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Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte

Joseph Schreyvogel: Samuel Brinks letzte Liebesgeschichte - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Schreyvogel
booktitleSamuel Brinks letzte Liebe
titleSamuel Brinks letzte Liebesgeschichte
publisherStiasny Verlag
editorWerner Röttinger
year1959
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080101
projectida9a343ef
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10.

»Wo bleibst du, Paul?« rief ich meinem Alten am andern Morgen entgegen; »ich habe schon dreimal geschellt.« – »Herr, es ist noch nicht fünf Uhr; ich bin erst aufgestanden.« – »Warum nicht gar?« sagte ich und sah nach meiner Uhr. Sie stand still; ich hatte vergessen, sie aufzuziehen. »Was befehlen Sie, Herr?«

»Nun, wenn es noch so früh ist! – Ich wollte dich fragen, ob der Schneider Gretchens Anzug gebracht hat.« – »Nein, Herr! Doch, ob er fertig ist, kann ich gleich sehen; er ist gewiß wach und sitzt an seiner Arbeit.« – »Laß sein, Paul! Es könnte Aufsehen im Hause machen.« – »Nicht im geringsten! Brigitte war schon auf den Beinen und wollte eben ausgehen, als ich hereinkam. – Hören Sie? Die Haustür wird auf- und zugeschlossen. – Die Alte ist fort und Gretchen sitzt vermutlich bei ihrer Nähterei; die merkt nicht auf uns. – Ich bin gleich wieder da, Herr!«

Ich warf mich geschwind in einen Überrock. Die Turmuhren schlugen fünf. Lächelnd trat ich vor meine Spieluhr und zog sie auf. »Wenn wir die Zeit vergessen«, sagte ich, »sind wir am glücklichsten. Sollten wir sie aber vergessen?« – Die Rose fiel mir in die Augen, die neben der Uhr in einem Glase Wasser stand; sie war über Nacht frisch aufgeblüht. Unwillkürlich neigte ich mich zu ihr herab. »Es ist der Hauch ihres Mundes«, sagte ich und meine Lippen berührten leise die zarten Blätter, – »aber es ist nicht ihre Seele, was mir darin begegnet!«

Paul kam voll Freude mit dem fertigen Anzüge. »Soll ich ihn ihr bringen?« fragte er hastig. »Ja, Paul! Aber nimm dort das feinste Paar Schuhe dazu; sie werden ihr passen, denk ich. Sag ihr, ich ließe sie bitten, dies zu meinem Andenken zu tragen und, wenn es ihr nicht unbequem wäre, die Schuhe sogleich anzuziehen.« – »Das soll sie wohl, Herr!« erwiderte Paul und eilte davon.

Nach einer kleinen Weile erschien Paul wieder unter der Tür, die er offen ließ, mir heimlich und vergnügt zuwinkend, daß ich herauskommen und ihm folgen möchte. Er ging vor mir her mit großen Schritten, aber auf den Zehen, und gab mir drollig zu verstehen, es ihm nachzutun. So kamen wir vor Gretchens Kammertür, welche gleichfalls offen stand. »Sehen Sie einmal«, flüsterte er mir zu, »das liebe Mädchen schläft noch. Ich habe ihre alten Kleider weggenommen und die neuen dafür hingelegt; nun muß sie wohl die unsrigen anziehen.« – Sie lag, den schönen Kopf etwas zurückgebeugt, züchtig in ihre Decke eingehüllt, in gerader Stellung, nur das rechte Knie ein wenig heraufgezogen, wodurch unter der straff anliegenden Hülle die zierliche Form ihres Beines sichtbar wurde. Ich warf einen fast eifersüchtigen Blick auf den Alten, der das reizende Schauspiel mit mir teilte. – Jetzt schien sie sich zu regen; schnell ergriff ich Pauls Hand, und indem ich ihn mit mir fortzog, schloß ich die Tür ziemlich laut hinter uns. In dem Augenblick hörten wir ein Geräusch in der Kammer und schlichen auf den Zehen davon, wie wir gekommen waren.

»Du magst sehen«, sagte ich etwas ernsthaft, »wie du deinen Einfall bei Gretchen gut machst; denn schwerlich wird sie auf eine angenehme Weise davon überrascht sein. Sobald sie sichtbar ist, melde ihr, welchen Auftrag ich dir gab und daß alles übrige deine eigene Erfindung war.« – »Ei«, erwiderte Paul ziemlich trotzig, »das will ich schon noch ausfechten; war es doch in allen Ehren gemeint.«

»Ob nicht der kleine Teufel Asmodi in den alten Kerl gefahren ist?« sagte ich zu mir selbst, als er fort war. »Was er seit drei Tagen tut, scheint ganz darauf angelegt, mich Hals über Kopf in ein Meer von Liebe hineinzustürzen, während ich nichts anderes im Sinne hatte, als an seinen blumigen Gestaden in aller Unschuld und Freiheit zu lustwandeln. Wenn ich dies unruhige Herzklopfen recht verstehe, so mengt sich etwas in meine Empfindungen, wogegen meine horazische Weisheit schwerlich wird standhalten können. Nimm dich in acht! Ich fürchte, du wirst bald gar nicht mehr wissen, wie es an der Zeit ist; deine Jahre hast du schon halb und halb vergessen.«

»Nun, Herr, alles ist gut!« rief Paul, als er nach geraumer Zeit munter hereintrat. »Aber Sie hatten recht; Gretchen fand meinen Einfall gar nicht fein. Mit genauer Not hab ich verhindert, daß sie unsere neuen Kleider wieder ablegte, sobald sie die ihrigen zurückerhalten hatte. Bloß die Vorstellung, welche Freude es Ihnen machen würde, sie in dem Anzuge zu sehen, schien sie nach und nach zu besänftigen. Sie wird kommen, glaub' ich, Ihnen für das Geschenk zu danken. Nu, ich will nichts verraten: aber sie sieht aus – wunderschön! Und die Schuhe passen auf ein Haar; danach hab' ich gleich geguckt.«

»Asmodi!« murmelte ich zwischen den Zähnen, – »hebe dich hinweg, Versucher!« Da ging die Tür auf und Gretchen trat mit dem Frühstück herein. Meine unsicheren Blicke glitten von der reizenden Gestalt ab und blieben am Boden haften, so daß die netten Füßchen das erste waren, was mir in die Augen fiel. Paul hatte recht; die Schuhe paßten wie angegossen. – Gretchen lispelte einige Worte von Dank. Ich sah auf und fühlte, daß mir das Blut ins Gesicht stieg, während sie selbst über und über glühte. »Ich danke Ihnen, Gretchen«, stotterte ich, »daß Sie meinem Wunsche nachgegeben haben; wenn ich jedoch ganz zufrieden sein soll, so bitte ich Sie, dieser unbedeutenden Sache nicht mehr zwischen uns zu erwähnen.«

»Mamsell Gretchen! Mamsell Gretchen!« rief Brigitte durch die halbgeöffnete Tür. – »Was gibt's denn, Jungfer Brigitte?« brummte Paul. – »Es ist ein Frauenzimmer hier«, sagte die Alte gar freundlich, »das mit Mamsell sprechen will. Kommen Sie doch heraus, liebes Kind!«

»Liebes Kind!« äffte Paul der Alten nach, als sie mit Gretchen fort war. »Haben Sie das Fratzengesicht gesehen, Herr, das die alte Trude dazu machte? Ich bin doch begierig, was das für ein Besuch ist.«

Paul ging und kam nach einiger Zeit sehr übellaunig zurück. Eine Madame Miller sei da, erzählte er, und schon eine gute Weile mit Gretchen eingeschlossen. Nach Brigittens Äußerungen, welche sehr vergnügt scheine, vermute er, daß von einem Dienstantrage für Gretchen die Rede sei. Er wollte wetten, die ganze Sache sei von der Alten angestiftet und stehe mit ihrem heutigen frühen Ausgange in Verbindung. Sie werde auch nicht ruhen, setzte er hinzu, indem er wieder wegging, bis sie das liebe Mädchen aus dem Hause vertrieben habe.

Pauls Vermutungen schienen nicht unbegründet. Nach einigen Minuten trat Gretchen selbst in mein Zimmer, etwas nachdenklich und, wie ich mit Verwunderung bemerkte, zum Ausgehen bereit. Sie bestätigte mir, daß Madame Miller dagewesen und ihr einen Dienst angeboten habe; zugleich habe sie ihr gemeldet, daß Frau von Reichard sie noch diesen Vormittag zu sprechen wünsche. – »Und was werden Sie tun, Gretchen?« fragte ich, nicht ohne Besorgnis. – »Hören, was mir die gnädige Frau zu befehlen hat«, erwiderte sie ganz ruhig. – »Und wegen des Dienstantrages?« – »Ich habe der Madame Miller gesagt, daß ich ihr noch keine bestimmte Antwort geben könne.« – »Gutes, liebes Gretchen! Sie dachten also meinem Vorschlag nach?« – »War es denn wirklich Ernst damit?« sagte sie mit lächelnd prüfender Miene. – »So vollkommen Ernst, liebes Kind, daß Sie Ihre Stelle antreten können, sobald Sie wollen.« – »Und der Herr, dem die Wirtschaft gehört, wird er auch so viel Vertrauen in mich setzen als Sie und kann ich es – in ihn ?« – »Ich denke, ja!« – »Wenn das ist«, sagte sie nach kurzem Besinnen, »so bestimmen Sie über mich, wie Ihnen gut deucht«, – und fort war sie.

»Sie ist ein Engel!« rief ich, – »und ist dein, Samuel! Dein! Hast du das verdient, Ungläubiger?« – – Ich klingelte Paul, um mich vollends anzukleiden; denn ich wollte einen Gang durch die Stadt machen. »Gib acht«, sagte ich zu ihm, »was Brigitte etwa Neues ausheckt; das erste, worüber sie brütete, waren Windeier.« – »Wissen Sie das so gewiß, Herr? Die alte Katze sieht mir so lauernd und unheimlich aus; ich glaube, die ärgsten Tücken hat sie noch im Hinterhalt.« – »Bah, bah! Was können ihre Tücken uns am Ende schaden?« – »Uns nicht, aber dem armen Gretchen! Ich bleibe dabei; Sie sollten die Mamsell auf Ihr Gut schicken; da wäre sie auf einmal geborgen.« – »So! – Höre, Paul, du hast doch Gretchen nicht von deinem Projekte vorgeplaudert?« – »Bewahre, sie weiß kaum, glaub ich, daß wir ein Gut haben.« – »Desto besser!« sagte ich, ihm lächelnd auf die Schulter klopfend. »Adieu, alter Projektmacher!«

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