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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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15.

»Es ist natürlich«, sagte ich mir selbst, als ich nachts allein auf meinem Zimmer war, »daß die jungen Leute Gefallen aneinander finden. Liebe kann noch nicht im Spiele sein, aber es würde geschehen, wenn es so fortginge; auch das ist natürlich. – Du mußt ein Ende machen, Samuel, ohne weiteren Verzug. Die Unbestimmtheit der Verhältnisse taugt überall nicht. – Sie ist dir gut; Dankbarkeit und Pflicht werden der Neigung zu Hilfe kommen und gegen diese dreifache Schutzwehr wird ein flüchtiger Geschmack, eine Regung der unverwahrten Sinne kaum anzukämpfen wagen. – Mach' ein Ende, Samuel! du hast dich lange genug besonnen.«

Am andern Morgen befahl ich Paul, Anstalt zu machen, daß wir gleich nach Tische in die Stadt fahren könnten. Ich sah Gretchen den ganzen Vormittag nicht; sie hatte in der Wirtschaft zu tun. Max war auf dem Felde, wo der Anfang mit der Heuernte gemacht wurde. Bei Tisch erschien Gretchen allein. Ich fand sie so unbefangen als jemals und vergaß über ihren heiteren Gesprächen beinahe den ernsthaften Zweck, der mich auf einen oder zwei Tage von ihr trennen sollte. Als sie hörte, daß ich in die Stadt ginge, bat sie mich, ihr nebst ihren übrigen Kleidern die Papiere zu bringen, die sie in ihrem Koffer zurückgelassen hätte. – »Was für Papiere sind das?« fragte ich. – Einige Schriften, welche zum Prozeß ihrer Tante gehörten, war die Antwort, mehrere Briefe, die ihr besonders interessant wären, und ihr Taufschein. – »Ihr Taufschein?« rief ich; »das ist mir lieb!« aber ich faßte mich schnell und setzte lächelnd hinzu: »Soll ich das alles durchstöbern? Fürchten Sie nicht, Gretchen, mir Ihre Geheimnisse zu verraten?« – »Ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen«, erwiderte sie mit dem Tone des herzlichsten Vertrauens, indem sie mir den Schlüssel zu ihrem Koffer übergab. – Ich war innig gerührt. »Möge es immer so bleiben, liebes, liebes Kind!« sagte ich, indem ich ihre Hand an meine Lippen drückte, und ging schnell fort, um mich in meinen Wagen zu werfen.

Ich stieg in der Stadt bei meinem Freunde dem Doktor Morbach ab, den ich ersucht hatte, Brigitten in meiner Abwesenheit zu verabschieden und ihr einen Jahreslohn unter der Bedingung auszuzahlen, daß sie sogleich auf vierzehn Tage in ihre Heimat reiste und vor ihrer Zurückkunft weder meinen noch Gretchens Namen vor einem Menschen ausspräche. Er lachte, als ich zu ihm kam, und versicherte, mein Auftrag sei pünktlich vollzogen. – »So ist die Luft in meinem Hause rein«, sagte ich, »und ich kann meine Braut in die Stadt bringen, wann ich will.« – »Ihre Braut?« rief der Doktor im höchsten Erstaunen; »Braut! Ist's möglich?« – »Keine Ausrufungen, lieber Doktor, wenn ich bitten darf, und keine juristischen Schwierigkeiten! Seien Sie so gut, mir einen bündigen Ehekontrakt aufzusetzen. Hier sind die Hauptpunkte, Heiratsgut und Wittum betreffend. Der Name der Braut ist Margarete Berger.« – »Berger? Margarete Berger? Derselbe Name, den Jungfer Brigitte nicht nennen sollte?« – »Derselbe! Und den ich auch Sie bitte nicht zu nennen, so wenig als meiner Heirat Erwähnung zu tun, bis sie vorbei ist.« – »Brink! Lieber Freund Brink!« sagte Morbach, den Kopf schüttelnd. – »Liebster Doktor!« war meine Antwort, »ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich habe mir die Sache überlegt; vielleicht hätte ich besser getan, vor fünfundzwanzig Jahren daran zu denken; aber damals kannte ich Gretchen Berger nicht, oder vielmehr war sie noch nicht in der Welt.« – »Eben deswegen, Freund!« – »Genug«, fiel ich ihm ins Wort und wandte mich zum Weggehen; »wenn Sie den Kontrakt nicht aufsetzen wollen, so tut es ein anderer; auf Ihre Verschwiegenheit rechne ich.« – »Warten Sie doch, Freund! Sie vergessen die Schlüssel zu Ihrer Wohnung, die ich Brigitten abforderte.«

Morbach brachte mir lächelnd die Schlüssel; zugleich erklärte er sich bereit, die Ehestiftung zu entwerfen. »Wann soll denn die Trauung sein?« fragte er. – »In acht Tagen, Herzensdoktor!« – »Da brauchen wir Dispensation wegen des Aufgebots; die Einwilligung des Vormunds muß schriftlich vorliegen.« – »Ich schreibe ihm heute noch. Einwendungen sind nicht zu erwarten; in vier Tagen kann die Antwort hier sein.« – »Gut!« sagte Morbach ziemlich ernsthaft; »den Taufschein der Braut und was sonst nötig ist, hole ich mir morgen selbst bei Ihnen ab.«

Ich verließ den Doktor sehr vergnügt und fuhr eiligst nach Hause, um sogleich an Gretchens Vormund zu schreiben. Paul war seit dem frühen Morgen in einer drolligen Unruhe. Er hätte gern gewußt, was ich vorhatte, scheute sich aber doch, mich danach zu fragen. Als er indes sah, daß Brigitte abgezogen sei, wurde er sehr aufgeräumt und tat unverlangt, was er mir nur an den Augen abzusehen glaubte. »Soll ich nicht die Stube gleich scheuern und ein wenig hübscher ausmalen lassen?« fragte er; »es kann ein recht artiges Zimmer für das liebe Mädchen werden, wenn sie zuweilen zu uns in die Stadt kommt.« »Laß das noch, Paul!« sagte ich; »es wird sich schon ein Zimmer für Gretchen finden.«

Den Abend brachte ich sehr angenehm mit Gretchens Papieren zu, welche ich aus ihrem Koffer zu mir genommen hatte. Ich fand mehrere Briefe ihrer Tante und drei oder vier von ihrem verstorbenen Lehrer darunter, einem alten Geistlichen, von welchem sie mir einigemal mit großer Liebe und Dankbarkeit gesprochen hatte. Beide schienen treffliche Menschen gewesen zu sein; ich erkannte nun um so deutlicher, wie das seltene Mädchen in solcher Umgebung werden konnte, was sie war. Endlich fiel mir auch der Taufschein in die Hände; er war in weißes Papier eingeschlagen und mit Gretchens Namen von ihrer eigenen zierlichen Hand überschrieben. Nie habe ich eine Urkunde mit größerer Teilnahme, ja mit einer so andächtigen Empfindung betrachtet. Es schien mir eine Anweisung auf meinen Anteil irdischen Glückes. »Als sie ins Dasein trat«, sagte ich zu mir selbst, »erneuerte und verjüngte sich das meinige; sie ward geboren, damit ich nicht umsonst gelebt hätte.«

Am anderen Morgen währte es mir zu lange, bis der Doktor kam. Ich ging also, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen, wodurch es geschah, daß wir einander verfehlten. Als ich wieder nach Hause kam, hörte ich, er sei inzwischen da gewesen und habe die Nachricht hinterlassen, daß ein dringendes Geschäft ihn auf das Land rufe, von wo er nicht vor dem nächsten Mittage zurückkehren werde. – Was blieb mir zu tun übrig, als mich in Geduld zu fassen, so schwer es mir auch fiel? Paul konnte nicht begreifen, worüber ich so übellaunig war und warum ich nicht geraden Weges auf unser Gut zurückfuhr, nach welchem ich einigemale überlaut geseufzt hatte. Damit nur die Zeit verginge, trieb ich mich in zwanzig Fabriken und Kaufläden herum, ließ mir eine Menge Dinge zeigen, die ich nicht nötig hatte, und kaufte manches, mitunter auch Unnützes, zu Gretchens Ausstattung. »Mein' Seel', Herr!« sagte Paul, als ich mit der dritten Ladung angefahren kam, »ich glaube, Sie wollen eine Krambude von Putzsachen anlegen; das kann ja Mamsell Gretchen in zehn Jahren nicht gebrauchen.« – »Schweig, Paul!« sagte ich kurz und verdrießlich; denn ich fühlte, daß ich dem Alten nicht viel Kluges zu antworten hätte.

Der sehnlich erwartete Mittag kam und Morbach brachte den Entwurf der Ehestiftung, in bester Rechtsform aufgesetzt. Nun aber gab es neue Schwierigkeiten wegen der Dispensation. Ich mußte mich entschließen noch einen Tag in der Stadt zu bleiben. Meine Ungeduld stieg aufs äußerste. Am dritten Nachmittag seit meiner Trennung von Gretchen ward endlich die Bewilligung zur Trauung ausgefertigt; ich nahm von meinem Freunde Morbach Abschied und fuhr, mit allem versehen, was meinen Wünschen günstig sein konnte, wieder zu den Toren der Stadt hinaus.

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