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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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11.

Ich trieb mich eine halbe Stunde in der Stadt herum. Als ich wieder zu meinem Hause zurückkam, sah ich den Baron S** im Tore stehen, einen alten Wüstling, der mir zuweilen die Ehre erweist, mich »seinen lieben Freund« zu nennen. – »Eh, lieber Freund!« rief er mich an, da er mich auf die Treppe zugehen sah, »sind Sie in dem Hause bekannt?« – »So ziemlich. Was steht zu Diensten, Herr Baron?« – »Sagen Sie mir, liebster Freund«, erwiderte er mit einem vertraulichen Lächeln, »kennen Sie das wunderhübsche Mädchen, das hier im Hause wohnt? Sie ist, wie ich höre, erst vor ein paar Tagen angekommen und soll einem alten Grillenfänger Gesellschaft leisten, der vermutlich gar nicht weiß, was er an ihr hat.« – »Wie sieht das Mädchen ungefähr aus?« fragte ich, an mich haltend. – Er beschrieb mir Gretchen ganz genau. – »Und wo haben Sie das Wunderkind gesehen?« fragte ich. – »Hier auf der Straße, Freund, schon zweimal; aber sie ist mir immer so schnell entwischt, daß ich nicht entdecken konnte, in welchem Stockwerke sie wohnt.« – »Ich kenne das Mädchen, Baron«, sagte ich trocken; »und, um es kurz zu machen, der Grillenfänger, dem sie Gesellschaft leisten soll, bin ich. Verlangen Sie sonst noch etwas, mein Herr?« – »Liebster Freund!« rief der Geck mit erzwungenem Lachen, »ich bitte tausendmal um Vergebung! Das war dumm, ich gesteh es, aber auch drollig; wie? Ha, ha, ha!« – Ich ließ ihn mit einem verächtlichem Blicke stehen und ging rasch die Treppe hinauf.

Das erste, was ich beim Eintritte in meine Wohnung hörte, war, daß Herr von Ebert, derselbe, welcher mir den Possen mit Gretchens Schuhen gespielt hatte, sich zum Mittagessen habe anmelden lassen. – »Sind denn heute alle Narren und Pflastertreter in Bewegung«, rief ich zornig, »um mich aus den Toren zu treiben? Geh sogleich hin, Paul, und sage Herrn von Ebert, daß ich heute unmöglich die Ehre haben könne, ihn zu bewirten.« – »Wenn er aber nicht zu finden ist und geraden Weges herkommt?« – »So – verwünscht! – so – bestelle Pferde, Paul, Pferde! Wir gehen aufs Land, Alter!« – »Juchhe! So ists recht!« rief Paul. »Gleich will ich Ihre Aufträge besorgen, die Pferde zuerst. Stehen Sie indes, Herr, wie Sie das liebe Mädchen trösten können, das in ihrem Kämmerchen sitzt und weint.« – »Sie weint, Paul? Was hat man ihr getan?« – »Ich weiß nicht; aber ich sagte Ihnen wohl, Herr, daß die alte Katze Brigitte ihre ärgsten Tücken noch im Nacken hätte.« An Brigitten vorbei, die eben herausging, eilte ich in Gretchens Zimmer. Sie kam mir mit einer freundlichen Begrüßung entgegen, aber ihre Augen und Wangen zeigten die frische Spur von Tränen. »Sie haben geweint, teures Gretchen!« sagte ich. »Verhehlen Sie mir nichts! Was ist geschehen?« – »Nichts, was mich erniedrigen oder das Vertrauen, das Sie mir einflößen, mindern könnte«, erwiderte sie mit großer Ruhe. – »Also doch etwas, das darauf abgesehen war? Sprechen Sie, liebes Kind; ich beschwöre Sie!« – Sie erzählte mir nun, daß Frau von Reichard sie anfangs mit einer befremdenden Rückhaltung und Feierlichkeit aufgenommen, sie an ihre brave Tante erinnert und den Anteil, welchen sie an Gretchen nehme, durch die freundschaftliche Verbindung, worin sie mit der Tante gestanden, gerechtfertigt habe. Hierauf habe sie verschiedene Fragen über Gretchens Bekanntschaft mit mir und über die Verhältnisse meines Hauses an sie gestellt. Da ihr Gretchen alles umständlich und aufrichtig erzählt, was sie selbst davon wisse, sei Frau von Reichard nach und nach zutraulicher und endlich recht freundlich und offen geworden. Die Dame habe meinem Rufe und Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie aber doch ermahnt, gegen die Männer überhaupt auf ihrer Hut zu sein. Zum Schlusse habe ihr Frau von Reichard unverhohlen gesagt, man habe ihr Gretchens Aufführung verdächtig machen und sie als Werkzeug zu ihrer Entfernung aus meinem Hause gebrauchen wollen; sie halte es für ihre Pflicht, das allzu günstige Zeugnis zurückzunehmen, welches sie der Madame Miller erteilt habe, auch müsse sie Gretchen vor einer anderen Person warnen, die dabei hauptsächlich im Spiele sei.

»Abscheulich!« rief ich; »die boshafte Brigitte!« – »Verzeihen Sie der Verblendeten«, erwiderte Gretchen; »ich habe ihr verziehen. Sie fürchtet wahrscheinlich, durch mich von ihrer Stelle verdrängt zu werden, und fürchtet es vielleicht mehr aus Anhänglichkeit für Ihre Person als aus Eigennutz.« – »Die Elende!« sagte ich; »was hat ihr Küchenregiment mit Ihnen und mit den Absichten gemein, welche ich in Betracht Ihrer haben kann? Es gibt nur eine Stelle in meinem Hause, die – doch an diesem Orte nichts davon! Kommen Sie, edles Mädchen! Wenigstens soll der Rang, der Ihnen in meiner Wohnung gebührt, nicht länger durch eine niedrige Umgebung zweifelhaft gemacht werden. Sie haben mir Vertrauen bewiesen; ich will zeigen, daß ich dessen wert bin.« – Mit diesen Worten führte ich sie aus Brigittens Zimmer in das meinige, worin ich sie bat, sich bequem zu machen, indessen ich in meinem Kabinette einige Schreibereien zu besorgen hätte.

Paul kam zurück, mir zu melden, daß er meinen Auftrag bei Herrn von Ebert ausgerichtet habe und daß der Wagen in einer Stunde längstens hier sein werde. »Laß geschwind etwas zum Essen richten«, sagte ich, »dann packe das Nötige zusammen, was wir zu einem kurzen Sommeraufenthalte brauchen. Den Brief hier trägst du zu meinem Freunde, dem Doktor Morbach; ich werde künftige Woche auf ein paar Tage in die Stadt kommen, um das weitere mit ihm zu besprechen.« – »Gut, Herr!« – »He, Paul! Kein Wort zu Gretchen; und vergiß nicht, ihre übrigen Sachen aus meinem Schranke mitzunehmen, – auch die Pantöffelchen!« – Ich glaube, der alte Kerl lachte, wie mir das Wort entwischte; aber er nickte so treuherzig zurück, daß ich es gut sein ließ.

Das Mittagessen war bald vorüber. Ich beschäftigte Gretchen am Klavier, bis Paul mir einen Wink gab, daß angespannt sei. »Liebes Kind«, sagte ich, »wenn Sie es zufrieden sind, so fahren wir jetzt nach dem Landsitze meines Freundes. In dritthalb Stunden sind wir dort. Gefällt es Ihnen nicht, so bringe ich Sie heute noch in die Stadt zurück.« – Sie war überrascht, aber, wie ich zu bemerken glaubte, auf keine unangenehme Weise. »Ich habe mich in Herrn Brinks Hände gegeben«, sagte sie mit Anmut und Würde, »und will seinen Plänen nicht entgegen sein.« In drei Minuten saßen wir in dem Wagen und fuhren, ohne uns nach Jungfer Brigitten, die ganz bestürzt am Fenster stand, noch nach den Gaffern auf der Straße umzusehen, zu dem Stadttore hinaus.

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