Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Sanders

Edgar Wallace: Sanders - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleSanders
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunSiebente Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160410
projectid08ad7692
Schließen

Navigation:

IV. Weiber wollen reden

1.

Wenn man einen Kopalbaum fällt und ihn an einem erhöhten Platze liegen läßt, wo die Sonne ihn trocknet, und wo er vom Regen nicht fault, kann man, wenn er lange genug gelagert hat, ein Stück von drei Yards Länge davon abhauen. Und wenn man dann mit großer Geduld den inneren Kern von einem Ende bis zum anderen herausgeschnitzt hat, gewinnt man ein Benachrichtigungsinstrument, dessen Verwendung schon alt war, als die französischen Revolutionäre Versuche mit dem Semaphor anstellten, und das bereits zu den Zeiten der römischen Cäsaren in Gebrauch war.

M'Gliki, der Lokolimann der Akasavastadt, war sehr alt und beinahe blind; wenn er herumstolperte, warf er Kochtöpfe um und zerbrach seltene Tongefäße; und das gab einen Familienskandal, weil, nach dem Gesetz, die Verwandten verantwortlich sind für den Schaden, den unzurechnungsfähige Leute in ihrer Narrheit anrichten.

Dennoch, so alt und tapsig er war, gab es keinen Mann in der ganzen Welt (die sich von den Geisterbergen bis zum Flusse mit dem einen Ufer, das ist die See, erstreckt), der so aus einem hohlen Baumstamm spielen konnte wie M'Gliki. Dann saß er vor dem verbeulten Stamme, schwang zwei Schlegel und sandte seine rollenden, rasselnden Botschaften ins Weite: den Stadtklatsch, dringende Rufe nach Fischern, die weit draußen waren, persönliche Nachrichten von Familie zu Familie, von Geburt und Tod, von Heirat und frisch entdecktem Ehezwist. Jeder Schnörkel, jede Kadenz des Lokolis, dieser wunderbaren Sprechtrommel, hatte seine Bedeutung. In stillen Nächten vermochte Sanders vom Strom die Botschaften M'Glikis auf eine Entfernung von dreißig Meilen zu entziffern, denn der alte Mann beging nie einen Fehler.

»Lang ... kurz ... lang ...«

Das war das Signal für »Sanders«. Ein kleiner Ton der folgte, hieß »Geht nach Süden«; drei scharfe Schläge am Ende waren gleichbedeutend mit »Keine Klagen«. Sanders lernte den Namen jedes Häuptlings und jedes Stammes erkennen, den der Trommler anzeigte; er konnte Warnung und Versprechen entziffern, Berichte über Diebstahl und Mord.

Den ganzen lieben Tag lang saß der alte Mann vor seiner hölzernen Trommel und starrte mit seinen lichtlosen Augen über den breiten Fluß. Wenn der Regen kam, baute man ein kleines Schutzdach über ihm; sonst wäre er nach seiner Hütte zurückgestolpert und hätte noch mehr Töpfe zerbrochen, die seine Familie bezahlen müßte.

Nach einem besonders unglücklichen Abend, als M'Gliki auf die Griffe dreier neuer Sperre getreten war, einen Topf mit Fischen umgeworfen und einen wertvollen Hund halb getötet hatte, der gemästet werden sollte, pflogen sein ältester Sohn und sein jüngster Bruder eine geheime Unterredung.

»Laß uns in den Wald der Zwerge auf die Jagd gehen,« sagte der Sohn, »und wir wollen M'Gliki sagen, daß wir ihn brauchen, und ihn mit uns nehmen. Und wenn wir da sind, und wenn er schläft, wollen wir ihn dort lassen und weggehen; da er ein alter Mann und blind ist, wird er bald sterben.«

Der Sohn und der Bruder nahmen eines Morgens ihren Verwandten mit sich und paddelten fünf Tage lang, bis sie zu den finsteren Wäldern kamen. M'Gliki saß am Bug, mit einem winzigen, aber klangvollen kleinen Lokoli vor sich, und verkündete der Welt, daß er M'Gliki sei, M'Gliki, der berühmte Lokolimann, und daß ihn sein feiner starker Sohn und sein eigener Bruder begleiteten.

Sie schliefen eine Nacht im Walde, verbargen den kleinen Lokoli und schlichen sich beim Mondlicht fort; damit überließen sie den alten Mann dem wilden kleinen Buschvolk und den gelbäugigen Leoparden, die sich von Baum zu Baum, in einem weiten Bogen, um ihn herum schlichen.

Und hier wäre er wohl auch gestorben, aber ein kleines Mädchen fand ihn und führte ihn an einen Platz, auf dem zehn Hütten standen: Nach Auffassung des Waldvolkes war das ein großes Dorf. Ihr Name war Asabo, und sie war schon mit sieben Jahren sehr häßlich, ihr Vater war der erste Mann des Dorfes, und als er sein natürliches Gelüst besiegt hatte, die Wirkung eines neuen Giftes seiner Speerspitze an dem ahnungslosen Besucher zu erproben, gab er diesem eine Ecke in seiner Hütte. Und von da an besaß das Buschzwergvolk einen neuen Schatz; denn M'Gliki verbrachte seine Tage, indem er Asabo das Wunder lehrte. Der kleine Lokoli war unter einem Baum aufgefunden worden, und zur Verwunderung des Dorfes schritt Asabo in Weisheit fort.

»Du wirst das berühmteste Weib der Welt werden«, prophezeite ihr M'Gliki. Du wirst einen Häuptling heiraten und auf Fellbetten schlafen; auch wirst du drei Liebhaber haben, die zu verschiedenen Zeiten kommen werden, und keiner wird den anderen kennen; und dein eigener Mann wird keinen von ihnen kennen.«

Asabo gab heisere Laute des Vergnügens von sich, denn als diese Prophezeiung getan wurde, war sie zehn Jahre alt und sollte bald das höchste Wesen »Ouda« treffen.

Dann und wann kommt zu allen Rassen ein Wesen von Überintelligenz, dessen Persönlichkeit alle seine Mitmenschen beherrscht. Diese Wesen werden nur in großen Zwischenräumen geboren, und ihr Einfluß geht über ihre eigenen Völker hinaus. Ein Dramen spielender Shakespeare, ein gewandter Leonardo, ein den Alkohol verehrender Peter der Große, ein Gesichte sehender Mohammed, diese Magnetberge tauchen rauchend in verschiedenen Menschheitsmeeren aus und lassen die Kompasse der Seeleute nach einem Pole hin zittern.

Herr Bezirksamtmann Sanders hatte eine große Anzahl von eingeborenen Spähern, die ihn über alle Ereignisse auf dem laufenden hielten, die für ihn und sein Gouvernement von Interesse waren. Diese Späher bildeten einen so zuverlässigen Nachrichtendienst, daß Sanders in irgendeinem Augenblick einen ungefähren Überblick über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse jedes einzelnen der dreiundzwanzig Stammgemeinden hätte geben können, die zu regieren seine Ausgabe war. Nur aus einem Bezirk waren die Nachrichten spärlich und unzuverlässig. In dem tiefen Iguriwalde wohnten die kleinen Jäger, ein scheues und wildes Volk, das keine Einmischung vertragen konnte und jede Annäherung zurückwies.

Ein Späher von normaler Größe ist in einem Lande, in dem die Durchschnittsgröße des Volkes achtunddreißig Zoll beträgt, notwendigerweise eine ausfallende Erscheinung.

Sanders hatte am Rande des Waldes mit einem winzigen spitzbäuchigen Vormann Palaver gehalten und aus diesem das Versprechen eines jährlichen Tributes in Gestalt von Fellen, Kautschuk und Kopalharz herausgeholt. Und dieser jährliche Beitrag zu den Einkünften des Gouvernements war regelmäßig geliefert worden. Jahr auf Jahr hatte sich der kleine »Wiggle« den langen schmalen Fluß hinausgepufft, der zur Grenze des Iguriwaldes läuft, dort hatte er in einer Lichtung eine buntgemischte Sammlung von Kautschuk und Kopalharz auf der einen Seite des Landungsplatzes aufgestapelt gefunden und einen Stapel getrockneter Felle auf der anderen Seite. Gewöhnlich waren zwei bösartige kleine Männer anwesend, die bei dem ersten Auftauchen der Barkasse die Flucht ergriffen, und die die Überführung der Abgaben aus gemessener Entfernung beobachteten.

Dann kam ein Tag, an dem die Barkasse nichts vorfinden sollte, weder Felle noch Kopalgummi noch Kautschuk noch Leute.

 

2.

Es war gegen Mitternacht. Sanders war zu Bett gegangen, aber einer der beiden jungen Leute, die beim Lichte einer Öllampe Pikett spielten, hatte kein Verständnis für die dahinrinnende Zeit.

»Hier ist der Rubikon für Sie, Bones!« sagte Hauptmann Hamilton vergnügt, als er die einzelnen Posten zusammenzählte.

Mr. Tibbetts' Gesicht war eine Maske.

»Wir woll'n 'n andres Spiel machen, lieber, oller Ham. Aber, lieber, oller Offizier, würde es ihnen etwas verschlagen, wenn Sie die Ärmel aufkrempelten, ehe wir beginnen?«

»Was zum Teufel meinen Sie, Bones?« fragte sein Vorgesetzter hitzig.

»Nix, Herr! Lediglich Sache der Vorsicht, teurer, oller Hauptmann. Seit zehn Uhr haben Sie sämtliche Asse. Anständiges Spiel, lieber, oller Herr ...! Alles, was ich verlange, ist, daß Sie die Ärmel aufkrempeln.«

Hamilton durchbohrte ihn mit eiskaltem Blick und gab Karten. Es ärgerte ihn, daß Bones sein Monokel besonders fest ins Auge klemmte und seinen Blick wie festgeleimt auf des Gebers Hände gerichtet hielt. So war es kein Wunder, daß Kapitän Hamilton sich vergab und sich eine Karte zuviel hinlegte.

»Ah,« bemerkte Bones bezeichnend, »wählen Sie nur ruhig die Karten, die Sie haben wollen ... auf mich nehmen Sie keine Rücksicht!«

»Bones! Sie werden beleidigend!« rief der andere erregt.

Bones nahm seine Karten mit einem bezeichnenden Lächeln auf.

»Ich habe ein As gekriegt, lieber, oller Zauberer«, sagte er in erkünsteltem Kummer. »Irgendwie ein Irrtum passiert, oller Ham! ... Vielleicht möchten Sie noch einmal geben?«

Hamilton antwortete nicht; er kam auf 140 und wickelte seinen Gegner vollständig ein, der irrtümlich sein As abgelegt hatte.

»Soll ich 'mal geben?« fragte Bones höflich.

»Gern.« Hamilton war sehr kurz.

»Ich sage gar nichts, lieber, oller Offizier und Gentleman,« sagte Bones, als er seine Hand erhob, »aber ich denke viel.«

»Das ist mir noch nicht aufgefallen«, antwortete Hamilton.

Als die Reihe zu geben an ihn kam, sah er darüber hinweg, daß Bones seinen Kopf unter den Tisch steckte und vorgab, er sähe nicht, wie sein unverbesserlicher Gegenspieler den Rücken der Karten nach unsichtbaren Zeichen abfühlte.

»Glück ist Glück, lieber Herr und Kamerad,« sagte Bones und prüfte seine Karten, »und Spiel ist Spiel. Aber Kartengeben hat manchen schon zu Tode geschunden.« Bones sah finster auf die Karten. »Entschuldigen Sie mich, lieber, oller Ham, aber das scheint mir nicht dasselbe Spiel Karten zu sein ...«

Hamilton schmetterte seine Karten aus den Tisch.

»Bones!« zischte er, »wenn Sie damit andeuten, daß ich mogle, dann spalte ich Ihnen Ihren verdammten Schädel.«

»Es wird die einzige Stelle an mir sein, Ham, die noch nicht gespalten ist, oller Schnellfinger. Ich habe in drei Stunden fast vier Schilling verloren.«

»Die Sie doch niemals bezahlen werden«, antwortete Hamilton wütend, indem er aufstand. »Bones! Sie sind 'n unmöglicher Kerl! Sie werden Ihren Zug morgen früh 7 Uhr exerzieren lassen und Freiübungen mit den Leuten vornehmen.«

»Dreckige Arbeit!« murmelte Bones. »Dieser Mann ruiniert mich nicht allein, sondern läßt sich auch noch von seinem häßlichen Temperament unterkriegen. Mißbraucht seine olle, höhere Stellung, um mich zum netten, ollen Galeerensklaven zu machen. Sie sind schlimmer als Uria, der böse Hittiter. Siehe Bibel!«

Am nächsten Morgen kam Sanders aus seinem kleinen Bureau; er sah ungewöhnlich ernst aus. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er ein mit dünner arabischer Schrift bedecktes Zigarettenpapier. Hamilton bemerkte das Papier.

»Brieftaube?« fragte er. »Sie waren heute recht früh auf.«

Sanders ging zum Serviertischchen, drehte den Hahn der Kaffeekanne und brachte seine dampfende Tasse zum Tisch.

»Der wachthabende Sergeant brachte das Papier bei Tagesanbruch«, sagte er. »Das Tierchen hatte einen Habicht hinter sich und trotzdem das Glück, uns zu erreichen. Wo ist Bones?«

Hamilton drehte seinen Kopf nach der Seite. Durch die offene Tür sah er den Exerzierplatz in seiner gesamten Ausdehnung vor sich. Dort war eine Rotte von zwanzig Mann mit jener militärischen Übung beschäftigt, die man mit »physischer Ausrenkung« bezeichnet. Leutnant Tibbetts, in weißen Drellbeinkleidern, Sporthemd und Tropenhelm, kommandierte, und seine rostige, quäkende Stimme schallte zu ihnen herüber. Er bediente sich dabei einer sonderbaren Mischung von Arabisch, Bomongo und Englisch.

»Oh, Söhne tolpatschiger Eltern, habe ich euch so was gelehrt? Ihr einfältigen, ollen Götzen! Wenn ich ›eins‹ zähle, legt beide Hände auf euere Hüften und beugt die Knie. Nicht wie alte Weiber mit Krächzen und Stöhnen, sondern wie junge Antilopen! Donnerwetter, Abdul, du zappliger, oller Unheilstifter, halt still! Nun laß dich auf deine Hacken runter! Halt deinen Bauch, Mensch ... Oh, Ko! Kerl, du bist wie 'ne 'rumtollende Kuh. Auf! Nieder ...!«

»Bones scheint sehr beschäftigt zu sein«, bemerkte Sanders.

»Bones muß gemaßregelt werden«, versetzte Hamilton gezwungen. »Er muß gelegentlich in die nötigen Grenzen verwiesen werden. Ich kann Bones nicht gestatten, mich als Falschspieler zu bezeichnen, um dabei meine Selbstachtung zu verlieren. Ich spielte letzte Nacht Pikett mit ihm, und ich gebe zu, er bekam schlechte Karten. Als mich Bones ausforderte, ich solle die Ärmel aufkrempeln, fühlte ich, daß er sehr weit ging, aber als ...«

Hamilton beschrieb, was vorgegangen war – und obwohl Sanders niemals weniger zum Lachen aufgelegt war, lachte er doch.

»Ich war in der Tat sehr ärgerlich auf Bones«, sagte Hamilton, aber er grinste dabei.

Die Ursache seiner Verärgerung kam bald darauf zum Frühstück, und Bones betrug sich steif, um nicht zu sagen, unnahbar.

»Morjen, Bones!« Hamilton war in versöhnlicher Stimmung.

»Morjen, Herr!« Bones grüßte militärisch. »Übung beendet, Herr.«

»Steigen Sie gefälligst von dem hohen Roß herunter, Bones! Sie waren beleidigend. Geben Sie das zu!«

Bones, in der einen Hand die Tasse, grüßte mit der anderen.

»Irgendwelche Klagen über mich sollten dem netten, ollen Kommandeur der Schutztruppe gemeldet werden, Herr. Es soll mir Vergnügen machen, jeden Brief, den Sie mir senden, zu beantworten. Aber wir wollen nicht – ich bitte um Entschuldigung – Schäkereien austauschen oder unverschämte Stichelreden.«

»Bones, ich möchte, daß Sie 'rauf zum Iguriwald gehen und die Abgaben der Buschleute eintreiben«, unterbrach Sanders die eisige Atmosphäre. »Sie können den ›Wigyle‹ nehmen, dürfen aber nirgends landen. Wenn das Waldvolk in normalem Zustand ist, möchte ich, daß Sie ihren Häuptling aufsuchen; aber besonders wünsche ich, daß Sie Fühlung mit einem Kerl suchen, der K'Belu heißt. Vermeiden Sie Zusammenstöße ... die mögen vielleicht massenhaft an Ihrem Wege liegen ... Vor allem, halten Sie Ihre Maximgeschütze klar, bis Sie außer dem Bereich des Waldzwergvolkes sind.«

»Es liegt ganz an den Karten ...«, begann Hamilton, aber sein Untergebener machte eine Geste, die Hamilton schweigen ließ.

»Lassen Sie Ihr Lieblingslaster aus dem Spiel, teurer, oller Herr!« sagte Bones von oben herab. »Und überhaupt ..., ich befasse mich nicht mehr mit Glücksspielen.«

»Dessen bin ich noch nicht ganz sicher«, bemerkte Sanders ruhig. »Aus jeden Fall werde ich sehr froh sein, wenn Sie zurückgekehrt sein werden – mit oder ohne Abgaben.«

 

3.

In dem Dickicht des großen Urwaldes war Cala-Cala (es ist lange her) ein winziges graubraunes Tier geboren worden, das dessen Eltern K'Belu, die braune Maus, genannt hatten. Der Platz seiner Geburt war ein Rest zwischen den Gabeln einer ungeheueren Eiche. Denn seine Sippe gehörte zum niedrigsten Schlag des Zwergvolkes, und seine Eltern lebten für sich allein im Walde. Die Astgabel war so ungeheuer groß, daß der Boden der Hütte ganz eben war, und daß die aus Gras geflochtenen Wände und das Dach, zusammen mit dem Schutz der darüber ausgebreiteten Zweige, den Platz wasserdicht machten. Hier wuchs er auf und begann zu denken; hier wurde er gefüttert und geschlagen, hier lernte er die giftigen Eigenschaften der Pflanzen und einer sonderbaren Raupe kennen und begleitete im Laufe der Zeit seinen winzigen Vater auf dessen Jagdzügen.

Im Iguriwalde lebte ein unternehmender Missionar, der sein Leben erst in Zentral-Südafrika und jetzt in Zentral-Westafrika mit dem Studium der Buschzwergvölker ausfüllte. Er liebte die Zwergvölker, weil er glaubte, daß diese die ersten Menschen in der Welt gewesen seien. K'Belu machte seine Bekanntschaft in einer frühen Periode seines Daseins. Der Gottesmann hatte ein Haus am Rande des Urwaldes, wo er Bananen pflanzte, damit sie die Buschleute stehlen konnten. Sogar, als sie wußten, daß sie nur zu fragen brauchten, um diese Frucht zu erhalten, stahlen sie doch lieber weiter, da ihnen dieses Erwerbsverfahren einfacher schien als jedes andere. Eines Tages erwischte der Gottesmann, dessen Name Vater Matthäus war, K'Belu bei dieser Handlung und verfolgte ihn mit überraschender Behendigkeit, wenn man bedenkt, daß der Pater ein behäbiger Mann und durch das lange braune Gewand seines Ordens behindert war. Er tötete K'Belu nicht, noch stach er ihm ein Auge aus, noch biß er in sein Herz, noch tat er eins von den Dingen, die sie bei einem Missionar voraussetzten. Er nahm das sich sträubende Kind, gab ihm eine Schüssel Ziegenmilch und so viele Bananen, als es tragen konnte. Als danach das Kind (furchtsam und mißtrauisch zuerst) wiederkam, zeigte er ihm gewisse Teufelszeichen wie A und B und C.

Als K'Belu zehn Jahre alt war, konnte K'Belu Bomongo lesen; das ist die Sprache des Urwaldes, gespickt mit gewissen uralten Wörtern, die der Pygmäensprache selbst angehörten.

Bald danach starb der Missionar an irgendeiner unbekannten tropischen Krankheit, und in der Nacht nach seinem Tode ging K'Belu in das Haus des Missionars, nahm alle Bücher, die er finden konnte, und trug sie in seine Hütte. Als sein Vater im reifen Alter von 36 Jahren starb, ging der Knabe in das nächste Dorf und nahm seines Vaters Pfeile und seinen Bücherschatz mit sich. Der Häuptling dieses winzigen Gemeinwesens gab ihm im Austausch für seine Pfeile eine Hütte.

Als sich ihm dann die Überlegenheit des Neuankömmlings aufdrängte (denn las dieser nicht die Bücher voll von Teufelszeichen wie Vater Matthäus selbst?), beriet er sich mit seinem Weibe und ging zur Hütte seines Gastes.

»Ich sehe dich«, sagte er, indem er niederhockte, und kam sofort zur Sache. »Ich habe eine Tochter, und sie ist ein wunderbares Weib; sie macht sonderbare Geräusche auf einem Baumstumpf, wie sie ihr von M'Gliki, dem N'Gombimann, gelehrt wurden, der an einer Krankheit starb, als der Fluß über die Ufer trat und der Wald voller Fische war. »Ich will dir dieses Weib für zehn Pfeile geben und für so viel Salz, wie ein Mann in zwei Händen halten kann.«

»Pfeile habe ich ebensowenig wie Salz,« sagte K'Belu hochmütig, »aber ich will das Weib von dir annehmen, weil ich ein Verlangen nach Kindern habe.«

Er war fünfzehn Jahre alt und im heiratsfähigen Alter. Nach einigen Schwierigkeiten willigte der Vater ein und bezahlte das Fest, das die Hochzeit vorstellte.

Von da an wohnte Asabo in der Hütte ihres Gebieters, arbeitete für ihn und verschlang sein Geheimnis – denn er grübelte und grübelte den ganzen Tag lang. Im Hintergrund seines Denkens steckte eine Idee; zeitweise schwebte sie ihm nebelhaft vor, ganz begriff er sie nie. Man sah ihn über Büchern mit Eselsohren brüten, und das Gerücht ging durch den Wald, K'Belu sei Ouda und ein Mann, den man sich geneigt machen müsse. Nun ist Ouda der Teufel des Pygmäenvolkes, ein Übeltuer und doch ein Gabenspender – die einzige Gottheit, die sie kennen.

Sein Ruf wuchs, und seine Idee nahm bestimmtere Umrisse an. Eines Tages berief er ein Palaver des gesamten Volkes, und niemand stellte seine Berechtigung dazu in Frage, denn die Zwergvölker sind eine lose verbundene Demokratie ohne Häuptlinge im buchstäblichen Sinne.

»Hört auf mich, alle Männer!« befahl K'Belu. »Ich habe durch meinen Zauber gelernt, daß wir die hohen Gebieter der Welt sind, wegen unserer Winzigkeit. Welche Leute können klettern wie wir? Welche Männer können sich von Ast zu Ast schwingen? Wer ist gefürchtet wie wir? Niemand in der Welt, weil wir die Herren aller Völker sind, die unsere Sklaven sind.«

Das kleine Volk horchte und staunte, während er seine Idee erklärte.

»Das Haupt eines jeden Stammes«, erklärte K'Belu, »der draußen lebenden Leute war ein Häuptling. Über diesen stand Sandi mit seinen beiden Söhnen. Wenn die Häuptlinge stürben, und wenn Sandi stürbe, wer wäre dann der Herr der Welt? Sicher die, die jene getötet hätten. Und wenn neue Häuptlinge aufstünden, und wenn ein neuer Sandi mit seinen Söhnen käme (das ganze Gebiet glaubte an diese verwandtschaftliche Beziehung Bones' und Hamiltons zu Sanders), würden diese auch sterben, bis die allmächtigen ›Sie‹, die diese weißen Männer gesandt haben, um Gesetze zu geben, ihrer Bemühungen müde würden und das Land uns, dem listigen kleinen Volke, überlassen wäre.«

Das schien eine gute Idee. Dreitausend Waldzwergmenschen fingen an, sich eines Volksgeistes bewußt zu werden.

»In der Zeit eines Mondes und einer Mondrinde (eines Mondviertels) wird Sandi kommen, um uns unseres Kautschuks und unseres Kopals wie der kleinen Affenfelle zu berauben; oder sein Sohn mit dem silberigen Auge oder der Mann mit der lauten Stimme, der die Soldaten anschreit. (Das war eine Verunglimpfung Hamiltons!) Aber ich, K'Belu, der Ouda des Volkes, sage, daß wir ihm nur das Harz von Raupen geben werden.«

Seine Worte wurden mit Schweigen aufgenommen, aber nach ihm sprach ein einflußreicher Mann aus den »Dunklen Wäldern«:

»Das ist gut, K'Belu, aber wenn Sandi mit dem kleinen Gewehr kommt, das ›Ha-ha-ha‹ sagt, wird das unser aller Untergang sein.«

Er beendete diesen Satz und fiel auf sein Gesicht; denn K'Belu, der von diesem Manne Widerstand erwartete, hatte eine seiner Kreaturen auf einen Baum aufgestellt, und auf sein Zeichen schnellte ein Bogen hinter ihm, und die Pfeilspitze drang rot aus der Brust des Sprechers. Danach gab es keine weitere Opposition mehr.

K'Belu ging nach Hause und erzählte alles seinem Weibe.

»Oh, K'Belu, ich sehe, du bist Ouda und ein sehr großer Herr! Und wenn du erst König der Welt bist, werde ich schöne Knöchelringe aus Messing tragen und auf einem Fellbett schlafen.«

Sie sagte nichts von der unerfüllten Prophezeiung der drei Liebhaber. Die würden natürlich auch noch kommen. In ihrer Freude und in ihrem Überschwang hielt sie das Dorf die halbe Nacht wach. Ihre Lokoli rasselte und dröhnte den Sang ihres Triumphes durch die Mitternacht.

Zum ersten Male seit den Dynastien Ägyptens erfreute sich aller Wahrscheinlichkeit nach das Buschzwergvolk einer Führerschaft. K'Belus erste Handlung war, die ungeselligen Einheiten, die für sich allein im Urwald lebten, zu sammeln und sie in Dörfern zusammenzufassen. Die kleinen Leute haßten diese Antastung ihrer Freiheit – sie sind das freieste Volk der Erde und darum das am niedrigsten stehende – ihre Weiber erhoben Widerspruch in Kehllauten, ihre 45 Zentimeter großen Söhne und Töchter folgten ihnen auf den Fersen in die neuen Lager und waren gespannt auf die Dinge, die kommen sollten.

K'Belu errichtete in der Mitte des größten Dorfes einen Palast aus Gras und traf hier seine linkischen Ratgeber, die sich noch niemals zuvor in Gemeindeangelegenheiten betätigt hatten. So liefen die Dinge, bis, beim Abnehmen des zweiten Mondes, Bones vorsichtig zu dem Platz kam, der für das Einsammeln der Abgaben bestimmt war.

Der »Wiggle« lungerte dort während des größten Teils einer Woche herum; dann schickte Leutnant Tibbetts einen Eingeborenen in den Urwald, um Erkundigungen einzuholen. Dieser Bote war ein Isisimann, der das Zwergvolk kannte und ihre sonderbare Sprache sprach. Drei Tage vergingen; dann weckte ein Haußasoldat Bones mitten in der Nacht.

»Herr, ich habe sonderbare Geräusche an Land, in der Nähe unseres kleinen Schiffes, vernommen.«

Bones zog seine geschmeidigen Moskitostiefel über seinen Pyjama und ging an Deck, um zu horchen. Es war eine windstille Nacht; Sterne schienen; kein Laut hörbar außer dem leisen Klatschen des Wassers gegen die Flanken der Barkasse. Kein heiserer Vogelschrei unterbrach die Stille. Ein müßiger Meteor zog seinen hellen Streifen über den Horizont.

»Was für Geräusche waren das?« flüsterte Bones.

»Das Geräusch von herankommenden Menschen, die etwas zur Erde fallen ließen«, kam die Antwort.

Bones neigte seinen Kopf, lauschte. Er hörte ein Gurgeln im Wasser; es war ein vorbeischwimmendes Krokodil ... sonst nichts.

Es war nahezu fünf Uhr. Die Barkasse war an zwei Kopalbäumen vertäut; bei Nachtanbruch hatte man mehr Kette gesteckt, so daß das Boot ein Dutzend Fuß vom Ufer entfernt lag, eine Lage, die durch die Gestalt des Flußufers ermöglicht wurde, denn die Richtung der Strömung traf den »Wiggle« rechtwinklig auf die Breitseite; wenn die Ketten gerissen wären, würde die Barkasse zum gegenüberliegenden Ufer getrieben worden sein.

Bones ging in seine Kabine zurück, warf sich einen Überzieher über, ergriff seine elektrische Taschenlampe und nahm seinen Browning unter dem Kopfkissen hervor. Der Bug der Barkasse war dem Ufer am nächsten, und er ging geräuschlos nach vorn, bis er gegen die kleine Winde lehnte, um welche die Vertäukette festgemacht war.

Dann drückte er plötzlich auf den Knopf der Taschenlampe und ließ einen Strahl weißen Lichtes nach dem Ufer zu gleiten. Das Licht folgte der Richtung der steifen Trosse, und das erste, was er sah, war eine affenartige Gestalt, die Hand über Hand das Stahltau entlang glitt. Das Ufer drüben wimmelte von winzigen, nackten Gestalten.

Aus ging sein Licht; er ließ sich hinter den Schutz der Verschanzung fallen – und nicht zu früh.

»Tap ... Tap ... Tap ...!«

Ein Geräusch wie das Aufschlagen von Hagel. Bones wartete, bis der erste Schauer vergifteter Pfeile vorüber war; dann riß er seinen Browning heraus und schickte zehn Schüsse über die Verschanzung mitten unter sie.

»Deckung!« brüllte er, als er hörte, wie die verschlafenen Haußas sich aus ihren Decken strampelten.

Aber es fiel kein weiterer Pfeil. Bones erwartete auch keinen weiteren Pfeilregen. In diesem Augenblick raste die braune Horde dem Schutze des Gebüsches zu; angesichts der Feuerwaffen griffen sie niemals an.

Tageslicht sprang plötzlich herauf; ein schwacher blasser Strich im Osten zeigte die bewegungslosen Schattenrisse der riesigen Kopalgummibäume; ein plötzlicher Höllenlärm von Lauten, als ob Millionen von Vögeln auf einmal zu zwitschern begonnen hätten, setzte ein; das murmelnde Geschnatter der Affen ließ sich hören, die Erde wurde hell, und alle Baumwipfel schwammen im Gold der ersten Strahlen der ausgehenden Sonne.

»Großer Gott!« rief Bones.

Zwölf Yards vom Rand des Ufers war ein unbehauener Pfahl aufgepflanzt, und an diesem festgebunden war der Eingeborene, den er in den Urwald geschickt hatte. Wenigstens glaubte Bones, daß er es war, denn erkennen ließ es sich nicht.

Bones starrte lange auf dieses unheilkündende Etwas; dann gab er Befehl, sein Fahrzeug näher ans Ufer heranzuholen. Die Maschinengewehre vorn und achtern wurden ausgeschwungen, um die dunklen Bäume unter Feuer zu nehmen, hinter denen die kleinen braunen Männer lauerten.

»Nimm ein paar Leute mit an Land und begrab den Mann, Ahmet!«

Bones beobachtete das schnelle Arbeiten der Leute von seinem Stand hinter dem Bug-Maschinengewehr und ließ seine Augen zwischen den arbeitenden Leuten und dem Gehölz hin und her wandern. Als die Arbeit getan war und sich die Leute im Fluß gewaschen hatten, rief er in der Landessprache: »Werft die großen Taue los!«

Die Gefahr war durchaus nicht vorüber. Ehe sie den Hauptarm des Flusses erreichen konnten, mußten sie durch einen Nebenarm, der zwei Meilen weit durch das Herz des Urwaldes führte. Der Nebenfluß lief zwischen hohen Ufern, die kaum zwanzig Yards voneinander entfernt waren, und hier war das Ufer bis an den Rand des Wassers mit hohen Bäumen bestanden. Es war der gegebene Platz für einen Hinterhalt. Überdies, ein schnell gefällter Baum konnte hier seine Ausfahrt verhindern.

Bones richtete die Nase der »Wiggle« stromabwärts und nahm seinen Platz am Steuer.

»Alle Mann in Deckung!« befahl er. Und sobald man diesem Befehl nachgekommen war, peitschte Bones das Boot mit Volldampf vorwärts.

Yoka, der Mann am Steuer, war allein neben Bones zurückgeblieben.

»Geh, Mann!« sagte Bones finster zu ihm.

»Herr, das ist der Tod,« sagte der untersetzte Yoka, »denn die kleinen Leute werden an der engen Stelle warten und ...«

Bones wandte sich knurrend nach ihm um.

»Geh in Deckung,« bellte er ihn an, »oder ich laß dich peitschen, bis du blutest.«

Zögernd entfernte sich Yoka.

Eine Stunde Fahrt durch offenes Gelände. Wald tauchte vor ihnen aus. Kein Anzeichen einer Blockade ließ sich wahrnehmen. Der Wald lag ohne Leben, aber Bones sah, wie die Vögel in einer unerklärlichen aufgeregten Weise die Baumwipfel umkreisten, und wußte, daß sie durch irgend etwas aufgestört waren.

Er stellte das Steuerrad fest, tauchte in seine Kabine und kehrte mit seiner schwarzbraunen Eiderdaunendecke wieder. Er hing sich diese über den Kopf und ließ das Boot mit höchster Geschwindigkeit aus die enge Durchfahrt zulaufen. Augenblicklich befand er sich an der von Wald bestandenen Stelle; es wurde dunkel, denn die Bäume bildeten hier ein grünes Dach über dem Flusse.

»Bumm!«

Er hatte den Rand einer kleinen Sandbank gestreift, und die Barkasse drehte sich und trieb weiter, bis sie unter dem hohen Ufer war. Dieses Ereignis gab ihm einen Gedanken ein. Er hielt den »Wiggle« so nahe an das gefährliche Ufer, wie er konnte. Die Zwerge würden es sich überlegen, ehe sie das schützende Dickicht verließen.

Da sah er, wie. zweihundert Yards vor ihm, ein riesiger Baum in einer höchst verdächtigen Neigung über dem Fluß hing und sich langsam immer mehr neigte. Jemand hackte wahnsinnig auf dessen Stamm los, wenn der Baum fiel, mußten seine Zweige ein unüberwindliches Hindernis für das Boot bilden. Bones beobachtete den Vorgang gespannt und vergaß seine eigene Gefahr, bis der erste Pfeil eine Speiche des Steuerrades traf und summend, wie eine Art Tangente, an seinem Kopfe vorbeisauste. Er fühlte den Klatsch eines zweiten Pfeils, der die Daunendecke traf und deren verblichene Seide in Stücke riß.

Der Baum neigte sich, schwankend wie ein Betrunkener. Bones schoß unter dem Baum durch, gerade als dieser fiel; Bones hörte das Rauschen und Brechen der Zweige, als diese das Heck der Barkasse streiften.

»Pfffffff!« machte Bones, als die Bäume lichter wurden. Er warf die Decke beiseite. »Hol' der Teufel die kleinen Unholde!«

Er war durch und durch naß und steif; seine Hand hatte das Steuerrad so hart gepackt, daß seine Handflächen Blasen aufwiesen.

»O, Yoka!« rief er, und als Poka kam, rief Bones auf Küstenarabisch »einen Kelch Nektar! Von jenem, wie ihn die lilienäugigen Huris des Paradieses aus ihren goldenen Gefäßen schenken!«

»Gebieter,« sagte Yoka verwirrt, »meint Deine Lordschaft Whisky-Soda?«

»Einen doppelten!« sagte Bones und schmatzte mit seinen trockenen Lippen.

Sein Siegesgeheul erstarb ihm in der Kehle.

Als der Dampfer eine scharfe Biegung des Flusses nahm, sah Bones vorn einen einzelnen Baum sich neigen und mit einem mächtigen Klatsch ins Master stürzen. Und in derselben Sekunde wimmelte das Gehölz von kleinen Männern, und die Pfeile flogen ihm in Schwärmen entgegen.

Bones warf seine Maschine sofort herum, aber es dauerte eine Ewigkeit, bis die Barkasse rückwärts ging. Die Pygmäen hatten ihre Deckung verlassen und rasten das bewaldete Ufer entlang. Tod war vor und hinter Bones, und obwohl die Pfeile bis jetzt noch zu kurz fielen, früher oder später mußten sie ihn doch erreichen.

Bones überließ Yoka das Steuerrad; er selbst setzte sich an das Maschinengewehr, und eine Sekunde darauf hallte der Wald von dessen Stakkato wider. Wie auf ein Zauberwort verschwand das kleine Volk beim ersten Schuß. Bones ließ die Maschine halten, und die Barkasse trieb langsam dorthin zurück, wo der größte Teil der Feinde wartete. Bones überflog das Hindernis und wurde entmutigt. Die »Zaire« wäre da durchgebrochen; aber er hatte nur eine fünfzig Fuß lange Barkasse, die sich beim ersten Stoß zusammenbiegen mußte.

Die Pfeile regneten noch immer ins Wasser; einer davon traf den Bug ..., in sehr kurzer Zeit würden sie das Deck treffen.

Bones lief in die Kajüte und kritzelte eine Botschaft auf ein dünnes Blättchen Reispapier; Yoka brachte ihm die Taube, und die Depesche wurde mit einem Gummibändchen an deren rotes Beinchen befestigt.

»Mach', daß du nach Hause kommst, glücklicher oller Gurrer! Und ich wünschte, ich könnte dich begleiten«, sagte Bones.

Er warf die Taube in die Luft und beobachtete sie, wie sie sich in Kreisen aufwärts schwang; und dann, als das Boot zum Ufer trieb, ließ er vier scharfe Patronenrahmen in seine Tasche gleiten, zwei für jeden Browning; da fielen auch schon die ersten Buschmänner an Deck ...

»Alle diese Männer sollen lebendig zu mir gebracht werden,« war K'Belus Order gewesen, »besonders der junge Mann mit dem glänzenden Auge, der Sandis Sohn ist!« Wunderbarerweise war nur einer der ganzen Besatzung bei dem letzten Ansturm der kleinen Männer getötet worden, und Bones marschierte an der Spitze eines niedergeschlagenen Zuges durch den Wald. In dieser Nacht wurde Bones vor den Ouda gebracht.

»Ich sehe dich, Sohn Sandis«, sagte K'Belu. »Nun weißt du, daß wir ein großes Volk sind, denn wir haben eure Gewehre, die ›Ha-ha-ha‹ sagen, und eure schrecklichen Soldaten besiegt.«

Der Mann war außerordentlich häßlich, aber nicht ganz so häßlich, wie das unbekleidete kleine Weib, das an seiner Seite tanzte und in ihrem Übermaß von Freude mit ihren Fingern schnappte; denn nun winkte ihr das feine mit Fellen überspannte Bett, und der erste Liebhaber hatte ihr inhaltsvolle Blicke zugeworfen.

»Oh, du Narr!« antwortete Bones. »Wo sind die, die gegen das Gouvernement aufgestanden sind? Hängen sie nicht an irgendeinem Baum, bis ihre Knochen durch die Schlinge fallen? Sandi wird hören und wird kommen, und ihr werdet zu dem Orte gehen, wo die Geister der gestorbenen Affen sind.«

»Friß sein Herz!« schrie Asabo, sich fürchterlich brüstend. »Gib mir diesen Mann, und ich werde ihn in drei kleine Männer machen« (in drei Teile schneiden).

Unsanft schob ihr Mann sie beiseite.

»Sanders wird das niemals erfahren«, antwortete der kleine Mann; und dann hörte er ein wildes Geschrei der Furcht; und die große Menge, die sie umstand, verlief sich, bis nur die Gefangenen, K'Belu und sein Weib zurückblieben. Dennoch war nichts zu sehen, denn die Haußas, die aus dem Walde heraustraten, hatten ihre Bajonette schwarz angestrichen, und Sanders trug einen dunklen Überzieher über seinem Khaki und war barhäuptig. Sogar Bones bemerkte ihn nicht eher, als bis er in den Schein des Feuers trat.

»Oh, K'Belu!« sagte Sanders, und der kleine Waldmensch zog eine Fratze, »zuerst willst du Tibbetti töten und dann dessen Häuptling und schließlich mich.« Sanders lächelte sein erbarmungsloses Lächeln. »Kleiner Mann, was hast du anzuführen, damit du nicht noch in dieser Nacht stirbst?«

In diesem Augenblick fand K'Belu seine Sprache wieder.

»Herr, wie konntest du diese Geheimnisse wissen?«

»Weiber wollen reden!« antwortete Sanders doppelsinnig und sah sich um nach dem Lokoli, den Asabo so lustig hatte rasseln lassen, um der Welt die Geschichte von ihres Mannes Größe zu verkünden.

 

4.

»Glücklicherweise wurde Asabos Botschaft weitergegeben«, sagte Sanders, als die »Zaire« schnell den großen Fluß hinunterlief. »Ahmet in Isisi hörte sie und schickte eine Taube los; aber ich wußte es schon. Hamilton wollte kommen, aber jemand mußte dableiben.«

»Ja, Herr,« antwortete Bones, dessen Erinnerung an seinen Ärger mit Hamilton noch wach in ihm war, »um die netten ollen Karten in Ordnung zu bringen.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.