohlgenährt!«

Sara beginnt zu flöten; das hat sie sich in der letzten Zeit angewöhnt.

»Wenn ich dir jetzt beim Abwaschen helfe, kannst du dann den Rest alleine besorgen?«

Ach, das zählt für Sara gar nicht mit.

»Ja, denn ich möchte doch gerne hin und nach den Göhren sehen; das tue ich alle Weihnachten. Du kannst froh sein, Sara, daß du noch keine Kinder hast.«

»Ha! ha! Woher sollte ich denn die nehmen?«

Boel geht bald, und Sara ist froh, sie losgeworden zu sein.

Etwas später fährt Sören, der Großknecht, den Bauer und die Bäuerin fort zum Weihnachtsfest, – nun sind die auch fort. Welche Erleichterung.

Thorwald und sie sind allein zu Hause, und er findet sich gleich bei ihr ein.

Aber Sara stellt sich so verdrossen und übelgelaunt, wie ihr nur möglich ist, und das ist gar zu beschwerlich für Thorwald. Daher wird er ihrer Gesellschaft überdrüssig und geht ebenfalls. Gott sei Dank!

Jetzt ist sie alle los. Nun kann sie wirklich 'mal ausatmen in langen Zügen und sich gehaben wie sie will, jetzt, wo sie die anderen los geworden ist, die umhergehen und sie so sonderbar anblicken, scheint ihr, und Andeutungen machen, meint sie, und – oh, wie diese Ruhe wohltut!

Sie setzt sich ins Wohnzimmer in den Schaukelstuhl, und im selben Augenblick fallen ihr die Augenlider zu.

Aber in ihrem Kopfe arbeitet es.

Saras Backenknochen treten mehr hervor als sonst, denn die Vertiefungen unter den Augen sind markanter, dunkler, beinahe bräunlich. Im übrigen ist die Haut gelblich-grau. Und die Hand, die die Lehne des Schaukelstuhls umklammert, ist mager mit straffen Adern.

Ihre Zähne jedoch schimmern noch eben so weiß zwischen den halbgeöffneten Lippen, die rot sind wie die Mehlbeeren des Weißdorns zwischen dem welken Laub.

Sara wendet den Kopf zur Seite. – Was hat sie nur verbrochen, um so viel leiden zu müssen? Sie will einmal ganz ruhig nachdenken. Sie hat geliebt!

Noch nie hat ihre Brust ein reineres Gefühl beherbergt. Und sie kann sich auch nichts Herrlicheres vorstellen als den Sommer, der vergangen ist.

Und daraus kann so viel Unglück entstehen.

Sie hat etwas getan, das sie nicht durfte. Jetzt sieht sie ein: wäre das nicht geschehen, dann wäre dies letzte nicht über sie gekommen. Hier ist augenscheinlich ein Zusammenhang – gleich wie die Nacht dem Tage folgt.

Also: sie hat ihr eigenes Interesse vergessen über dem Größten, das ihr im Leben begegnete.

Sie ballt die Faust und nimmt alle Kraft zusammen, um dies zu durchdringen, um den rechten Weg im Nebel zu finden.

Aber sie kommt zu keinem anderen Ergebnis, als daß das Unwetter, das sich über ihrem Haupte zusammenzieht, grausam ist.

Und sie fühlt, daß sie es nicht wird ertragen können. Aber, wohin soll sie fliehen ...

Sie weiß, sie hat geliebt! Sie liebt ihn noch immer!

Diese Liebe in ihrem Herzen ist gleich der Sonne, welche scheint, wenn sie will, und nächtliches Dunkel verbreitet, wenn sie will. Sie liegt außer dem Bereich menschlicher Macht.

Sie steht auf und geht unruhig umher.

Daher ist sie ihr ja preisgegeben. Sie weiß nicht, wohin sie sie führen wird oder was ihrer noch wartet in Zukunft – ob der Tag sie ergreifen wird oder die Nacht. –

Sie schraubt die Lampe hoch.

Ihr ist, als kratze eine Katze an der Küchentür; beim Öffnen findet sie nichts, aber hu! wie dunkel es draußen ist. Sie zündet die Küchenlampe an.

Dann sind aber noch das Brauhaus und die Räume ringsumher da. Es ist, als wolle die Dunkelheit sich auf sie stürzen. Sie hängt eine Laterne im Brauhaus auf. In ihrer eigenen Kammer zündet sie eine Handlampe an. Sie macht Licht überall. Sie kann die Dunkelheit ringsum nicht leiden.

Und dann geht sie von einem Raum in den anderen und sieht nach, ob die Lichter überall brennen. Das beruhigt sie, scheint ihr.

Nachdem sie lange im Wohnzimmer hin- und hergewandert ist, steht sie plötzlich still und ruft heftig mit hocherhobenem Kinn:

»Nein – niemals!«

Dann setzt sie sich und seufzt tief.

Den Wind hört sie jetzt ununterbrochen. Er scheint auch an Stärke zuzunehmen, poltert über die Dächer, braust durch die Bäume, pfeift durch jeden Spalt.

Flaut der Wind ab, dann ist ihr, als rühre sich überall etwas, und sie hat das Gefühl, als käme jemand durch die Tür zu ihr herein. Im Grunde ist es schrecklich, so ganz allein auf einem großen Hofe zu sein zur Abendzeit bei stürmischem Wetter.

Sie versucht zu singen, um den Wind nicht zu hören. Und nachdem sie einmal begonnen, muß sie unausgesetzt singen; denn sobald sie eine Pause macht, klingt der Sturm doppelt unheimlich. Sie wetteifert mit ihm. Sie singt einen Vers nach dem anderen und ein Lied nach dem anderen, alles durcheinander.

So fährt sie fort, lange, lange Zeit, und sie hat ein ganz verstörtes Aussehen.

Die Türen zur Küche, dem Brauhause, ihrer Kammer und der Vordiele öffnet sie weit, überall, wo Licht ist. Dann drängt die Dunkelheit sich nicht so dicht an sie heran.

Und während der Sturm sich heulend auf die Giebel des Wiesenhofes stürzt, geht sie ruhelos von dem einen Raum in den anderen und singt ununterbrochen:

Denn der Kindheit Sorgen sind klein im Vergleich
Zu den spätern, an denen das Leben so reich.

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