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Sanders

Edgar Wallace: Sanders - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleSanders
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunSiebente Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Die Freudensucher

1.

Die »Zaire« hatte einmal den Inseln der Freude einen Besuch abgestattet, einer Gruppe von sechs Inseln, keine größer als eine Meile im Umfang und zwei von ihnen nur halb so groß; sie waren unbewohnt. Denn obwohl dort Wasser und eine üppige Vegetation vorhanden war, gab es da weder Affen noch Ratten, nicht einmal Schlangen.

Vor langer Zeit hatten einst die Portugiesen dort einen Posten errichtet, und die grauen Ruinen eines kleinen Forts waren noch sichtbar; und Anzeichen bebauter Felder waren auch da. Aber niemand zeigte Sehnsucht nach diesen Freudeninseln; ihre geographische Lage rechtfertigte nicht einmal die Errichtung einer Kabelstation.

Bones hatte gedroht, vierzehn Tage auf eine botanische Exkursion zu gehen – das war um die Zeit, als er schwer am botanischen Fieber litt und ganze Massen ungenau benannter gepreßter Gräser und Blumen sammelte. Aber er machte sein Versprechen niemals wahr, und die Inseln der Freude galten nur als Landmarke und als ein die Schifffahrt bedrohendes Hindernis; obwohl tatsächlich keine planmäßige Dampferlinie innerhalb zwanzig Meilen von diesen lieblichen Felsen vorüberkam.

Sagen gingen um über sie, und zwar bis weit den Fluß hinauf. Nach Ansicht der einen war es der Sommeraufenthalt M'Shimba-M'Shambas und nach einer anderen Fassung bevölkert von einer Rasse von Sklaven, die Kleider für die weißen Menschen webten.

Das Kanovolk verzeichnete eine Legende, nach der Mohammed einmal auf der größten dieser Inseln gelandet war und dort einen Traum gehabt hatte, daß alle Welt zu seiner Lehre bekehrt werden würde. Aber das Kanovolk umkleidet den gewöhnlichsten Flecken mit einem heiligen Geheimnis.

Die Haußas sind in allen ihren Gewohnheiten und Gebräuchen Mohammedaner, nur mit der Ausnahme, daß sie ihre Weiber unverschleiert halten, obwohl Abiboo Herrn Bezirksamtmann Sanders einmal erzählt hatte, daß manche der Fulas, die unter dem Emir stehen, und die die Herren von Kano sind, dieser Sitte huldigen. Aber wenn die Haußas ihr Weibervolk auch nicht abschließen, so haben sie doch strenge Ansichten über ihre Unantastbarkeit. Und als Benabdul, ein Soldat der Königshaußas, durch den Wald kam und sein junges und reizvolles Weib in den Armen Achmets, des Hornisten, sich wehrend fand und ihre fürchterlichen Schreie hörte, stürzte er sich auf den hübschen Burschen, der über jegliche Verzeihung hinaus gesündigt hatte, und es hätte Mord gegeben. Zum Glück brachte der Lärm des Streites Sergeant Abiboo auf die Szene, und Abiboos bevorzugter Friedensvermittler war ein steifer Streifen Rhinozeroshaut, die sehr weh tut.

Leutnant Tibbetts hielt sein Morgenpalaver um sieben Uhr; der sündigende Hornist wurde vor ihn gebracht und die Geschichte seiner verabscheuungswürdigen Vergehen erzählt. Das Weib legte kein Zeugnis ab; ihr Ehemann tat das an ihrer Statt. Er war sehr zungengewandt. Als die Beweisführung beendet war, setzte Bones sein Monokel ein und gab sein Urteil ab.

»Du wirst sieben Tage lang in Dunkelhaft bleiben. Alle die Auszeichnungen auf deinem Arm, die sagen: ›Dieser ist ein guter Soldat‹, sollen von deinem Arm genommen werden, und solange du im Gefängnis bist, wirst du keinen Sold erhalten.«

So wanderte Achmet zu den Zellen hinter dem Wachraum und zupfte bei spärlicher Kost Werg.

»Senden Sie lieber den jungen Narren zum Gouvernement!« riet Sanders, und Hauptmann Hamilton stimmte dem bei.

Aber die Überweisung einer einzelnen Person von einer Station zur anderen ist keine leichte Sache. Da waren Berichte in dreifacher Ausfertigung an das Gouvernement zu machen, Memoranda zu beantworten, und das alles kostet Zeit. Der unbeliebte Achmet kam aus dem Gefängnis und nahm seine Hornistenstellung wieder ein; und es sah aus, als ob die ganze Angelegenheit beigelegt wäre, denn Benabdul, der geschädigte Ehemann, war ein nachsichtiger Mensch und unfähig, eine Fehde zu unterhalten.

Nicht so sein Weib, wie es schien. Ihr Name war Fahmeh, und sie war vom Araberschlag; braun, und vom Europäerstandpunkt aus gesehen, hübsch, denn ihre Nase war dünn und gerade, und sie hatte schöne Augen.

Sie hielt Leutnant Tibbetts Hütte rein und wusch seine Wäsche.

»Gebieter!« sagte sie eines Morgens während ihrer Arbeit, »dieser Mann Achmet sieht mich immer an, wenn ich an ihm vorbeigehe, und seine Augen sehen schrecklich verliebt aus. Ich fürchte mich.«

Bones' Gesicht war in diesem Augenblick fast gänzlich mit Seifenschaum bedeckt, und sein glänzendes Rasiermesser durchzuckte die Luft.

»Weib, wenn du ihn nicht ansehen würdest, wärst du nicht beleidigt«, sagte er; »denn es steht geschrieben in der Sure des Djin, daß Beleidigung vom Wissen kommt.«

Sie runzelte ihre Stirne.

»Alle Weiber zeigen mit Fingern auf mich, und manche fragen mich, warum mein Mann ihn nicht schlägt. Und ich werde nicht glücklich, bis dieser Mann geht, denn ich hasse ihn«, sagte sie.

»Alle Dinge geschehen«, antwortete der philosophisch veranlagte junge Offizier und beendete seine Toilette.

Bones arbeitete gerade damals zweifellos sehr viel und hatte seine eigenen Sorgen. Seine vielen musikalischen Besitztümer verstaubten an sonderbaren Orten; sein tragbares Harmonium war niemals geöffnet worden, die Dudelsackpfeifen die ihm ein irregeführter Gouverneur geschenkt hatte, hingen vernachlässigt da (Fahmeh staubte sie nicht einmal ab, da sie glaubte, sie seien die getrockneten Überbleibsel eines Meerungeheuers von der Familie der Polypen).

Bones arbeitete fleißiger und andauernder als gewöhnlich an einem Rechtskursus. Vom Gouvernement war ein umfangreiches Rundschreiben gekommen, das die Notwendigkeit in den Vordergrund stellte, daß »alle Offiziere, die eine Stellung in der Verwaltung einnahmen, oder Assistenten solcher Offiziere, die eine administrative Stellung einnahmen, oder Offiziere, die zu irgendeiner Zeit berufen werden können, in Abwesenheit der eigentlichen Verwaltungsbehörden solche Ämter einzunehmen«, ihre Gedanken auf das Studium der Gesetze richten sollten. Als Anreiz für Fortschritte in diesem Fach wurde ihnen eine Zulage in Aussicht gestellt, die nur mit dem Mikroskop zu entdecken war.

Es bedurfte nur dessen, um Bones in die frohen und beglückenden Arme der Doktorhut-Schule des Rechtes und der Jurisprudenz zu treiben, deren seitenlange Anpreisung jedes Magazin von Ruf füllte.

»Lerne Gesetzeskunde!« sagte die Ankündigung befehlend.

Bones schrieb um nähere Auskunft und erhielt eine Wagenladung Literatur, einen Brief, der anfing: »Teurer Freund!«, und ein Blankett, das durchaus nicht leer war und nur seiner Unterschrift auf der punktierten Linie bedurfte, um Bones die enthüllten Geheimnisse des Gesetzes auf seine Frühstückstafel zu bringen.

»Und welchen Wert die Gesetze der Vereinigten Staaten von Nordamerika für Sie haben werden, mag Gott wissen«, sagte Hamilton, als er seinen Untergebenen in das Studium des »Personenrechts« vertieft fand. »Sie sollten sich vielmehr an die Auslegung der Zehn Gebote machen.«

Bones legte sich müde in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen. »Lieber, oller Herr!« antwortete er mit beleidigender Geduld, »warum machen Sie sich über mich lustig? Diese Sorte Zeugs ist ein bißchen zu schwer für Sie, lieber, oller Herr. Ich wette, Sie wissen nicht, daß es gesetzwidrig ist, zu behaupten, Sie seien jemand anders.«

»Sie verblüffen mich, Bones!«

»Und ich wette, Sie wissen nicht, armer, oller Ignoramus, daß, wenn ich zu Ihnen käme und sagte, ich sei Sanders, und ich wäre nicht Sanders, und Sie dächten, ich sei Sanders, und gäben mir einen Scheck, was wäre ich dann?«

»Ich weiß, was ich sein würde«, antwortete Hamilton.

Etwas später am Tage drückte Hamilton gegen Sanders seine Beunruhigung aus.

»Ich habe Bones niemals ein Studium so ernstlich aufnehmen sehen. Er wandelt einher wie ein Mann im Traum und nennt mich ›Euer Ehren‹. Würde es Ihnen 'was ausmachen, die Post durchzugehen und alle Korrespondenz, die mit ›Doktorhut-Schule aller Rechte‹ bezeichnet ist, zu entfernen?«

Sanders lächelte.

»Ich fürchte, ich darf das nicht tun, aber ich will mit Bones reden.«

Ehe Sanders das tun konnte, geschah etwas Sonderbares. Der Korporal der Wache berichtete, er habe Bones um Mitternacht um den Exerzierplatz gehen sehen. Bones halte seine Hütte auf der anderen Seite des Exerzierplatzes gerade gegenüber dem Wachraum, und es war in einer heißen Nacht, wenn der Schlaf sich suchen ließ, nicht ungewöhnlich, daß der Posten einen langen jungen Mann sah, der in stark gestreiften Pyjamas und Moskitostiefeln außerhalb des Hauses auf- und abging. Als der Posten die Gestalt in Pyjamas quer hinüber zum Magazin, einer häßlichen kleinen Wellblechbaracke, gehen sah, in der die Soldatenuniformen aufbewahrt wurden, dachte er sich nichts dabei. Er erwähnte die Angelegenheit dem Korporal der Wache gegenüber, und dieser sagte es, wie beiläufig, Hamilton.

»Am welche Zeit war das?« fragte der Haußahauptmann interessiert. »Gebieter, es war die dritte Stunde vor Tag.«

Als sie sich beim Frühstück trafen:

»Was zum Teufel machten Sie mitten in der Nacht?« fragte Hamilton.

»Ich, Herr? Schlafen, Herr; das tue ich gewöhnlich, teuerer, oller Ham.«

Hamilton sah ihn betroffen an.

»Aber, mein lieber Mann, Sie sind nachts um drei Uhr auf dem Exerzierplatz herumgestrolcht!«

Bones starrte ihn mit offenem Munde an.

»Mir, Herr? Ich, Herr, meine ich? Gönnen Sie dem armen, ollen Hauptmann ein wenig frische Luft!« sagte Bones sanft. »Sonnenstich, lieber, oller Herr ... Hitze, armer oller Hauptmann ...«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht in Ihren unmöglichen Pyjamas heut um drei Uhr morgens herumgelaufen sind?«

»Nein, Herr, und was meine Pyjamas ...«

»Beim Frühstück wollen wir über die nicht sprechen«, antwortete Hamilton.

»Waren Sie jemals Schlafwandler?« fragte Sanders.

»Als Jüngling, Herr«, gab Leutnant Tibbetts zu. »Vor vielen, vielen Jahren.«

Als Hamilton und Sanders die Sache unter sich erörterten, nahm Sanders sie leicht.

»Er arbeitet hart, und das erklärt anscheinend sein Schlafwandeln. Er kann sich nicht viel schaden, aber Sie täten gut, dem Sergeanten der Wache zu sagen, daß er ihn im Auge behält.«

In dieser Nacht geschah nichts. Aber in der folgenden Nacht fand es Hamilton zu heiß zum Schlafen und zog sein Feldbett auf die Veranda; er hoffte, die Moskitos würden die Abwesenheit des schützenden Moskitonetzes nicht bemerken. Nachdem er eine Stunde mit Klatschen und Wischen verbracht hatte, stand er mit einer Verwünschung auf, ging in das Speisezimmer und machte sich ein laues Zitronensaft-Gemisch zurecht. Als er wieder zu seinem Bett heraus kam, war er so wach wie jemals in seinem Leben; er gab seinen Plan auf, das Moskitonetz wieder um sein Bett aufzustellen, setzte sich in einen der Langstühle und zündete sich eine Zigarre an.

Es war Vollmond – fast so hell wie am Tage. Er sah das Glitzern des Bajonetts des Postens, als dieser lässig auf- und abwandelte, und den rötlichen Schein der unerlaubten Zigarette, die der Soldat rauchte. Hamilton grinste. Früher würde er den Mann herangeholt und ihn wegen Pflichtverletzung bestraft haben; aber er hatte gelernt, daß es gewisse Vergehen gegen das Militärgesetz gab, die so menschlich verständlich waren, daß, scharf gegen sie vorzugehen, sich der Unmenschlichkeit schuldig machen hieß.

Und dann sah er plötzlich eine Gestalt in Pyjamas das Viereck queren und in der von Bones bewohnten Hütte verschwinden. Er wartete fünf Minuten; seine Neugier gewann die Oberhand; er stand auf, nahm seine elektrische Taschenlampe und ging quer über den Übungsplatz. Bones hatte beide Fenster und Türen weit offen gelassen, und als Hamilton seine Taschenlampe spielen ließ, sah er seinen Untergebenen unter dem Moskitonetz in tiefem Schlaf. Als der Lichtstrahl über Bones' Gesicht glitt, grunzte dieser und drehte sich auf die andere Seite ...

»Mordbrennerei«, murmelte er, »ist eine Art Verbrechen, die von zivilisiertem Gemeinwesen hübsch verabscheut wird.«

Hamilton schritt quer über das Viereck zu dem Posten hin, dessen Zigarette als stummer Zeuge seines Vergehens brennend am Boden lag.

»Nein, Gebieter, ich habe Tibbetti nicht aus seinem kleinen Hause heraus kommen sehen,« sagte der Mann; »aber das Haus hat eine Hintertür, die ich nicht sehen kann, und Tibbetti kommt und geht ... darum habe ich ihn nicht angerufen, denn er ist von hohem Rang.«

»Hat er diese Zigarette weggeworfen?« fragte der Offizier spöttisch.

»Gebieter, er muß das wohl getan haben, denn wer sonst würde rauchen?«

Hamilton hielt es für unklug, diesen Punkt weiter zu verfolgen. Am folgenden Tag kam die europäische Post und die von der Küste an; und in der Sendung (die einige dicke Briefe der Doktorhut-Rechtsschule einschloß) befand sich der amtliche Befehl, den Hornisten Achmet zum Gouvernement zu schicken. Hamilton hatte gerade Zeit, die Papiere des Mannes in Ordnung zu bringen (denn ein Soldat ist an umfangreiche Aktenstücke gebunden) und den Mann an Bord des nach Norden bestimmten Dampfers zu verfrachten, und war dadurch so beschäftigt, daß er keine Zeit fand, den Schlafwandler zu befragen. In Zeiten einer Krisis wie diese war Bones das schwankendste aller Rohre. Unabänderlich trug er die Vergehen eines Mannes auf der für den Gesundheitsbericht bestimmten Seite von dessen Paß ein und berichtete von dessen Halskrankheit auf der für militärische Vergehen vorbehaltenen Seite.

Die Gelegenheit, Bones zu fragen, fand sich erst spät am Abend.

»Segen auf meine nette, olle Seele!« sagte Bones bestürzt. »Schlafwandeln! Ich! – Sie ziehn mich am Bein (verkohlen mich), Ham!«

»Dazu befand ich mich nicht nahe genug, oder ich hätte Ihnen einen Rippentriller gegeben, von dem Sie aufgewacht wären.«

»Und der mich wahrscheinlich getötet hätte«, sagte Bones entrüstet. »Das ist Mord, lieber, oller Offizier! Mord im dritten Grade. Tun Sie das niemals, Ham! Beherrschen Sie sich!«

Bones schien bei dieser Enthüllung seiner Absonderlichkeit weniger beunruhigt als stolz auf seinen krankhaften Zustand zu sein; er sprach von haarsträubenden Abenteuern in seiner Jugend und erzählte eine lange und schauerliche Geschichte, wie er einmal im Schlaf ein Geländer entlang getänzelt sei.

»Vernichtung, lieber, oller Herr, starrte mir ins Gesicht.«

»Vernichtung könnte mein Mitgefühl erregen,« sagte Hamilton kalt, »aber augenblicklich warne ich Sie. Sie werden sich in eine sehr böse Lage bringen. Es würde nicht nett aussehen, wenn ich Ihnen einen Wärter beigäbe.«

»Das würde es nicht! Das sage ich auch!« antwortete Bones bissig.

»Aber«, fuhr Hamilton fort, »Sie müssen ein Mittel finden, um Ihr nächtliches Herumstreichen zu verhindern. Ich möchte Ihnen raten, Ihren Fußboden mit Reißzwecken, die Spitzen nach oben, zu spicken.«

Bones murmelte einen Widerspruch.

»Oder, daß Sie Ihre große Zehe an den Bettpfosten binden. Sie wirken demoralisierend auf die Truppe, und das muß ein Ende nehmen.«

Bones zuckte die Achseln.

»Ich werde nach der Angelegenheit sehen, Herr«, sagte er verdrossen.

Als er nach seiner Hütte zurückging, rollte Fahmeh, das Kanoweib, gerade das Moskitonetz herunter und steckte die losen Enden unter die Matratze.

»Nun ist mein Herz glücklich, Tibbetti, denn Achmet ist auf das große Schiff gegangen, und ich werde ihn nicht mehr sehen«, sagte Fahmeh.

Bones befand sich nicht in der Stimmung, über Achmet und über das Wohl und Wehe der jungen Dame zu schwatzen. Dagegen war er begierig, Nachrichten von außerhalb über seine eigenen nächtlichen Gewohnheiten zu erlangen.

»Sage mir 'mal, Fahmeh, haben die Soldaten mich jemals in der Nacht herumgehen sehen?«

Zu seinem Erstaunen nickte sie.

»Ja, Gebieter, ich habe dich in deinem feinen seidenen Bettanzug und in deinen hohen gelben Stiefeln gesehen. Einmal kamst du aus deiner Hütte und riefst meinen Mann; und ich kam zu dir hinaus, und du sagtest mir, du benötigtest ihn. Und weil du so sonderbar aussahst, dachte ich, du seiest krank im Kopf.«

Bones ließ sich schwer in den nächsten Stuhl fallen.

»Segen auf mein Leben!« sagte er schwach und wurde blaß.

»Beim lebendigen Himmel und allen heiligen Schlangen!« fügte er hinzu und fuhr mit seinen Fingern durch sein dünnes strohgelbes Haar.

»Auch viele von den Soldaten haben dich in das Haus gehen sehen, in dem das Soldatenzeug aufbewahrt wird,« fuhr sie erbarmungslos fort; »und letzte Nacht sah Militini dich.«

Bones winkte ihr, aus der Hütte zu gehen. War er auf dem Wege, wahnsinnig zu werden? Junge Leute – intelligente und lebensfrohe Männer – waren vor ihm in diesem Lande durch die brennende Sonne und die ewige Bläue dieser Himmel zum Wahnsinn getrieben worden.

Als er zum Essen ging, trug er ein Dokument bei sich, das er mit tragischer Gebärde vor Sanders' Blicken ausbreitete.

»Ich möchte gern, daß Sie das hier beglaubigen, lieber, oller Herr und Exzellenz«, sagte er gedrückt. »Ich habe Ihnen meinen kleinen Bungalow (Sommerhaus) bei Shoreham und dem ollen Ham alle meine Gewehre und Sachen vermacht ...«

»Was ist denn das?« fragte Sanders und überflog das Dokument, das folgendermaßen begann:

»Ich, Augustus Tibbetts, Leutnant der Königshaußas, bei gesunder Vernunft und in vollem Besitz meiner geistigen Fähigkeiten ...«

»Ein Testament? Was für ein Blech! Und außerdem, Bones,« lächelte Sanders, »ich könnte nicht gut ein Testament beglaubigen, das mir auch nur einen Shoreham-Bungalow vermachte. Sind Sie krank?«

»Nein, Herr –, aber an der Grenzlinie, Herr!« antwortete Bones in tiefstem Grabeston. »Klapsig, Herr.« Er klopfte mit dem Finger leise auf seinen Kopf. »Sehe Gesichte, Herr, und höre Stimmen, Herr, und Geschrei in der Luft, des Nachts und über den ganzen Platz.«

»Oh, Sie sind Schlafwandler? Well, das wird Sie nicht umbringen«, sagte Sanders, und als Achmets Nachfolger den Offiziersruf zum Essen blies: »Setzen Sie sich und essen Sie!«

 

2.

Die Hütten der Haußas bilden zwei Linien, fast parallel mit dem Flußufer. Daneben, und näher der See, befinden sich ihre Gärten, in denen süße Kartoffeln und Zwiebeln und Mehlfrüchte in Menge wachsen. Zur Nachtzeit liegt eine gewisse Romantik über diesen Hütten, denn Feuer brennen dort, der Ton einer ungestimmten Banjogitarre läßt sich hören, das Klatschen von Händen und das Tam-Tam der langen Tanztrommel.

Ehe Bones in dieser Nacht zu Bett ging, stellte er eine mühsam verfertigte Falle auf, die ihn aufwecken sollte, falls er unbewußt einen Spaziergang antrat. Die Falle bestand aus einem alten Schrotgewehr, das höchst gewagt auf der Kante der offenen Tür lag, und aus einem Besenstiel; die erforderliche Höhe wurde dadurch gewonnen, daß man den Besenstiel in der Schwebe auf einen Stuhl legte.

Der Mann, der ihn um die Mitternachtsstunden zu wecken kam, mußte damit gerechnet haben – höchstwahrscheinlich –, da Mann, Weib und Kind in der Station gesehen hatten, wie Bones die Falle aufstellte.

»Tibbetti!« rief der Mann in dringlichstem Tonfall.

Als sein Name zum dritten Male wiederholt wurde, sprang Bones aus dem Bett, stieß die Tür auf und wurde fast besinnungslos von dem Schießeisen zu Boden geschlagen.

»Kerl, warum rufst du mich?« grollte Bones und rieb seinen Kopf.

»Gebieter, willst du kommen und sehen? Benabdul ist ermordet worden.«

Bones fuhr in seinen Rock, zog seine Stiefel an und trat in die schwarze Nacht hinaus.

»Wer hat diesen Mann getötet?« fragte er.

»Herr, niemand weiß. In der Nacht hörte sein Weib ihn schreien, und als sie aus ihrer Hütte kam, da lag, durch die Fügung Gottes, Benabdul.«

Jemand hatte ein Feuer zu lichter Flamme geschürt. Alle Haußahütten waren leer, und eine Menge halbnackter Männer und Weiber umringten das Etwas, das auf dem Boden lag.

Der Mann war durch das Herz gespeert worden und lag auf einer Seite, die Arme nach der Dorfstraße zu ausgestreckt. Benabduls Weib bettelte weinend, man möchte ihn in die Hütte tragen, aber die Haußas ließen ihn dort liegen, wo man ihn gefunden hatte.

Bones ging zum Wohnhaus und weckte den Bezirksamtmann und Hamilton; sie gingen zu den Hütten zurück.

Sanders stand vor einem Rätsel. Es herrschte kein Krieg im Lande, und dieser Mann war so unbedeutend gewesen, daß er keinen Feind hatte, ausgenommen Achmet, und der befand sich auf einem Schiff und war hundert Meilen weg. Familienstreitigkeiten, durch die sich die meisten Familien auszeichnen, lagen ebensowenig vor. Er lebte glücklich mit seinem Weibe und prügelte sie nur selten. Die Sache war unerklärlich.

Später untersuchte Sanders die Waffe – einen kurzen Wurfspeer. Dutzende davon befanden sich auf der Station. Die Haußas kauften oder stahlen sie am Oberfluß – – Bones halte ein Dutzend in seiner eigenen Hütte.

»Das ist sehr sonderbar. Holt mir das Weib her!« befahl Sanders.

Ihren Freunden war es gelungen, das schluchzende Weib zu beruhigen, und sie wurde zu dem neben einem Feuer sitzenden Sanders gebracht.

»Nun erzähle mir, Weib!« sagte er freundlich. »Hast du kein Geräusch in der Nacht gehört?«

Sie zögerte.

»Gebieter, ich hörte eine Stimme, die meinen Mann rief, und er ging aus der Hütte«; sie schluchzte.

»Was für eine Stimme?« fragte Sanders sanft. »Denn du kennst doch alle Kameraden deines Mannes, Fahmeh.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Von diesen war es keine.« Dann sah sie Bones sonderbar an, und dieser wurde bleich wie der Tod.

» Meine?« krächzte er.

Sie nickte.

»Gebieter, es war deine Stimme, die ich gehört habe, und die mit meinem Manne sprach«, sagte sie in gedämpftem Tone. »Und dann hörte ich nichts mehr, bis er aufschrie.«

Bones zuckte nicht mit der Wimper. Er wurde etwas steifer, richtete sich höher auf als gewöhnlich. Dann bückte er sich und hob den Speer auf, den man herausgezogen hatte, und untersuchte ihn beim Scheine des Feuers. An dem einen Ende war er abgekratzt und dort befand sich ein Buchstabe.

»Der Speer gehört mir«, sagte er einfach. »Ich habe ihn vor drei Monaten von den N'Gombis mitgebracht.«

Hamilton nahm Bones' Hände und drehte sie um. Es haftete Blut an ihnen, aber das mochte von dem Sperre herrühren, den er in den Händen gehabt hatte, und der noch feucht vom Blut war. Und dann richtete Hamilton seine kalten Augen auf Fahmeh.

»Weib, du kannst Tibbetti gar nicht gehört haben. Das ist närrisches Gerede. Ich saß im Schatten von Tibbettis Hütte, während dieser schlief; und ich wachte, da ich seine sonderbare Gewohnheit kannte, im Schlafe herumzuwandern.«

»Was das anbetrifft, Gebieter, so weiß ich nichts,« sagte das Weib einfach, »nur, es war Tibbettis Stimme, die Benabdul herausrief.«

Und davon ging sie nicht ab. Der Posten wurde gefragt; er hatte Bones nicht über den Exerzierplatz gehen sehen, aber es gab da einen Pfad durch den Busch, der es Bones möglich gemacht haben konnte, die Hütte ungesehen zu erreichen.

»Wir werden das durchsprechen«, sagte Sanders ruhig. »Kommen Sie mit ins Haus 'rauf, Bones, und trinken Sie einen mit uns!«

Die drei Männer gingen schweigend über das Viereck in das im Dunkeln liegende Haus; Hamilton zündete eine der Lampen an und setzte eine große Flasche Whisky auf den Tisch. Bones Gesicht war bleich, seine Züge starr; mit Kopfschütteln schob er das Glas beiseite.

»Nö, danke, lieber, oller Ham«, sagte er, ein wenig heiser. Und darauf: »Habe ich diesen unglücklichen Kerl getötet? Ich muß bekennen, daß ich vor dem Einschlafen an ihn gedacht habe.«

»Sie haben niemand getötet«, antwortete Hamilton wild. »Worüber quatschen Sie denn? Das Weib ist vor Angst halb verrückt, und morgen früh wird sie eine wesentlich abweichende Geschichte erzählen. Irgend jemand hatte einen Groll gegen Benabdul und erledigte ihn. Da ist doch nichts Seltsames daran?« Er sah Sanders herausfordernd an.

»Nichts, gar nichts«, antwortete Sanders ruhig.

»Denken Sie, daß ich ihn getötet habe?« fragte Bones, alles Spannung im Gesicht.

Sanders' Hand griff nach seinem eigenen Kinn. »Ob ich denke, Sie haben ihn getötet?« wiederholte er langsam. »Nein, Bones, ich denke das nicht.«

Es wurde eine schlaflose Nacht für alle von ihnen, und als der Morgen anbrach, kam Sanders auf einen Gedanken, den er dem älteren Offizier mitteilte.

»Haben Sie daran gedacht, Ihr Magazin 'mal daraufhin nachzusehen, ob dort etwas fehlt? Nach den Aussagen wurde Bones doch dabei gesehen, wie er bei zwei ganz verschiedenen Gelegenheiten das Magazin besuchte.«

Diese Idee war Hamilton nicht gekommen, und ohne weiteres nahm er den Schlüssel, ging in Begleitung des Sergeanten Abiboo, des Schreibers, zu dem kleinen Bau hinunter und hielt dort kurze Umschau. Kurz war die Umschau deshalb, weil augenscheinlich jemand das Magazin in großer Eile besucht hatte. Ein Stapel brauner Decken war umgewühlt, und als man diese zählte, fehlten sechs. Im inneren Raum des Lagers, wo die Konserven aufbewahrt wurden, war eine Kiste aufgebrochen worden, und zehn Dosen Fleisch und Gemüse fehlten. Das war aber noch nicht alles. In einem kleineren Raum, es war wenig mehr als ein Verschlag, hatten zehn Gewehrständer neuer Lee-Enfield-Gewehre gestanden, die zu Übungszwecken an die Station geschickt worden waren, da die Truppen hier herum mit den alten Lee-Metford-Büchsen bewaffnet waren. Zwei Gewehre und eine Kiste Patronen waren verschwunden. Und was mehr bedeutete, ein Versuch war gemacht worden, den kleinen Geldschrank aufzubrechen, der jedoch nichts Wertvolleres enthielt als Protokolle und Lagerlisten.

Hamilton ging mit diesem eben gewonnenen Ergebnis zu Sanders.

»Ein Schlafwandler hätte unmöglich einen so systematisch verübten Raub ausgeführt«, sagte Sanders nachdenklich. »Ich werde ans Gouvernement drahten. Der letzte Dampfer hätte heute morgen dort sein müssen, und wenn der Landtelegraph instand ist ...«

Daß dieser instand war, erwies sich, als der Eurasier (Mischling von Inder und Europäer), der als Obertelegraphist Dienst tat, mit einer gekritzelten Botschaft herüber kam. Das Telegramm kam vom Oberkommando der Truppe:

»Gemeiner Achmet war nicht an Bord, als Schiff ankam. Kapitän glaubt, Achmet sprang über Bord, ehe Schiff Ihren Platz verließ.«

Sie sahen einander an.

»Achmet muß aufgefunden werden!« sagte Sanders Kurz. »Er war, wie ich mich erinnere, ein tüchtiger Schwimmer und kann leicht den Wald erreicht haben.«

Hinter dem Strande war ein Streifen Waldland, der sich fünfzig Meilen noch Norden erstreckte. Das Land war spärlich bewohnt, da es zu gewissen Zeiten unter einem schrecklichen Wind zu leiden hatte, der stets den Fluß selbst verschonte, und außer ein paar von Armut geplagten Stämmen, die ihr Leben durch Fischen fristeten, gab es keine nennenswerte Bevölkerung in diesem Strich.

»Er hat den Busch erreicht, ist während der Nacht zur Station gekommen und hat Benabdul erledigt«, bemerkte Hamilton.

»Aber Bones' Stimme?« Sanders zuckte die Achseln.

»Das ist ein alter Trick. Diese Haußakerle sind die geborenen Nachahmer, und Bones machten sie besonders gern nach.«

Hamilton selbst gab eine lebenswahre Nachahmung zum besten, wie Bones Benabdul auf Arabisch beim Namen rief.

Ein Durchsuchen des Buschlandes ließ sich praktisch nicht ausführen. Aber Bones und zwei Fährtensucher gingen am Strand entlang auf der Suche nach Fußspuren, und zwei Meilen von der Station fanden sie solche; eine Folge von Fährten, die vom Rand der See bis zum Busch führten und dort verschwanden. Gerade dort lief ein seichter Fluß vom Busch in die See, und Bones ging im Fluß aufwärts, bis dieser zu tief wurde und zu verwachsen, um darin weiter waten zu können. Hier hatten die Krokodile ihren Brutplatz, und gerade, als Bones durchs Wasser schritt, hörte er, wie ein großes Vieh von einem unbemerkten Baumstamm mit einem Klatsch ins Wasser fiel.

Bones ging zurück und berichtete über die Fährten. Alarm wurde geblasen; jeder Soldat, gleichgültig, ob auf Posten oder nicht, kam auf den Exerzierplatz, und Hamilton fragte Mann für Mann. Aber niemand hatte Achmet, den Hornisten, gesehen; Hamilton wußte, sie logen nicht. Der Mann war nicht beliebt, und er würde keine Freunde finden, die ihm ein Versteck böten.

»Sie sollten heute nacht lieber oben in unserem Wohnhaus schlafen, Bones!« schlug Sanders am Abend vor.

Bones zögerte.

»Ich möchte feststellen, wie weit ich in diese Sache verwickelt bin, Herr«, sagte er ruhig. »Wenn der olle Ham dem Posten Befehl gäbe, mich anzurufen, wo immer ich gesehen werde, wäre ich ruhiger, denke ich.«

Seine Augen waren schwer von Müdigkeit, und als er das Moskitonetz beiseite zog und sich aufs Bett legte, hatte sein Kopf kaum das Kissen berührt, als er auch schon in tiefen Schlaf sank.

Als Hamilton sicher war, daß Bones schliefe, trug er einen Deckstuhl zu Bones' Hütte, stellte diesen vor dessen Tür, machte die Runde um die Hütte und stützte einen starken Pfahl gegen die Hintertür, so daß diese nicht geöffnet werden konnte. Hierauf kehrte er auf die Vorderseite des Hauses zurück, setzte sich, eine Decke über die Knie, und fiel in einen unruhigen Schlaf. Der Stuhl stand vor dem Eingang der Hütte, so daß es unmöglich war, daß jemand die Hütte verlassen konnte, ohne ihn aufzuwecken.

Der Schrei, der ihn auf seine Füße jagte, kam nicht aus der Hütte. Er stand auf, sein Herz schlug etwas schneller, er horchte und hörte erregte Stimmen vom Wachraum herüberschallen. Sein erster Gedanke war Bones; er stieß den Stuhl beiseite und lief in die Hütte.

Bones' Bett war leer.

Niedergeschlagen sprang er aus der Hütte und lief über den Platz, gerade, als der Sergeant ihn wecken wollte.

»Gebieter!« sagte der Mann zitternd, »Sergeant Abiboo ...«

»Tot?« fragte Hamilton bestürzt.

»Nein, Herr, aber verwundet. Während er schlief, kam jemand in seine Hütte und speerte ihn, aber er lag auf seiner Seite ...«

Hamilton wartete nicht auf weitere Nachrichten, sondern raste den Haußahäusern zu, stieß die Leute, die den Eingang von Abiboos Hütte versperrten, beiseite und trat ein.

Die Wunde war leicht. Abiboo saß auf seinem Fellbett, während eine seiner beiden Frauen die Wunde vorsichtig verband.

»Ich weiß gar nichts, Gebieter,« sagte Abiboo offen, »außer, daß ich einen scharfen Schmerz fühlte und aufwachte. Ehe ich von dem Bett springen konnte, war mein Feind fort.«

»Hast du irgend jemand sprechen gehört?« fragte Hamilton schnell.

Wenn Abiboo das nicht hatte, ein Weib, das in der Hütte nebenan schlief, hatte jemand gehört, der Abiboo beim Namen rief.

»Es war Tibbetti, Gebieter«, sagte sie.

»Urmutter aller Narren,« schnappte Hamilton, »wie konnte es Tibbetti sein, wenn Tibbetti in seinem Hause schläft?«

Fahmeh löste sich von der Gruppe, die herum stand.

»Gebieter, ich sah Tibbetti,« sagte sie, »wie er durch das Dorf ging wie ein Geist; und er hatte einen Speer in der Hand, der war ganz rot von Blut, und diesen warf er vor meiner Hütte nieder, wo ich wachte. Und weil ich Angst hatte, habe ich den Speer nicht berührt.«

Sanders war um diese Zeit angekommen, und beide Männer gingen, um festzustellen, was sich feststellen ließ. Der Speer lag in der Mitte des Weges, der zwischen den beiden Hüttenreihen hindurchführte. Hamilton hob ihn auf, ließ den Strahl seiner Taschenlampe darauf fallen und stöhnte. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er Sanders die Waffe.

»Ist er in seiner Hütte?« fragte Sanders beunruhigt.

»Nein, Herr. Wie er da herausgekommen ist, mag der Himmel wissen.«

Der Hornist blies Alarm. Die Haußas eilten in ihre Hütten, um sich anzukleiden. In Patrouillen zu zwei und drei wurden sie ausgesandt, um zuallererst das Stationsgehölz abzusuchen, während eine stärkere Abteilung Hals über Kopf den Strand entlang geschickt wurde. Das Suchen wurde die ganze Nacht fortgesetzt, aber weder von Bones noch von dem Haußa Achmet war eine Spur zu entdecken.

»Ich verstehe das nicht«, sagte Sanders, als Hamilton beim ersten Schein der Morgendämmerung wiederkehrte und das Mißlingen der Suche berichtete. »Bones konnte doch nicht gut ... pah! Es ist lächerlich!«

Hamilton stand, die Hände aus dem Rücken gefaltet, das Kinn aus der Brust, ein Bild tiefster Niedergeschlagenheit.

»Es ist fürchterlich«, sagte er in Verzweiflung. »Natürlich, es mag ein sonderbares ...«

Aus dem Winkel eines seiner Augen heraus sah er einen Mann über das Viereck rasen. Es war der verwundete Abiboo. Er setzte die vier Stufen der Treppe, die zur Veranda führten, mit einem einzigen Satz hinaus.

»Herr!« rief er atemlos. »Fahmeh, Benabduls Weib, ist fort!«

Tiefstes Schweigen.

»Fort?«

Der Mann nickte.

»Ja, Herr. Niemand sah sie fortgehen, aber Tibbetti wurde gesehen ...«

» Was?« schrie Hamilton. »Wann wurde er gesehen?«

»Als alle Leute auf dem Exerzierplatz standen«, antwortete der Haußa. »Ein altes Weib, die wegen ihres geschwollenen Fußes zurückblieb ... Sie war das Weib des Korporals Ali Fula, der gefallen ist ...«

»Wo hat sie Tibbetti gesehen?« unterbrach Sanders.

»In seinem kleinen Schiff«, war die verblüffende Antwort. »Der Tschick-a-Tschick. Er glitt wie ein Geist den Strom hinunter zu den großen Wassern.«

»Ich will verdammt sein!« sagte Hamilton hilflos.

Er lief zum Kai hinunter, er hoffte, das Weib hätte sich getäuscht. Das Motorboot war fort.

Das versprach ja eine ganz geheimnisvolle Sache zu werden, und Sanders hatte einen drei Foliobogen langen Bericht an das Gouvernement geschrieben, als Hamilton ihn ganz aufgeregt an den Strand rief. Der kleine »Wiggle« kam von See herein, hinter sich im Tau ein langes Kanu, in dem zwei niedergeschlagene Menschen saßen.

 

3.

Als Fahmeh, das Kanoweib, vor Sanders stand, erzählte sie folgendes:

»Herr, dieser Achmet war mein Liebhaber, weil er jung war und schön, und mein Mann war alt und albern. Und als Benabdul mich in seinen Armen fand, tat ich so, als ob ich Achmet haßte, denn ich wußte, daß die Zeit kommen würde, wo wir zu den Inseln der Freude gehen, eine Hütte bauen, unseren eigenen Garten bepflanzen und für immer dort leben würden. Und ich haßte Tibbetti, weil er meinen Liebhaber in ein finsteres Gefängnis steckte. Wir hatten ein Kanu in dem kleinen Bach, und da wir wußten, daß Tibbetti tief schläft, nahm Achmet den Schlüssel zu dem kleinen Haus, wo das Zeug aufbewahrt wird, und wir nahmen daraus alles, was wir für unsere lange Fahrt zu den Inseln bedurften. Auch einen Sack Reis nahmen wir mit und einen Sack Salz und Schnuren mit listigen Haken zum Fischen und Zeug, um uns zu kleiden. Ich tötete Benabdul, weil ich ihn haßte, und ich sprach böse von Tibbetti, weil ich ihn noch mehr haßte. Ich hätte Abiboo getötet, weil er meinen Liebhaber in so grausamer Weise schlug, aber Abiboo lag auf der Seite.«

Sanders machte keine Bemerkung. Es wäre Zeitverlust gewesen. Er überwies die beiden Gefangenen dem Gefängnis und gab Bones Gelegenheit, das Wunder zu erklären.

»Ich habe alles ausgeheckt, als ich im Bett lag, liebe, olle Exzellenz,« sagte Bones, »während der arme, olle Hamilton draußen schnarchte wie ein Schwein«, fügte er anmaßend hinzu. »Kriegte die Idee in einem Blitz! Schlüsse und Logik, Herr und Kamerad! Ich wußte, diese unartige, olle Dame besorgte die Wirtschaft in meiner Hütte und war die einzige Person, die den Speer genommen haben konnte. Ich bin eine sehr nette methodische Person, lieber, oller Herr! Eine Menge Leute stellen sich das nicht vor. Ich wußte, ich hatte zehn oder, kann sein, zwölf Sperre in meiner Hütte, und so stand ich auf, zündete Licht an und zählte sie, und da waren bloß noch sieben oder, kann sein, neun.«

»Oder, kann sein, zwölf«, ergänzte Hamilton grinsend.

»Da fehlten drei oder vielleicht fünf«, sagte Bones feierlich. »Auf jeden Fall fehlten einige. Ich dachte mir, was für eine nette, gute Idee es wäre, wenn ich hinunterginge und die Hütte dieser verruchten, ollen Person durchsuchte.«

»Mitten in der Nacht!« murmelte Hamilton.

»Ich trat über Sie hinweg, und Sie hörten nichts!« sagte Bones triumphierend. »Und, hören Sie, Ham! Ich bin kein Schlafwandler! Die verruchte Person, die in meinen Pyjamas in meiner Hütte aus- und einging, war Achmet selbst. Ich hätte mir niemals träumen lassen, jemand könnte ein so gemeiner Kerl sein, meine Pyjamas zu klauen. Das so nebenher. Ich ging also auf dem Buschweg zu den Haußahäusern 'runter und war kaum im Haußadorf angelangt, als ich Mrs. Benabdul aus Abiboos Hütte herauskommen sah und das Gepolter hörte. Mich zu verbergen, war das Werk einen Augenblicks. Ich erriet die ganze Geschichte in einer Sekunde. Mein Gehirn ...«

»Wir können uns das alles vorstellen, Bones«, sagte Sanders gut gelaunt. »Was geschah nun?«

Anscheinend war Bones der Mörderin durch das Gehölz gefolgt, wo der Liebhaber mit seinem Kanu wartete, das verproviantiert und fertig zur Reise war. Das Kanu glitt über die Brandung, ehe Bones die Absicht der beiden erkannte. Er raste zum Kai zurück, an dem die kleine Motorbarkasse lag, und machte sich an die Verfolgung der beiden.

»Aber ich wandle nicht im Schlaf. Diesen Punkt möchte ich feststellen, lieber, oller Offizier!« sagte Bones nachdrücklich. »Wenn ich gehe, dann bin ich wach, und wenn ich wach bin, dann bin ich fürchterlich scharf! Wenn Sie das ans Gouvernement berichten, Exzellenz,« er wandte sich an Sanders, »dann könnten Sie die Tatsache erwähnen, daß ich das alles ohne die geringste Unterstützung getan habe ... In der Tat, wenn irgend etwas dann nicht klappte, dann war ich nur gehindert durch einen garstigen, ollen Vorgesetzten.«

Hamiltons Antwort läßt sich im Druck nicht wiedergeben.

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