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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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8.

Diesmal mußte Gretchen meinen Willen tun und tête-à-tête mit mir speisen. Sie war zu mutlos, um auf ihrem Verlangen, bei Brigitten bleiben zu dürfen, lange zu bestehen. Ich tat, was ich vermochte, um sie aufzuheitern. Paul, der sich beim Aufwarten um uns geschäftig machte, und so einen Teil von Gretchens Besorgnissen erfuhr, unterstützte mein Vorhaben aus allen Kräften. Er spottete gutmütig über ihre Furchtsamkeit und machte sich besonders über die Herren von der Polizei lustig, die sich auf der Straße so angelegentlich um Gretchens Wohnung erkundigt hatten. »Solcher Polizeispione«, sagte er, »haben wir zehn- bis zwölftausend hier, deren Hauptgeschäft es ist, hübschen Mädchen auf allen Wegen und Stegen nachzuspüren. Ja, Mamsellchen, die machen Ihre Wohnung ausfindig, und wenn sie in einem Winkel der schmutzigsten Vorstadt versteckt wäre.« – Gretchen wurde feuerrot; sie erriet, daß sie die Absicht der beiden Männer mißverstanden habe, und fing an, sich ihrer zu großen Ängstlichkeit überhaupt zu schämen. Allmählich wurde sie ruhiger, doch blieb immer noch eine Spur von Nachdenken und Sorglichkeit auf ihrem schönen Gesichte.

Als uns Paul auf einige Augenblicke verließ, machte ich ihr den bestimmten Antrag, noch einige Tage in meinem Hause zu bleiben, wo sie vollkommen sicher wäre. In der Zwischenzeit fände sich vielleicht eine andere Aussicht, wobei ja auch Madame Miller zu Rate gezogen werden könnte. Gretchen hörte mir mit gesenkten Blicken zu; endlich sah sie auf und mit dem Ausdrucke großer Innigkeit, worein sich einige Wehmut mischte, sagte sie: »Was soll ich Ihnen antworten, teurer Herr? Ich kann Ihre Güte nicht entbehren und ich muß fürchten, sie schon mißbraucht zu haben. Alles, was mir seit kurzem begegnet, scheint darauf abgesehen, mein ganzes Schicksal in die Hände eines großmütigen Mannes zu legen, dem ich vor zwei Tagen noch völlig fremd war. In allem dem ist etwas Außerordentliches, daß ich mich nicht zu fassen weiß und vor dem Glück, welches mich Sie finden ließ, beinahe nicht weniger erschrecke als vor den Unfällen, die mich betroffen haben.« – »Wie, Gretchen«, sagte ich, »sollten Sie mir mißtrauen?« – »Ich Ihnen mißtrauen?« rief sie. »Wäre ich dann noch Ihres Schutzes und der sichtbaren Vorsorge des Himmels wert, der Sie mir in meiner größten Trübsal als einen seiner Engel gesandt hat? Aber ach, mein Herr! es ist ein so drückendes Gefühl, so ohne alle Selbständigkeit und bloß von fremder Hilfe abhängig, in der Welt zu sein!«

Ich wollte antworten; da brachte Paul den Kaffee, welchen mir Gretchen einschenkte. Während ich zerstreut dastand und meine Tasse schlürfte, war sie an das Fortepiano getreten und machte stehend ein paar Gänge auf den Tasten. »Wie?« rief ich; »Sie sind musikalisch?« –

»Ein wenig«, war ihre Antwort; »meine Tante liebte die Musik und gab mir selbst Unterricht darin.« – »O, spielen Sie doch dem Herrn etwas vor«, sagte Paul, ihr einen Stuhl setzend, »er hat das gar zu gern«. – Sie spielte einige bekannte Melodien mit vieler Präzision und Leichtigkeit. Ich schlug eine Sonate auf, die eben auf dem Pulte lag. – »Das ist wohl etwas schwer?« sagte sie, lächelnd zu mir aufsehend, »aber ich will versuchen, wie weit ich darin fortkomme.« – Sie machte vorspielend einige Passagen, fing dann die Sonate zuerst unsicher an, kam aber bald in den Gang und überraschte mich endlich durch die Richtigkeit und den Ausdruck ihres Spieles, das besonders am Ende einige recht glänzende Momente hatte. »Bravissimo!« rief Paul. – »Wirklich, sehr brav!« sagte ich; »aber Sie kannten die Sonate schon früher?« – »Nein«, gab sie zur Antwort; »von neuer Musik bekamen wir selten etwas zu sehen. Meine Tante hielt mich vorzüglich an, die Werke von Bach, Scarlatti und Mozart zu spielen, die sie noch von ihrer Jugend her besaß.« – »Nun, Gretchen«, sagte ich, »mit diesem Talent schon allein sind Sie hier nicht ohne Stütze. Fassen Sie Mut, liebes Kind! Sie sind nicht so hilflos und abhängig in der Welt, als Sie sich vorstellen.«

Dieser Gedanke schien besonders wohltätig auf Gretchens Gemütsstimmung zu wirken. Die letzte Spur von Trübsinn war aus ihren Gesichtszügen verschwunden. Sie blätterte in meinen Musikalien herum und legte einiges davon beiseite. Wenn ich es erlaube, sagte sie, wolle sie abends noch ein paar Stücke durchspielen. Darauf machte sie mir ihren anmutigsten Knix und hüpfte zur Tür hinaus.

»Charmantes Mädchen!« murmelte Paul und ich mußte mir Gewalt antun, um es nicht laut zu wiederholen. – »Wissen Sie, Herr«, fuhr er, sich vertraulich zu mir wendend, fort, »was ich ausgedacht habe?« – »Nun?« – »Ich habe den Frauenschneider aus dem oberen Stockwerk herabbestellt, um die schönen Sachen zu übernehmen, die Sie für Gretchen gekauft haben. Er versprach mir, in der Nacht aufzusitzen, damit der Anzug bis morgen fertig werden könne.« – »Welch ein Einfall!« sagte ich halb unwillig; »es ist jetzt nicht Zeit, von dieser Armseligkeit mit Gretchen zu reden.« – »Sie soll es ja noch gar nicht wissen«, antwortete er hastig; »das ist eben das Feine von der Sache. Ich habe dem Schneider das Kleidchen gewiesen, das Gretchen gestern abends auszog; er braucht nun weiter kein Maß zu nehmen, wie er sagt.« – »Nun, wenn's so ist!« – »Ja wohl, Herr! Und ich will die Sachen nun gleich selbst hinauftragen, so merkt die Alte nichts davon; die verdürbe uns sonst den ganzen Spaß.«

Ich setzte mich an Gretchens Stelle an das Fortepiano und durchlief, nicht ohne sympathetische Empfindung, die Tasten, die ihre Finger berührt hatten. Ein Satz aus der Sonate, welche sie gespielt hatte, wurde unvermerkt das Thema, worüber meine Phantasie sich in unregelmäßigen Variationen ergoß. Die Ideen strömten mir in ungewöhnlicher Fülle und Klarheit zu; ich habe vielleicht nie so gut gespielt, wenigstens nicht mit so lebendigem Ausdruck. Als ich von ungefähr aufsah, glaubte ich im Spiegel Gretchens Köpfchen, mit schalkhafter Neugier durch die Tür horchend wahrzunehmen. »Warte, Schelm!« rief ich, mich umwendend. Sie war es wirklich, zog sich aber schnell zurück und schlug die Tür zu. Nun war es um mein ruhiges Phantasieren geschehen. Ich sprang auf und ergriff meinen Hut, um meinen aufgeregten Gefühlen durch einen Gang im Freien Luft zu machen.

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