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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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12.

Ein froherer Emigrantenzug als der unsrige ward nicht leicht gesehen. Mir ging das Herz auf unter dem freien, heiteren Himmel; Gretchens liebliche Gesichtszüge wurden immer sprechender und lebendiger und Paul lachte und gestikulierte auf dem Kutscherbock, als ob er unklug werden wollte. – Der Weg wendete sich von der Hauptstraße ab gegen das Gebirge zu, an dessen Fuße er eine geraume Strecke hinläuft. Zwischen zwei Bergrücken, die von fern sich zu decken scheinen, öffnet sich seitwärts der Eingang in ein breites Tal, in dessen Tiefe meine kleine Besitzung liegt. Die Landschaft wird, wie man weiter hineinfährt, von hundert zu hundert Schritten romantischer und bilderreicher, bis der Eingang des Tales sich wieder zu schließen scheint und man sich In einem Kessel von terrassenförmigen Wiesengründen und waldigen Gipfeln befangen sieht. Gretchen, mit dem neuen Anblicke beschäftigt, war eine Zeitlang still; jetzt rief sie aus: »O, wie schön ist's hier! und die Gegend hat Ähnlichkeit mit meiner Heimat!« – »Wir sind dem Orte unserer Bestimmung nahe«, sagte ich; »das Gebäude am Abhang jenes Birkenwäldchens ist das Haus meines Freundes.« – Gretchen blickte mich mit freudestrahlenden Augen an; sie ließ ihre aufgehobene Hand auf meinen Arm sinken und ich glaubte einen leisen Druck zu empfinden. Es schien mir die Weihe meines Landhauses zu sein; jetzt erst hatte sein Besitz einen Wert für mich.

Der Wagen fuhr langsam auf dem nach und nach beschwerlich werdenden Wege hin, durch das kleine Dörfchen, ein paar schöne einzelne Bauernhöfe vorbei, bis an die Mühle, welche hart an meinen Garten stößt. Paul, von mir unterrichtet, stieg ab und ging voraus, um, wie er sagte, Herrn Max Spohr, dem Verwalter des Gutes, unseren Besuch zu melden. Wir mußten den ziemlich breiten, vom Regen stark angeschwollenen Waldbach durchfahren, über welchen einige Schritte oberhalb der Mühle ein leichter Steg für Fußgänger gebaut ist. Als wir am Haustore hielten, kam uns Paul mit der Nachricht entgegen, Herr Max habe Geschäfte beim Holzrechen und werde erst morgen wieder kommen; doch seien die Schlüssel zu den Zimmern vorhanden und er werde, da er hier Bescheid wisse, schon die Honneurs des Hauses machen. Gretchen sah mich lächelnd an, als ob sie erwartete, daß ich nun das Rätsel lösen würde. Aber ich stieg ganz ernsthaft aus und hob ebenso ernsthaft sie aus dem Wagen. »Geh voran, Paul!« sagte ich, »und mache dem Hauswirt Ehre.«

Das Haus ist von meinem Vorgänger in einem launenhaften, aber nicht unangenehmen Geschmacke gebaut und stellt von außen ein Mittelding von schweizerischer und holländischer Herrenwohnung dar. Das Erdgeschoß hat neben der Küche und den Gesindestuben ein paar artige Zimmer, die mein Vetter Max, der Ökonom des Gütchens, bewohnt. Das obere Stockwerk ist durch einen gegen den Garten offenen Salon in zwei Hälften geteilt, wovon die eine für den Eigentümer, einen alten Junggesellen, wie ich, die andere für eine Freundin bestimmt und eingerichtet war, welche aber nie darin gewohnt hat. Beide Abteilungen sind bequem und anständig eingerichtet ohne überflüssigen Aufwand; ich habe sie größtenteils gelassen, wie ich sie fand, sogar das Porträt des ehemaligen Besitzers ist in einem Kabinette hängen geblieben.

Ich führte Gretchen zuerst in die Zimmer, die, wie ich ihr sagte, für sie bestimmt wären. »Das ist viel zu vornehm und weitläufig«, sagte sie, nachdem sie sich ein wenig umgesehen; »hier könnte ja eine kleine Familie Platz finden.« – »Wer weiß, wozu das in der Folge gut ist!« erwiderte ich scherzend. Gretchen sah fast etwas finster darein, weshalb ich für gut fand, sie ohne weitere Bemerkungen in den Hof und den Garten zu führen. Was sie dort und in den Wirtschaftsgebäuden sah, hatte ihren ganzen Beifall. »Es ist hier alles im besten Stande«, bemerkte sie; »ich wüßte wenig, was sich anders oder zweckmäßiger einrichten ließe.« – »Das macht alles unser Herr Max«, fuhr Paul heraus – »o, er ist ein tüchtiger Wirtschafter!« – »Wer ist Herr Max?« fragte Gretchen neugierig. »Ih, der liebe junge Vetter«, erwiderte Paul – »meines Freundes, ja!« fiel ich ihm ins Wort und nahm Gretchen unter den Arm, um ihr auch die Wohnung des Hausherrn zu zeigen.

Mit Vergnügen bemerkte ich, daß Gretchen der bequemen und artigen Einrichtung meiner Wohnzimmer eine besondere Aufmerksamkeit widmete und daß selbst die etwas zu weit getriebene Sorgfalt für die Gesundheit und Bequemlichkeit des Besitzers, welche hin und wieder sichtbar war, ihr nicht mißfiel. Sie schien ganz eingenommen von der Vorstellung einer behaglichen Häuslichkeit und schwatzte überaus gemütlich und angenehm von den hundert kleinen Genüssen, welche das Familienleben auf dem Lande darbietet. Nie hatte ich sie offener und liebenswürdiger gesehen; es war das Hausmütterchen in der Gestalt und mit dem Betragen einer Grazie. – »Nun Gretchen«, sagte ich, nachdem ich ihr lange zugehört, »darf ich diesem Hause zu Ihrem Besitze Glück wünschen? Werden Sie gern hier bleiben?« – »Wer sollte das nicht!« erwiderte sie recht freudig. Ich stand neben ihr, den Arm um ihren Leib geschlungen, als sie dieses sagte, und drückte sie mit einer Hegung inniger Zärtlichkeit an mich. – Gleichsam um mich zu zerstreuen, warf sie einen Blick auf das Porträt, dessen ich vorhin erwähnte. »Wessen Bild ist dies?« fragte sie. – »Das Bild des Besitzers«, – erwiderte ich ohne Absicht. – »Wie?« fiel sie mir ins Wort, »so war es doch?« – Ihre Verwirrung ergötzte mich: ich wollte sehen, wie weit es damit kommen könnte. – »Allerdings«, sagte ich ernsthaft, »es ist der Freund, von dem ich mit Ihnen sprach; er hat dieses Haus gebaut und alles, was Sie hier sehen, so eingerichtet.« – Sie schwieg und schien eine innere Bewegung unterdrücken zu wollen; plötzlich wandte sie sich hinweg, um mir ein paar Tränen zu verbergen, die sich in ihre Augen drängten. – »Nein!«, rief ich, meiner selbst nicht mehr mächtig, »es ist nicht ganz so, liebstes Gretchen! Jener Mann lebt nicht mehr, – ich selbst bin der Besitzer!« – Sie sah mich an mit einem Blicke, worin ein Vorwurf mit einer Aufwallung der Freude kämpfte. »Böser Mann!« sagte sie, mit dem Finger drohend, »mich so zu necken!« Und als ich sie besänftigend in meine Arme ziehen wollte, machte sie sich, mit einer halb strafenden, halb verzeihenden Miene los und eilte davon.

»Sie ist dein«, rief ich entzückt; »das liebenswürdige, bezaubernde Geschöpf ist dein! Ihr Herz hat für dich entschieden; es hat sich wider den Gedanken aufgelehnt, diesen Aufenthalt, der ihr so lieb ist, mit einem andern als mit dir zu teilen!« – Still, aber selig träumend, ging ich in meinen Zimmern umher, Gretchen erwartend, die zum Nachtessen wieder kommen sollte. – Sie hatte sich bequem gemacht und ein weißes Korsett angezogen, welches ihr ein noch vertraulicheres Ansehen gab. Unwillkürlich schielte ich nach den Pantöffelchen, welche Paul auf mein Geheiß in ihre Schlafkammer gelegt hatte; aber die Füßchen waren mit züchtiger Strenge beschuht. Nie habe ich die Sittsamkeit so liebenswürdig und so entfernt von aller Prüderie gesehen. Gretchen war an dem Abend besonders gesprächig; ich vergaß mich selbst und meine Wünsche, indem ich, ihrem sinnigen Geplauder zuhörend, an ihrer Seite saß. Die kindliche Unbefangenheit ihres Gemütes teilte sich unvermerkt dem meinigen mit, ich genoß das Vergnügen eines freundlichen Beisammenseins, das durch keinen Affekt und keine Regung der Selbstsucht gestört wird. Ruhig sah ich das holde Mädchen sich in ihr Schlafgemach zurückziehen und hörte sie nach einer Weile die Tür abschließen, welche von ihrer Seite in den gemeinschaftlichen Salon führt.

»Keine Absicht und keine Befürchtung stört den Frieden dieser reinen Seele«, sagte ich zu mir selbst, als ich allein war. »Wär' es nicht Sünde, sie durch das Geständnis einer Leidenschaft zu beunruhigen, die sie jetzt noch kaum verstehen, gewiß nicht erwidern kann? Die Zeit mag vollenden, wofür der Zufall in kurzem beinahe schon zu viel tat. Sind wir doch aus dem wilden Treiben der Welt in die stille Befriedigung der Einsamkeit gerettet! Der schöne Baum der Hoffnung mit seinen Knospen und Blüten hat Wurzel in dem Boden deiner Wünsche geschlagen; laß ihn Kraft gewinnen und zur Zeitigung gelangen! Ist es nicht auch ein Genuß, die goldenen Früchte wachsen und reifen zu sehen, bis sie, in süßer Fülle schwellend, sich selbst von den Zweigen lösen und uns freiwillig in den Schoß fallen?« – Mit diesen Gedanken legte ich mich zur Ruhe und mit einem leisen: »Gute Nacht, Gretchen!« sank ich dem Schlafe in die Arme.

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