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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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13.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als Paul mich mit der Nachricht weckte, daß Max im Vorzimmer sei, um mir seine Aufwartung zu machen. – »Ist er da? Wie sieht der Junge aus?« sagte ich, mich ermunternd.

– »Wie die Gesundheit und der Frohsinn selbst, Herr! Er ist noch etwas männlicher geworden; – man kann wohl sagen: ein Bild von einem jungen Menschen! Sie werden eine rechte Freude an ihm haben.« – »So! Gib mir meinen Schlafrock, Paul, – und laß ihn hereinkommen.« – »Er hat auch unsre Mamsell Gretchen schon gesehen«, fuhr Paul fort, »und ein lautes und breites mit ihr gesprochen. Die jungen Leute, denk ich, werden sich gut miteinander vertragen; Herr Max kann nicht Rühmens genug davon machen, wie klug und bescheiden das Mädchen ist. Ja, das wüßt' ich wohl; alle Welt muß dem lieben Kinde hold sein!« – »Gut, gut, Paul! Mach ein Ende und führe den Max herein.«

»Es ist doch wunderlich«, sagte ich zu mir selbst, als Paul fort war, »daß mir bis in den Augenblick das gar nicht einfiel!«

Die Tür flog auf und Max eilte auf mich zu, mich offen und herzlich willkommen heißend. »Ich dachte schon«, sagte er, »wir wären ganz von Ihnen vergessen, so lange ist's, daß Sie uns nicht besucht haben.«

– Ich bemerkte, daß ich erst seit ein paar Tagen von der Reise zurückgekommen sei. »Übrigens ist hier alles auch ohne mich recht gut gegangen, wie ich sehe; und du« – sagte ich, ihn in die roten Backen kneipend, – »hast dich, gottlob, auch nicht abgekümmert.« – Dazu, meinte er, habe man auf dem Lande weder Zeit noch Anlaß; zugleich gab er mir mein Kompliment zurück, denn er fand, ich sei während der Zeit um zehn Jahre jünger geworden. – »Findest du das?« sagte ich lächelnd; »halb und halb kommt es mir selbst so vor, Max.«

Ich erklärte ihm nun, daß ich den Rest des Sommers auf dem Gute zubringen würde, worüber er sehr vergnügt schien. »Ich habe auch an deine Erleichterung gedacht«, fuhr ich fort; »das junge Frauenzimmer, das du schon kennengelernt hast, wie ich höre, – wird künftig die innere Wirtschaft führen. Du bist es doch zufrieden, Vetter?« – Er habe immer gewünscht, antwortete er, daß eine weibliche Aufsicht im Hause wäre; Mamsell Berger scheine dazu alle Eigenschaften zu besitzen. – »Nicht wahr, Max? Und wie gefällt sie dir sonst? Man kann sie wohl in den Augen leiden; nicht?« – »Sie ist ein schönes Mädchen«, sagte der Junge ganz ruhig und wurde nicht einmal rot. Ich fand aber doch für gut, das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, wozu es nicht an Stoff fehlte, indem mir Max über den Zustand des Gutes und über seine Anstalten zur Verbesserung desselben umständlich Bericht zu erteilen hatte.

Maxens Ankunft und der neue Wirkungskreis, worin Gretchen von diesem Morgen an trat, machten auch in meiner Tagesordnung und in meinem gewohnten Umgange mit dem lieben Kinde eine bedeutende Veränderung. Ich sah das fleißige Mädchen jetzt beinahe nur an dem gemeinschaftlichen Tische, wo ich mich außerdem meines jungen Vetters wegen nicht so frei wie bisher mit ihr unterhalten konnte. Gretchens Betragen gegen Max war natürlich und offen, so auch das seinige gegen sie; eine besondere Teilnahme, wie man zwischen zwei so jungen und ausgezeichnet hübschen Personen oft schnell genug entstehen sieht, konnte ich nicht wahrnehmen. Gretchen schien bloß für ihr neues Geschäft Sinn und Aufmerksamkeit zu haben und Max hatte mir so viel zu berichten, zu zeigen und zu erklären, daß auch ihm keine Zeit für seine schöne Hausgenossin übrig blieb. Es war viel Bewegung, aber fürs erste noch keine recht gesellige Zusammenstimmung unter uns.

Ich brachte den größten Teil des Tages damit zu, in Maxens Begleitung meine ziemlich weitläufigen Grundstücke in Augenschein zu nehmen, die sich wirklich in einem trefflichen Zustand befanden. Nachmittags ritten wir in den Wald, auf welchen Max sein Hauptaugenmerk bei seinem Wirtschaftsplane gerichtet hatte. Auf dem Wege dahin gesellte sich der landesfürstliche Oberförster zu uns, ein würdiger Mann, den ich schon früher kennengelernt hatte. Mit Vergnügen bemerkte ich, wie freundschaftlich und achtungsvoll der wackere Mann meinen Vetter behandelte. Er sprach mit Beifall von den Einrichtungen und neuen Anlagen, welche Max in den Wäldern gemacht, und mit Wärme von den Verdiensten, die er beim Ausbruch der Viehseuche im vorigen Herbst sich um die ganze Gegend erworben habe. »Ich halte sonst nicht viel von gelehrten Ökonomen«, sagte er, »aber das Geld, Herr Brink, das Sie auf den wissenschaftlichen Unterricht des jungen Mannes da verwendet haben, trägt Ihnen und wird einst noch dem Lande gute Zinsen tragen. Für die drei Jahre, die er hier ist, hat er viel geleistet. Sehen Sie zu, Herr, wie Sie Ihren Vetter festhalten; denn ich habe große Lust, ihn Ihnen für den landesfürstlichen Dienst abwendig zu machen.« – »Nun, wenn es zum Glücke meines Vetters ausschlägt«, – sagte ich; aber Max unterbrach mich mit einiger Heftigkeit: »Der Herr Oberförster scherzt nur; er weiß recht gut, wie ich in diesem Punkte denke.« – »Ja, ja, ich weiß es«, sagte der Alte lächelnd. »Den macht man Ihnen nicht abwendig, Herr Brink! Er hat ein dankbares Gemüt und hat mir zu oft selbst gesagt, was er Ihnen schuldig ist.« Damit verließ uns der Oberförster und wir ritten tiefer ins Holz.

Alles, was ich in dem Walde sah, bestätigte das rühmliche Zeugnis des Oberförsters. Die Pflanzungen hatten seit einem Jahre beträchtlich gewonnen, der Holzschlag war im besten Gange und die neue Verbindung mit den Schleusen verdiente musterhaft genannt zu werden. Zugleich war das Nützliche überall mit dem Schönen verbunden; mein kleiner Forst hatte beinahe das Ansehen eines wohlgepflegten Parkes. Um so auffallender war mir eine noch ganz verwilderte Stelle, ungefähr in der Mitte des Waldes. Ich war im Begriffe, nach der Ursache dieser Erscheinung zu fragen, als ich Max mit düsteren und scheuen Blicken sich hinweg wenden sah und mich erinnerte, daß dies der Ort sei, den er sich von mir zu einem Denkmal für seinen armen Vater erbeten hatte. Der Unglückliche war vor zwölf Jahren verloren gegangen und hatte, man weiß nicht wo, seinem verworrenen Leben wahrscheinlich selbst ein Ende gemacht. Es scheint, daß Max noch immer nicht mit sich einig werden konnte, auf welche Weise er ein so teures und schmerzliches Andenken hier, in seiner übrigens so heiteren Schöpfung erhalten sollte.

Wir fanden am Ausgange des Waldes einen Knecht, dem wir unsere Pferde übergaben, um den Rückweg zu Fuß über die Wiesen zu nehmen, auf welchen in der künftigen Woche die Heuernte anfangen sollte. Es ward ziemlich spät bis wir zu unserem Hause kamen; zur Abkürzung des Weges gingen wir daher durch des Müllers Garten über den Steg, dessen ich schon einmal gedacht habe. Nicht ohne ein kleines Grausen und ohne mich an Max zu halten, konnte ich den gefährlichen Steig zurücklegen; denn unter ihm brauste der Waldstrom und stürzte mit reißender Gewalt auf die Mühlräder, von deren lauten Schlägen der morsche Bau erzitterte.

Eine kurze Abendunterhaltung an dem gemeinschaftlichen Tische beschloß diesen geschäftigen Tag. Die Rede fiel auf die Waldkultur, die mir auf einmal interessant zu werden anfing. Gretchen mischte sich bescheiden in das Gespräch und überraschte Maxen durch die Richtigkeit ihrer Bemerkungen. »Du weißt noch nicht«, sagte ich, »daß Gretchen eine geborene Forstmännin ist; sie hatte mich schon halb und halb zu deinem Lieblingsfache bekehrt, eh' ich hieher kam.« Diese Entdeckung sowie mancher Zug, den ich von Gretchen erzählt hatte, schien einige Annäherung zwischen den jungen Leuten zu bewirken, was mir nicht entging, aber bei der Offenheit ihres Benehmens ganz unbedenklich vorkam. Weil am nächsten Tage Sonntag war, erbot sich Max, Gretchen in die eine halbe Stunde entfernte Kirche zu führen; ich versprach, ihnen dahin zu folgen, und entließ, ziemlich ermüdet und schläfrig, meine Gesellschaft.

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