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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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18.

Still ging ich an Paul vorbei in mein Kabinett. Der Alte kam in einer Weile nach, und da er sah, daß ich in der Abendkühle ausgekleidet dastand, nötigte er mir schweigend meinen Schlafrock auf. – »Soll ich Ihnen Ihre Pfeife bringen, Herr?« »Nein, Paul!« – »Ist Ihnen nicht wohl, lieber Herr?« – »Ich bin nicht krank, Paul; aber bringe mir ein Glas Wein und sage den Kindern, wenn sie ins Speisezimmer kommen, sie möchten nur allein essen.« – »Ach Gott!« seufzte Paul fortgehend; »ich dachte wohl, daß es nicht gut enden würde.«

»Er hat ihr das Leben gerettet«, sagte ich zu mir selbst; »und doch ist's nicht das, wodurch er sie mir abgewann: seine Jugend ist's und eine Entfernung von drei Tagen. – So wenig gilt der Mensch, der innere. – Deine Jahre, Samuel – warum vergaßest du deine Jahre?« – Ich setzte mich an mein Schreibpult. Gretchens Papiere fielen mir in die Hände; ihr Taufschein, die Eheverschreibung und die Dispense. Ich schämte mich vor mir selbst. – »Was man ein Kind ist«, sagte ich, »und wie die Natur uns verlockt und täuscht bis an den Rand des Grabes!«

Paul brachte mir Wein und Brot. Gretchen sei sehr bekümmert, erzählte er, daß ich nicht zum Nachtessen käme; und Max hab es sich gleichfalls verbeten. Er sei unten in seiner Stube und arbeite an seinen Wirtschaftsbüchern; nach meinem Befinden habe er sehr teilnehmend gefragt, Gretchens aber nicht erwähnt. – »Ich lasse den Kindern eine gute Nacht wünschen«, sagte ich nach einer Weile; – »und geh du nun auch, Paul, heute bedarf ich nichts mehr.«

Ich schlief wenig, fühlte mich aber ziemlich gestärkt und beruhigt, als ich am andern Morgen aufstand. Da trat Paul herein und übergab mir einen Brief. – »Von wem?« – »Ach, von dem armen Max! Er ist fort, Herr, und ich glaube, wir sehen ihn nicht mehr wieder.« – »Was sagst Du, Alter?« – Ich erbrach schnell den Brief und las einen förmlichen Abschied, voll von Ausdrücken der wärmsten Dankbarkeit. Er hoffe, schrieb er, seine Entfernung werde für die Wirtschaft keinen bedeutenden Nachteil haben, da alles in guter Ordnung sei und Mamsell Berger die Oberaufsicht recht wohl führen könne; auch empfehle er mir den Oberknecht als einen sehr brauchbaren Menschen. Er bat mich um Verzeihung, daß er, unbekannt mit meinen Absichten, dem Wunsche meines Herzens einen Augenblick entgegengetreten sei; mit der innigsten Teilnahme werde er in der Ferne von meinem Glücke hören. Wegen seines Fortkommens bitte er mich, außer Sorge zu sein; er habe durch meine Unterstützung genug gelernt, um überall sein Brot zu finden. Übrigens denke er sich wegen einer Anstellung in den landesfürstlichen Forsten an seinen Freund, den Oberförster, zu wenden, an welchen er mich auch bitte ihm von seinen Sachen nachzusenden, was ich selbst für gut finde, vor allem aber ein Zeichen der Vergebung und der Fortdauer meines Wohlwollens. – »Braver Junge!« rief ich aus; »er hat sie mit Gefahr seines Lebens dem Tode in den Mühlrädern entrissen und geht in die weite Welt, um meinem Glücke mit ihr nicht im Wege zu stehen! – Laß dir sogleich einen Klepper satteln, Paul, und reite hinüber zum Oberförster. Ich lasse ihn bitten, heute Mittag zum Essen zu kommen und den Max mitzubringen! – Warte! – Nein; besorge schnell das Pferd und komm dann wieder. Ich will dir ein paar Zeilen mitgeben. Aber verrate nicht im Hause, am wenigstens vor Gretchen, wo du hinreitest.«

Ich schrieb das Billett an den Oberförster und schärfte Paul, der es abholte, ein, sich gegen Max nicht merken zu lassen, was ich zu seinem Briefe gesagt habe. Der Alte war schwindelig vor Freude und schwur, entweder gar nicht oder mit Max wieder zu kommen. – Mit leichterem Herzen und freierem Blick, als ich seit zehn Tagen gehabt hatte, trat ich ans Fenster, von welchem ich Gretchen eben aus dem Garten kommen sah. Sie bemerkte mich nicht, sondern ging ernst und sinnend mit ihrem Körbchen voll Kirschen über den Hof die Treppe hinauf und erschrak, als ich ihr unvermutet aus meiner Tür entgegentrat und ihr einen guten Morgen bot.

»Sind es saure Kirschen?« fragte ich, mich ihr nähernd. Sie reichte mir das Körbchen her. »Alles ist süß, was von Ihnen kommt«, sagte ich, nachdem ich ein paar Kirschen gekostet hatte, – »selbst ein Korb.« Gretchen war so verlegen, daß mich mein ungeschickter Scherz bald reute. Ich fragte nun ernsthaft, ob sie um die Flucht unseres Max gewußt habe? Sie nickte: »Ja!« – »Und wozu soll das führen?« sagte ich. »Zu ihrer Ruhe und der seinigen«, antwortete sie mit bescheidener Würde. – »Sie trauen mir also wenigstens zu«, erwiderte ich, »daß ich mich des Vorteils nicht überheben werde, den mir seine Entfernung zu geben scheint.« – »Ich traue Ihnen alles zu«, sagte Gretchen, »dessen ein edles Herz fähig ist. Aber es ziemt mir nicht, von dem zu reden, was Sie zu tun oder zu lassen für gut finden werden.« – »Haben Sie keinen Wunsch für sich, Gretchen?« – »Zu bleiben, wie ich bin«, erwiderte sie mit großer Milde, »und in dem harmlosen Geschäfte, für das Sie mich anfangs bestimmten, so nützlich zu sein, als es mir möglich ist.« – Ich unterdrückte die Antwort, die mir auf den Lippen schwebte, und indem ich Gretchen freundlich zuwinkte, ging ich auf mein Zimmer zurück.

»Es war eine schöne Phantasie«, sagte ich zu mir selbst; »der Fehler war nur, daß ich sie für Ernst nahm. Fahre hin, holder Traum meines Nachsommers! Ward ich doch in früherer Zeit oft unfreundlicher geweckt und nicht immer wie jetzt ohne Reue!« – Mit voller Heiterkeit setzte ich mich an meinen Schreibtisch und nahm Gretchens Papiere wieder zur Hand. Ohne Beimischung einer bitteren Empfindung blätterte ich nun darin und legte die Stücke beiseite, von denen ich Gebrauch zu machen dachte. »Der Taufschein des lieben Kindes«, sagte ich, indem ich lächelnd das Datum betrachtete, »kam zwar um zwanzig Jahre zu spät, aber nur für mich; – den haben wir nötig. Die Dispensation – lachen wirst du, ehrlicher Morbach! – ist jetzt überflüssig; aber die Eheverschreibung – mit einigen Abänderungen kann sie auch so noch ihre Dienste tun.« – Ich machte diese Abänderung und legte den Kontrakt zu Gretchens Geburtsschein. – »Glückliche machen zu können«, sagte ich, indem ich aufstand, »ist ja doch das reinste Glück; und wie sollten wir verstehen, es anderen zu bereiten, wenn wir nicht selbst dafür empfänglich wären? Habe Dank, gütige Natur, für diesen letzten Frühlingsschein in meinem herbstlichen Leben! Dem sanften Zuge der Neigung glaubte ich zu folgen und es war eine höhere Hand, die zwei schuldlose Wesen durch mich vereinigen wollte.«

Ich machte einen Gang durch die Felder, um die Zeit bis zum Mittagessen hinzubringen. Kaum war ich zurück, so traten der Oberförster und Max herein. Mit treuherziger Munterkeit führte jener den sehr verlegenen jungen Menschen auf mich zu, indem er sprach: »Hier haben Sie den Ausreißer.« – »Ist es recht, Max«, sagte ich, »daß du auf und davon gehst, ehe du mir einen Nachfolger gestellt hast, und sogar ehe wir noch Gretchens wunderbare Erhaltung gefeiert haben? – Richte den Tisch drüben, Paul, in Mamsell Gretchens Zimmer; wir sind heut' ihre Gäste.«

»Was meinen Sie, Herr Oberförster«, redete ich nun diesen an, »da mich der Junge mit der Wirtschaft sitzen läßt, wenn ich mein Gütchen in Pacht gäbe?« – »Dazu rat' ich nicht«, erwiderte der Oberförster schnell. – »Aber der Mann ist tüchtig«, gab ich zur Antwort, »und hat selbst Ihren Beifall. Denn kurz, weil Max das Gut nicht mehr für meine Rechnung verwalten will, mag er's für seine tun; ich geb' es ihm für einen billigen Pachtzins, jedoch unter einer Bedingung.« – »Die wäre?« fragte der Oberförster aufhorchend. – »Daß er die Ansprüche befriedige, die ich einer gewissen Person auf mich und einen Teil meines Eigentums eingeräumt habe. Die Sache ist hier schriftlich aufgesetzt; sieh selbst, Max, ob du die Bedingung erfüllen kannst.« – Max starrte mich und die Ehestiftung an, die ich ihm hinreichte. – »Wahrhaftig«, rief der Oberförster, der einen Blick in die Schrift tat, »das ist ein Heiratskontrakt und Ihr Name, Max, steht hier neben Gretchens Namen.« – Max war noch immer wie ohne Bewußtsein. – »Nimm doch, Max!« sagte ich, ihm das Papier aufdringend; »du hast dich nicht so lange besonnen, als du das Mädchen aus dem Wasser zogst.« – »O mein Wohltäter, mein Vater!« rief er nun und lag an meinem Halse. – »Geh hin, Glücklicher!« unterbrach ich seinen Freudentaumel, »und hole dir ihr Jawort selbst. Ich will es ihr ersparen, vor meinen Augen rot zu werden, so gern ich sie auch erröten sehe.« – Er flog zur Tür hinaus.

»Das ist brav, Herr Brink!« sprach der Oberförster, »und wahrlich noch mehr, als ich von Ihnen erwartete, was doch nicht wenig gesagt ist.« – »Loben Sie mich nicht, Freund!« erwiderte ich; »er wollte für mich viel mehr tun. Was ist der Wunsch eines Mannes, der vom Leben beinahe schon Abschied nimmt, gegen die erste Liebe zwei solcher Herzen?«

Gretchen kam, an Maxens Arm geschmiegt, zur Tür herein. Es war, als sollte ich für meine Selbstverleugnung durch den lieblichsten Anblick belohnt werden, denn ihre ganze Gestalt glühte von dem Ausdruck der holdesten Schamhaftigkeit. »Die Farbe Ihrer Wangen«, rief ich ihr entgegen, »gibt mir Antwort auf Maxens Werbung. Ich habe nur noch eins beizusetzen: in drei Wochen muß Hochzeit sein; alles ist vorbereitet, sogar die Einwilligung Ihres Vormundes. – Und nun, Gretchen, geben Sie mir den Arm als Brautvater, weil es nicht als Bräutigam geschehen konnte. Wir wollen heute Ihre jungfräuliche Wohnung zu dem glücklichen Aufenthalt einer kleinen Familie einweihen. Sie schien Ihnen zu weitläufig; hatte ich nicht recht, als ich sagte: wer weiß, wozu das in der Folge gut ist?«

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