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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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5.

Wir saßen wieder in unserem Wagen. Der kleine Ärger hatte mein Blut in Bewegung gebracht und ich sah es gern, daß der Schwager, ein munterer Bursch, seine Pferde in scharfem Trabe laufen ließ. Die Straße zog sich durch einen üppigen Getreideboden hin, dessen hochstehende Saaten von einem frischen Winde bewegt wurden. Ich überließ mich dem angenehmen Spiele der Vorstellungen, welches einen solchen Anblick gern begleitet und saß längere Zeit schweigend neben meiner Reisegefährtin, die seit dem Auftritte in dem Speisesaale selbst sehr still und nachdenkend geworden war. Als ich sie aus meiner zurückgelehnten Stellung seitwärts ansah, begegneten ihre Blicke den meinigen. Sie schlug die Augen nieder, in denen ich den Ausdruck einer mehr als gewöhnlichen Aufmerksamkeit gelesen zu haben glaubte. »Woran denken Sie, Gretchen?« fragte ich, mich zu ihr neigend. – »An die großen Verbindlichkeiten, die ich Ihnen habe«, erwiderte sie nach kurzem Besinnen, leicht errötend. – »Sie rechnen doch den lächerlichen Auftritt mit dem jungen Bramarbas nicht dazu?« sagt' ich scherzend. – »In der Tat, das tu ich«, antwortete sie ernsthaft; »dieser junge Offizier hatte etwas unbeschreiblich Beleidigendes in seinem Blicke und seinem ganzen Wesen. Mein Innerstes empört sich, wenn ich nur daran denke.« – Ich hielt Gretchens Hand, welche in der meinigen zu zucken schien; über ihre Wangen flog der Widerschein einer inneren Aufwallung von Scham und Unwillen, der mich auf eine seltsame Weise ergriff. Es war ein Reiz von ganz eigener Art, worin alle Zauber der Weiblichkeit vereinigt schienen.

»Es kann Ihnen«, sagte ich mit merkbarer Beklemmung, »im guten wie im schlimmen nicht an Gelegenheit gefehlt haben, den Eindruck zu beobachten, welchen Sie auf Männer von dem verschiedensten Charakter machen müssen.« – Gretchen hörte mir etwas zerstreut zu, schien aber die Folge meiner Rede zu erwarten. – »Hat man Ihnen nie gesagt«, fuhr ich zögernd fort, »daß Sie – ein schönes Mädchen sind?« – Sie lächelte, als hätte ich etwas sehr Gleichgültiges gesagt. »Das wohl«, erwiderte sie; »aber ich habe eben nicht viel darauf gehört.« – »Hatten Sie nie einen Liebhaber, Gretchen?« fragte ich lebhafter. – »Was man eigentlich so nennt, – nein!« – »Gretchen!« sagt' ich, indem ich einen Kuß auf ihren Arm drückte; »Sie wissen nicht, wie unendlich liebenswürdig Sie sind!« – Sie wurde rot und zog ihren Arm zurück. – »Gretchen!« wiederholt' ich leise, ihr näher rückend. –

»Haben Sie donnern gehört?« rief Paul, indem er sich herumwandte; »wir bekommen ein starkes Ungewitter.« – »So wollt' ich –!« – »Wie meinen Sie, Herr?« – »Es ist gut!« fuhr ich ihn an; »du fürchtest doch den Donner nicht?« – »Ich nicht, aber die Mamsell vielleicht.« – Gretchen versicherte, daß sie das Gewitter vielmehr liebe.

In dem Augenblick hörten wir den Donner von fern rollen. Mächtige Wolkenmassen entwickelten sich auf der ganzen Fläche des Horizonts; der Wind wehte stärker und jagte Staubwolken über die jetzt lebhaft befahrene Landstraße. In kurzem war der Himmel ringsum bedeckt und ein zuckendes Wetterleuchten durchlief das düstere Grau der Wolken. Einzelne Regentropfen fielen auf und neben dem Wagen nieder, da schlängelte sich ein Blitzstrahl weithin durch das Gewölbe des Himmels; rauschend strömte der Regen herab und ein paar schmetternde Donnerschläge hallten mit dumpfem Gerolle aus weiter Ferne wider.

»Ist's so recht?« fragte Paul Gretchen. – »Es wird!« erwiderte sie, indem sie mit sinnigem Ernst in die wohltätig aufgeregte Natur hinausblickte.

Das große, allmählich sich entfaltende Schauspiel der bewegten Außenwelt brachte den kleinen Aufruhr in meinem Innern zum Stillstand. Als die erste Aufwallung vorüber war, lächelte ich selbst über die seltsame Unterbrechung, die meiner unvorsichtigen Zunge, gerade noch zu rechter Zeit, Schweigen auferlegt hatte. Meiner selbst wieder völlig mächtig, genoß ich ruhig des zwiefachen herrlichen Anblickes, der vor mir aufgetan war, und beobachtete mit wechselnder Teilnahme bald die prächtige Naturerscheinung außer uns, bald Gretchens liebliches Angesicht, woraus diese in gemildertem Lichte zurückstrahlte.

»Das tut doch nicht gut«, sagte Paul, sich noch einmal zurückwendend; »es regnet gar zu toll! Das Wasser schlägt in die Kalesche. Ich will das Spritzleder herablassen, Herr!« – Er tat es, eh' ich es mit Anstand hindern konnte. Es war, als ob mich Paul oder der Zufall necken und meine Standhaftigkeit auf die Probe setzen wollte.

Die Kalesche war von allen Seiten geschlossen. Das schwache Licht, welches durch ein paar handgroße Fensterchen in den schmalen Raum des Wagens fiel, reichte eben hin, mir Gretchens Gestalt in einem magischen Helldunkel zu zeigen. Der Widerschein der Blitze erhöhte von Zeit zu Zeit den wunderbaren Reiz dieser Beleuchtung. Wir saßen so enge, daß ich nicht die geringste Bewegung machen konnte, ohne ihren Arm, ihren Fuß, die schwellende Fülle ihres jugendlichen Wuchses zu berühren. Ich glaubte, sie atmen zu hören; die Luft, die ich einsog, schien von dem Hauche ihres Mundes durchwürzt. Es war, als säh' ich Funken zwischen uns hin und her gehen, den elektrischen Entladungen ähnlich, welche außerhalb unserer kleinen Welt die Atmosphäre erschütterten. – –

»Ich will«, sagte ich nach einem ziemlich langen Kampfe zu mir selbst, »ich will dieser reizenden Versuchung nicht unterliegen!« – und indem ich mich in meinem Winkel zusammenschmiegte, schloß ich die Augen mit dem festen Vorsatze, sie nicht eher wieder zu öffnen, bis sich das Wetter in und außer mir völlig abgekühlt hätte und ich mich ganz so ruhig fühlte als in dem Augenblicke, wo Paul das verwünschte Spritzleder herabgelassen hatte.

– »Das taten Sie wirklich, Herr Samuel Brink?« – »Mit Ihrer Erlaubnis, lieber Leser, ja, das tat ich; und wenn Sie in meinen Fall kommen sollten, so rate ich Ihnen, dasselbe zu tun. Es ist ein einfaches Mittel und hilft gewiß, wenn es Ihr Ernst ist, es zu rechter Zeit anzuwenden.« – »Und was tat Gretchen während der angenehmen Unterhaltung, die sie ihr in der verschlossenen Kalesche machten?« – Vermutlich das nämliche, wiewohl aus einer anderen Ursache. Denn als Paul bei unserer Ankunft auf der Station die Kalesche aufmachte, fand ich sie, in ihre Wagenecke gelehnt, so sanft schlafend, als das liebe Kind, seitdem sie aus der Wiege kam, nur jemals geschlafen haben konnte.

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