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Sanders

Edgar Wallace: Sanders - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleSanders
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrunSiebente Auflage
yearo.J.
translatorRichard Küas
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160410
projectid08ad7692
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III. Der sehr gute Mann

1.

Das Schauspiel, daß ein weißer Mann zum Eingeborenen wird, mag romantisch sein – es ist im großen ganzen eine Frage der Örtlichkeit und der Vorstellungsgabe seines Biographen. Auf den Südseeinseln, die eine immer lächelnde See einrahmen, in einer Fassung, die im wesentlichen aus riechender Kopra besteht, die man aber leicht »verkleiden« kann durch Girlanden von Frangipani, kann ein Mann eine olivenhäutige Mammi zu sich nehmen und dadurch höchstens die vergnügte Verachtung seiner anständigen weißen Mitmenschen erregen, aber in Afrika ...!

B'firi, die Christin, war jung und hübsch. Sie war die Eigentümerin dreier Ehemänner gewesen, deren jeder sie geliebt hatte und gestorben war. Nach dem dritten Todesfall hielt der Häuptling ihres Dorfes sie für Sanders in Bereitschaft.

»Es ist nicht gut, daß alle jungen Männer so schnell sterben,« sagte er bei dem folgenden Palaver, »und in den Tagen des Vaters meines Vaters hätte man dieses Weib wegen ihrer Zauberkraft getötet; denn es ist klar, daß ihr Körper ein Gift birgt, das tödlich auf die Männer wirkt. Aber nun, Gebieter Sandi, sind diese guten Tage vorüber, und wir bringen sie zu dir, damit du ihr weise Worte sagst.«

Hierin lag Hohn, aber Sanders sah klugerweise über diese Entgleisung hinweg. Es war kein kitzlicheres oder verzwickteres Problem als hundert andere, die an ihn herantraten, aber in diesem Falle war er von seiner Rolle, das Orakel spielen zu müssen, befreit.

B'firi, die bisher geschwiegen hatte, sprach.

»Gebieter, ich bin der Männer müde, die immer, wenn sie auf ein gutes Weib stoßen, ein noch besseres haben müssen, und die, wenn immer sie auf ein schlechtes Weib stoßen, dieses noch schlechter zurücklassen müssen. Ich habe mit den Jesusmännern am Shagalifluß gesprochen, und dort werde ich im Fluß gewaschen werden und Zeug über meiner Brust tragen; denn durch diesen Zauber werden mir Flügel wachsen, wenn ich alt bin, und ich werde mit anderen Geistern in den Wolken wohnen.«

Das löste die Aufgabe, und B'firi zog dahin, wurde von ihren zwei Brüdern nach der Baptistenmission am Shagalifluß gerudert (der kaum ein Bach war, geschweige denn ein Fluß) und wurde dort getauft; sie lernte Tee brühen, »besorgte« die Wäsche der weiblichen Missionare und eignete sich andere christliche Tugenden an.

Sie begriff schnell. Sie lernte Englisch sprechen und las innerhalb eines Jahres die Bomongosprache; nach achtzehn Monaten war sie Laienpredigerin und ging in den Busch, um das heilige Wort zu verkünden. Einmal, als sie aus eigenem Antrieb einen Bekehrungszug zur Grenze des französischen Gebietes unternahm, geschah etwas Fürchterliches. Ein weißer Mann (von einer kränklichen Blässe) kam durch die Sümpfe geschwankt. Das Dorfvolk rief sie, und sie ging ihm entgegen. Seine Kleider waren alt und schmutzig, sein Tropenhelm verbeult, braun und an der Spitze zerrissen. Aus seinem unsteten Schritt schloß sie, daß er betrunken sei; das war er auch. Hinter ihm, in achtvoller Entfernung, ging sein einziger Träger, ein ältlicher Angolamann, der auf seinem Kopfe eine große Zuckerkiste trug, die das ganze Eigentum des Unbekannten enthielt.

Es bedurfte nicht B'firis Einfluß, ihm den Schutz einer neuen Hütte zu verschaffen. Der Mann war weiß – aber sein Weiß war nicht das gebräunte Weiß von Sanders, sondern das Weiß zertretener Kreide.

Am Morgen braute ihm B'firi mit eigener Hand den Tee und trug den dampfenden Napf nach seiner Hütte. Der Fremde setzte sich mit wildem Blick auf; sein Auge glühte ihr entgegen; er nahm den Napf mit Tee aus ihrer Hand.

»Wo bin ich hier?« fragte er heiser unter heftigem Schlucken. »Was für ein dreckiges Land! Ich wünschte, ich wäre tot! O Gott, ich wünschte, ich wäre tot!«

Sie sprach ihm zu; nüchtern, aber in gutem Englisch. Der Mann blinzelte sie an.

»Was ist das hier ... Missionsstation? Danke für den Tee.« Er fiel auf sein Kissen – seinen zusammengefalteten Rock – zurück; ein Schauer überlief ihn; er schloß die Augen. Als er sie von neuem öffnete, kniete das Weib noch immer an der Seite des mit Fell überspannten Bettes, den Napf mit Tee in ihrer Hand. Er hatte einmal bei Christies eine Ebenholzfigur wie diese gesehen – nur daß diese nicht schwarz war. Sie trug nicht das Zeug, das, knapp an den weiblichen Körper anliegend, fast bis an den Hals hinauf ihre christlichen Tugenden ankündigte, sondern nur den schmalen Lendenschurz aus Gras; alles übrige an ihr war brauner Satin.

»So, Missionarin sind Sie?« fragte er mit schwacher Stimme, als sie ihre Anwesenheit erklärte. »Versuchen Sie es mit mir! Ich habe alles verloren – alles! Ich habe alles aufgegeben, was das Leben lebenswert macht, als ich in dieses verfluchte Land kam – leider!«

Sie wiederholte das Wort mit ihren Lippen. B'firi war das, was Schauspieler eine »schnelle Rolle« nennen.

Sie verstand sich auf Männer, nachdem sie drei Männern das Leben untergraben hatte, und sie wußte, daß diese am glücklichsten seien, wenn sie über sich selber sprechen konnten. John Silwick Aliston tat sich selber ungeheuer leid – er bedauerte John Silwick Aliston mit einem so ungeheueren Mitleid, daß es ihm Tränen in die Augen trieb. Nach Verlauf von vier Tagen Zuhörens kam er zu dem Schlusse, daß sie ein Wunder und auserlesen sei, ihm den Weg zum Heil zu zeigen. Sie, gelangweilt bis zur Ermüdung, hatte eine glänzende Zukunft im Auge. Das Ende von allem war, daß er, als der Missionar auf die Station kam, die Eingeborene B'firi heiratete. Der Missionar, der diesen Akt in geziemender Weise ausführte (denn B'firi war ein getauftes Weib), war erst kürzlich aus England gekommen und hatte noch kein abgeschlossenes Urteil über die Farben- und Rassenfrage. Er glaubte, daß die gesamte Menschheit die Geschöpfe Gottes seien, und daß der Himmel von Wesen mit einem neutralen Hautpigment bevölkert sei. So verkündete er den Junggesellen John Silwick Aliston und B'firi, den Stolz der Mission, angesichts Gottes und seiner Gemeinde als Mann und Weib.

Herr und Frau Aliston gingen nach der Hütte von B'firis Vater zurück, und der Bräutigam trank drei Viertel Pinte (= 0,56 l) verbotenen Fusels aus und heulte sich selbst in Schlaf. Denn er war Bakkalaureus der schönen Künste der Oxforder Universität und war sich bis zur Lächerlichkeit seiner Entwürdigung bewußt, und zwar deshalb bis zur Lächerlichkeit, weil er seine Rasse mit offenen Augen entehrte.

Herr Bezirksamtmann Sanders erfuhr die bestürzende Nachricht von einem seiner Späher und schickte eine Brieftaube an Leutnant Tibbetts. Der stürzte gerade das Akasavaland um, um nach einem Araber zu fahnden, der Waffen ins Land geschmuggelt hatte. Die Brieftaubenbotschaft lautete:

»Jagt Aliston aus Land! Lest Missionar Leviten! Berichtet!«

Bones war auf dem Rückwege zu der Gasmotorbarkasse, die ihn den Fluß heraufgebracht hatte, und kam drei Tage später zu der Hütte, in der Frau Aliston auf die genügende Ernüchterung ihres Gatten von dem Delirium-tremens-Anfall wartete, um ihren – vierten – Honigmond zu beginnen. Glücklicherweise war der Missionar abwesend; das ersparte Bones die peinvollste seiner Aufgaben.

Bones fand Aliston, der vor seiner Hütte saß und den Kopf in seine Hände vergrub.

»Steh auf und leuchte, lieber, oller Aliston!« redete Bones ihn an. »Gräm' dich nicht, wie der nette, olle Dichter sagt, denn Scheiden bringt eine nette Art Gefühl. Laß uns Lebewohl sagen, bis wir in Ealin Zusammentreffen!«

Bei dem Laut der bekannten Sprache sprang Aliston auf und starrte die unerwartete Erscheinung eines großen, schmächtigen, jungen Mannes in Khakihemd mit offenem Munde an.

»Oh, bedaure ...! Guten Morgen!« sagte er verlegen.

»Packen Sie Ihr olles Bündel, Aliston, lieber, oller Vogel! Sonnenstich sehr schlimme Sache für Sie, Herr und Wanderer! Burschen machen gewöhnlich dummes Zeug, wenn sie 'n Stich von der netten, ollen Sonne kriegen ...«

Bei dem Manne begann es langsam zu dämmern.

»Was soll das heißen, und wer zum Teufel sind Sie?« fragte Aliston ärgerlich.

»Stellvertretender Bezirksamtmann, Herr.« Bones war sehr sanft. »Kann diese Dinge nicht erlauben ... Du meine Güte! Kennen Sie Kipling nicht? Weiß ist weiß, un schwarz is schwarz, aber jedes hält seine eigene Straßenseite, und alles das ...«

Alles, was von einem Mann noch übrig war an John Aliston, vereinigte sich zu einer Gebärde des Trotzes.

»Würden Sie es als Grobheit auffassen, wenn ich Ihnen sage, Sie sollen sich um sich selber kümmern?« fragte Aliston.

»Das werde ich, lieber, oller Aliston ... ganz gewiß werde ich das«, erklärte Bones. »Ich werde einfach furchtbar aufgebracht sein. Nehmen Sie Ihren Kram auf, alter Herr!«

Aliston stand breitbeinig da, die Hände an seinen Hüften. »Ich werde nicht gehen, und Sie können mich nicht zwingen.«

Eine knochige Faust schnellte vorwärts und traf Aliston unter das Kinn. Der Mann fiel mit einem Knall der Länge lang hin und kam heulend und fluchend auf seine Füße. Zweimal traf Bones ihn, ehe er fiel und still lag.

»Auf, Sie alberner, oller Aliston!« Und als sich dieser nicht bewegte, bückte sich Bones, packte ihn und stellte ihn auf die Füße.

»Sie Schwein ...!« schluchzte John Silwick. »Einen kranken Menschen zu schlagen ... Sie Vieh

Er ging sanft genug zwischen den beiden Haußas, die ein schriller Pfiff von Bones zur Stelle gebracht hatte.

Frau Aliston kam in fliegender Hast von dem einen Ende durch das Dorf gerast, als ihr Gatte am anderen Ende verschwand.

»Was soll das heißen?« schrie sie, grau vor Wut.

Bones antwortete ihr in der Sprache der Eingeborenen.

»Weib, dieser Mann gehört meinem Volke an, gerade wie du zu deinem Volke gehörst. Da ist der Fluß, und dort ist das Land; und wo sie sich mischen, da gibt es Schlamm und Gestank.«

»Ich bin sein Weib!« rief sie bebend; Mord leuchtete auf in ihren Augen. »Wir sind Missionsleute, und ich habe ein Buch, um zu beweisen, daß ich auf Missionars Art verheiratet bin. Außerdem ...«

Im letzten Augenblick erfand sie einen ausgezeichneten Grund, um ihres Mannes Gesellschaft zu verlangen.

»Ich wünsche nicht, irgendwelche Privatangelegenheiten zu wissen, liebe, olle B'firi«, sagte Bones aufgeregt und laut.

Sie folgte ihm zum Boot hinunter, erörternd, flehend, drohend. Alle zwölf Schritte machten sie Halt, Bones' lange Arme in beredter Schwingung, Bones, seine mageren Achseln wiederholt schnell zuckend. Als der »Wiggle« vom Land abstieß, nahm das Weib ein Kanu und sechs Paddler und folgte ihm flußabwärts. Zum Unglück lief der »Wiggle« auf eine Sandbank auf. Sie kletterte an Bord und wurde von den entrüsteten Soldaten in den Fluß geworfen, aber sie verankerte ihr Kanu am Heck der Barkasse und weigerte sich fortzugehen.

In der kurzen Zeit ihrer neuen Ehe hatte sie recht wesentliche Bereicherungen ihres englischen Wortschatzes erworben.

Bones hörte ihrer Meinung über ihn drei Sekunden lang zu, dann steckte er sich die Finger in die Ohren.

»Unartig ... Unartig ...!« brüllte er. »Du mußt so was nicht sagen! Wirklich, du mußt nicht! Du wirst auf diese Weise niemals in den Himmel kommen ...!«

»... ... ... ... ...!« schrie Frau Aliston und wandte eine der gebräuchlichsten Aufforderungen ihres Gatten an.

Während sie und ihre Paddler in der Nacht auf dem Boden des Kanus schliefen, glitt einer der Soldaten über Bord, taute sie an Land und befestigte dort das Grastau des Kanus mit vielen Knoten; unterdessen schoben und stießen seine Kameraden, knietief auf der Sandbank im Wasser, den »Wiggle« in das tiefe Fahrwasser. Als B'firi am Morgen erwachte, war das Gefängnis ihres Mannes fort, und B'firi ruderte wütend nach der Missionsstation. Auf halben Wege dorthin landete sie bei einem Fischerdorf; dessen alter Häuptling war sehr reich, und alle seine Weiber trugen große Messing-Halsringe, um so seinen Reichtum zu bezeugen.

»Wenn du in meine Hütte kommen willst, mache ich dich zu meinem Hauptweibe und gebe dir sogar Messingringe für deine Beine. Auch will ich dir eine feine neue Hütte machen, und mein altes Weib soll deine Dienerin sein.«

B'firi überlegte sich die Sache.

»Willst du ein Christ werden und mich dich mit Wasser waschen und heilige Worte zu dir sagen lassen?« fragte sie.

»Ein Ju-ju-Zauber ist wie der andere«, sagte der alte Philosoph, und Frau Aliston feierte ihre fünfte Hochzeit.

 

2.

Sanders befand sich auf der einen Seite seines vielgebrauchten Pultes und ein finsterer, bärtiger Mann auf der anderen Seite.

»Die Sache ist die, Mr. Aliston!« Sanders' Stimme nahm bei solchen Gelegenheiten die Eigenschaften eines eisigkalten Rasiermessers an – »Eine Ehe von Europäern kann in diesen Gebieten ohne ein von mir ausgestelltes Zeugnis nicht geschlossen werden. Aus diesem Grunde war Ihre Ehe nach jeder Richtung hin ungültig. Ich habe die Empfindung, daß ich nur meine und Ihre Zeit verschwende, wollte ich versuchen, Ihnen das Verwerfliche dieser gemischten Ehen begreiflich zu machen.«

»Das ist Ansichtssache!« grollte der Mann, und dann fügte er hinzu: »Was werden Sie mit mir anfangen?«

»Ich werde Sie als mittellosen britischen Untertan mit dem ersten fälligen Dampfer zurücksenden«, antwortete Sanders.

Der Mann wurde rot und zornig. Der Stolz, den er besaß, wehrte sich dagegen, in die Klasse eines mittellosen britischen Untertanen eingeordnet zu werden. Armut mit gesetzlichen Entschuldigungen würde er anerkennen können. Aber einen solchen Flecken auf die Scherben seiner zerbrochenen Existenz? Nein, unmöglich!

Am Ankunftstage des Dampfers war Aliston nicht aufzufinden. Er hatte sich landeinwärts geschlagen; und das nächste, was man über ihn hörte, war, daß er die Isisis Bier aus Getreide brauen lehrte. Bones verfolgte ihn mit zwei Fährtensuchern, aber Aliston bekam Wind von ihrem Kommen. Drei Monate lang verlor man ihn außer Sicht. Dann wurde Sanders eines Tages, als er flußaufwärts fuhr, mitten im Strom durch die Klage eines alten Häuptlings aufgehalten.

»Mein Weib B'firi ist mit einem weißen Manne in den Busch gelaufen«, sagte er mit zitternder Stimme. »Und, Gebieter, sie hat einen großen Halsring von Messing mit sich genommen, der hundert Ziegen wert ist ...«

Sanders fluchte im stillen und schickte eine Brieftaube an die Küste zurück.

Diesmal nahm Hamilton mit Bones und einem halben Dutzend Haußas die Spur auf, die an die französische Grenze und zu der Entdeckung eines neuen Verbrechens führte. Ein Araberhändler war von einem halben Dutzend unabhängiger Stammesgenossen angegriffen worden, die ein Weißer führte. Vier Kisten Genever waren ihm gestohlen und ein Mann getötet worden.

Hauptmann Hamilton machte nicht Halt, um sich über die Gegenwart der Schnapsverkäufer so nahe dem verbotenen Gebiet zu vergewissern, sondern vollführte eine entschiedene Rechtswendung und stieß am späten Nachmittage auf das Lager der Räuber mit neun schnarchenden schnapsbetäubten Männern und einem toten Weibe. Die langen Finger John Silwick Alistons umschlossen noch ihre Kehle, und Bones mußte Alistons Finger mit Gewalt losmachen, als er sie fand.

»Armes, olles Ding!« sagte Bones mit heiserer Stimme, als er auf die stumme Gestalt herunterblickte.

Und dann fesselte ein glitzerndes Etwas an ihrem Handknöchel sein Auge. Es war ein kleines goldenes Armband, ein billiges, fast wertloses Dingelchen, das einmal mit drei kleinen Steinchen besetzt gewesen war. Eins davon war noch vorhanden: ein winziger, glanzloser Diamant. Bones bückte sich, öffnete das Schloß und zog das Armband ab.

»Hm!« murmelte Hamilton, als er das federleichte Schmuckstück in seiner Hand hielt. »Dieses kleine Armband könnte eine Geschichte erzählen, Bones!« Er drehte es auf seinem Handteller um. »Amerikanisches Fabrikat – fünf Dollar netto. Wie zum Teufel kam das ins Akasavaland?«

Er gab Bones das Schmuckstück zurück, und dieser ließ es in seine Tasche gleiten.

Am nächsten Nachmittag um drei Uhr wurde sich Aliston dunkel eines Daseins bewußt, das im Begriff war, ihm schnell zu entgleiten.

»Hallo!« Er sah in das ernste Gesicht zweier Offiziere. »Mich erwischt, wie? Wo ist B'firi?«

Sie antworteten nicht.

»Hm ... habe ich ihr weh getan?«

Der ältere der beiden Männer beugte sich zu ihm nieder und legte etwas in seine Hand. Es war ein Buch.

»Gebetbuch? – Was soll das?«

Hamiltons Blick begegnete seinem eigenen.

»In einer halben Stunde hängen Sie!« antwortete der Offizier kurz. »Fünf Ihrer Freunde haben sich tot gesoffen; die anderen beiden werden dieselbe Reise antreten wie Sie. Ich nehme an, daß Sie weder einen Richter noch Geschworene wünschen, um Sie zu richten ... mit Ihrem Namen und mit Ihrem schmutzigen Verbrechen in den englischen Zeitungen?«

Kreidebleich, zitternd, sprachlos, schüttelte der Mann seinen Kopf. Sie ließen ihn allein, aber beobachteten ihn bis zu der festgesetzten Zeit. Einer der Soldaten kletterte auf einen Baum und befestigte den Strick; dann ging Bones zu dem Manne, der, den Kopf auf der Brust, dort hockte, wo sie ihn verlassen hatten.

»Komm!« sagte Leutnant Tibbetts eisig und legte seine Hand auf die Schulter des todgeweihten Mannes.

Aliston fuhr mit einem Schrei auf. Eine Sekunde lang schwankte er, dann stolperte er und brach zusammen. Er gewann sein Bewußtsein nicht wieder, sondern starb in der kühlen Abendstunde; man begrub ihn getrennt von den beiden Eingeborenen, die an den Bäumen hingen.

 

3.

Im allgemeinen war man sich einig, daß man Bones nicht allein lassen konnte. Er war ein guter Offizier und ein tapferer Bursche, aber Einsamkeit und die Abwesenheit menschlicher Stützen schlug ihm aufs Gemüt.

Und er war so gut wie allein auf der Station. Herr Bezirksamtmann Sanders befand sich beim Steuereintreiben im Hinterland, und Hauptmann Hamilton lag mit einem sehr gewöhnlichen und gewohnten Malariafieberanfall im Bett. Es ist richtig, daß Hamilton die sonderbare Vorstellung hatte, er fiele durch die Matratze auf die spitzigen Teile des Albert-Denkmals, aber das war nicht ernstlich gefährlich. Leute, die an die Malariasymptome gewöhnt sind, wissen, daß ein Fall erst dann gefährlich wird, wenn der Patient glaubt, daß er die Königin Viktoria sei, und daß er mit Julius Cäsar Poker um die Fischgerechtsame des Rubikon spielt.

Bones dachte nicht im geringsten daran, daß sein Vorgesetzter sich in irgendwelcher Gefahr befände; Sanders glaubte das ebensowenig, und das gleiche tat Hamilton; und Hamilton hatte nur den einzigen Wunsch ausgesprochen, daß Bones ihn nicht pflegen solle.

Es traf sich sehr unglücklich, daß der Landtelegraph, der in unregelmäßigen Zeitzwischenräumen die Flußgebiete mit dem Gouvernement verband, in dieser Woche ausgebessert wurde. Die Telegraphenlinie lief durch das Elefantenland, und wenn die Dickhäuter sich nicht an den hölzernen Telegraphenstangen kratzen, dann reißen sie den Draht herunter, um zu entdecken, ob er genießbar ist. Das Gouvernement hatte in einem Anfall von Energie die Linie in dieser Woche ausbessern lassen.

»O. K.?« fragte das Gouvernement.

Bones kritzelte eine Antwort und diese wurde, wie sie geschrieben war, von einem phantasielosen Mulattentelegraphisten weiter gemorst, der, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, glaubte, er sende eine Chiffredepesche von höchster Wichtigkeit und dürfe nichts auslassen.

Alles wohl alles wohl Punkt Bezirksamtmann in Isisi Isissi Punkt Hamilton leitent schfären Dusel von Malaria aber leute leide leite Geschäfte weiter Punkt Werde mein Bestes duhn Hamiltons Leben retten aber ferchte fierchte fürchte Schliemstes Punkt Ich werde meine Flicht Pflücht Pflicht duhn.

Bones hatte die atemraubende Gewohnheit, bei seiner gesamten handschriftlichen Korrespondenz die meisten Wörter dreimal zu buchstabieren, um zu entdecken, welches am richtigsten aussah. Wenn er, wie Sanders ihm so oft auseinandersetzte, die Einsicht besessen hätte, die zwei Schreibweisen auszustreichen, die am wenigsten Gnade vor seinem Auge fanden, würde seine Korrespondenz an Klarheit gewonnen haben.

Und dann überkam Bones eine großartige Idee. In Fällen ernstlicher Erkrankung pflegte das Gouvernement manchmal Unterstützung zu senden. Das war ein Vorrecht, das Sanders beanspruchte, und warum sollte er das nicht auch?

»Schickt gute Krankenschwester!« fügte Bones der Drahtung hinzu.

Das sah lahm aus. Was Hamilton brauchte, war eine mütterliche Art fraulichen Wesens ... Bones fügte ein Adjektivum, einen Fachausdruck, hinzu.

Er stelzte ernst zum Wohnhaus zurück, ging in Hamiltons Schlafzimmer und legte seine feuchte Hand auf die Stirn des schlafenden Offiziers.

»Was ... (der Kranke stieß etwas Heftiges hervor) ... wollen Sie? Sie? ... (Ein schlimmeres Schimpfwort folgte)?« fragte der wütende Kranke.

»Bones ist hier!« murmelte der Besucher beschwichtigend. »Jolly olly Florence Nachtigall, lieber, oller Offizier. Haben Sie einen Wunsch, lieber, oller Ham?«

»Ich wünsche, daß Sie sich zum Soundso 'raus scheren!« fluchte der kranke Mann.

»Delirium!« murmelte Bones und entfernte sich auf den Zehen, wobei er einen im Wege befindlichen Tisch umwarf.

»Tut, Tut!« sagte der gekränkte junge Mann, als er die Tür zuwarf.

Diesen ganzen Tag und den größeren Teil des folgenden verbrachte Bones damit, daß er kleine Erleichterungen für den Patienten anordnete. Mammi Pape, die Stationsköchin, überwachte ehrfurchtsvoll, wie Bones ein Fruchtgelee zubereitete. Bones machte es nach einem Rezept, das er in einem Kochbuch aufgestöbert hatte. Es war ein hübsches feines Gelee, nur war es kein Gelee.

»Nein! Ich will das nicht trinken!« wütete Hamilton. »Ich weigere mich, vergiftet zu werden ... Sie haben das gebraut? Mein ...!«

Tasse und Inhalt flog durch das offene Fenster.

»Unartig! Unartig!« sagte Bones im Tone einer Mutter, die zu ihrem Kinde spricht. »Lassen Sie den braven Bones 'mal nette, olle Temperatur messen!«

Hamilton deutete mit seiner gelben Hand zur Tür und funkelte ihn bösartig an, und sein Pfleger war kaum aus dem Zimmer; als er auch schon den Riegel vorschieben und Hamiltons unheildrohende Stimme ihn anrufen hörte.

»Ich habe einen Selbstlader hier und zehn Patronen, und wenn Sie den Versuch machen, mich zu bemuttern, blase ich Ihnen Ihre Hirnschale weg.«

»Jetzt wird's gefährlich!« murmelte Bones und schüttelte sich jede Verantwortlichkeit von den Schultern.

Sobald sich der kranke Mann allein befand, schluckte er drei Chinintabletten, trank einige tiefe Schlucke Gerstenschleim und fiel in einen gesunden Schlaf.

Am folgenden Nachmittag schlummerte Bones geräuschvoll auf der Veranda des Wohnhauses. Die Sonnenstrahlen krochen quer über die breite, weiße Treppe und nahmen das Hühnerauge, das Leutnant Tibbetts' kleine Zehe schmückte, aufs Korn. Er träumte dabei, er sollte auf dem Scheiterhaufen vor dem Trinity-College in Cambridge verbrannt werden, weil er verächtlich vom Jockeiklub gesprochen hatte. Die Flammen leckten an seinen Füßen – besonders an dem einen Fuße.

»Autsch!« rief Bones schmerzlich aus und wachte auf, um die Außenseite seines Moskitostiefels sanft zu reiben.

Und nach und nach, in dem Maße, wie seine Sinne wach wurden, gewahrte er eine außerordentliche Erscheinung. Auf einem Deckstuhl, kaum einige Meter von ihm entfernt, saß die schönste Dame, die er jemals gesehen hatte. Sie war jung, und ihr Haar erschien gegen das grüne Futter ihres Tropenhelmes wie rotes Gold. Die Lippen in ihrem zarten Gesicht waren fast von einem Geraniumrot; in diesem Augenblick öffneten sie sich zu einem Lächeln, und ihre blaugrauen Augen sprühten vor Lachen.

»Segne meine nette, olle Seele!« murmelte Bones und erlaubte seinem langen, ranken Körper wieder in den Stuhl zurückzusinken. »Segne meine hübsche, olle Seele ... hätte nich Speck essen sollen ... Igittigitt!«

»Wachen Sie auf, bitte!«

Bones öffnete ein Auge und umfaßte sie gänzlich; er öffnete das andere Auge und setzte sich auf, den Mund weit offen.

»Ich habe geduldig eine geschlagene Viertelstunde hier gesessen«, sagte sie, und als er an ihr vorbei sah, bemerkte er zwei große Kabinenkoffer, einen Handkoffer, einen Beutel mit Golfschlägern und ein Tennisrakett.

»Ich bin die Schwester vom Viktoriahospital«, sagte sie.

Bones stolperte auf seine Füße und brach in unartikulierte Laute aus.

»Segne mein Leben und meine hübschen, ollen Hosen!« stammelte er. » Sie sind die junge Person ... Sie sind 'n büschen jung ... Wie sind Sie hierhergekommen, liebe, olle Schwester?«

»Mit dem Dampfer. Ich bin mit dem ›Pealego‹ gekommen.«

»Um den guten, ollen Ham zu pflegen? Segne meine Seele, wie sonderbar!«

Sie starrte ihn an.

» Schinken ... einen Mann

Bones nickte.

»Fieber?«

Wieder nickte Bones, und sie schien erlöst.

»Er braucht keine Pflege, liebe, olle Nurse!« begann er.

»Ist er tot?« fragte sie berufsmäßig.

Bones sperrte den Mund weit auf; erschrocken starrte er sie einen Augenblick an und war mit einem Sprung im Innern des Wohnhauses wieder verschwunden. Nach zehn Sekunden stürzte er wieder heraus.

»Nö, junges Fräulein, er lebt. Was ich sagen wollte, war, daß ich Ungezogener selbst ihn pflege.«

Sie sah ihn würdevoll an.

»Und er lebt«, sagte sie halb für sich.

Bones fühlte sich gekränkt.

»Und schlägt um sich«, erwiderte er vorwurfsvoll. »Das mag Sie überraschen, liebe, olle Pflegeschwester, aber ich bin eine diplomierte Nurse.«

»Sind Sie?« Sie war, wie er vorausgesetzt hatte, überrascht.

»Ja, das bin ich, liebe, olle Rotkreuzige. Ich hatte zehn Lektionen, und zwar brieflich, wissen Sie. Symptome, liebe, olle Pflegeschwester, sind meine Spezialität. Ich kann auf einen Blick sagen ...« Er sah sie mit kritischem Stirnrunzeln an. »Sie haben den Sonnenstich; ein Auge ist größer als das andere.«

»Das stimmt nicht«, wandte sie ein, öffnete den Pompadour, den sie auf ihrem Schoß hatte, und holte einen ganz kleinen Spiegel hervor. »Das stimmt nicht!« wiederholte sie zornig. »Sie sind beide gleich groß. Wo ist der Kranke?«

Bones winkte mit seiner großen sehnigen Hand nach der Tür, quetschte sein Monokel ins Auge und sah ernst drein.

»Behandeln Sie ihn gütig!« bat er. »Im Falle eines Rückfalles senden Sie nach dem guten, ollen Bones. Pard... Achtung! Matte! Zweite Tür links. Wenn er gewalttätig wird, werde ich mit einem großen Hammer rein kommen und ihm einen Schlaftrunk geben.«

Er hörte Verhandlungen, die durch die geschlossene Tür hindurch geführt wurden, hörte den betroffenen Ausruf seines Vorgesetzten und hörte, wie der Riegel zurückgeschoben wurde.

»Wer, um des Himmels willen, hat Sie geschickt, Schwester?«

Eine leise Antwort. Bones lächelte selbstgefällig. Er hatte etwas vollbracht ... Er hätte gern gewußt, ob sie Tennis spielte oder bloß ein Rakett besaß.

An diesem Abend saß er und wartete auf das Erscheinen der Krankenschwester. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Essen, und obwohl er ihrer einmal ansichtig geworden war, als sie von der Küche zum Krankenzimmer eilte, hatte sich keine Gelegenheit zum Gespräch und zum Austausch von Vertraulichkeiten geboten. Jedesmal, wenn er sie abfing, hatte sie irgendeine Entschuldigung, um einen Gedankenaustausch zu vermeiden.

Das erstemal:

»Was ich sagen wollte, liebes, olles Fräulein ...«

»Pst!« flüsterte sie, den Zeigefinger an ihren Lippen, »er schläft.«

Und das zweitemal:

»Ich habe Sie noch nicht nach Ihrem Namen gefragt, liebe, olle Schwester des Erbarmens; Sie sehen, ich habe hier das Kommando ...«

Herauf kam ihre warnende Hand.

»Sssssch!« hauchte sie. »Er ist eben erwacht.«

Bones saß da und dachte, voller düsterer Gedanken, an die Vernachlässigung, die er erlitt, als er das Puk-a-Puk des Heckrades der »Zaire« in der stillen Nacht hörte und der Schleier ihres Rauches über den Baumwipfeln schwebte. Sofort raste er zum Kai hinunter, um den Bezirkshauptmann zu treffen.

»Ja ... kam 'ne Woche früher zurück, als ich es erwartete. Die Akasavaleute werden ehrlich – oder wollten mich aus dem Lande haben. Wie geht es Hamilton? ... Die Taubenbotschaft habe ich erhalten. Nichts Ernstliches hoffe ich!«

»Nein, Herr!« Bones hielt den Augenblick für günstig, um den neuen Ankömmling anzukündigen.

»Eine Krankenschwester?« wiederholte Sanders betroffen. »Aber warum in des Himmels Namen?«

Bones hüstelte.

»Dem lieben, ollen Ham ging es ziemlich schlecht, Herr«, sagte er würdevoll. »Wollte nicht einmal mich sehen. Als ich 'mal durch sein Fenster schielte, hatte er sein gutes, altes Gesicht gegen die Wand, Herr, und deshalb schickte ich nach der Schwester.«

»Kommt es darauf an, auf welcher Seite ein Mann schläft?« fragte Sanders unschuldig.

»Gesicht nach der netten, ollen Wand«, murmelte Bones und schüttelte seinen Kopf, »ist eins der schlimmsten Zeichen, Herr, nach der netten, ollen Pharmacopia. Gesicht nach der Wand zu ... Die Kerle schieben meistens in dieser Weise ab, Herr.«

»Kohl!« sagte Sanders mit dem Schatten eines Lächelns. »Aber trotzdem ... wenn die alte Dame einmal hier ist, müssen wir es ihr hier auch angenehm machen.«

Wieder hüstelte Bones.

»Nicht alt, Herr, nicht so hübsch alt, Herr. Eher auf der jungen Seite, Herr und Exzellenz. Hübsch, Herr, in einer Beziehung«, fügte er unternehmend hinzu und sah Sanders' Gesicht lang werden.

»Das läßt sich nun nicht ändern ... Hamilton wird sich schon aufkrabbeln. Beim Gouvernement werden sie jetzt ja recht lebendig; für gewöhnlich brauchen sie dort einen Monat, um ein derartiges Ersuchen zu beantworten.«

Er begrüßte das junge Mädchen freundlich – bewunderte sie auf seine von anderen so verschiedene Art.

»Ich glaube nicht, daß meine Anwesenheit hier lange erforderlich sein wird.« Mit weiblichem Instinkt hatte sie die Zurückhaltung in seiner Begrüßung herausgefunden. »Ihr Hauptmann Hamilton ist nicht schwer krank. Er ist verärgert, aber nicht krank.«

Sie sah Bones fest an.

»Ärger ist Krankheit!« antwortete Bones bestimmt. »Ein häßliches Temperament ist ein Zeichen von Verrücktheit, liebe, olle Hospitalmatrone.«

Als sich das junge Mädchen an diesem Abend zurückzog, nahm Sanders, der mit dem Kranken geplaudert hatte, um die wirkliche Ursache seines Ärgers zu entdecken, Bones auf die Veranda und redete leise mit ihm.

»Sie müssen sehr vorsichtig sein, Bones. Ich fürchte, Sie brauchen manchmal Worte, die etwas ganz anderes ausdrücken als das, was Sie wirklich sagen wollen. Zum Beispiel ...« Er führte ein Wort an.

»Was? Das bedeutet so 'ne Art mütterliche Dame, Herr?« fragte Bones erstaunt. »Segne mein Leben, Herr ...«

»Mutterschaftspflegerin bedeutet etwas ganz anderes«, sagte Sanders sehr ruhig für einen Mann, der innerlich vor Lachen platzte. »Und natürlich ist Hamilton etwas ärgerlich ...«

Sanders benutzte den letzten Morgen der Anwesenheit des Mädchens, um ihr die Station zu zeigen. Ihr Name war Rosalie Marten, und sie gab zu, vierundzwanzig Jahre alt zu sein.

»Es muß reizend sein, weit weg von Leuten in hohen Hüten und von elektrischem Licht und Kinos zu sein«, sagte sie und holte tief Atem. »Ich kam nach Westafrika heraus, in der Annahme, ich würde ein Leben wie hier auf der Station führen ... Aber das Gouvernement ist so 'ne Art Clapham plus Sonnenschein. Hier gibt es wohl keine Arbeit für mich, Mr. Sanders?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wenn es keine indiskrete Frage ist, Miß Marten, warum sind Sie überhaupt an die Küste gekommen? Haben Sie Freunde hier draußen?«

»Nein«, gab sie kurz zurück. »Ich hasse die Küste, die ich kennen gelernt habe. In mancher Hinsicht ist sie allerdings besser, als ich sie mir vorstellte, in mancher Hinsicht ist sie schlimmer. Ich schöpfte meine Ansichten über sie aus einer Handelszeitung, die von einem Manne geleitet wird, der niemals die andere Seite der Sierra-Leone-Berge gesehen hat ... Mein Vater ist Journalist und sagte mir das. Ich hasse die Gegend. Ich hasse sie!«

Die Leidenschaft in ihrem Tone veranlaßte ihn, sie scharf anzusehen, und als er sie sich genauer ansah, glaubte er den Grund erraten zu können – einen Mann.

Aber er brauchte gar nicht zu raten, denn fast unmittelbar darauf erzählte sie: »Der Mann, mit dem ich verlobt war, starb hier draußen.« Sie war von grausamer Offenheit. »Er kam vor zwei Jahren hier heraus.«

Nur für einen Augenblick verlor ihre Stimme die Selbstbeherrschung.

Sanders schwieg. Vertrauliche Mitteilungen wie diese taten ihm beinahe weh. Die Küste fraß diese jungen Leben erbarmungslos auf, und Miß Martens trauriges Erlebnis hatte seinen Vorgänger.

»Er war der allerbeste Mann der Welt ... Er kam hier heraus, um hier draußen genügend Geld zu verdienen und sich ein Heim zu gründen. Ich bin ziemlich reich, Mr. Sanders, und er geriet in meiner Familie in den Verdacht, ein Glücksritter zu sein; einer, der auf der Jagd nach Vermögen war ... Sie sagten ihm das ins Gesicht, obwohl ich davon erst später erfuhr.«

»War er ... ein Missionar?«

Sie schüttelte den Kopf und lächelte schwach.

»Nein, er war ein sehr guter Mann, aber Missionar war er nicht. Er starb irgendwo im französischen Gebiet ... Er schrieb mir, bald nachdem er an der Küste angelangt war ... Es ist schrecklich ...« Ihr Blick verdüsterte sich. »Ich komme jeden Tag an dem Hotel vorbei, in dem er wohnte, als er in der Residenz des Gouverneurs war... Ich kenne sogar das Fenster des Zimmers. Er sah von da aus auf die Straße, die ich benutze. Es ist nicht zu glauben, Mr. Sanders ... Es ist einfach nicht zu glauben«

Sanders empfand, daß sie sprach, wie sie niemals zuvor zu einem menschlichen Wesen gesprochen hatte; daß sie nun in Worten das lange zurückgedämmte Mitteilungsbedürfnis ausdrückte, nach dessen Äußerung gegen irgend jemand sie sich lange und schmerzlich gesehnt hatte. Er ließ sie ohne Unterbrechung reden, während sie langsam den dürren öden Platz überschritten.

»Ich habe Sie fürchterlich angeödet, aber mir ist's jetzt besser«, sagte sie, halb lachend, halb weinend. »Ich habe mir oft gewünscht, ich wäre Katholikin, damit ich mich jemand offenbaren könnte. Ich glaube wohl, daß ich mich mit der Zeit davon erholen und irgendeinen armen Mann heiraten werde. Ich werde dann meinen Roman zwischen Lavendelkisten begraben; Herzen brechen nicht so leicht.«

Als sie auf ihr Zimmer ging, fand Sanders Gelegenheit, eine Warnung Zu äußern.

»Nehmt euch vor leichtsinnigem Geplauder in acht, das sich mit Tod und Verderben beschäftigt, Kerlchens! Das arme Mädel hat sehr unglückliche Erfahrungen hinter sich.«

Es war kein Mißbrauch ihres Vertrauens, daß Sanders die Umrisse der Tragödie andeutete, die dieses junge Mädchenleben überschattete.

»Wir müssen sehr vorsichtig und unterhaltsam sein, lieber, oller Herr und Exzellenz«, bemerkte Bones gerührt.

»Um Gottes willen werden Sie das nicht!«

Sanders und Hamilton sprachen gleichzeitig.

»Vielleicht, Sie beleidigender, oller Vorgesetzter, könnte ich ihr meine Raritäten zeigen«, schlug Bones gekränkt vor. »Aber, natürlich, wenn Sie glauben, diese unschuldige, olle Person könnte verdorben werden ...«

»Ob sie verdorben wird, ist mir gleichgültig. Ich wende mich nur dagegen, daß ein Gast gelangweilt wird«, sagte Hamilton.

»Holen Sie Ihre Raritäten, Bones!« empfahl Sanders gutmütig. »Aber verbreiten Sie sich nicht darüber, wie Sie dazu gekommen sind.«

Bones eilte nach seinem Häuschen und sammelte hastig alles, womit er ihr die Zeit zu vertreiben hoffte. Rosalie Marten kam zurück, um drei übernatürlich feierliche Männer vorzufinden, die sich bei ihrem Anblick sofort in eine so steife erkünstelte Lustigkeit stürzten, daß sie die Ursache erriet.

»Sie haben meine traurige Geschichte erzählt«, sagte sie, indem sie sich beinahe in der Rede überstürzte. »Ich bin froh darüber ..., aber bitte, tun Sie deshalb nicht geheimnisvoll! Ich habe das unangenehme Empfinden, daß Sie alle die Zartbesaiteten spielen, aus Furcht, meine Gefühle zu verletzen. Bitte, seien Sie nicht zu taktvoll!«

Bones sah für einen Augenblick sehr verlegen aus, denn er hatte alles in der Tat sehr taktvoll arrangiert. Seine Taschen standen weitab; sie waren vollgestopft mit Raritäten die er im Dunkeln aus der großen Kiste unter seinem Bett geholt hatte.

»Es wird uns sehr leid tun, Sie verlieren zu müssen, liebe, olle Miß!« sagte er, als die Spannung vorbei war, welche die Bemühung, zu schweigen, verursacht hatte, während der Araberjunge den Kaffee herumreichte.

»Drei Stück Zucker oder vier? Segen auf mein nettes, olles Leben, Sie nehmen keinen Zucker? Sie werden niemals fett werden wie der umfangreiche, olle Bones!«

»Wie der ›unförmliche‹ paßt besser«, sagte Sanders.

»Da fällt mir etwas ein!« Bones suchte in seinen Taschen. »Das hier wird Ihnen vielleicht ungeheures Vergnügen bereiten, liebes, olles Hospitalgeistchen! Es ist ein Fingerring des fettesten Mannes im ganzen Gebiet, N'Perus, des Akasavamannes ...«

Er holte eine Handvoll der verschiedensten Merkwürdigkeiten hervor, Arm- und Fußringe aus Draht, geschnitzte hölzerne Löffel, zwei Schnuren hölzerner Perlen und einen oder zwei Stahlkämme und legte sie auf den Tisch.

»Das hier ist der kleine Pompadour eines N'Gombi-Weibes ...«

Er hörte ihren unterdrückten Schrei und sah sich erschrocken um. Sie war aufgestanden und starrte auf den kleinen Haufen Sachen, der auf dem Tischtuch lag. Ihr Gesicht war totenbleich, und ihre Hand wies zitternd auf etwas.

»Wo ... wo haben Sie das her?«

Sie zeigte auf ein goldenes Armband, das seinen Glanz verloren hatte, und in dem zwei Steine fehlten.

»Das ... hm ...« Bones vergaß für den Augenblick die Anweisung, die er erhalten hatte. »Well, junges Fräulein, das wurde genommen ...«

In diesem Augenblick begegnete er Sanders kalten, befehlenden Augen, und er hielt inne.

»Er ... er hatte das ...«, sagte sie mit gedämpfter Stimme und hob das Schmuckstück vorsichtig auf. »Ich habe es als Kind gekauft ..., Väterchen nahm mich mit nach Neuyork, und ich bat ihn, es mir zu kaufen. Ich gab es meinem ... meinem Schatz als ein Andenken.«

Sanders fand zuerst die Sprache wieder.

»Wie hieß Ihr ... Ihr Verlobter, Miß Marten?«

Sie liebkoste das verbogene kleine Armband, während ein Lächeln unendlicher Zärtlichkeit um ihre Lippen spielte.

»John Silwick Aliston,« hauchte sie, »der beste, liebste Mann der Welt.«

Schweigen, so tief, daß sie das tiefe Atemholen der drei Männer hätte hören müssen, wenn sie nicht so vertieft in den Anblick dieser ärmlichen Reliquie gewesen wäre, die sie in der Hand hielt.

»Ein sehr lieber Kerl! Einer der Besten!« sprang Bones in die Bresche; seine Stimme war heiser, und er sprach in einer stoßweisen Art, als ob er atemlos sei. »Lieber, alter John ...! Was für ein Kerlchen!«

Sie sah schnell zu ihm hin; die beiden anderen Männer vermochten kaum zu atmen.

»Sie haben ihn gekannt?«

Bones nickte; seine leuchtenden Augen behielten das Licht plötzlicher Eingebung.

»Ziemlich, liebe, olle Schwester. Traf ihn oben an der französischen Grenze ... wirklich netter Kerl ... Fieber ...«

»Sie waren bei ihm, als er starb?«

Bones' Kopf nickte auf und nieder wie ein Automat.

»Ja ... mutig bis zum letzten ...! Tapferer, oller Junge! Voller Mut, liebes, olles Fräulein! Gab mir dieses Armband für sein Mädel ..., vergaß bloß, mir noch ihren Namen zu sagen ...! Einer der Besten, der liebe alte John ...!«

Er hielt inne, erschöpft von der Anstrengung.

Sie blickte lange Zeit nachdenklich auf den kleinen Schmuck; dann hielt sie ihm ihre Hand hin.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie leise, »ich werde immer an Sie denken. Ich bin sicher, Sie waren sehr gut zu ihm ... Gott segne Sie!«

Bones hätte weinen können.

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