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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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4.

»Wieviel ist die Uhr, Paul?« fragte ich, indem ich aus dem Bette sprang, so leicht wie ein Fahnenjunker, der die erste Parade beziehen soll. – »Gleich sechs, Herr!« sagte Paul. – »Was?« rief ich. »Und warum hast du mich nicht um vier Uhr geweckt, wie ich dir befahl?« – »Ei, Herr«, erwiderte Paul, »Sie schliefen so wunderfest, daß ich Sie noch vor einer Stunde nicht wecken mochte, wo ich schon zum zweitenmal hereinkam«. – »Ich glaube, du treibst deine Kurzweil mit mir, alter Träumer!« – »Ich träume nicht, Herr!« – »Da schläft wohl Gretchen auch noch?« fuhr ich nach einer Weile fort, indem ich meine übernächtige Figur im Spiegel betrachtete. – »O«, sagte Paul, »die treibt sich schon seit anderthalb Stunden im Garten, im Hühnerhofe und draußen im Felde herum; das Mädchen ist lauter Leben und die Wirtschaft scheint recht ihr Element zu sein. Das wäre ein anderes Ding, Herr, als unsere alte Sibylle im Hause.« – »Meinst du?« sagte ich zerstreut. »Aber laß das Frühstück bringen, Paul, und bitte Gretchen, dazu herauf zu kommen.«

Ich hatte große Lust, mir selbst ins Gesicht zu lachen, wie ich so vor dem Spiegel dastand – sobald Paul aus der Tür war. »Das hat ein Liebhaber von zweiundfünfzig Jahren vor einem von zwanzig voraus«, sagte ich, »daß er mit Appetit essen und, wenn's glückt, seine acht oder neun Stunden schlafen kann. Ich hätte das gestern kaum gedacht, als ich da unten dem Arktur mein Herz eröffnete.«

Das Frühstück kam und Gretchen trippelte herein, mir einen guten Morgen bietend. Sie sah aus wie der Morgen selbst nach einer erfrischenden Sommernacht. Fand ich sie gestern lieblich und anziehend, so erschien sie mir heute in dem vollen Glanze des blühendsten Jugendreizes. – »Es ist doch eine köstliche Gottesgabe um ein Alter von achtzehn Jahren!« dachte ich oder sagte es vielmehr laut. »So alt sind Sie wohl eben? Nicht wahr, Gretchen?« – »Bald neunzehn«, erwiderte sie. – »Kommen Sie, Kind! Ich will mir einmal einbilden, ich wäre, was das betrifft, Ihresgleichen. Setzen Sie sich zu mir! Sie müssen die Konversation der Stadtherren doch ertragen lernen; ich will Ihnen eine Probe davon zum besten geben.«

Das gute Kind wußte nicht, was sie von meiner Laune denken sollte; aber ich ließ mich nicht irre machen. Ich schwatzte, lachte, tändelte mit so viel Anstand und natürlicher Lebhaftigkeit, daß Gretchen endlich selbst mit fortgerissen wurde. Lachend und schäkernd begleitete sie mich zu dem Wagen, in welchen ich sie diesmal hob, zum sichtbaren Verdrusse Pauls, der sich diese Galanterie nicht wollte nehmen lassen. Meine Stimmung dauerte die halbe Station über zu Gretchens nicht geringem Ergötzen. Ein wenig verliebte Geckerei, mit etwas wahrer Empfindung versetzt, unterhält die Weiber immer, die unerfahrensten wie die klügsten; denn sie ist ein Tribut der Überlegenheit, welche ihnen die Natur in dem Verhältnisse der Geschlechter über uns einräumte. – »Herr Brink kann recht liebenswürdig sein«, hörte ich Gretchen mit vieler Unbefangenheit sagen, als mache sie die Bemerkung für sich.

Nach und nach verrauchte indes der galante Humor, der mir mit Gretchens Eintritt an diesem Morgen wie ein leichter Champagnerrausch zu Kopfe gestiegen war. Ich wurde stiller, bemerkte auch wieder, was sonst außer uns vorging, und vertiefte mich endlich in die Betrachtung der herrlichen Landschaft, durch die wir hinfuhren. Gretchen hatte schon früher viel Anteil an den Gegenständen gezeigt, welche uns umgaben. Sie bemerkte die Verschiedenheit des Bodens und der Wirtschaft in Vergleichung mit denen ihrer Heimat und verbreitete sich dabei recht sinnig und lehrreich über die Eigenheiten des Gebirgs- und Forstlebens. Ich fing an, Interesse an dem Geiste des Mädchens zu nehmen, dessen Gestalt und Schicksal mich schon so sehr angezogen hatten. Überall verriet sie eine lebhafte Auffassung und eine Reife des Verstandes, welche ihrem Alter und ihrer einfachen Erziehung vorauszueilen schienen. Zwar kannte sie manches gute Buch, dessen beiläufig erwähnt wurde, aber ihre Urteile waren auf eigene Ansicht und Überlegung gegründet. Wir unterhielten uns auf solche Weise sehr angenehm und ungezwungen von nahen und entfernteren Dingen; ich erfuhr immer mehr von Gretchens früherer Geschichte und das Vertrauen, welches mir das liebenswürdige Mädchen bewies, schien nach und nach erst das rechte Verhältnis zwischen uns herzustellen.

So kam der Mittag heran, den wir in einem wohleingerichteten Gasthofe auf dem halben Wege unserer Fahrt nach der Hauptstadt zubrachten. Ich speiste mit Gretchen an dem Wirtstische. Es gefiel mir wohl, die Augen der Gäste öfters auf meine schöne Nachbarin gerichtet zu sehen, welche in ihrem einfachen, fast ärmlichen Anzuge als die Königin der Tafel erschien. Ein junger Offizier, der uns gegenübersaß, suchte sie endlich ins Gespräch zu ziehen. Ich bewunderte die Gewandtheit und den feinen Takt, womit Gretchen den nach und nach zudringlich werdenden Fragen und Anspielungen des jungen Kriegsmannes auszuweichen wußte, ohne sich durch ein verlegenes oder auffallend frostiges Betragen zum Augenmerk der Gesellschaft zu machen. Als wir von der Tafel aufstanden und ich mich nach einem abseits liegenden Zeitungsblatte umsah, trat der Offizier ganz dreist zu Gretchen und begleitete seine Anrede mit einer ziemlich vertraulichen Gebärde, indem er sie zierlich an beiden Ellenbogen anfaßte. Sie zog sich mit einer Achtung fordernden Miene zurück, worüber der junge Herr, leicht auflachend, sich in die Brust warf. Ich war indessen zwischen sie getreten und sah den Offizier ernsthaft an. – »Steht die junge Person vielleicht unter Ihrem Schutze?« fragte er spöttisch, »Ihre Frau oder Tochter scheint sie nach dem Äußern nicht zu sein.« – »Wenn es darauf ankommt, sie gegen Zudringlichkeiten sicher zu stellen«, antwortete ich in entschlossenem Tone, »so steht das junge Frauenzimmer allerdings unter meinem Schutze; das kann erfahren, wer Lust dazu hat.« – »Gehorsamer Diener!« sagte er, etwas verblüfft, und wandte mir den Rücken zu. – Ich nahm Gretchen unter den Arm und ging mit erhobenem Haupte langsam durch den Saal, mich nach beiden Seiten umsehend ob jemand hier sei, der gegen meine Erklärung etwas einzuwenden habe.

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