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Johan Skjoldborg: Sara - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJohan Skjoldborg
titleSara
publisherVerlag von Georg Merseburger
year1913
firstpub1912
translatorLaura Heldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
projectid645d4c1d
wgs9110
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9.

Es war an einem Septembermorgen, als Anders' Verwandte, das hübsche, dunkle Mädchen, nach dem Wiesenhof auf Besuch kam. Darin lag ja nichts Besonderes, aber Anders brauchte sich doch nicht die ganze Zeit mit ihr abzugeben. Gewiß, sie war hübsch, aber gut war sie nicht, das konnte man bald erkennen.

Es war ja auch begreiflich, daß er mit seiner Verwandten sprach und sie herumführte – und die Wiesenhofbäuerin sah es wohl am liebsten, wenn die beiden allein gingen –, aber es war doch nicht gerade notwendig, daß er ihr so tief in die Augen sah, wenn sie ihn auch mit ihren schwarzen Augen anglotzte.

Sara war den beiden überallhin gefolgt, wo es nur immer anging. Waren sie im Hofe, dann konnte sie sie vom Fenster des Brauhauses aus beobachten, waren sie hinten im Garten, konnte sie sie von ihrer Kammer aus sehen und von einem kleinen Raum aus, der einstmals zur Aufbewahrung von Käse gedient hatte. Im Zimmer drinnen störte sie sie, so oft sie konnte, indem sie wiederholt ein und aus lief.

Es war merkwürdig, wie wenig Blicke Anders heute für sie übrig hatte ...

Sie fand es ganz auch in der Ordnung, daß er jene eine Strecke begleitete, aber nun war es fast Abend, und er war noch nicht zurückgekehrt.

Wo blieb er nur?

Und selbst wenn sie, Sara und Anders, jetzt sehr vorsichtig sein mußten, damit Maren, die Wiesenhofbäuerin, nicht zu viel entdeckte, so mußte doch alles seine Grenzen haben.

Selbst wenn er das Mädchen durch das ganze Wäldchen begleitete und mit ihr bis jenseits der Höhen ging, solch eine Ewigkeit konnte es trotzdem nicht dauern.

Als Sara fertig ist, fragt sie um Erlaubnis, die Schneiderin besuchen zu dürfen. Sara hat sich mit der armen überarbeiteten Schneiderin befreundet, denn ihr schien, sie war so gut zu ihr gewesen, damals im Winter mit dem Band, als Sara zu Ball wollte; und es war schon vorgekommen, daß sie wohl eine ganze Stunde miteinander verplaudert hatten, wenn Sara Zeit gehabt und ihr einen kleinen Besuch gemacht hatte.

Sara geht auf die Meierei zu, wo die Schneiderin wohnt, vor sich im Hintergrunde das Hallumer Hochland. Die Sonne ist untergegangen. Der letzte Schimmer des schwindenden Tages verblaßt in einigen gelblichen Streifen gen Norden zu. Und von diesem hellen, goldig-gelben Himmel heben sich die dunklen Hallumer Berge fast schwarz ab mit ihren klaren, festen und doch biegsamen Konturen, eine Linie, die gezogen ward vor Beginn der Zeiten.

Sara muß mit ihren Augen dieser wunderbaren Linie folgen, die so tiefe Sehnsucht erweckt und die so stehen wird bis zum jüngsten Tag.

Vom Fenster der Schneiderin aus kann Sara den Fußsteig überblicken, den Anders für den Rückweg benutzen muß. Sie plaudert mit der Schneiderin, redet und redet, damit nur kein Licht angezündet werde. Es ist unglaublich, wieviel sie zu sagen hat. Aber sie hält die Schneiderin in Atem. Selber sitzt sie da und weiß kaum, worüber sie spricht, lugt aber dabei scharf hinaus auf den Fußsteig.

Schließlich holt die Schneiderin aber doch ihre kleine Lampe, und Sara geht.

Das Licht des Vollmondes liegt über der weiten Landschaft. Es hängt Nebel über den Strandwiesen, über den Teichen und Buchten, die ins Land hineinzüngeln, ein flacher, weißer Nebel wie schneebedecktes Eis zu beiden Seiten des Fjords, der wie ein mondbeschienenes Eisloch funkelt. Die Häuser und Anwesen unten am Fjord, wo die Lichter in den Zimmern angesteckt werden, tauchen in klaren Umrissen auf wie schwarze Kobolde mit Feueraugen, und die jenseitigen Höhen steigen hoch aus dem Nebel empor, wie fremde, seltsame Berge. Es ist ganz märchenhaft.

Und alles klingt so eigentümlich in der Luft. Weit draußen im Westen taucht ein Ton aus der Stille auf, ein fernes Dröhnen, das stärker und stärker wird. Und man sieht einen flackernden Feuerschein, der sich von Norden nach Süden zu bewegt.

Das ist die Eisenbahn, die in der Ferne vorbeifährt. Nach und nach verliert sich das Geräusch.

Einen einsamen Kiebitzschrei aus dem Sumpfe erkennt Sara sofort, ebenfalls das ferne Gebell eines Hundes aus irgendeinem Hofe; aber die Luft ist so eigentümlich. Sara ist voller Erwartung, sie lauscht nach allen Seiten, horcht und späht.

Anders ist nirgends zu sehen, nicht im Osten und nicht im Westen.

Sie biegt in die Allee ein, und wenn es auch still ist, so bewegen sich doch die Blätter der hohen Pappeln leise; es klingt wie Rieseln, wie eine verborgene Quelle, die rinnt, tropft und rinnt und die Seele lauschen macht.

Sie geht hinein in den Garten. Ihr Schatten gleitet über den weißen Hausgiebel.

Sie setzt sich in die träumenden Büsche an einer Stelle, wo niemand sie sehen kann, von wo aus sie selber aber den Fußsteig vom Hallumer Wäldchen zu beobachten vermag.

Aber Anders kommt nicht. Wie tief die Sehnsucht eines Herzens sein kann. –

Mitten in der Nacht, als sie in ihrem Bette liegt, hört sie seinen Schritt, wenn er auch noch so leise geht. Aber sie kennt ihn aus weiter Ferne. Selbst wenn ihr Auge geschlossen ist, ihr Ohr schläft nicht.

Die Tür öffnet sich, und er steht in ihrer Kammer.

»Guten Abend, Sara,« flüstert er, und die Luft wird heiß von seinem Atem.

Aber Sara antwortet kühl: »Na, hast du sie nun nach Hause begleitet?«

»Ach, – ich bin mit ihr nur durch das Wäldchen gegangen.«

Es entsteht eine schwüle Pause. Dann sagt Sara: »Es ist unglaublich, wir ihr beide heute miteinander schön tatet!« Es ist Bitterkeit im Klang ihrer Stimme, und doch zittert sie vor Zärtlichkeit, weil er ihr so nahe ist.

»Tscha, wir sind nun doch mal Geschwisterkinder, und – äh – wir müssen doch aufpassen, daß Mutter nichts von dem entdeckt, was wir miteinander haben, und – äh – siehst du – dann könnten sie glauben, es sei die andere.«

»Ja, aber deine Mutter muß es ja doch einmal zu wissen kriegen.«

»Selbstverständlich – he – e!«

»Wenn du sie aber nur durch das Wäldchen gebracht hast, wo warst du denn so lange, Anders?« Sie erhebt sich halb.

Ja, nachdem er nun einmal so weit gekommen, da sei er, sagt er, zu den Freunden nach Kratholm gegangen, und da hätten sie dann angefangen Karten zu spielen, sagt er.

Er kommt auf sie zu und drückt warm ihre Hand.

Und da hat Sara alles vergessen, was sie noch sagen wollte. Sie weiß von nichts anderem mehr, als daß er jetzt hier – bei ihr ist.

Und sein Haar ist voll Tau, und seine Lippen sind so frisch.

Nach einer Weile hebt sie den Kopf und sagt: »Anders, mir ist, als hörte ich jemand!«

Jetzt horcht auch er, sagt aber, es sei nichts.

»Doch, Anders, da ist etwas!«

»Es sind am Ende Sören und Boel,« bemerkt er und kichert.

»Du darfst das nicht so sagen, das mag ich nicht, du!«

»Ja,« ruft sie wieder und setzt sich aufrecht hin. »Ich spüre an mir, dass jemand kommt!« Sie packt seinen Arm.

In diesem Augenblick wird die Kammertür geöffnet, und sie unterscheiden die hohe Gestalt der Wiesenhofbäuerin; sie steht und starrt sie an. Das genügt gerade.

»Schämt ihr euch nicht!« sagt sie laut, und ihre Stimme macht dem Flüstern der Nacht ein Ende.

Anders und Sara sind gänzlich verstummt; es ist das Gesetz, das vor ihnen steht mit seinem Flammenschwert.

»Willst du machen, daß du in deine Kammer hineinkommst!« Sie schreit es fast dem Sohne zu.

Er ergreift seine Sachen und schleicht schweigend hinaus.

»Du Dirne!« wendet sie sich an Sara, bevor sie die Türe krachend ins Schloß wirft.

Und die Kammet ist angefüllt mit Zorn, nachdem sie fort ist.

Aber warum? Warum ruft Anders Mutter ihr ein so häßliches Wort zu? Sie, Sara, liebt ja ihren Sohn, sie hat ihm alles gegeben, was sie besaß, und sie hat seine Lippen mit ebenso großer Liebe geküßt wie die Mutter. Warum können sie nicht zusammenhalten und ihre Herzen miteinander teilen?

Hat sie etwas Böses getan? Es waren Freudentage, so scheint es ihr; sie hat desgleichen bisher noch nie erlebt. Und trotzdem – – aber warum darf sie dem Zug ihres Herzens nicht folgen? Warum ist jetzt der Zorn über ihr?

Sara greift sich an die Stirn; sie streicht sich über die Augen. Ein Blitz der Erkenntnis durchzuckt ihr Hirn. Sie erwacht wie nach einem langen, langen Rausch.

Mit einem Male liegt es so nackt und nüchtern vor ihr, daß Anders der Sohn vom Wiesenhofe ist und sie nur ein armes Mädel vom Berge, die Tochter des Weidenhäuslers; daß Maren, die Wiesenhofbäuerin, aus dem alten, reichen, stolzen Bauerngeschlecht stammt, dessen Bilder die Wände des Wohnzimmers zieren, und daß von dem Geschlechte der Weidenhäusler niemand etwas weiß, weil sie stets den Großbauern dienten, keinen festen Wohnsitz hatten, außer einem elenden Neste bald hier, bald da, gleich den Zugvögeln.

Sie begreift mit einem Male, wie weit das Weidenhäuschen und der Wiesenhof auseinander liegen. Und an all das hat sie vorher nicht gedacht, als sie dem Zuge des Herzens folgte.

Ihre Gedanken sind so klar geworden; sie tauchen von selber auf und durcheilen ihr Bewußtsein wie ein Strom, der die Wirklichkeit, die ganze Wirklichkeit widerspiegelt.

Sie liegt vollkommen wach während der ganzen Nacht. Der Mond scheint in ihre Kammer.

Es ist als starre sie hinein in eine neue Welt.

Aber warum schlich Anders hinaus wie ein gescholtener Schuljunge? Warum stand er nicht auf gegen die Mutter und sagte, daß Sara und er eins seien und ebenso unzertrennlich wie Stiel und Blüte? Warum? – –

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