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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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7.

Als ich an den ausgeschmückten Kaufmannsbuden vorüberging, fielen mir einige Läden mit Modewaren und Stoffen zur weiblichen Kleidung mehr als sonst in die Augen. Ich blieb dabei stehen und betrachtete manches Stück genauer, um seine Bestimmung zu erraten oder seinen Wert näher kennen zu lernen. – Es wäre doch eine Artigkeit, dachte ich, und könnte dem lieben Mädchen gerade jetzt wohl auch gelegen kommen, wenn ich einige nützliche und hübsche Sachen für sie einkaufte und ihr ein Geschenk damit machte. – In dieser Absicht trat ich in ein Gewölbe und suchte allerlei aus, mit dem Auftrag, es in mein Haus zu bringen. Es war so ziemlich alles, was zu einem vollständigen weiblichen Anzuge gehört; als ich aber gleich darauf an einem eleganten Schuhladen vorbeikam, fiel mir ein, daß ich dieses interessante Kleidungsstück vergessen hatte. Unerwartet machte ich die mich selbst belustigende Bemerkung, daß ich mir einbildete, das Maß ihrer niedlichen Füßchen, welches ich nur beim Aus- und Einsteigen in den Wagen etwas näher erwogen hatte, bestimmt genug zu kennen, um die passendsten Schuhe für sie herauszufinden. Auf die Gefahr, es recht getroffen zu haben, ließ ich einige Paar Schuhe und das zierlichste Paar Pantöffelchen zusammenpacken und nahm sie gleich selbst mit mir.

So beladen, machte ich geschwind meine Besuche, zum Glück nur bei ein paar Männern, denen so etwas weniger auffällt. Einer von ihnen, ein Herr, der in der schönen Welt gelebt hat, konnte sich dennoch nicht enthalten, das Paket, welches neben meinem Hute lag, in der Zerstreuung des Gespräches etwas näher zu untersuchen. Er fuhr mit unterdrücktem Lachen zurück, als er den Inhalt gewahr wurde. – »Es ist richtig!« hörte ich ihn bei Seite murmeln. – »Was ist richtig?« fragte ich ziemlich barsch; denn ich hatte zugleich seine unschickliche Neugierde bemerkt. – »Daß Sie eine Liebste von der Reise mitgebracht haben«, antwortete er lachend; »man hat mir das heute schon am frühesten Morgen erzählt.« – »Über die Krähwinkler!« rief ich aus. »Ich wette, es steht morgen schon in allen Unterhaltungsblättern. Wenn Sie wissen wollen, was es mit dieser Liebsten für eine Bewandtnis hat, so speisen Sie diese Tage bei mir; da will ich Ihnen die große Stadtneuigkeit vom Anfang bis zum Ende erzählen.« Mit diesen Worten nahm ich mein Paket und ging unwillig meines Weges.

Ich kam gegen Mittag noch ziemlich ärgerlich nach Hause und erfuhr, daß Gretchen indessen da gewesen sei und dem ehrlichen Paul auf sein Andringen mit großem Leidwesen entdeckt habe, ihre Hoffnung, bei Frau von Reichard angenommen zu werden, sei vereitelt. Die näheren Umstände würde sie mir selbst sagen, wenn sie wiederkäme. Jetzt sei sie auf die Polizei gegangen, um ihren Paß vorzuzeigen und eine Sicherheitskarte zu erhalten, was man ihr als notwendig zu ihrem längeren Aufenthalte vorgestellt habe. – Paul jubelte beinahe, als er mir Gretchens Unfall erzählte. »Ich wußte ja«, rief er, »daß es so kommen müßte! Gretchen kann gar nirgends bleiben als bei uns; das war da oben schon vom Anfang her so bestimmt.« – »Seltsam!« sagte ich, halb für mich, »fast möchte ich es selbst glauben. Aber das würde einen schönen Lärm in der Stadt geben!« – »Possen!« fiel mir Paul ins Wort; »was brauchen wir uns um das Gerede der Stadt zu bekümmern? Ist sie etwa kein ehrbares Mädchen? Für die legte ich die Hand ins Feuer.« – »Das tät' ich nötigenfalls auch, Paul! Nun wir wollen sehen! – Da, lege dies Paket zu den übrigen Sachen, die indessen gekommen sein müssen.« – »Ja, wohl sind sie gekommen«, sagte Paul mit lachendem Munde; »aber wissen Sie, Herr, was geschah? Brigitte hat die schönen Zeuge und Bänder gesehen und gleich vermutet, daß sie für Mamsell Gretchen bestimmt wären. Das hat denn gewaltig böses Blut gemacht, wie ich merke. Sie hätte dem Mädchen ihr artiges Gesicht allenfalls verziehen, aber die hübschen Hauben und Bänder verzeiht sie ihr in ihrem Leben nicht.« – »Das mag sie, Paul! Laß es gut sein.«

Es währte lange, ehe Gretchen zurückkam. Endlich traf sie ein, sichtbar verstört, und bat, mit mir allein reden zu dürfen. – »Was ist geschehen?« fragte ich besorgt, als wir allein waren. – »O, mein Herr!« erwiderte sie und Tränen stürzten aus ihren Augen, »ich bin sehr unglücklich; – ich muß fort von hier und weiß nicht, wohin ich mich wenden soll.« – »Wie das? Reden Sie, liebes Gretchen!« – Sie erzählte mir nun, Frau von Reichard habe sie zwar gütig empfangen, ihr jedoch gesagt, daß der Zweck, zu welchem sie Gretchen hätte in das Haus nehmen wollen, aufgehört habe, indem ihre Tochter in wenig Wochen heiraten würde, hievon habe sie auch Gretchens Tante schon vor vierzehn Tagen benachrichtigt, aber der Brief sei während der Reise der letztern wahrscheinlich verloren gegangen. Auf Gretchens Bitte, sie einer anderen Dame zu empfehlen, habe Frau von Reichard sie an eine Madame Miller gewiesen, welche viele Bekantschaften in der Stadt habe und sich mit solchen Geschäften abgebe. Madame Miller habe ihr geraten, sich fürs erste mit einer Aufenthaltskarte zu versehen und dann wieder bei ihr anzufragen. Sie sei deshalb auf die Polizei gegangen, wo man ihr jedoch erklärt habe, der Aufenthalt in der Stadt könne ihr nur gestattet werden, wenn sie sich über die Mittel ihres Erwerbes und eine anständige Beschäftigung hinlänglich ausweisen könne. Man habe ihr Mißtrauen blicken lassen und ihr endlich unverhohlen gesagt, daß sie die Stadt innerhalb dreier Tage längstens wieder verlassen müsse. Sie habe es nicht gewagt, mit dieser Nachricht zu Madame Miller zurückzukehren, und getraue sich auch nicht, die kleine Stube in der Vorstadt zu beziehen, die ihr Jungfer Brigitte empfohlen habe; denn auf dem Wege hieher sei sie von zwei Männern verfolgt und sehr zudringlich um ihre Wohnung befragt worden; sie fürchte sehr, diese Herren führen nichts Gutes gegen sie im Schilde.

»Das wäre leicht möglich«, sagte ich lächelnd. »Seien Sie ruhig, Gretchen! Das alles hat wenig zu bedeuten. Ihre Sache bei der Polizei nehme ich auf mich. Sie sollen die Stadt nicht verlassen, wenn Sie nicht selbst wollen; dafür steh' ich Ihnen.«

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