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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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6.

Wer auf einer schlüpfrigen Bahn sich einigemal glücklich aufrecht erhalten und an einer besonders gefährlichen Stelle die Besonnenheit nicht verloren hat, setzt endlich seinen Weg mit Zuversicht und sogar behender fort, als wenn er sich auf einem ganz ebenen, sicheren Boden befände. Der Rest unserer Reise ging schnell und ruhig von statten, ohne solche kleine Unfälle und Fährlichkeiten, als ich bisher zu berichten hatte. Es war beinahe Nacht, da wir bei meinem Hause in der Stadt ankamen. Ich hatte bei mir selbst überlegt, daß es wohl schicklicher sein dürfte, Gretchen in einem benachbarten Gasthause unterzubringen, als sie in meine Junggesellenwirtschaft aufzunehmen. Gretchen selbst erwartete nichts anderes; denn als wir ausgestiegen waren, dankte sie mir sehr herzlich für die Güte, sie bis hieher geführt zu haben, und bat Paul ihr das kleine Bündel zu geben, das er in Verwahrung genommen; ihren Koffer wolle sie morgen früh abholen lassen.

»Die Mamsell«, sagte Paul, »wird doch nicht in eitler Nacht herumwandern sollen, um eine Schlafstelle in der großen fremden Stadt zu suchen? Da ist ja das ledige Bett in Jungfer Brigittens Zimmer, worin sie die Nacht recht gut zubringen kann.« – »Paul hat recht«, unterbrach ich Gretchen, die etwas erwidern wollte; »ich dachte nicht gleich daran. Sie dürfen den Vorschlag nicht ablehnen, Gretchen; die Anständigkeit selbst könnte gegen eine Schlafstelle in dem Zimmer meiner alten Haushälterin nichts einzuwenden haben.« »Aber, –« meinte Gretchen. – »Keine weiteren Umstände, Kind!« sagte ich und faßte ihre Hand, um sie die Treppe hinaufzuführen; »morgen früh wollen wir dann sehen, wo Sie etwa sonst wohnen können, wenn es Ihnen in dem Hause eines ehrbaren alten Junggesellen nicht länger gefällt.«

Jungfer Brigitte machte große Augen, als ich mit Gretchen in die Wohnung trat. »Ich bringe Ihr Gesellschaft, Brigitte«, sagte ich; »Mamsell Berger wird heute Nacht in Ihrem Zimmer schlafen; sorge Sie für ein reines Bett und eine freundliche Aufnahme.« – Die Alte schielte das holde Mädchen von der Seite an mit einer Miene, die wenigstens die letztere nicht versprach; aber Gretchen schloß sich mit einer so gemütlichen Unbefangenheit an die mürrische Hausregentin an, daß sich die Wolken auf der runzeligen Stirn nach und nach verzogen. Meine Einladung zum Nachtessen lehnte Gretchen bescheiden ab, weil sie mit Jungfer Brigitten auf ihrer Kammer zu bleiben wünsche. Die Frauenzimmer verließen mich, bald auch mein alter Paul, der noch eine Menge Dinge für unsere schöne Hausgenossin zu besorgen hatte.

So hatte ich denn, beinahe ohne mein Zutun, das liebenswürdige Geschöpf unter meinem Dache, mit dem ich seit zwei Tagen so lebhaft beschäftigt war! Die Vorstellung hatte etwas überaus Anmutiges für mich, ungeachtet des kleinen Beisatzes von Schwermut, der sie begleitete. »Morgen«, sagte ich still zu mir selbst, »morgen geht sie hin, sich ihrer künftigen Herrschaft zu zeigen. Man wird sie annehmen; wer tät' es nicht mit Freuden? – Gut, dann ist alles vorbei, – die Erinnerung ausgenommen, die, wie angenehm sie auch ist, mich hoffentlich nicht im Schlafe stören wird.« –

Am anderen Morgen erzählte Paul, als er mir das Frühstück brachte, daß Mamsell Gretchen schon ausgegangen sei, ihren Besuch bei Frau von Reichard zu machen. Es verdroß mich fast, daß sie weggegangen war, ohne mir zuvor guten Morgen zu sagen; aber ich besann mich, daß dies jetzt ohnehin aufhören müsse. – Paul störte hier und da in meinem Zimmer herum und konnte nicht fortkommen. Das ist seine Art so, wenn er etwas auf dem Herzen hat.

»Es ist doch schade«, fing er endlich an, »daß so ein liebes, gutes Mädchen bei wildfremden Leuten dienen soll.« »Man dient meist bei fremden Leuten«, sagte ich; »es ist ein anständiges Haus und ein ziemlich leichter Dienst, wie ich von Gretchen selbst weiß, sie wird mehr zur Gesellschaft einer erwachsenen Tochter als zur Bedienung in dem Hause sein.« – »Wer weiß«, fuhr Paul fort, »was für eine widerwärtige Zierpuppe das ist! Sonst freilich könnte sie von Gretchen lernen, wie sich ein junges Mädchen zu betragen habe, um Gott und aller Welt angenehm zu sein.« – »Dir wenigstens, Paul«, erwiderte ich lächelnd, »ist das Mädchen wirklich sehr angenehm, wie es scheint.« – »Ei, das gesteh' ich!« war seine Antwort. »Und Ihnen, Herr, ist sie's auch; das merkt man wohl. An Ihrer Stelle ließe ich das liebe Kind gar nicht mehr aus dem Hause.« – »Aber was willst du denn, Paul, daß ich mit dem Mädchen anfange? Ich werde doch in meinen Jahren nicht noch eine Gouvernante für mich aufnehmen sollen?« – »Es wäre vielleicht so übel nicht«, erwiderte er lachend; »so eine hübsche, junge Gouvernante käme mit uns alten Knaben wohl auch noch zurecht.« – »Ernsthaft, Monsieur Paul, wenn ich bitten darf!« – »Und die Wirtschaft«, fuhr er fort, »versteht sie aus dem Fundament. Fragen Sie nur Jungfer Brigitten, die sonst nicht leicht einem anderen Frauenzimmer, besonders einem so jungen und hübschen, Gerechtigkeit widerfahren läßt.« – »Ich soll doch nicht etwa Brigitten wegschicken, um Gretchen an ihrer Statt zu behalten? Hat das die wackere alte Person um uns verdient, Paul?« – »Das will ich eben nicht sagen«, erwiderte Paul; »aber sehen Sie, Herr, da hätte ich einen anderen Gedanken. Draußen auf Ihrem Gute ist doch keine rechte Aufsicht, in der inneren Wirtschaft, meine ich, was Haus, Küche, Milchkammer, Hühnerhof und dergleichen betrifft. Ihr Vetter, der junge Herr Max, den Sie als Ökonomen hinausgesetzt haben, ist wohl ein tüchtiger Mensch; aber der treibt sich den ganzen Tag in Feld und Wald herum; da tut denn indessen das Gesinde, besonders das weibliche, eben was es will. Nun meine ich, wenn Sie Gretchen draußen zur Beschließerin machten, so wäre dem Übel abgeholfen; und wenn wir dann von Zeit zu Zeit hinauskämen, so brauchten wir Brigitten nicht mitzunehmen und hätten dort die angenehme Gesellschaft noch in den Kauf obendrein.«

»Sieh, sieh, was der Paul für artige Projekte macht«, sagte ich, dem Einfall nachsinnend, und ging zur Tür hinaus, um einige Bekannte in der Stadt zu besuchen.

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