Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Schreyvogel >

Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
Schließen

Navigation:

9.

Es war ein ziemlich heißer Tag. Das Gewühl in den Straßen schien mir lästiger als gewöhnlich. Ich stieg in einen Fiaker, der am Wege stand. »Wohin, Ew. Gnaden?« fragte freundlich der Kutscher, den Schlag offen haltend. – »Ja so! Wohin du willst, in den S**ischen Garten meinetwegen!«

»Wohin du willst«, sagte ich, in den sanft schaukelnden Wagen zurückgelehnt, »wohin du willst, freundlicher Fährmann Zufall! Hab ich denn einen anderen Weg, als den du mich führtest bis hieher und der jetzt lockender als je durch blumige Auen und frischbelaubte Hügel sich hinzieht? Wo das Ziel ist, ob wir's erreichen – ich weiß es nicht. Aber ihm zu folgen, so weit Natur und Unschuld uns begleiten, – wer könnte sichs versagen?«

Der Garten war beinahe leer von Menschen. Ich schlenderte, mich meinen Gedanken überlassend, in den schattigen Gängen umher und setzte mich endlich vor einem blühenden Rosengebüsche, welches ein Kranz von Pinien umfaßte. Die sinnige Zusammenstellung, welche in ihrer symbolischen Bedeutung den Reiz des Lebens durch den Ernst der Betrachtung zu erhöhen schien, machte, wiewohl kein neuer Gedanke der Gartenkunst, Eindruck auf mich und deuchte mir Beziehung auf meine und Gretchens Lage zu haben. »Die Rosen gedeihen in dieser Nachbarschaft«, sagte ich zu mir selbst; »sie finden Schutz unter dem befreundeten Baume, dessen melancholischen Ernst sie erheitern und der, nach oben strebend, der Luft und dem Lichte Zugang zu ihnen läßt, aber nicht den Stürmen und der brennenden Hitze des Tages.

Warum, wenn ihr unbefangenes Herz der Neigung nicht widerstrebt, die still und mächtig mich zu ihr hinzieht, warum wäre es denn Torheit, dem süßen Hange zu folgen? Will ich nicht ihr Glück und besitz' ich nicht, was es ihr sichern kann? – Die Jugend? – Elender Notbehelf der Gemeinheit! Wird sie vermissen, wovon ihre reine Seele nichts ahnet? – Und bin ich denn ein Greis? Klopfen diese Pulse nicht oft noch allzu rasch? Trag ich mein ungebleichtes Haupt weniger frei und aufrecht, weil es nicht so leer an Urteil und Erfahrung ist als der schwindelnde Kopf eines Jünglings? – Laß uns den Zweck der Weisheit nicht verlieren, Samuel, aus eitler Furcht vor der Torheit! Nicht erzwingen will ich das Glück des Lebens, nicht mit List und Mühe erjagen; aber es fröhlich hinnehmen, wenn es von selbst sich mir darbietet.«

Rasch erhob ich mich und ging auf das Rosengebüsch zu, um die jüngste und schönste der erst entfalteten Knospen zu pflücken und sie zum Andenken dieser Stunde an meine Brust zu stecken. Mit munteren Schritten durchstreifte ich noch einmal die verschiedenen Partien des Gartens; da stieß mir unvermutet ein alter Bekannter auf, der, wie ich wußte, vor kurzem eine Frau genommen hatte. Der Mann ist wenig jünger als ich und ich habe ihn stets für einen recht verständigen Menschen gehalten. Er erzählte mir, wie glücklich er in seinem neuen Stande sei, fragte nach meiner ländlichen Besitzung und war sehr verwundert, daß ich so selten dahin käme; er seinesteils, versicherte er, habe keinen sehnlicheren Wunsch als den, seine übrigen Tage mit seinem jungen Weibchen auf dem Lande zubringen zu können. – Wir trennten uns nach einer ziemlich langen Unterhaltung, welche für mich mehr Interesse hatte, als mein Gesellschafter wußte oder vermuten konnte.

Es war beinahe Abend, als ich nach Hause kam. Paul, der mir in der Tür begegnete, gab mir lächelnd ein Zeichen, daß ich ohne Geräusch in mein Zimmer treten möchte. Ich tat es und sah Gretchen an meinem Schreibtische sitzen. Leise näherte ich mich und faßte sie sanft an den Schultern. Sie sah etwas erschreckt zurück, lächelte aber, als sie mich erkannte so anmutig zu mir empor, daß ich nicht umhin konnte, einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn zu drücken. »Darf ich wissen, was Sie schreiben, liebes Kind?« sagte ich. – Sie reichte mir das Blatt hin. Es war ein Brief an den Gerichtshalter ihrer Heimat, der, wie ich erfuhr, zugleich ihr Vormund war, aber sich stets sehr wenig um sie bekümmert hatte. Der Brief betraf die Erbschaftssache ihrer Tante; er war zweckmäßig und mit einer zierlichen Hand geschrieben. Sie könnte, bemerkte ich, Schreib- und Musikmeisterin sein, sobald sie wollte. – »Glauben Sie wirklich«, sagte sie vergnügt, »daß ich geschickt genug wäre, als Lehrerin oder Gouvernante in einem kleinen bürgerlichen Hause einzutreten?« – »Hätten Sie denn Neigung zu einem solchen Geschäfte?« erwiderte ich. »Es ist eben nicht das Harmloseste.« – Auf ihre Neigung, meinte sie, komme es hiebei nicht an; diese habe sie auch nicht in die Stadt geführt; sie wäre lieber auf dem Lande geblieben; aber sie müsse für ihren Unterhalt sorgen und man habe ihr gesagt, auf diese Weise könne es hier vielleicht am ehesten geschehen.

»Wie aber«, sagte ich nach einigem Stillschweigen, »wenn sich eine Stelle für Sie fände, frei von den lästigen Rücksichten, welche den Aufenthalt in den sogenannten guten Häusern oft so unangenehm machen, mit einer einfachen, Ihrer ehemaligen Lebensweise angemessenen Beschäftigung, wobei Sie zugleich mehr von sich selbst als von anderen abhängig wären, nicht in der Stadt, sondern auf dem Lande und in einer der schönsten Gegenden, die man sehen kann?« – Gretchen wurde sehr aufmerksam. »Und worin bestände diese Beschäftigung?« fragte sie. – »In der Aufsicht über das Innere einer kleinen Landwirtschaft«, antwortete ich, »die – einem meiner Freunde gehört; einem Manne ungefähr von meiner Art und meinem Alter, der Sie mit der größten Achtung behandeln und Ihre Einsamkeit selten oder nie durch seine Gegenwart stören würde, es wäre denn, daß Sie es selbst wünschen sollten.« – Das liebe Mädchen war abwechselnd blaß und rot; sie schien meine Gedanken zu erraten und auch wieder zweifelhaft darüber zu werden. »Und glauben Sie«, sagte sie, »daß es sich für mich schickte, diese Stellung anzunehmen?« – »Wie ich das Haus und die Gesinnung meines Freundes kenne, allerdings!« war meine Antwort. – Sie sah eine Zeitlang still vor sich hin. – »Nun Gretchen?« sagte ich, indem ich sie leicht umfaßte. – »Muß ich mich sogleich entschließen, mein väterlicher Freund?« fragte sie, mit kindlichem Vertrauen zu mir aufblickend. – »Nein, Liebe! Sie sollen es überlegen.« – »Tausend Dank!« erwiderte sie schnell; »und nun gute Nacht, lieber Herr!« – »Schon fort? Und keinen herzlicheren Abschied von Ihrem Freunde?« – Unbefangen reichte sie mir die Wange hin. Meine Lippen suchten die ihrigen. Es war eine geistige Berührung, rein und innig. – Sanft machte sie sich los und mit einem holdseligen Blick auf mich eilte sie aus dem Zimmer. – »Gute Nacht, Gretchen!« rief ich ihr nach. – »Gute Nacht!« hört' ich, kaum vernehmbar.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.