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Sämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band

Hermann Löns: Sämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHermann Löns
titleSämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band
publisherHesse & Becker Verlag
year1925
printrunZweiundzwanzigstes bis einunddreißigstes Tausend
editorFriedrich Castelle
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180416
projectid702be671
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Sagen und Märchen

Der Schäferkönig

Aus fahler Heide erhebt ein einsamer Heidhügel seinen braunen Kopf.

Kurzgeschoren haben Schnuckenmäuler seine braunen Locken, die Nagelschuhe der Bauern haben darüber einen weißen Scheitel gezogen.

Am Grunde des Hügels, rechts und links von dem hellen, schmalen Fußpfade, liegen zwei große, mannshohe, von den grünen Ranken der Krähenbeere am Grunde umsponnene, mit grauen Flechten bedeckte Steinblöcke, einer licht, einer düster.

Zwischen ihnen und der Kuppe des Hügels, mitten in dem Fußpfade, steht eine hohe, dicke, zerzauste Hängebirke.

Um den Hügel breitet sich ein ebenes Feld aus, von Heide und kurzem, büscheligem Grase bedeckt, bestockt mit Hunderten und Hunderten struppiger Wacholdersträucher.

Weit und breit ist kein Hügel, wie dieser Hügel, keine Birke, wie diese Birke, kein Wacholderfeld, wie dieses hier, kein Findlingspaar, wie dieses.

Wenn ich auf dem Hügel im kurzen Heidkraut lag nach dem Frühanstand mit Hund und Büchse und die steif gefrorenen Glieder sonnte, dann habe ich mich immer gefragt, warum es weit und breit nichts Ähnliches gibt; ich konnte es mir nicht erklären.

Der Lehrer im Dorfe da unten, der Steine und Blumen sammelt, sagte mir, früher hätten hier mehr Birken gestanden, wären hier mehr große Wandersteine gewesen; die Bauern hätten die Birken geschlagen und die Steine für die Wegebauten zerschossen.

Jetzt liege ich wieder auf dem Hügel und träume hinaus; Nordwestwind schleudert scharfe Tropfen über die Moorebene, graue Wolken drängen sich am Himmel und hängen tief hinab, kein blaues Fleckchen schaut aus ihnen hervor.

Unter mir schwenkt die alte Birke mit stummem Wehklagen die langen, dünnen Zweige, langt in herzzerreißend sehnsuchtsvollen Bewegungen damit nach den Wacholderbüschen, die in wildem Sturme zucken und zappeln, als wollten sie sich losreißen aus dem blaugrauen Grase.

Das langt und greift mit dürren Händen so jammervoll hoffnungslos hinab, das ringt und drängt mit grünen Leibern so willig folgsam hinauf.

Wütender wird der Sturm. Die Birkruten fahren hoch in die Luft und fallen auf die Spitze des Baumes nieder, wie die Hände eines Menschen, der sich das Haar ausraufen will.

Und jetzt beugt sich der Baum, als wollte er hinab zu den Wacholdern; die Äste reiben sich, daß es gellend pfeift, so gellend, so grell, wie der Pfiff des Heidschäfers durch zwei Finger.

Dieser gelle, grelle, schneidende Pfiff gibt mir Antwort auf meine stumme Frage.

*

Es war einmal ein reicher Schäfer, dem gehörte weit und breit hier alles Land.

Süßes Gras bedeckte statt der dürren Heide und des sauren Rischs das Gelände.

Tausende von Schafen waren sein, nicht magere, ärmliche Schnucken, nein, hohe, feinwollige, stolze Tiere, mit Vließen wie von Seide.

Hier, wo der Hügel sich erhebt, stand sein Haus, aus behauenen Steinen festgefügt, nicht ärmlicher Art aus Ortstein und rohen Stämmen, wie der übrigen Bauern Hütten. Darum hießen sie ihn den Schäferkönig.

Sein Reichtum aber tötete seine Seele und härtete sein Herz.

Wenn die anderen Bauern und Schäfer an den heiligen Tagen den Göttern im Schatten der Eichkämpe auf heiligem Stein Pferdeopfer brachten oder mit lodernden Holzstößen die Erhabenen priesen, dann lachte er und schalt sie Toren und Tröpfe.

Als seine Knechte von den Opferstätten die heiligen Mährenschädel heimtrugen und sie an die Giebel seines Hauses hingen, stieß er mit seinem silberbeschlagenen Hütestock die Opfergedenken herab und schleuderte sie in die Herdflamme.

Wenn Wode Wodan. in stürmischen Herbstnächten in den Wolken weidwerkte mit Hussa und Horridoh und Hu und Hatz, dann schloß der Schäferkönig nicht Tor und Luke und legte sich zur Ruhe, sondern frech trat er in das Tor und lauschte dem Gejaid der Himmlischen.

Die klugen Männer, die weisen Frauen warnten ihn, doch er lachte über ihre Warnworte.

Einst stand er an einem heißen Sommertage vor seinem Steinhause; zu seinen Füßen lagen seine Lieblingshunde Donner und Blitz, weiß der eine, schwarz der andere. Da zog es schwarz herauf mit weißen Wetterköpfen in Ost und West, Süd und Nord.

Der Schäferkönig setzte seine silberne Pfeife an den Mund und pfiff in alle vier Winde, daß es gellend nach Ost und West, Süd und Nord hinausklang; da trieben seine Knechte die Herden von allen Richtungen heran, daß es krimmelte und wimmelte wie ein Meer.

Immer schwärzer wurden die Wolken, immer gelber die Flecke darin, immer lauter der Donner; die Knechte fielen ihrem Herrn zu Füßen und flehten ihn an: »Herr, opfere dem Thor, daß er seinen Steinhammer nicht nach uns werfe!«

Der Schäferkönig aber lachte und schalt.

Da knallte es, als wäre die Erde geborsten, da lohte es, als wäre das unterirdische Feuer hervorgebrochen, nach allen Richtungen hin stoben die Herden auseinander, stürzten in Gräben, sanken in die Tränken, stolperten über Heck und Steg.

Der Schäferkönig schrie nach seinen Knechten; die aber murrten, ließen die Herden im Stich und rannten zum heiligen Hain, dem zürnenden Gotte zu opfern.

Da winkte der Schäferkönig seinen Lieblingshunden Donner und Blitz, daß sie die Herden in die Ställe trieben; aber winselnd umkrochen sie seine Füße und rührten sich nicht vom Fleck.

Schwarz wie die Nacht ward es ringsumher, unhell wie der Tag dazwischen; Blitz um Blitz fuhr grell von Ost und West, Süd und Nord herab, vier Donnerschläge zugleich ertönten jedesmal dabei.

Wie Spreu im Winde stoben die Herden auseinander.

Der Schäferkönig stieß einen schrecklichen Fluch aus; er drohte mit seinem silberbeschlagenen Hütestock zum Himmel hinauf und rief: »Thor, bist du kein Unhold, so banne mir die Schafe! Aber das vermagst du nicht, du Segenvernichter!«

Das Dunkel verschwand, licht wurde der Himmel, still der Donner; stolz wie ein Sieger schaute der Schäferkönig um sich, aber Grauen verzerrte sein hartes Gesicht: vor seinen Augen schlugen seine Schafe Wurzel, ihr seidenes Vließ wuchs aus zu struppigem Grün; Tausende von Wacholderbüschen, eine grüne Herde, bedeckten das Land.

Da schwand des harten Mannes Stolz; er brach in die Knie, raufte sein Haar, streckte seine Arme nach seinen Herden aus und schrie und weinte und lachte.

Und dann riß er vom Ledergurt das blanke Schlachtmesser und zückte es verzweifelt gegen seine Kehle.

Aber sein Arm blieb starr, wandelte sich um in einen krummen Ast, seine Finger in dünne Ruten, seine Füße schlugen Wurzeln; eine mächtige Birke erhob sich an Stelle des Schäferkönigs.

Donner und Blitz, seine Lieblingshunde, wurden verzaubert in zwei Riesensteine, hell der eine, düster der andere.

Das steinerne Haus polterte zusammen, ein Trümmerhaufen, den Heide überwuchs.

*

Zum Heidhügel ist des Schäferkönigs Heim geworden, zur Birke der stolze Mann, zu Steinblöcken seine Hunde, zu Wacholderbüschen seine Herde.

Wenn der Sturm über die Heide fährt, dann ringt die Birke die Zweige, rauft mit ihren Ruten ihr Haar, langt und greift verzweifelt um sich und pfeift gellend den Steinen, die an ihren Wurzeln liegen.

Und die grüne Herde hört den Pfiff und will ihm folgen und ruckt und zerrt an ihren Wurzeln.

Der silberne Baum

Die Sonne brannte auf das hohle Moor; duster lag es da, ein unabsehbarer brauner Plan; keine Birke, keine Fuhre stand darin, keine Blume wuchs daraus hervor; wenn es da und dort und hier blau schimmerte, weiß leuchtete, rot hervortauchte und silbern blitzte, dann waren es nur die blauen Beiderwandsröcke und weißen Hemden der Bauern, nur ihre braunen Arme und blanken Schuten; denn es war die Zeit der Torfernte, und alles, was in Ulenhagen noch kräftig war in den Knochen, war im hohlen Moor.

Vom Kiwittruf bis zur Ulenflucht traten Birkrindenschuhe die Schuten in die Torflager, hoben braune Hände die Soden heraus; und wenn auch die Dullerche noch so schön vom Blauhimmel dudelte und der Pieper noch so lustig sein Lied schmetterte, keiner hörte auf sie, keiner stützte sich auf den Schutenstiel und ruhte aus einen Krähenschrei lang; in sengender Sonnenglut gruben sich die Ulenhägener ihren Winterbrand.

Bis einer von ihnen nach dem Pumpe ging, in dem versenkt die Birkholzflasche lag mit dem kühlenden Moosbeermost; als er getrunken hatte, reckte er sich und wollte wieder zur Schute greifen, da bekam sein Kopf einen Ruck; weit offen wurden seine Augen, die dahin sahen, wo weit hinter dem hohlen Moor, wie eine blaue Mauer, die hohen Fuhren bollwerkten; noch einmal sah er hin, dann nach rechts und nach links, und wieder nach den Fuhren, und dann rief er seinen Nachbar an und zeigte nach der Fuhrenmauer, und der starrte mit offenen Augen ungläubig dahin, und einer sagte es dem andern, und alle Schuten blieben im Torf stecken, alle Männer und Jungens und Frauen und Mädchen liefen auf einen Haufen zusammen; und die Leute aus Ulenhagen, die stillen und wortarmen, sprachen und schrien durcheinander und wiesen nach den hohen Fuhren, hinter denen ein dünner schwarzer Rauchfaden in die blaue Luft zog, ein Rauchfaden, wie ein Stiel an dem oben ein langes schwarzes Rauchbanner wehte.

Noch hatte die Sumpfeule sich nicht gemeldet, noch die Schnepfe nicht gemeckert, noch keine Dommel gebrüllt, noch war kein Frosch laut, und doch zogen sie schon alle zum Dorfe, immer stehen bleibend und nach den Fuhren sehend, hinter denen auf schwarzem Rauchstiel das schwarze Rauchbanner wehte, auf derselben Stelle, wo sonst des silbernen Baumes lange weiße Zauberblüte geflattert hatte.

*

In das bunte Haus auf den schwarzen Bergen hinter den hohen Fuhren war ein Gast gekommen, ungebeten, ungemeldet; die großen Kettenhunde hatten aufgeheult, dumpf und häßlich, als er lautlos über den Hof ging, und winselnd waren sie in ihre Hütten gekrochen; die Hühner hatten aufgeschrien und waren in ihre Häuser gelaufen, und die hundert weißen Tauben flatterten wild hoch und stoben in ihre Luken; und der Fremde kam doch so leise.

Vor der Deelentür, der grünen, weißgezierten, stand der Silberbaum; wie grünes Glas, so klar und so hart, strebte der Schaft empor, dicker als die dickste der hundert Eichen, unter denen des Schwarzberghofes Häuser und Speicher und Ställe standen, und dreimal so hoch als die höchste von ihnen; oben an dem langen Schaft wehte und wogte in lauer Luft, wie aus Greisenhaar gewebt, so silberweiß und so lang, wie drei Gespanne, und so weich und so zart, wie Kinderhaar, des Silberbaumes Wunderblume.

Der Fremde sah den Baum von der Wurzel bis zur Blüte an, und es war, als ob er höhnisch lächelte; dann trat er unter den rot und weiß bemalten Mährenköpfen am Giebel auf die Deele; da fielen die Sensen von der Wand; er trat mitten unter die Knechte und Mägde, bis hinter den Hausvater, der da, drei Köpfe höher wie seine Insten, vor der funkenspritzenden Glut der Eichenstucken stand und finster in das Feuer sah. Eine junge Magd, ein Kind fast noch, aber mit sündigen Augen, trat zu dem Mürrischen und bot ihm den bunten Krug mit Honigbier, aber der Fremde schlug sie auf den runden braunen Arm, daß der Krug auf der Deele zerbrach; dann ging er dicht an den Zweihundertjährigen heran und schlug ihn in die Kniekehlen; da knickte der Alte zusammen. Seine Insten sprangen zu und führten ihn zu dem großen Ledersessel mit den Wolfskopfbacken; und mit geängstigten Augen sahen sie auf ihren Herrn, den bis zu dem Tage noch nie Siechtum noch Leid getroffen hatte.

Am andern Abend kam der Gast wieder; es heulten die Kettenhunde, die Hühner schrien und die Tauben flogen fort. Als der Fremde den Silberbaum sah. da lachte er, denn dessen sturer Schaft war leicht gekrümmt. Ein Krachen ging durch alle Balken, als er über die Deele ging mit leisem Fuß, der stille Gast, und alles Eisen klirrte im Hause. Im Lehnstuhl saß der Alte, vornherüber gebückt, und sah den jungen Wolfshunden zu, die um seine Füße spielten; wieder trat der stille Mann neben ihn und schlug ihn mit der Faust in den Rücken, daß er auf die Deele stürzte.

Am nächsten Abend kam der stille Mann zum dritten Male über den Hof; lauter noch heulten die Kettenhunde, schriller schrien die Hühner auf, wilder flatterten die Tauben; tiefer, fast bis auf das Strohdach, hing des Silberbaumes weiße Wunderblume. In der Dönze auf weichem Bärenfell lag der Zweihundertjährige; das steinerne Gesicht hatte Falten bekommen, die kalten Augen waren matt, die eisernen Hände zitterten; mit den welken Fingern hatte er nach Norden, nach Ulenhagen, gewiesen, mit stammelnden Worten seinem Vertrauten, dem greisen Schäfer, sein Vermächtnis gesagt: »Alles sei euer, doch die Frucht sei der Ulenhägener Erbtum!« Haßerfüllt glommen die halbtoten Augen dabei auf. Der Schäfer wollte ihm den Krug an die trockenen Lippen setzen, doch der Fremde schlug ihm den aus der Hand; dann holte er noch einmal aus und schlug den Alten in den vorgebogenen Nacken; da fielen die Augen zu, der Kopf sank schwer, wie ein Stein, in das braune Fell, und krachend zersplitterte auf dem Dachfirst der Stamm des Silberbaumes.

*

Leichenbrandgeruch war es gewesen, die Rauchsäule mit der Rauchfahne, was die Ulenhägener gesehen hatten; unter dem Geheul und Geschrei seiner Insten war des Alten Leib zerflogen in der züngelnden Glut harziger Stämme, und mit ihm dampften zum Himmel seine treuesten Hunde, seine besten Hengste, seine liebsten Falken, die der Steinhammer ihm mitgegeben hatte als Begleiter auf dem schwarzen Damm, der in das dunkle Land führt; drei Tage lang heulten die Weiber, schlugen die Knechte das Vieh, und dann rissen sie an sich, was das Haus barg an Leinen und Fellen, Waffen und Putz, und zogen fort aus der Wildnis; nur der greise Schäfer, der hundetreue, blieb, seines Herrn Vermächtnis zu erfüllen an den Bauern von Ulenhagen.

*

Vor zweihundert Jahren lag dort, wo sich des Schwarzberghofs Dächer unter den Eichen erhoben, ein Dorf mit stillen, fleißigen Heidjern, die ihren Hafer und ihre Rüben auf den Abhängen der Hügel bauten, die ihre Schnucken grasen ließen auf den dürren Triften und ihr Vieh auf der Wittbeck fetten Wiesen; in Arbeit und Zucht lebten sie ihr stilles Leben, fern von der Welt, die blauäugigen Blondköpfe; die braunen Händler vom Süden mieden das Dorf, denn seine Bauern sahen nicht auf Tand und Schmuck; die roten Backen, der klare Blick waren ihrer Mädchen schönster Schmuck; und wenn sie ein Irrweg hierhin verschlug, so zogen die Fremden bald weiter, denn Gold und Silber gab es hier nicht und den Bauern blieb keine Zeit, die Perlmuscheln aus der Wittbeck zu fischen.

Mißtrauisch waren die Augen der Mädchen, als eine von ihnen über der Brust blanken Schmuck trug: sie sagte, die fremden Händler hätten ihr das blanke Ding gegeben, weil sie ihnen den Weg gezeigt hätte durch das hohle Moor; doch keine glaubte es, und bei der Aust tanzte keiner mit ihr außer dem, mit dem sie immer ging; lange hatte sie sich gesträubt, die Lustige, dem Stillen in sein Haus aus Eichenbalken und Ortstein zu folgen, aber als die andern Mädchen sie mieden, nahm sie seine Hand. Sie gab ihrem Mann einen Sohn und starb.

Braunhaarig und schwarzäugig war der Junge, ein Sonderling in Haar und Gesicht zwischen den blonden Blauaugen, und sonderlich war auch seine Art, als er anwuchs; er kannte keine Scheu vor dem Alter, kein Mitleid mit dem Vieh, wußte nichts von Treu noch Glauben schon als Junge; schnell war er mit der Zunge und flink mit der Faust, rachsüchtig im Herzen. So stand er bald ganz allein; da er sie alle von sich stieß in seiner Bosheit und Gier, so sprachen die Frauen, seiner Mutter Spielgefährtinnen, wieder von dem blanken Ding, das die Tote am Halse getragen hatte, als die braunen Männer das Dorf verlassen hatten, und deuteten auf sein braunes Haar und seine schwarzen Augen, so schwarz und tückisch, wie die Pümpe im hohlen Moor. Da wurde das Gatter zwischen den andern und ihm noch höher. Als dann sein Vater starb und er so allein war im Dorf, wie der Wolf auf der Heide, da suchte er sich ein Mädchen unter den blonden Blauaugen; er arbeitete mehr als die Blonden, er tanzte besser als die Blauäugigen, seine Worte klangen schöner als der weißstirnigen Jungkerle Rede, aber alle Mädchen gingen vor ihm zurück.

Da kamen wieder einmal braune Männer vom Süden, und er zog mit ihnen; aber draußen, vor dem Dorfe, nahm er einen Stein auf und warf ihn in die grüne Saat und drohte nach den Häusern hin.

Nach langen Jahren kam er wieder mit fremdem Volk; die rissen seiner Eltern alte Hütte nieder und bauten ein hohes buntes Haus; in der Nacht nach dem Richtefest ging er blank und bloß durch die Feldmark des Dorfes, in der Hand ein blutrotes Tuch; da sprangen alle Grenzsteine hundert Fuß zurück. Er klopfte an alle Ställe mit rotumbänderter, dreifach gegabelter Eibenrute; da trug andern Tages jedes dritte Stück Vieh, jedes dritte Pferd, jedes dritte Schaf sein Brandmal, das doppelte Dreieck. Er warf einen glimmenden Machangelspan in das Gemeindeholz und jeder dritte Baum trug sein Zeichen. Drei Dinge nahm er und warf sie in ein Loch, das er vor der Deelentür seines bunten Hauses grub: den Schmuck seiner Mutter, den Stein, den er beim Fortgehen nach dem Dorfe geworfen, und ein Stück Brot, das er von einem Kinde gebettelt hatte; darauf legte er den Samen des Silberbaumes. Knallend platzte die Frucht, und in die Höhe strebte der Baum, mit dem Schaft, wie grünes Glas, mit der Blume, weiß wie Greisenhaar und weich wie Kinderlocken.

Überall, wohin der weißen Blume Flocken flogen, dorrte Wiese und Feld; Heide, Moor und Sand wuchsen herauf, aber nur anderer Leute Land befiel des Zauberbaumes Fluch. Seine Nachbarn gruben und pflügten von früh bis spät, aber sie hatten keine Ernte: sie säeten Korn und ernteten Heide, sie streuten Hafer und heimsten Binsen, sie pflanzten Rüben und sahen Risch wachsen aus ihrem Schweiß. Einer nach dem andern ging fort aus dem Dorf und weit, weit von dem Berge, hinten im Moor, quälten sie in Last und Mühe dem Sumpf und dem Sand eine neue Feldmark, ein neues Dorf ab, das Dorf Ulenhagen.

Sie rangen mit dem Moorfieber und kämpften mit den Mücken, die im Juni über den Sümpfen standen wie Moorrauchwolken so dicht, und Jahr für Jahr drängten sie den Treibsand weiter zurück und setzten jedes Jahr mehr grüne Flicken auf das braune Kleid des Moores.

Oben auf seinem Berge stand der Ausgestoßene und sah das Dorf da unten auf der Kante von Moor und Geest herauswachsen, aber weiter als eine Stunde reichte sein Zauber nicht; wer aber aus dem Dorfe über seine Grenze kam, wer irre ging im Moor, der war gebannt beim ersten Schritt über die Grenze; dann kam der Schwarzäugige und band ihn los, und als Leibeigner mußte er ihm folgen, ihm untertan sein mit Leib und Seele.

Oft lagen die Ulenhägener an der Grenze und lauerten ihn ab, um dem Unhold den Pfeil in den Leib zu jagen; aber er hatte sich fest gemacht, und kraftlos fielen die Pfeile an seinem Kittel nieder. Da gruben sie an der Grenze entlang eine doppelte Landwehr, leiteten die Moorwasser in die Gräben, daß keiner der ihren mehr irre gehen konnte und dem Verderben anheimfiel.

Denn auf dem Berge war ein wildes Leben bei Trunk und Knöcheln und frechen Weibern; der Böse säete nicht und erntete reich, der silberne Baum machte ihm eine Stunde in die Runde untertan alle Kräfte von Erde, Wasser und Wind und gab ihm stete Gesundheit und dreifaches Menschenalter. So lebte er, dunkelhaarig und nachtäugig, zweihundert Jahre in Lust und Leichtsinn, bis der Zauberbaum seine Kraft verlor und der ungebetene Gast kam und ihn dreimal schlug: in die Kniekehlen, in das Kreuz und in das Genick.

*

Mitten in Ulenhagen stand die alte Linde, mit breiten Zweigen weit den runden Platz beschattend: hundert große Steine lagen unter ihr; Sitze für die Bauern, wenn sie der Gemeinde Wohl berieten; an Lederriemen hing ein Brett an dem tiefsten Aste der Linde, und zwei Steinhämmer hingen daneben.

Siebenmal und dreimal rief der helle Ton der Hillebille über das Dorf; da kamen sie aus den Türm, die Hausväter, die Männer mit den ernsten, stillen Gesichtern, und jeder nahm den Steinsitz ein, der seinem Hofe erbtümlich war; der Bauermeister saß auf dem Doppelstein an dem Lindenstamme, vor ihm stand der Schäfer vom Berge; zwischen ihnen lag auf der Erde ein Fellsack.

Der Bauermeister blickte in die Runde, und als er sah, daß kein Sitz frei war, sprach er langsam und laut: »Ich habe euch geladen unter die Linde, damit ihr mir saget euren Willen, daß ich ihn erfülle. Der Schäfer des Mannes vom Berge, der Knecht unseres Feindes, bringt uns seines Herrn Vermächtnis; des Zauberbaumes Samen ist es; pflanzen sollen wir ihn in unserer Feldmark, daß uns untertan sind rundherum alle Kräfte in Erde und Wasser und Wind. Der Jüngste von uns soll seinen Spruch tun und der Älteste, und dann bleibet oder gehet, um euren Willen zu zeigen.«

Der Bauermeister winkte dem Schäfer; der knüpfte die Riemen des Fellsackes auf und nahm ein Ding heraus, groß wie ein Kindskopf, glatt wie ein Ei, schillernd in allen Farben. Mit Staunen sahen die Bauern das seltsame Samenkorn. Der Jüngste von ihnen aber tat seinen Spruch: »Zwei Jahrhunderte hat uns der Mann im Berge Böses getan, doch hat es den Einsamen gereut; Macht und Kraft und Herrlichkeit gibt der Zaubersamen. Wir wollen das Erbe antreten.«

Der Blondkopf endete. Sein Nachbar, silberhaarig und blind, der älteste Bauer im Dorf, erhob sich an seinem Schlehbuschstocke. »Böse ist alles, was vom Berge kommt; nichts Gutes kann des schlechten Mannes Erbe sein. Was brauchen wir Kraft und Macht und Herrlichkeit? Wir haben alles, was uns zukommt, und was uns ohne Arbeit zufällt, kann kein Segen sein. War auf dem Berge Frieden und Segen? Arbeitslos und liebelos sind des Schlechten Tage zerflossen, und alle Lust und Wonne hat ihm nicht die bösen Falten von der Stirn wischen können. Der Zauberbaum bringt Fluch; wo kein Schaffen ist um das Brot, da ist kein Frieden, und wo treue Liebe nicht waltet, da fehlt das Heil.«

Der Bauermeister schlug mit dem Hammer an das Eichbrett. Da traten alle Männer von ihren Sitzen fort und drehten der Linde den Rücken zum Zeichen, daß sie die Gabe nicht wollten. Der Schäfer aber rief: »Ich habe hier zu tun, was mein Herr mir gebot; tuet, was ihr wollt.« Er wandte sich vom Dorfe.

Lange berieten die Männer; dann nahm der Bauermeister das glitzernde Ding und ging dem Moore zu, mit ihm die Männer, und die Frauen und Jungens und Mädchen und Kinder folgten; über die Landwehr ging es bis in das hohle Moor; auf den großen Wanderstein legten sie den Zaubersamen; der Bauermeister schlug mit dem Erbbeil aus Feuerstein darauf, doch das Beil zersprang und der Samen blieb heil; zehn Männer faßten einen großen Stein und warfen ihn auf das bunte Ding, aber der Stein zerbarst und der Samen blieb unversehrt; sie häuften trocknes Holz darum und machten ein großes Feuer, aber als es erlosch, da strahlte der Zaubersamen glitzernd wie zuvor; sie warfen ihn in den tiefsten Moorpump, aber er ging nicht zugrunde. Ratlos standen die Männer da. Da drängte sich ein Kind vor, ein blondes Mädchen; in der Hand hatte es einen Zweig der heiligen Mistel, den der letzte Sturm aus dem Wipfel der Eiche geworfen hatte; damit schlug es lachend nach dem glitzernden Ding. Da gab es einen Knall, ein Sprühen und Zischen, Sausen und Funkeln, ein Wind brauste über das Moor, und wie glitzernde Perlen flog es dahin. Die Stelle aber, wo der Zaubersamen lag, war leer. Mit unruhigen Herzen gingen die Leute zum Dorfe zurück.

*

Als der Kiwitt rief am andern Morgen, gingen die Männer wieder zum Torfstich in das hohle Moor. Schon von weitem sahen sie das braune Moor in weißem Schimmer; wie frisch gefallener Schnee lag es auf dem Moore. Es waren seltsame, zarte Flocken, die auf schwanken dünnen Stielen hingen, silbern wie Greisenhaar, weich wie Kinderlocken, Millionen und Millionen Blütenhalme, winzige Abbilder des Zauberbaumes vom Berge. Erst scheuten die Leute das fremde Kraut, aber weil es so schön war, brachten sie es ihren Kindern mit zum Spielen. Und wenn der Sommerwind über das Moor blies, dann jagten die Samen des Silberkrautes jedes Jahr weiter und schmückten alle Moore damit, damit überall die fleißigen Menschen im braunen Moore eine Augenweide haben, wenn sie in sengender Sonnenglut den Torf stechen.

Teufelswerk

Hinter dem hohen Heidberg, der schwarz und schwer wie ein Hünenhaus gegen den hellen Himmel steht, geht rund und rot die Sonne unter, genau hinter dem dicken Stein zwischen den beiden dünnen Birken.

Auf dem Steine sitzt der Teufel und rekelt den Rücken gegen die Sonne; denn er ist von Hause aus viel Wärme gewöhnt und der Maiabend ist frische Von der tiefen Heide her sieht es aus, als liefe ein dicker schwarzer Strich mitten über die Sonne. In der langen dünnen Birke rechts von dem dicken Steine sitzt das Ohreulenmännchen und stöhnt in langsamen Pausen tief und schauerlich; in der langen dünnen Birke links von dem dicken Steine sitzt das Ohreulenweibchen und stöhnt in langsamen Pausen hoch und jämmerlich; in der Heide plärren die Frösche, meckert die Himmelsziege, spinnt und pfeift und klatscht die Nachtschwalbe.

Der Teufel hört es gern. Aber was er nicht gern hört, das ist das lustige Lachen, das aus der Heide heraufklingt, und das fröhliche Singen; und auch das Klappern des Wagens und das Klatschen der Peitsche hört er nicht gern, und, so gern er Feuer sieht, das helle Licht, das von da unten herkommt, kann er nicht leiden, und der ganze Hof dort unten ist ihm verhaßt.

Ihn fröstelt; denn die Sonne ist schon so tief hinter den Berg gegangen, daß sein Kopf mit dem großen Schlapphute, auf dem eine lange Feder steif in die Luft steht, über sie hinausragt. Und ärgerlich ist er auch, ärgerlich auf sich selber, auf den Heidhof da unten, auf alles, was Heide ist.

Er stützt den Kopf in die langen, dünnen, spitzkralligen Hände und dreht an seinem langen, dünnen, spitzzipfligen roten Bart herum. Dann legt er seinen Zeigefinger an seine lange, dünne, spitze Nase, daß sie ganz schief wird. Von der schmalen, flachen Stirn läuft eine Falte, so scharf, wie mit einem Messer geschnitten, bis an sein kleines, grünes Auge, das unter den roten, ineinanderlaufenden Augenbrauen über der Nasenwurzel sitzt, und das zusammen mit den beiden roten Augen giftig funkelt.

Eine ganze Stunde sitzt er da, denkt angestrengt nach und schnauft dabei, daß unten in der Heide der Nebel sich teilt und die Rehe, die auf der Wiese stehen, sich vor Frost schütteln. Seine drei Augen, das grünspangrüne und die beiden bernsteingelben, sehen unverwandt nach dem Hofe in der Heide, hinter dessen Fenstern längst das Licht ausgegangen ist. Dann schrumpft er zusammen, wird immer kleiner, so klein wie eine Fledermaus. Aber noch immer sitzt er auf dem dicken Steine, bis das Ohreulenmännchen lautlos heranschwebt und seine acht Krallen nach ihm reckt, aber entsetzt zurückstiebt, wie es in den Bereich der Eiseskälte kommt, die von ihm ausströmt.

Höhnisch lacht er, daß es klingt, als kratze ein Nagel auf einer Glasscheibe, und fliegt in die Heide hinunter, nicht schwankenden Fluges nach Art der Fledermäuse, sondern geradeaus, wie eine Büchsenkugel und ebenso schnell. Siebenmal umfliegt er den Heidhof; beim siebenten Male setzt sich der Hofhund hin und heult ein einziges Mal laut auf; dann sträubt er das Rückenhaar, winselt und kriecht durch das Hundeloch auf die Diele.

Der Teufel fliegt durch das Eulenloch auf den Kornboden und von da über die Diele und von ihr in das Flett und von da in die Dönze. Der Bauer, die Bäuerin und die Kinder schlafen fest und still; fest und still schlafen der Großvater und die Großmutter, fest und still Knecht und Magd in ihren Kammern. Wütend fliegt der Teufel wieder über die Diele über den Kornboden zum Eulenloch hinaus.

Einen Augenblick später steht er in seiner wahren Gestalt vor dem weißglühenden Höllentor. Seinem Leibdiener, dem ersten Napoleon, streckt er die Füße hin, daß er ihm die Stiefel ausziehe, und dann gibt er ihm einen Tritt, daß er gegen die Wand fliegt. Ohne seiner Großmutter die Nachtzeit zu bieten, setzt er sich neben das Feuer und sieht finster vor sich hin.

Mitleidig sieht ihn die alte Frau von der Seite an, sagt aber nichts. Sie weiß, daß ihm ein Unternehmen fehlgeschlagen ist, und daß es dann besser ist, ihn vor dem Essen nicht zu behelligen. So läßt sie Katrinchen von Medici, die erste Küchenjungfer, auftragen, und erst, wie er dreimal oben aufstößt, daß auf der Erde eine ganze Stadt umfällt, fragt sie ihn, wie es ihm gegangen sei, während Zar Iwan der Scheußliche ihm kniend die lange pfeife anzündet.

Im ganzen wäre das Geschäft leidlich gewesen; die Engländer hätten endlich mit den Bauern in Südafrika Ernst gemacht, in Ostasien fange es auch an, sich zu heben; im allgemeinen wären gute Aussichten auf ein flottes Geschäft. Nur in der Lüneburger Heide sähe es traurig aus. Kein Fortschritt in den Menschen, kein Zug in den Dingen. Seit zehn Jahren arbeite er gegen den Heidhofbauern, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, aber er hätte große Lust, die Sache aufzugeben; es lohne sich nicht. Er könne machen, was er wolle; aber was solle er mit Leuten anfangen, die nicht in das Wirtshaus gingen und jeden Tag vom Hahnenschrei bis zur Ulenflucht arbeiteten.

Die Alte hinkt nach ihrer Hausapotheke, holt ein dickes Buch, in dem sie allerlei Hausmittelchen aufgeschrieben hat, hervor, setzt ihre dreigläserige Brille auf die lange, dünne, spitze Nase und blättert. Die Abschnitte über Spiel, Trunk und Wollust überfliegt sie, und erst, wie sie an die Seite kommt, auf der die Ratschläge für Mammongewinnung stehen, da liest sie langsam.

Endlich wirft sie das Buch auf den Tisch, daß es so dröhnt, daß alle Seismographen Europas aus der Ruhe kommen, rückt das Buch ihrem Enkel hin und weist mit dem Daumen mitten auf die Seite, in deren rotem Gekritzel zwei Worte grün unterstrichen sind, die Worte: Öl und Salz. Verjagt prallt der Teufel zurück, Öl und Salz sind ihm verhaßte Dinge, und wenn er sie berührt, schmerzen sie ihn sehr. Aber als seine Ahne ihm sagt, was sie meine, da lacht er in den Kamin hinein, daß aus dessen Ofenrohr, dem Vesuv, die hellen Flammen schlagen, und geht zufrieden in sein warmes Flammenbett.

Am anderen Morgen ist er in Berlin, fein angezogen, wie ein Mann von Bildung und Besitz. Er gibt in einer großen Bank seine Karte ab, und sitzt bald darauf in dem Zimmer des Bankiers, der ihm höflich zuhört. Eine ganze Stunde reden die beiden, dann telephoniert der Bankier nach seinem Anwalt, der kommt, ein Schriftstück wird aufgesetzt und unterzeichnet, der Teufel empfiehlt sich, und der Bankier und der Anwalt sehen sich erst eine ganze Weile an, dann schlagen sie sich auf die Dickbeine, lachen laut los, sagen: »So ein dummer Teufel!«, haken sich unter und gehen vergnügt zum Frühstück.

Ein Jahr später sitzt der Teufel wieder auf dem dicken Stein, der auf dem hohen Heidberg zwischen den beiden dünnen Birken liegt, rekelt sich an der warmen Scheibe der roten Abendsonne und sieht nach dem Heidhofe hinunter. Er macht ein sehr zufriedenes Gesicht und zwirbelt seine Schnurrbartspitzen in die Länge, daß sie zwei schwarze Striche auf der roten Sonnenscheibe bilden. Behaglich hört er dem tiefen und hohen Gestöhne des Ohreulenpaares zu, aber noch lieber ist ihm das Zischen, Klirren, Klappern und Dröhnen, das aus der tiefen Heide zu ihm heraufschallt, und das von dem hohen schwarzen, glühäugigen Dinge herkommt, das sich hinter dem Hofe erhebt.

Wie die Sonne nur noch mit einem kleinen Abschnitte über den Heidberg sieht und der Teufel sich nicht mehr an sie anlehnen kann, schrumpft er zusammen, wird so klein wie eine Fledermaus, und fliegt schnurgerade nach dem Hofe hinunter, fliegt durch das Eulenloch, über den Kornboden, durch die Diele in das Flett und von da an den Dönzen entlang, hängt sich einen Augenblick an den Kesselhaken, um zuzuhören, wie der Bauer und sein Vater sich streiten, freut sich über das verbitterte Gesicht der Bäuerin und lacht zwitschernd, wie er vernimmt, daß der Knecht in der Kammer sich stöhnend im Bett herumwirft und im Schlafe einen Fluch murmelt.

Dann fliegt er über das Flett, durch die Diele und den Kornboden zum Eulenloche hinaus nach dem großen, schwarzen, hohen, glühäugigen Ding hinter dem Hofe, das so laut zischt, klirrt, klappert und dröhnt, lacht wieder zwitschernd, wie ihm aus dem schwarzen Ding ein gemeines Lied entgegenschallt, schnuppert wohlgefällig den Fuselgeruch ein, der aus dem Schlafschuppen dringt, und taucht einen Funkenblitz später schweinsvergnügt in der Hölle auf.

Ein Jahr später sitzt er abermals auf dem dicken Steine auf dem hohen Heidberge, wärmt sich den Rücken an der Abendsonne und stiert zufrieden in die tiefe Heide hinein, aus der es zischt und dampft und knarrt und klappert und blitzt und leuchtet, glühendrot und bläulichweiß, wieder schrumpft er zu einer Fledermaus zusammen, fliegt schnurgerade nach dem Heidhofe und durch das Eulenloch und über die Diele nach dem Flett.

Da geht der Ahne mürrisch auf und ab, wirft bissige Worte hin, zerknüllt einen braunen Schein in der braunen Faust und wirft den braunen Klumpen zwischen die braunen Torfsoden. Die Bäuerin steht neben dem Herd und läßt die Augen überfließen, die Kinder sitzen in den Ecken, und der Knecht sieht die Magd, die schwerfällig ihrer Arbeit nachgeht, schiefen Blickes an. Der Teufel bleibt solange am Kesselhaken hängen, bis der Bauer hereinkommt. Das ist um Mitternacht. Der Bauer geht unsicher, hat die Stirn voller Falten und legt stumm einen großen Bogen Papier, den er aus der Tasche kriegt, in die Hand seines Vaters. Dann sagt er ein Wort und alle werden blaß.

Einen Peitschenschlag später sitzt der Teufel bei seiner Großmutter und erzählt ihr fröhlich, wie es auf dem Heidhofe aussähe; daß der Bauer zu unbesonnen den Bohrvertrag unterschrieben hätte, so daß er jetzt nicht, wie es im Vorvertrag hieß, für jeden angebrochenen, sondern für jeden vollen Morgen entschädigt werde, daß ihm durch den Schachtbau der Bach abgeleitet sei, daß er sich mit den Nachbarn, die höhere Entschädigungen erzielt hätten, überworfen habe, daß die Magd sich mit einem der Leute vom Schacht eingelassen habe und nun in der Schande sitze, daß der Knecht sich an das Trinken gegeben habe; kurz und gut, daß es schrecklich gemütlich sei.

Ein Jahr später sitzt der Teufel wieder auf dem dicken Stein zwischen den dünnen Birken auf dem hohen Heidberge, lehnt sich gegen die Abendsonne und sieht zu dem Heidhofe hinab. Aber er muß erst suchen, bis er ihn findet; denn der Hof verschwindet fast ganz gegen das riesige schwarze Bauwerk und die mächtigen schwarzen Türme, die sich hinter ihm erheben, und die die ganze Heide mit Lärm und Rauch und Stank und glühroten und blauweißen Lichtern erfüllen.

Wieder macht sich der Teufel zu einer Fledermaus und fliegt zu dem Hofe. Durch das Eulenloch kann er nicht, das ist fort, und die Pferdeköpfe am Giebel sind auch verschwunden, und das Strohdach und das Fachwerk sind auch nicht mehr da; ein roter Backsteinbau erhebt sich dort, wo das uralte Haus stand. Auch der Ahne ist nicht zu sehen; der hat sich in das Grab geärgert, und in der Dönze sitzt die Ahne, die von der neuen Zeit kindisch geworden ist, und der Bauer und die Bäuerin sind in der Stadt; denn sie haben beim Bankier zu tun und wollen ihren Sohn besuchen, der bei den Soldaten ist und Unsinn gemacht hat, weil er glaubte, das Geld sei auch da Treffbube.

Einen Faustschlag später sitzt der Teufel wieder in der Hölle, steckt die Beine unter den Tisch und nickt seiner Großmutter vergnügt zu. Es geht alles nach Wunsch; die Magd ist ihm sicher, die hat er in Federhut und Seidenrock auf dem Asphalt Hannovers gesehen; der Knecht sitzt in Celle, weil er den Schachtmeister, der ihm grob kam, halb totgeschlagen hat; der Bauer spekuliert in Ölkuxen und der Hoferbe trinkt Champagner und hält ein Mädchen aus.

Zehn Jahre später sitzt der Teufel wieder auf dem dicken Stein auf dem Heidberge, hört dem hohen und tiefen Gestöhne der Ohreulen zu und rekelt sich gegen die Sonne, die rund und rot wie ein Kissen zwischen den beiden dünnen Birken hängt.

Er ist äußerst zufrieden. Hört er auch die Nachtschwalben nicht mehr spinnen und klatschen und die Frösche nicht mehr plärren da unten in der Heide, so hört er doch andere Laute, die ihm noch lieber sind. Das Dröhnen des Fallmeißels, das Zischen des Dampfes, das Klirren und Rasseln der Maschinen, das Pfeifen der Ventile, das Heulen der Sirenen; und es riecht zu ihm so lieblich nach Steinöl herauf, daß er, wenn er seine drei Augen zumacht, denkt, er wäre bei seiner lieben Frau Großmutter zu Hause.

Aus alter Gewohnheit schrumpft er wieder bis zu Fledermausgröße zusammen und fliegt in die Heide hinein, aber nach dem Heidhofe sucht er nicht mehr; denn der ist verschwunden vor den Bauwerken der Bohrgesellschaft, und ein zweistöckiges Haus steht da, und darin wohnt der Betriebsleiter der Bohrgesellschaft; der Bauer ist in Hildesheim; denn als er sein Geld im Kuxenspiel verloren hatte, setzte er sich etwas in den Kopf; sein Sohn ging nach Amerika und die anderen Kinder dienen bei fremden Leuten.

Wenn der Teufel zu Hause in seinem weißglühenden Lehnstuhle sitzt, dann spricht er gern lang und breit davon, wie sauer er es mit dem Heidhofe gehabt habe, und wie verdrießlich er an jenem Maiabende war, als er verzweifelnd auf dem dicken Steine zwischen den dünnen Birken auf dem hohen Heidberge saß; und freundlich nickt er dem Bankier und dem Anwalt zu, mit denen er damals den Vertrag abschloß, der nach ihrer Meinung so wenig günstig für ihn abgefaßt war. Und heiter lächelnd fragt er die beiden: »Meinen Sie immer noch, daß ich ein so dummer Teufel bin?« Wenn sie dann verlegene Gesichter machen, sieht er stolz um sich.

Großmutter aber läßt es sich weder mit Worten noch mit Blicken merken, daß sie es eigentlich war, die ihm den guten Gedanken eingab; sie ist eine kluge Frau und weiß die Männer zu nehmen; außerdem will sie ihm die Freude nicht verderben; denn er ist ihr Lieblingsenkel, weil er ihr einziger Enkel ist.

Und so läßt sie ihn die Geschichte erzählen, von dem Tage an, wo er zum ersten Male, gegen die Abendsonne gelehnt, auf dem dicken Steine zwischen den dünnen Birken auf dem hohen Heidberge saß.

Die Heidbrennerin

Die Heide röstet in der Mittagshitze; zundertrocken ist sie; kommt eine leichte Brise, dann mülmt der Sand auf dem Weg; wo die Schnucken hintreten, knastert alles; die Schlange, die auf der Eidechsenjagd ist, läßt das brechdürre Renntiermoos knistern.

Seit Wochen ist es schon so; alle Gräben stehen leer, die Torfstiche sind trocken, durch das Moor kann man in Schuhen gehen, der Bach kann nicht mehr weiter, das Torfmoos hat rote und blaue Hungerfarben, auf den Bruchwiesen kümmert das Gras, und die Heide kann nicht recht blühen.

Der alte Hinrich Uhlboom macht ein ernstes Gesicht; er kommt von seinem Immenzaun in der Brandheide. Da sieht es schlimm aus; viele tote Immen liegen vor den Stöcken, und er hatte doch immer gefüttert; aber die zu Stock flogen, hatten enge Hosen an; voriges Jahr kamen sie immer in Pumphosen. Das gibt schlechte Beute diesmal.

Der Alte seufzt; er bleibt stehen, wischt sich die Stirn mit der braunen, rissigen Hand, und sucht in der Seitentasche der weißlich schimmernden, oft geflickten Beiderwandjacke nach einem Schwefelholze, streicht es an der Lende an, läßt es ausqualmen und versenkt es in den alten zerborstenen Pfeifenkopf, den Eidigs, des Wildschützen Bildnis schmückt; fünfmal zieht er kräftig an, dann raucht er sparsam, kleine blaue Wölkchen fortflattern lassend. Er ist nur ein kleiner Mann und raucht so; die großen Bauern können qualmen, daß der Dampf wie ein Pferdeschwanz dick ist.

Aber die Hitze! er dreht sich um; er will sehen, ob nicht in der Wetterecke hinter dem Torfmoor Wettertürme stehen. Er prallt zurück; hinter ihm in die Machangeln sprang oder flog oder lief etwas hinein, lautlos, wie ein Schatten; es sah aus, wie eine junge Frau; er hat deutlich den blauen Rock und das blonde Haar unter dem geblümten Flutthut gesehen.

Er faßt seinen Schlehbuschstock fest und geht auf die Machangeln zu; aber da ist nichts. Auch im Sande ist keine Spur, und auf Abspüren versteht er sich; früher, als das Wietzebruch noch so voll von Hirschen steckte, wie ein Taternhund voller Flöhe, da hat er manchen Happbock, dem alten Förster Lohmann zum Ärger, gewildert; aber auf der Sandblöße um die Machangeln spürt er nichts, als eine Eidechse.

Er schüttelt den weißen Kopf; er wird alt, sieht Gespenster am hellichten Tage. Dummes Zeug. Aber die Hitze mag daran auch schuld sein; ihm ist ganz schlecht, und erschrocken hat er sich auch; sogar die Pfeife ist ihm ausgegangen; und das Streichholz, wo ist das? Das hatte er ja noch in der Hand, als er sich so verjagen mußte.

Er steckt seine Pfeife von neuem an und geht weiter durch die zunderdürre Heide, über deren magere Blüten die blauen Falter tanzen und die blanken Wasserjungfern flirren, und rechnet nach, was ihn dieser schlechte Sommer wohl kostet. Die Erscheinung hat er beinah schon vergessen.

*

Hinrich Uhlbooms Augen sind aber noch nicht altersschwach. Es war wirklich etwas in die Machangeln gesprungen oder gelaufen oder geflogen, und es war auch eine junge Frau gewesen in einem blauen Rock und einem geblümten Flutthut; ehe er aber an die Machangeln kam, war sie schon über den Brink, und da saß sie und hatte etwas zwischen den hohlen Händen und blies es an.

Diese Hände waren groß und kräftig, aber sie hatten so gar nichts Festes, sie sahen aus, als wenn sie aus Luft beständen; die beiden Trauringe darauf schienen zwei helle Flecke zu sein, wie die Sonne sie auf die Fuhrenstämme malt; und das Gesicht war auch so, wenn man genau hinsah, und hatte keine Festigkeit in sich; und obzwar es sehr schön war, kein Junggeselle hätte es gern leiden mögen, und den Mund der Frau, der so rot war, wie die Beeren am Hülsenbusch, den hätte keiner zu küssen gewünscht. Die Frau war so ganz anders als alle anderen.

Sie saß da und blies und blies; sie blies mit dicken Backen, aber keiner hätte etwas gehört; und als sie sich umdrehte und in die Runde sah und dabei an den trockenen Machangel stieß, da knisterte der nicht ein bißchen; und er knisterte doch, als sich die rote Wasserjungfer an ihn hing.

Die Frau blies und blies, daß ihr rotes Leibchen auf und ab ging vor der Brust; und je mehr sie blies, um so mehr knisterte es in ihrer Hand, und dann piepte es, und ein rotes Ding, wie ein Küken, sprang ihr in den Schoß, und dem streute sie Bilsensamen und Stechapfelkörner, und es wuchs und wuchs und kriegte schwarze und goldene und gelbe und rote Federn und einen langen Kamm, und wenn es mit den Flügeln schlug, dann stieg blauer Rauch auf, und wo es scharrte, da wurde die Heide schwarz.

Dann reckte es den Hals, das bunte Ding, und krähte; als es zum erstenmal krähte, hörten die Bienen auf zu summen und die blauen Schmetterlinge versteckten sich in der Heide; als es zum zweitenmal krähte, brach die Baumlerche mitten im Singen ab und fiel wie ein Stein zu Boden; als es zum drittenmal krähte, stoben die Kuhtauben von dem halbtrockenen Bache hoch und flogen zum Walde, als zöge ein Wetter herauf, und Wasser, des Schäfers Hund, setzte sich und heulte so schrecklich, als ginge der Tod über das Land.

Da stand die Frau auf und ging rückwärts den Brink hinunter; mit der linken Hand hielt sie ihr Fürtuch zusammen, und mit der Rechten langte sie immer hinein und streute dem bunten Vogel sein Giftfutter vor, und der lief ihr nach und pickte und schluckte und schlug mit den Flügeln und krähte und wuchs bei jedem Tritt.

Wo die Frau ging, da knisterte nicht das graue Moos, da knackte kein Heidestengel, da brach kein Fuhrenbraken, da zeigte der Sand keine Spur; wo aber der rote Vogel lief, da knisterte das graue Moos und das blaue Schafgras, da knackten alle Stengel und sprangen alle Braken, gelbe Flämmchen züngelten hoch, und weiße Wölkchen flogen auf.

Rückwärts ging die Frau dem Moore zu. Der Schäfer, der vor dem Moore hütete, lachte laut auf, als er die Frau sah, und rief ihr ein derbes Scherzwort zu. Auf einmal aber war das Lachen aus seinem verwitterten Gesicht fort, er warf das Knüttelzeug aus den Händen und lief, was er nur konnte, nach der Fuhrenbesamung; dort zog er den Rock aus und schlug damit auf die Erde, hierhin, dahin, und dann fluchte er, rannte zurück, trieb seine Schafe ein Ende abseits und raste nach Mahrdorf zu.

Die Frau aber war schon hinten im Moor, und der rote Hahn, der schon so groß war wie ein Storch, lief ihr immer nach; wo er hintrat, gab es eine schwarze Spur, und aus ihr stieg weißer Rauch auf; der schwarze Fleck wurde immer größer, und wenn er an die Heide kam oder an das trockene Ried, schlugen Flammen aus seinem schwarzen Rande und hellblauer Rauch stieg auf. Wenn der Hahn auf eine Krüppelfuhre flog und krähte, fing der Busch an zu knacken, seine Nadeln wurden gelb, seine Zweige wurden krumm, und auf einmal brannte er lichterloh.

Kreuz und quer ging die Frau durch das Moor und lockte den Hahn hinter sich her.

*

In Mahrdorf machten alle Leute runde Augen, als der Schäfer angelaufen kam; denn noch nie hatte ihn ein Mensch laufen sehen. Aber kaum hatte er drei Worte gesagt, da liefen sie alle, die Männer und die Frauen, die Jungen und die Mädchen, und holten Schuten und Barten und spannten an, und dann ging es, was die Pferde laufen und die Räder rollen konnten, dem toten Moore zu.

Die von Mecklenhorst kamen auch und die von Thümanns Hof und die Rodekampschen und die Stadorfer; die Männer fluchten, und die Frauen jammerten; denn weit und breit war alles ein Rauch und ein Qualm.

Erst ließen sie die Hände sinken; denn das Moor war verloren. Der Briefträger, der die Stadorfsche Straße herunter kam, sagte, es brenne auch im Königlichen; im Franzosenholz stehe schon das hohe Holz in Flammen. Da taten sie sich alle zusammen und warfen sich mit Äxten und Schuten an den Busch; denn der Wind drehte sich, und es konnte leicht sein, daß das Feuer nach Süden sprang, und daß dann das ganze Dorf mit aufbrannte.

Um drei Uhr morgens hörten sie auf; keiner konnte mehr. Der Wind hatte sich gedreht, und mit knapper Not hatten die Leute das Dorf gerettet; wenn die Kanoniere aus der Stadt nicht gekommen wären, fünfzig Mann hoch, dann wäre es nicht gegangen. Jetzt lagen sie alle todmüde auf der Erde, schwarz von Qualm und Kohlenstaub, und verschliefen ihre Sorgen.

Eines ganzen Frühjahrs schwere Arbeit war dahin und langer Jahre Mühe; verkohlt war der fertige Torf, verbrannt die Anpflanzungen. Der Oberförster ließ auch den Kopf hängen; eine Geviertmeile Forst, Busch und Heide war verdorben, der Wildstand vernichtet; aber er mußte doch lächeln, so ernst ihm auch zu Sinne war, als ihm die Leute erzählten, der Mahrdorfer Schäfer habe die Heidbrennersche gesehen.

*

In der weiten Heide aber geht so manches nicht mit rechten Dingen zu; in Thümanns Busch läuft in der Johannisnacht das feurige Rad über die Brücke und macht die Pferde scheu; in der Mordheide geht der Mann ohne Kopf um; am dicken Stein bei Stadorf sitzt die Zwergenfrau und wiegt ihr Kind in der goldenen Wiege; in der kalten Flage spukt der grüne Jäger und pirscht auf den weißen Hirsch mit dem goldenen Geweih, und zwischen Rodekamp und Diekhoff sieht man in den zwölf Nächten den sechsbeinigen Rappen, der mit Menschenstimme ruft; in der Brandheide aber wohnt die Heidbrennersche.

Des Wesselbauers Großvater, der hundert Jahre weniger einen Tag alt wurde, hat sie noch bei Lebzeiten gekannt, die schöne Detta, des Vollmeiers Butendorp einziges Kind und Hoferbin, das glattste Mädchen, so weit der Himmel blau und die Heide braun war. Da war kein Bauernsohn im ganzen Go, der nicht gern Butendorps Detta über die Schwelle getragen hätte; sie aber nahm den stillen Hennke Grönhagen, der nie einen Schnaps trank und keine Karte anrührte; denn damals war das Schnapsen und Kartjen in der Heide noch viel im Gange, und die Bauern kamen manchmal erst Donnerstags aus der Kirche.

Es war eine große Hochzeit. Daß es der schönen Detta in die Brautkrone hagelte, legten die alten Frauen aber böse aus und meinten, die Ehe würde nicht glücklich werden. Sie wurde es aber doch, nur daß keine Kinder kamen, obgleich in der Brautkrone die Roggenähren nicht fehlten. Der Bauer und die Frau schafften vom Lerchenstieg bis zur Ulenflucht, Not und Sorge hatten sie nicht noch Arger mit dem Gesinde, und ohne viele Worte zu machen, tat der eine, was dem andern lieb war.

Drei Jahre ging alles seinen guten Gang, bis der dritte Winter der jungen Ehe kam; da brachten die Knechte den Bauern im Schritt auf den Hof gefahren, blutig, bewußtlos, mit gebrochenem Kreuz; sie hatten eine Eiche gerodet, die war falsch gefallen und hatte dem Bauern den Rückenstrang zerschlagen.

Detta schrie nicht und weinte nicht; aber in den sieben Tagen, die der Bauer sich noch hinquälte, verlor sie alles Blut aus dem Gesicht, und in ihr kornblondes Haar kamen weiße Streifen. Sie schrie und weinte auch nicht, als der Tote vom Hof gefahren wurde, sie war ganz still; aber wenn sie allein war, dann lachte sie bitter und redete vor sich hin; und ging sie durch den Hausbusch, dann trat sie nach den Eichen mit dem Fuß und verschwor sich, sie wolle nicht still im Grabe liegen, ehe nicht die Heide weit und breit so blank und glatt sei wie ihre Hand. Die Leute schüttelten mitleidig den Kopf über sie und sagten, sie wäre hintersinnig, aber es war ihr ernst bei ihrer Rede.

Erst kam der Hausbusch an die Reihe; seine hundert und zwölf Eichen bekam der Sägemüller von Stadorf; die großen Fuhren verkaufte sie in die Stadt, die kleinen folgten hinterher als Grubenholz. Als vom Butendorpshofe alles Holz abgetrieben war, kam der Grönhagensche Hof an die Reihe, der in Pacht gegeben war; und als sich ein Käufer fand, schlug sie ihn los und kaufte durch Kiepenhinrich den Bahrbusch, der ihr nach Norden die Aussicht nahm, und schickte ihn in die Kohlengruben; und dann verkaufte sie ihres Vaters Hof und kaufte für das Geld hier einen Busch und da einen Wald und ließ alles kahl machen. Die Bauern runzelten die Stirne über dies Treiben; sie kamen überein, daß keiner an Detta mehr Holz verkaufen sollte. Da wurde sie ganz hintersinnig und sprach mit keinem Menschen mehr; Geld hatte sie genug zum Leben, und so saß sie still vor der Tür des Backhauses, das sie sich als Wohnung ausbedungen hatte, aß oft drei Tage nichts und sprach vor sich hin oder ging tagelang über die Heide.

Um die Zeit fing es an, in der Heide viel zu brennen; bald hier, bald da ging Feuer an, im Busch, im Moor, an Stellen, wo kaum ein Mensch hinkam; es war ganz schlimm damit, so schlimm, daß die Gegend bald die Brandheide hieß. Die Bauern wußten sich bald keinen Rat mehr.

In einer Julinacht kam der Wesselbauer durch die Heide; er wollte die Hirsche schießen, die auf seinem Land Nacht für Nacht zu Schaden gingen. Leise ging der Bauer durch die Feldmark; als er hinter dem Machangelhagen her zusehen wollte, ob kein Wild auf dem Felde stehe, hörte er plötzlich die Hirsche schrecken und wegpoltern. Das kam ihm sonderbar vor; denn er war auf Strümpfen gegangen und unter dem Winde gekommen. Er steckte den Zeigefinger in den Mund und prüfte den wind; der Wind kam ihm entgegen. Gerade wollte er umkehren, da sah er eine Gestalt den Weg entlang kommen; es war Detta Grönhagen.

Das war um zwei Uhr; um drei Uhr kam den Leuten, die zum Mähen wollten, Brandluft entgegen; der Hohmannsche Busch brannte. Wessel, der mit zum Löschen ging, spürte den Busch rundherum ab und fand eine Frauenspur, die vom Dorfe kam; die Rückspur führte wieder zum Dorfe.

Er sprach mit dem Vorsteher, und das Backhaus wurde Nacht für Nacht bewacht; jede Nacht verließ Detta das Haus und kam vor Tau und Tag wieder zurück, und jedesmal danach kam in der Heide Feuer aus. Beim drittenmal schlich Wessel ihr barfüßig nach bis zum Dannholz und traf sie dabei an, wie sie Feuer anlegte; da faßte er sie und nahm sie mit. Sie ging gutwillig und antwortete kein Wort auf seine Fragen; man schloß sie ein und hielt sie unter Aufsicht, weil man den Drosten fragen wollte, was zu tun sei. In der Nacht aber war sie fort, und kein Mensch hat sie wieder gesehen. Nach Jahren fand man im Holze ein Gerippe und Kleiderreste und glaubte, das wäre Detta gewesen.

*

Viele Jahre gingen in das Land, da wollte sie der Besenbinder aus Stadorf im Franzosenholz gesehen haben; sie habe ausgesehen, wie vor zwanzig Jahren; als er sie anrief, verschwand sie, und wo sie gestanden hatte, war das Gras nicht fortgetreten. Man lachte über den Alten, denn er trank gern, aber am Abend kam im Franzosenholz Feuer aus.

Auch Speckhahns Junge, der am Schwedenbrink das Vieh hütete, sah sie, und wieder kam danach Feuer aus, und so ging es immer, wenn sie sich sehen ließ. Die Klugen lachten über den Jungensschnack, aber es war doch etwas daran; wo in der Heide ein Feuer angemacht wurde, da schlich sie heran; die Forstarbeiter im Königlichen sahen sie, den Köhlern war sie begegnet, alle paar Jahre tauchte sie bei der Brandheide auf, die Heidbrennersche vom Butendorpshof, und immer brannte es hinterher.

Bis auf den heutigen Tag ist das so geblieben, und wer durch die Heide zwischen Mahrdorf und Stadorf geht, der kann noch sehen, wo im letzten Sommer die Heidbrennerin den roten Hahn gelockt hat, bis alles ein Rauch und eine Asche war.

Die Tanzjungfern

In Wulfshorn war Erntebier. Hermen Beer, der Vollmeier, hatte seine Diele dazu hergegeben. Von Nachmittag an saßen der stumme Hein, der lahme Krischan und der blinde Jan dort auf vier Bohlen, die über zwei Futtertröge gelegt warm, mit Flöte, Fiedel und Brummbaß und spielten dem jungen Volk zum Tanz auf.

Es war ein reiches Jahr gewesen, das erste gute Erntejahr nach dem langen Kriege; die Wiesen hatten dreifachen Schnitt Nahrung. gegeben, das Stroh war lang, die Ähren waren schwer, Maifrost und Junihagel waren ausgeblieben, Sonne und Regen hatten ein um den andern Tag gewechselt, da konnte schon etwas daraufgehen.

So gellte denn die Flöte, quietschte die Fiedel, brummte der Baß in einem fort; die Röcke flogen, die Nagelschuhe dröhnten, die Mädchen kreischten, die Burschen johlten, und die Gläser wurden schneller leer als voll.

Die Hühner waren längst hinter die Raufen gekrochen, die Eule hatte schon öfter geschrien, und die Fledermäuse fuhren um die Mährenköpfe am Giebel, und noch immer dauerte das Tanzen an. kaum daß die jungen Leute sich Zeit zu einem Happen Essen gönnten, dann drängten sie sich wieder auf die Diele und tanzten und tanzten mit roten Köpfen und blitzenden Augen.

Am tollsten tanzten Hermen Beers vier Töchter, die schönsten Mädchen weit und breit; aus einem Arm flogen sie in den andern, von einer Brust an die andere, und wenn eine einmal aussetzte, so war es nur, um einen Schluck zu trinken, mit dem Tuche über das Gesicht zu fahren oder um eine aufgegangene Flechte festzumachen.

Elsebe, Veve, Engel und Dette hießen sie; sie hatten alle das Beersche Gesicht, aber keine war wie die andere; Elsebe war hellblond und klein, Veve schwarz und groß, Engel braun und schmal und Dette rot und breitschulterig.

Die Uhr ging auf Mitternacht; die meisten Tänzer und Tänzerinnen waren schon nach Hause gegangen, Jan, Hein und Krischan konnten kaum mehr spielen, aber immer wieder füllte ihnen eines der Mädchen den braunen Krug voll Honigbier oder steckte ihnen eine Wurst zu, daß sie noch einen spielten.

Alle vier Mädchen waren versprochen verlobt. und sollten im Mai Hochzeit halten. Ihre Verlobten mochten nicht mehr tanzen; mißmutig, müde und erhitzt standen sie an den Türen und sahen den Mädchen zu, die zu zweien und zweien sich miteinander nach dem Takte der Fiedel und Flöte drehten.

Die Dorfuhr schlug zwölf, der Sonntag hatte begonnen. Hermen Beer kam und mahnte zum Schlafengehen; aber die Mädchen wollten noch tanzen, einen noch; tanzen, tanzen, tanzen, immerzu tanzen.

Bis morgen früh, flüsterte die blonde Elsebe; den ganzen Sonntag, lachte die schwarze Veve; mein Leben lang und noch einen Tag, seufzte die braune Engel; die ganze Ewigkeit, rief die rote Dette.

Da fuhr der Wind von allen vier Seiten über die Diele, und vier Männer traten in das Haus; blond war der eine und blauäugig, hatte einen Ölhut auf und Schifferstiefel an; er faßte die blonde Elsebe und tanzte mit ihr einen schweren Tanz, den keiner kannte.

Schwarz war der zweite, seine Schuhe waren bunt gebunden, rote Bänder waren an seinem Hut, und ein rotes Tuch gürtete seine Lenden; er nahm die schwarze Veve und schwenkte sie in einem wilden Reigen, der im Lande noch nie gesehen war.

Braun war der dritte mit dem Knebelbart und dem Netz in dem lockigen Haar; er faßte die braune Engel und drehte sie auf eine Weise, deren sich keiner erinnern konnte.

Der vierte hatte rotblondes Haar, eine Pelzkappe darauf, Juchtenstiefel an und ein buntgesticktes Hemd, das tief über die faltigen Pumphosen fiel; er trat vor die rote Dette, klatschte in die Hände, schlug die Hacken aneinander, daß die Sporen klirrten, und wirbelte mit dem Mädchen herum, daß allen, die zusahen, angst und bange wurde.

Hermen Beer und seine vier Schwiegersöhne wollten Einspruch erheben; aber die vier Fremden hatten etwas Böses in ihren schönen Gesichtern, und die Scheidemesser, die sie am Gürtel trugen, waren lang und blank. Die fünf Bauern ballten die Fäuste in den Taschen und sahen mit verkniffenen Gesichtern zu.

Die vier Paare aber tanzten, sie tanzten, daß man nur einen bunten Wirbel sah, aus dem heiße Backen und glühende Augen herausleuchteten. Die Diele dröhnte, der Staub flog, Fiedel, Flöte und Baß schrillten, gellten und brummten wie wahnsinnig, denn die Fremden warfen ein blankes Stück nach dem andern den Krüppeln zu.

Eine geschlagene Stunde dauerte das tolle Tanzen. Da fuhr wieder der Wind von vier Seiten über die Diele, daß die buntbebänderten Tannengewinde zerrissen und die Laternen hoch aufblakten; so mächtig war der Windstoß, daß die fünf Bauern und die Musiker an die Wände geworfen wurden. Als sie sich wieder aufhalfen, war die Diele leer.

Draußen aber pfiff und flötete, sang und klang es, das Laub flog von den Zweigen, das Obst fiel von den Ästen, das Stroh stob von dem Dach, und alle Hunde heulten hohl.

Die Leute liefen aus den Türen und sahen nach dem Himmel. Staub wirbelte die Straße entlang und tanzte in Kringeln durch die Grasgärten; in den Lüften schrie und jauchzte es, und vier große Wolken stoben in wilden Wirbeln nach allen vier Windrichtungen.

Kein Mensch hat die vier Mädchen wieder gesehen. Wenn der Nordwind durch die kahlen Äste pfeift, dann sagen die Leute im Dorfe, sie hörten Elsebe juchen, und wenn der Südwind in der Aprilnacht durch die knospenden Kronen fährt, meinen sie Veves Stimme zu vernehmen, aus dem Abendwind wollen sie Engels Schluchzen heraushören und Dettes Lachen aus dem Wind, der von Morgen weht.

Kommt aber alle zehn Jahre einmal ein großer Wirbelwind, der die Bäume im Walde zu Hunderten umwirft und die Dächer abdeckt, dann sagen sie: »Hermen Beers Mädchen halten heute Tanzfest!«

Das Könekenmeer

Wenn man von Lopau, das dahinten in der Heide zwischen Ülzen und Munster liegt, den Hützeler Weg entlang geht, so kommt man nach einer guten halben Stunde an eine Stelle, an der sich die Fahrwege von Munster und Bockum treffen; schlägt man dann den Weg zur linken Hand, der nach Munster führt, ein, so steht man bald vor dem Könekenmeer.

Das ist ein runder, schwarzer Moorpump, der zwischen den Heidbergen in einem weiten und tiefen Grund unterhalb jenes Forstortes der Raubkammer liegt, der den Namen der Fangbeutel führt, weil dort zu hannöverschen Zeiten stets die stärksten Hirsche standen. Auch heutigen Tages stehen zur Brunst dort immer noch gute Hirsche, denn das Könekenmeer dient ihnen als Suhle für ihr heißes Geblüt, und darum ist der Schlamm um den Pump im Vorherbst auch immer ganz zertreten, und schwarze Schleppen zeigen an, wo ein Hirsch gewechselt ist.

Bevor der Dampfpflug hier das Land um und um wühlte und den Boden für die Fuhren zurechtmachte, die dort jetzt so frisch wachsen, wie ringsumher nicht, war da alles weit und breit kahle Schnuckenheide, höchstens daß hier und da ein Horst krüppliger Eichen stand, die sich mühselig durchgehungert hatten. Zu jener Zeit kamen die Schnuckenschäfer von allen Höfen in der Runde dort zusammen, weil das Könekenmeer das einzige größere Wasser war, in dem sich die Schnucken tränken konnten.

So ganz gern tränkten die Schäfer dort ihre Herden aber nicht, denn es ging von diesem Orte die Sage, daß es dort nicht geheuer sei. Der alte Gehegereuter, der einst in einer hellen Mondnacht im Herbstmond um Mitternacht dort vorbeiritt, und der gewiß kein Mann war, der leicht bange wurde, hatte unter dem Brinke zwischen dem Munsterschen Wege und dem Meere eine weißverschleierte Gestalt stehen sehen, die ganz vernehmlich seufzte und bitterlich die Hände rang, und als er am andern Morgen wieder dort vorbeiritt, stieg er ab und band seinen Rotschimmel an eine Eiche, um zu sehen, ob sich dort nicht vielleicht der Achtzehnenderhirsch vom Behrensloh spüre, und da verjagte er sich ganz gefährlich, denn in dem sandigen Ufer war deutlich die Spur von Mädchenfüßen zu sehen, das lange, spitze Schuhe angehabt hatte, wie man sie zu jener Zeit nicht trug, und an dem toten Machangelbusch, der nicht weit davon stand, hing ein Stück Schleiertuch feinster Art, und das war voller Blut.

Als er das in Wolfsrode erzählte, wurde er ausgelacht, denn es war bekannt, daß er die Bauern gern ein bißchen zum Narren hielt. Kurze Zeit darauf kam aber einmal eine Hochzeitsgesellschaft zwischen einem und dem anderen Tage zu Wagen dort vorbei, und da wollten die Pferde mit Gewalt nicht voran, denn vor ihnen auf dem Wege stand eine blaue Flamme, die meist ganz so wie ein Mensch gebildet war, und die erst wich, als eins von den Mädchen von dem Kümmelbrot, das es mitgenommen hatte, den Kümmel abstreifte und nach dem toten Feuer hinwarf. Da wurde die Flamme ganz klein und sprang mit einem Satze über das Meer, und eine Stimme, von der keiner wußte, ob sie nun aus der Höhe oder aus der Tiefe kam, und die nicht laut und nicht leise war, schrie: »Fahr' hille, fahr' hille und kiek dich nicht um!« Da fuhr der junge Bauer, der das Sattelpferd ritt, unbesonnen los. Seine Schwester aber, darauf vertrauend, daß sie noch einige Kümmelkörner in der Hand behalten hatte, konnte ihren Fürwitz nicht bergen und mußte sich umsehen. Da sah sie eine weiße Jungfrau, die eine goldene Krone aufhatte, in dem Meere verschwinden, und in demselben Augenblicke bekam sie einen Stoß gegen die Brust, daß ihr die Luft wegblieb. Sie lag ein volles Jahr krank und starb in derselben Nacht um dieselbe Stunde, in der sie ein Jahr vorher von der unsichtbaren Faust unter das Herz gestoßen war.

Nun wußte man damals schon, daß dort, wo sich zwischen einem und dem anderen Tag eine Flamme zu zeigen pflegt, ein Schatz begraben liegt, und so versuchten mehrere Leute, die sich klug genug dünkten, ihn zu heben, unter anderen auch der Zigeuner Peterspaul, der mit seinen sieben Frauen damals viel in der Heide auf und ab zog. Er verstand sich auf allerlei geheime Künste, konnte das Vieh besprechen, Häuser blitzfest machen und Diebe bannen, und so dachte er, es würde ihm leicht sein, den Schatz zu bören. Deshalb ging er in einer Nacht los, nachdem er seine Frauen und Kinder auf der Heide in einer Hütte gelassen hatte. Splitterfasernackigt ging er los, nur die Schuhe behielt er an, auf die er mit Kreide je ein Kreuz geschrieben hatte, und er nahm einen geweihten Spaten, ein gesegnetes Licht und einen Erbschlüssel mit einem Kreuzgriff mit. Was sich dort nun begeben hat, weiß man nicht. Aber gerade in der Mitte zwischen der zwölften und der ersten Stunde hörten seine Frauen, die in der Plaggenhütte knieten und die Gebete sprachen, die er ihnen anbefohlen hatte, ein schreckliches Lachen vom Könekenmeere herkommen und sie sahen etwas durch die Luft fliegen, das wie ein feuriger Schillebold aussah, aber so groß wie ein Langbaum war, und eine gräßliche Stimme schrie: »Bet' hin und bet' her, es hilft doch nichts mehr.« Als es hellichter Tag war, gingen die sieben Weiber nach dem Könekenmeer, fanden aber bloß die Schuhe, den Spaten, die Kerze und den Erbschlüssel, und mitten auf dem Meere schwamm eine Ente, die war so rot wie Blut. Von Peterspaul wurde aber niemals wieder etwas gehört noch gesehen.

Viele Jahre nachdem sich dies begeben hatte, vertrieben sich die Hirten einmal auf Lopeßettel die Zeit mit Geschichtenerzählen, und der älteste von ihnen erzählte auch, wie es dem Zigeuner Peterspaul am Könekenmeer gegangen sei, und er fügte hinzu, daß der Schatz noch immer dort in der Erde schlafe, denn der Lopauer Förster habe mehr als einmal, wenn er vor dem Fangbeutel die Hirsche verhörte, die blaue Flamme zu Gesicht bekommen. Nun war der jüngste von den Schäfern ein hübscher, langer Mensch, den die anderen immer zum Narren hielten, weil er bei seinen fünfundzwanzig Jahren noch wie ein Kind war, alles glaubte was man ihm erzählte und den Frauensleuten um so mehr aus dem Wege ging, je mehr sie hinter ihm her waren. Das kam aber daher, weil er zu einem Mädchen hielt, das gerade so hübsch, aber gerade so arm wie er war, und genau so einfältig von Herzen. Dem ging die Geschichte von dem Schatze mächtig im Kopfe herum, denn er dachte, daß es ihm vielleicht glücken könne, ihn zu heben, und wenn es hundert Taler wären, die dort vergraben wären, und bekäme er die, so könnte er sein Mädchen freien. Wo er ging und stand, mußte er daran denken, und sogar nachts, wenn er schlief, sah er das Könekenmeer vor sich, wenn es sich nur irgend machen ließ, hütete er nach dem Meere hin, und wenn er dort war, suchte er nach Anzeichen, wo der Schatz liege. Aber da war nichts als Heide und Krüppelfuhren und Sand und Steine. Da wurde er ganz schwermütig und so hintersinnig, daß er nicht aufpaßte, so daß ihm die Wölfe ein Schaf nach dem anderen rissen, bis das dem Bauern zu viel wurde und der ihm aufsagte.

Ganz betrübt schnürte er sein Bündel, nahm Abschied von seinem Mädchen und ging den Hützeler Weg entlang, denn er hatte gehört, daß in Bockum ein Schäfer nötig sei. Als er an dem Kreuzweg war, war ihm so, als müsse er das Meer noch einmal sehen, und so ging er darauf zu. Aber da sah es aus, wie allezeit, bloß daß ein starker Hirsch dort stand, der sich dort getränkt hatte, ihn groß ansah und nach dem Fangbeutel hinzog. Der Schäfer hatte vor Herzeleid und Kummer den ganzen Tag noch nicht ordentlich gegessen, und da es ihn hungerte, setzte er sich unter den Eichenbaum auf den Brink, knotete sein Bündel auf und begann zu vespern. Als er gegessen hatte, war ihm ganz schläfrig zumute, und darum machte er sich lang, um ein Augenblickchen zu schlummern und dann den Weg wieder zwischen die Füße zu nehmen. Wie er nun so schlief, träumte ihm, daß dicht vor ihm eine weiße Jungfrau stände, sieben Schritte gerade aus und fünf zur Seite machte, auf den Erdboden wiese und spräche: »Siebene lang, fünfe breit, und des Nachts um dieselbige Zeit«, und damit war sie verschwunden. »Das ist ja ein dummerhaftiger Traum,« dachte er, als er aufwachte, nahm sein Bündel auf und ging fort. Als er aber wieder an dem Kreuzwege war und nach Bockum zu ging, war es ihm, als lege ihm jemand die Hand auf die Schulter und flüstere ihm zu: »Siebene hin, fünfe her, heute nacht oder nimmermehr.« Er verjagte sich kein bißchen, als er das hörte, denn da er noch nie einem lebenden Wesen ein Leid angetan hatte, so hatte auch er vor nichts auf der Welt Angst. Er wußte aber nicht, was er anfangen sollte, und darum fing er an, an den Haken seines Kittels abzuzählen, und als er daraus entnahm, daß er nach Lopau zurückgehen und sich einen Spaten holen solle, tat er das.

Es war schon meist elf Uhr, als er wieder auf dem Brinke über dem Könekenmeere war. Es war eine helle Nacht und alle Sterne schienen; doch je mehr die Zeit voranging, um so dunkler wurde es, und als es hart auf Mitternacht ging, konnte er die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Mit einem Male wurde es wieder ganz hell, und da sah er, daß aus dem Könekenmeer ein Fräulein herausstieg, das war wunderschön anzusehen, aber es war nackigt, wie ein Fisch, jedoch hatte es eine silberne Krone auf und silberne Schuh an. Es ging stracks auf ihn zu, stellte sich vor ihn hin, lächelte ihn an und hielt ihm ihre roten Lippen so dicht vor seinen Mund, daß es klar war, sie wollte von ihm geküßt sein. Aber er dachte an seine Liebste und schüttelte den Kopf, und das nackte Fräulein wurde zu Nebel und verschwand in der Luft. Nach einer Weile kam wieder ein nacktes Fräulein aus dem Wasser, das aber eine goldene Krone und goldene Schuhe hatte, und auch dieses bot sich ihm an; als er aber abermals abwehrte, verschwand es ebenso wie das erste, und auch ein drittes, das eine Krone aus Rubin trug und ebensolche Schuhe anhatte, ließ er nicht an sich herankommen. Dann standen auf einmal drei große schwarze Hunde, die aber jeder nur ein Auge hatten, das so groß wie ein Teller war, vor ihm: die rasselten mit ihren Ketten, fletschten die Zähne und kamen ihm so nahe, daß ihre langen roten Zungen ihm fast in das Gesicht langten. Ihm kam das aber nur spaßig vor, denn er sah, daß jeder bloß drei Beine hatte und daß es gar keine rechten Hunde waren, denn die Zweige von dem trockenen Machangelbusche, der vor ihm stand, gingen mitten durch sie durch. Darum lachte er über sie und sofort wurden alle drei zu Nebel.

Als er noch über die weißen Fräulein und die schwarzen Kettenhunde nachdachte, fielen mit einem Male sieben Sterne vom Himmel und bildeten über dem Meere einen halben Kreis, ähnlich einem Regenbogen, und davon wurde das Wasser so hell und klar, daß er bis auf den Grund sehen konnte. Und da sah er, daß auf dem Grunde eine eisenbeschlagene Haferkiste stand, und vor der führte eine gläserne Treppe durch den Erdboden bis in den Brink, auf dem er saß; und gerade auf der Stelle, wo die Treppe aufhörte, stand plötzlich eine blaue Flamme und ging langsam auf und ab, ohne zu zittern und zu flackern, und das auf derselben Stelle, wo die weiße Jungfrau verschwunden war, von der er geträumt hatte. Dreimal ging sie auf und ab und dann verschwand sie, ohne daß er sah, wo sie geblieben war. Da wußte er, was er zu tun hatte. Er nahm seinen Spaten und schlug da ein, wo die Flamme gestanden hatte, und als er die siebente Plagge zur Halbe warf, sah er einen eisernen Ring im Sande, und als er daran zog, war eine Kellerklappe daran, die ganz leicht aufging, und unter ihr war die gläserne Treppe zu sehen. Ganz getrost stieg er die siebenundsiebzig Stufen hinab und wunderte sich nur, daß er dabei nicht naß wurde, denn er hatte doch gesehen, daß die Treppe bis auf den Grund des Meeres reichte. Aber rings um ihn und über ihm trat das Wasser zurück, wie eine Kuppel aus Glas, und unter ihm war der Boden aus Marmelstein und mit allerlei Zierat ausgelegt, und mitten darauf stand die eisenbeschlagene Haferkiste. In gutem Vertrauen ging er darauf los, klappte sie auf und nahm sich von dem Gelde, mit dem sie bis an den Rand gefüllt war, hundert Taler, machte die Kiste zu und stieg die Treppe wieder in die Höhe, schloß die Kellerklappe, schüttete den ausgegrabenen Sand darauf, legte auch die Plaggen wieder an ihre Stelle, trat sie fest und verließ fröhlichen Herzens den Ort, nicht ohne daß er erst den Hut abgenommen und sich dreimal zum Dank verbeugt hatte. Dann ging er nach einem leerstehenden Schafkoben und schlief dort, bis die Vögel ihn aufweckten. Als er sein Bündel aufnahm, kam es ihm schwerer vor, als in der Nacht, und da machte er es auf und sah, daß aus den Silberstücken lauter Gold und daß er nun ein reicher Mann geworden war.

Er blieb aber so einfach und schlicht, wie vordem, bloß daß er sich einen schönen Hof kaufte, den er wie ein rechter Bauer bewirtschaftete, wobei ihm seine Frau, ehedem eben jenes arme Mädchen, um dessenwillen er den Schatz gehoben hatte, fleißig half. Er sprach auch zu niemand darüber, wie er zu dem Gelde gekommen war, bis ihm nachgesagt wurde, er habe es irgendwie gestohlen, und da kam er mit der Wahrheit heraus. Nun lebte in jener Gegend ein Mann, der vor Geiz an zu stinken fing, und der quälte ihn so lange, bis er ihm haarklein alles erzählte. Da ging dann der Geizhals dieselbe Nacht hin und wollte die Truhe im Könekenmeer leer machen. Er nahm sich dazu einen Maltersack mit, und er kam auch eine Weile nach Mitternacht damit angefahren, prahlte gefährlich und als er auf den Sack schlug, klingelte und klapperte es, als wenn er bis oben hin voll Gold und Silber war. Als er ihn aber ausstürzte, kamen lauter Kieselsteine heraus, und in demselben Augenblicke flog ein brennender Langbaum, wie ein Schillebold anzusehen, durch die Luft und eine grobe Stimme schrie: »Kehr' her, kehr' hin; das ist dein Gewinn.« Da wurde der Geizhals vor Schrecken krank, und als er wieder hochkam, war er albern geworden und tat nichts mehr, als daß er am Könekenmeere Steine sammelte und sie auf seinen Hof schleppte und zählte.

Manches Jahr hat er das so getrieben, aber ehe er alle Steine dort aufgesammelt hatte, mußte er sterben, und wer jetzt um das Meer herumgeht, das aber längst nicht mehr so weit und so breit ist, wie zu jener Zeit, der kann noch eine Menge solcher bunten Steine dort liegen sehen, die der Geizhals da einst im Schweiße seines Angesichts gesammelt hat. Aber wenn er auch Nacht für Nacht aus der Mitte zweier Tage dort aushält, den Schatz wird er nicht heben, denn die blaue Flamme läßt sich dort schon lange nicht mehr sehen, weil die eisenbeschlagene Haferkiste siebentausendsiebenhundertsiebenzig Klafter tief in die Erde gerückt wurde, nachdem der Geizhals sie leer gemacht hatte.

Zu Geld und Gold bringt man es jetzt in dieser Gegend nur noch, wenn man den Acker baut.

Hubb der Hüne

Hubb der Hüne lag und schlief. Fest und tief schlief er, denn wer sollte ihn wohl stören hier an die tausend Fuß oder mehr unter dem Moore.

Er schlief und atmete tief und langsam. Jeden Neujahrsmorgen zog er die Luft ein und am Altjahrsabend gab er sie wieder von sich, und alle zehn Jahre schnarchte er laut und kräftig, daß es oben auf der Geest zu hören war. Wenn er aber hundert Jahre geschlafen hatte, dann drehte er sich auf die andere Seite. Alle tausend Jahre jedoch wachte er auf, wischte sich die Augen aus, gähnte und machte sich murrend und knurrend an die Arbeit.

Er rückte das unterirdische Gebirge, das inzwischen hier und da aus der Kehr gekommen war, gerade, sah nach, ob die Quellen noch so liefen, wie er es wünschte, und war das nicht der Fall, so stocherte er mit dem Finger ein neues Loch in die Erde und wischte mit der Hand die Quelle dahinein, denn er hielt sehr auf Ordnung, und es war ihm durchaus nicht nach der Mütze, nahm so eine Quelle ihren Lauf über seine Salzlager, denn die brauchte er für den Haushalt, oder fiel sie in seine Ölkammern, denn das Öl hatte er zum Schmieren seiner Stiefel nötig.

Vorläufig aber tat er das alles nicht, sondern war gerade im allerbesten Anschlafen, und er träumte sehr schön, denn er träumte, daß er noch fast neunmal hundert Jahre schlafen könne, und Schlafen war seine liebste Beschäftigung. Doch auf einmal war ihm so, als müsse er aufwachen, und als so Stücke zwei bis drei oder auch vier Jahre darüber hingegangen waren, vielleicht waren es sogar fünfe, wenn nicht gar sechse, da träumte er, seine Frau wäre beim Großreinemachen und bummste in einem fort mit dem Schrubber gegen die Schlafkammertür, was er für den Donner nicht vertragen konnte, und davon wachte er gänzlich auf.

Er gähnte so herzhaft, daß das ganze Moor an zu wabbeln fing, rieb sich den Schlaf aus den Augen, sah noch etwas dösig um sich, juckte sich das Haar, buddelte sich in dem rechten Ohr, auf dem er gelegen hatte, und dann sah er nach der Uhr: »Ein Tausend neun Hundert und ölfe,« brummte er, und dann sagte er: »Hm,« schüttelte den graublonden Kopf, machte ein ganz dämliches Gesicht und rief: »Hibbe, was ist denn das für ein Duffsinn, altes Mädchen, mitten in der Nacht die alte verrückte Reinmacherei!« Aber keine Hibbe meldete sich, und so stand Hubb murrend und knurrend auf, steckte das Licht an und da sah er, daß seine liebe Frau ganz friedlich dalag, den Mund offen hatte und geruhig und leise atmete.

»Du, Alte,« sagte der Hüne und rüttelte seine Eheliebste, »wach mal auf!« Es dauerte eine ganze Weile, so. Stücke zwei bis drei Jahre, wenn nicht vier bis fünfe oder gar sechse, bis die Frau so weit war, daß sie sich vermuntert hatte, und dann wurde sie zuerst ganz falsch und sagte: »Was soll der Unsinn, alter Döllmer, einen mitten in der Nacht zu wecken? Ich war gerade im schönsten Anschlaf! Und ich träumte just, Ballermannsmutter sei all wieder die Suppe übergekocht und über das halbe Land Italia gelaufen, und sie machte den Mädchen deswegen solche Schande, daß das olle Messina oder wie das Nest da unten heißt, von neuem in den Dutten gepoltert ist. Was hast du denn, Vater, daß du so'n verbiestertes Gesicht machst? Und wie kommst du bloßig auf den dummerhaftigen Gedanken, mich vor der Zeit zu wecken, wo du doch weißt, daß ich es davon in die Nerven kriege!« Sie faßte sich nach dem linken Schlaf und stöhnte: »Ach, du lieber Himmel; da geht es schon wieder los! Noch nicht mal in der Nacht hat man seine Ruhe. Hätt' ich doch bloßig auf meine Mutter gehört und wen anders genommen, als dich ollen Hibbelhans!«

Hubb bekam es nun mit der Angst, denn wenn seine liebe Frau Migräne bekam, so dauerte es mindestens zwei- bis dreihundert Jahre, ehe sie wieder in der Reihe war, und dann konnte er Feuer machen und Suppe kochen und den Estrich fegen, und das tat er verdammt nicht gern. So strich er ihr denn ganz sachte über die Backe und sagte: »Tja, Mutter, es ist man, nämlich, weil daß ich selber zur Unzeit aufgewacht bin, indem mir träumte, du wärest beim Reinemachen und bummstest gegen die Dönzentür. Sei man nicht böse, denn mir ist auch nichts daran gelegen, mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu kommen. Aber ich möchte man bloß wissen, was das für ein dummerhaftiges Bummsen ober uns ist, das da in einem Ende im Gange ist. Erst dachte ich, es wäre da im Keller, aber da ist es nicht, und wie es mir scheinen will, so ist es oben auf dem Dache. Hörst du es nicht, Mutter? Es ist als mehr an einer Stelle. So 'was hab' ich meinen Lebtag nicht belebt, und ich bin doch nicht von heute. Komm, Altsche, zieh dir was aufs Leib. Woll'n mal nachsehen, was da los ist!«

Hibbe sagte erst: »Sieh doch selber zu, olle Bammelbüchse!« Aber als sie genauer hinhorchte, schüttelte sie besorgt den Kopf, sprang aus dem Bett, zog sich ihre Röcke und das Leibchen an, schlug das Brusttuch um, fuhr in die Strümpfe und die Pantoffeln und dann horchte sie schärfer hin. »Wahrhaftig, Mann,« sagte sie, »da werde ich nicht aus klug, aus diesem Gebummse. Aber daß du meinen konntest, das sei ich mit dem Schrubber, na, ich möchte bloßig wissen, wo du deinen Verstand hast. Aber nun hab' ich nicht eher Ruhe, als bis daß ich weiß, was dahinter stecken tut, denn mit richtigen Dingen geht das sicher nicht zu. Das ist ja gerade, als wie damals, wo wir bei Bullerjahns zu Kindtaufe waren, du weißt doch noch, wo der große Erdpott überkochte, und nachher hieß es, daß Herkulanum und Pompeji davon in die Wicken gegangen sind, wenn das man nicht was Ekliges bedeutet. Geh du man voran!«

Hubb war das nicht so ganz recht, denn der Mutigste war er just nicht; aber da ihm nichts anderes übrigblieb, und er Bange hatte, seine Frau könne ihm das vorwerfen, so stapfte er die Bodentreppe hinauf, alle Augenblicke stehen bleibend und sich nach Hibbe umsehend, die immer drei Stufen hinter ihm war und bei jedem Schritt mächtig aufstöhnte, denn sie war recht völlig und deshalb etwas kurz von Atem. So kamen beide bis an die Bodentür; da blieben sie stehen und horchten. »Bumms,« ging es, und wieder einmal »bumms«, und alle Augenblicke »bumms« und »bumms«. Hibbe stieß ihren Mann in die kurzen Rippen: »So mach doch auf, oller Döllmer! Hast wohl Angst?« Das konnte Hubb nicht auf sich sitzen lassen, er klinkte die Tür auf und sah durch die Ritze. Erst wollte er zurück, aber dann besann er sich, machte die Tür weiter auf, steckte den Kopf hinein, horchte, schüttelte den Kopf, leuchtete mit der Ölfunzel vor sich hin, lachte dann und flüsterte seiner Frau über die Schulter und sagte: »Bloß Menschen, Mutter; nicht der Rede wert. Komm zu; wollen uns mal ansehen, was die auf unserm Boden zu tun haben. Aber erst will ich mein Augenglas aufsetzen, wo hab ich es denn nu all wieder? Ach so!«

Er putzte die großmächtige Hornbrille mit seinem roten Schnupftuche, klemmte sie sich vor die Augen, zog die Stirn in Falten und brummte: »Ist das eine verrückte Bande! Ist das eine ausverschämte Gesellschaft! So ein freches Gesindel! Sieh bloß, Mutter, da ist doch rein das Ende von weg! Ja ich sage bloß; es wird noch so weit kommen, daß das Kroppzeug uns bis in die Dönze kommt! Da soll doch gleich ein heiliges Dreidonnerwetter, sage ich, hineinschlagen! In unserem Hause, sage ich! Auf meinem Boden, sage ich! Ohne Anfrage und Erlaubnis, sage ich! Den Deuwel auch, sage ich, da will ich doch einen Sticken beistecken, sage ich! Denn was zu viel, das ist zu viel, sage ich! Ich lasse mir viel gefallen, wenn es bloß ein Ende nimmt, sage ich! Mutter, was sagst du dazu, sage ich! Ist das nicht ausverschämt, sage ich! Na, denen wollen wir es aber beibringen, sage ich! Man schnell einen Pott Wasser und den Besen her, Mutter, sage ich! Ist mir das Takelzeug schon mitten in meinem Salz, sage ich! Und wahrhaftig, über das Öljefaß ist es mir auch schon gekommen. I, da soll denn doch gleich, sage ich!«

Während die Frau hinging, um Wasser und den Besen zu holen, ging ihr Mann näher heran und sah sich an, was da vorging. Aus dem Dache kamen an mehr als einer Stelle dünne Röhren, die sich drehten und in dem Salzlager herumbohrten. Hubb nahm sie zwischen die Finger und brach sie ab. An einer anderen Stelle krimmelte und wimmelte es von Menschen, die sich wie Ameisen zwischen den Gipsschichten zu schaffen machten. Hubb blies sie fort. Wieder an einer anderen Stelle bummste es fortwährend und der Mörtel fiel herunter. Hubb drückte mit der flachen Hand dagegen und das Bummsen hörte aus. Er ging zu seinem Schmierölbottich und sah, daß auch da einige Röhren, die aus dem Dach kamen, hineingingen, und als er nachmaß, fand er, daß mehr Öl weg war, als er verbraucht hatte. Er bog die Röhren zur Seite. Inzwischen kam seine Frau, goß einen Eimer Wasser über das Gipslager und fegte die Salzvorräte ab, und dann trat sie die kleinen zweibeinigen Käfer, die auf dem Boden herumliefen, tot, wobei sie jedesmal »Brr!« oder »Igitt!« sagte. Schließlich schob Hub den Ölkump ein Ende weiter, holte sich Lehm und Wasser, kleisterte die Risse in dem Dache zu und sagte zu seiner Frau: »So, Mutter, nun wollen wir Kaffee trinken und dann zu Bette gehen. Ich denke, vorerst haben wir vor dem Unzeug Ruhe.«

Durch die Zeitungen ging aber noch selbigen Tages folgendes Telegramm: »Ein bedeutendes Grubenunglück ereignete sich heute früh in der Lüneburger Heide. Um sechs Uhr dreiundvierzig Minuten hörte man ein unterirdisches Rollen zwischen Öldorf und Kalthagen, und in demselben Augenblicke rissen die Ketten der Fallmeißel und brachen die Rohre der Diamantbohrer der Gesellschaft ›Eulalia‹ ab, während in dem Schachte der Gesellschaft ›Herkules‹ gleichzeitig ein Wassereinbruch erfolgte, dem die gesamte Belegschaft zum Opfer fiel. Nach Urteilen Sachverständiger handelt es sich um einen Zusammenbruch der Anhydritschichten, also um ein lokales Erdbeben tektonischer Art. Der Schaden wird auf elf Millionen Mark geschätzt. Mutmaßlich ist an eine Wiederaufnahme der Arbeiten nicht zu denken. Rettungsarbeiten haben bislang keinen Erfolg gehabt.«

Dieweil nun da oben Jammer und Elend war, und die Kuxe von »Eulalia« und »Herkules« wertloser waren als Packpapier, lagen Hubb und Hibbe friedlich nebeneinander und schliefen sanft und selig.

Puck Kraihenfoot

Ganz hinten in der Heide, wo sich Fuchs und Has im Mondschein begegnen, liegt ein ganz barbarscher Heidberg.

Oben auf seinem Kopfe steht eine großmächtige Fuhre, die größte weit und breit. Man kann sie weit sehen, und die Bauern richten sich nach ihr, wenn sie über die Heide fahren.

In ihrer Krone horstet der Rauk, der große Rabe, in ihrem Stammloch brütet der Schwarzspecht, unter ihren Wurzeln hat die giftige Adder ihr Schlupfloch. Und da wohnt auch Puck Kraihenfoot.

Puck Kraihenfoot ist ein Schwarzelb. Er ist einen Fuß hoch, hat ein grünes und ein rotes Auge, gelbe Mausezähne, einen langen, flechtenfarbenen Bart, eine Nase wie eine Hagebutte, Finger wie ein Kateiker, und Füße wie eine Krähe.

Er trägt einen knallroten, etwas verschossenen Mantel mit hoher spitzer Kapuze, der ihm bis auf die Vogelfüßchen reicht. Die Füßchen aber sieht man nicht, denn er schämt sich sehr darüber und trägt im Winter lange Stiefel und im Sommer Schuhe und Gamaschen.

Im Sommer hat er es gut. Da sitzt er auf der mittleren Fuhrenwurzel, die er schon ganz blank gescheuert hat, spielt auf einer Flöte, die er aus einem weißen Hasenknochen gemacht hat, ganz merkwürdige Weisen, oder er schmökt aus einem Krähenschädel, in dem ein Reethalm steckt, getrocknete Postblätter.

Wenn er Besuch von anderen Elben bekommt, zum Beispiel von Niß Pogg vom Steingrab oder von Peter Wipp aus dem Dübelsmoor, dann läßt er etwas draufgehen. Dann müssen die Grillen fiedeln, die Glühwürmer erleuchten die Wurzelstube, die Heidlerchen tragen Lieder vor, die Poggen bilden den Chor und Puck Kraihenfoot und seine Gäste dudeln sich im süßen Bickbeermost und herben Moorbeernsekt ganz gehörig einen an.

Im Winter aber wohnt Puck nicht unter der hohen Fuhre am hellen Berge. Er ist alt und etwas frosterig und dann ist es ihm auch zu langweilig da. Er zieht dann zu einem Bauern. Hat er es da gut, dann kann der Mann sich freuen. Dann bollwerkt im Sommer darauf der Buchweizen nur so, der Roggen trägt doppelt, die Immenstöcke laufen über, keine Kuh verkalbt und kein Schwein kriegt das wilde Feuer.

Sind die Leute aber nicht gut zu ihm, dann geht es ihnen leege. Dann dreht er den Hühnern und Gänsen den Kragen um, ängstigt das Vieh im Stall, bis es sich zuschanden schlägt, bläst die Pferde an, daß sie die Brustseuche kriegen, läßt die Bruten im Immenstock faulen, peitscht nachts den Buchweizen, bis er braun wird, knickt die Bodenleitern ein, streut der Ratze glühende Kohlen in das Fell, daß sie vor Angst in das Heu läuft und macht sonstigen Unfug.

*

Nun ist es Wintertag. Auf der Heide liegt der Schnee. Die Machangelbüsche sehen wie lauter Hemdenmätze aus, und die Fuhren haben weiße Hüte auf. Die hohe Fuhre auf dem hellen Berge sieht aus wie ein großer weißer Schirm.

Es ist Mittagszeit, aber es ist schneidend kalt. Der wind steht von Nordost. Auf der weißen Heide ist ein dunkler Fleck sichtbar. Das ist der Fuchs, der will zum Dorfe, vielleicht daß es ihm glückt, einen alten Knochen oder einen Heringskopf zu erwischen. Er schnüffelt auf dem Schnee herum, da, wo er die Geläufe einer Krähe sieht. Aber da fährt er zurück, sein Rückenhaar sträubt sich und mit eingeklemmter Rute schnürt er zum Holze zurück.

Es war nämlich Puck Kraihenfoots Spur, in der Reineke herumgeschnüffelt hatte, und die hat eine Witterung, die kein Tier verträgt. Sie ist noch schlimmer als Franzosenöl.

Ja, Puck Kraihenfoot ist heute vom Dorfe gekommen, und fuchsteufelwild war der Kleine. So wild, daß er ganz vergessen hatte, seine Stiefel anzuziehen, die er in die Haferlade gelegt hatte, in der er nachts schlief.

Es war einmal wieder zu schlimm gewesen auf Thormanns Hof. Der Bauer hatte in einem fort gelärmt und geknurrt, und die Guste hatte vor sich hin geweint. Das ging nun schon wochenlang so, und wenn Puck die Guste nicht so gern hätte leiden mögen, dann wäre er schon woanders hingezogen.

Die Guste hatte einen Liebsten, einen jungen, frischen Kerl, und der Alte wollte, sie sollte einen Witwer heiraten, der einen ebenso großen Hof hatte wie Thormann. Und deswegen gab es nun Tag für Tag Arger im Haus.

Puck Kraihenfoot saß brummig unter der hohen Fuhre, rauchte seinen Post aus dem alten, schön angebräunten Krähenschädel und überlegte, was sich machen ließe. Mit Gewaltmaßregeln, das sah er ein, war hier nichts zu wollen. Der Alte war hart wie ein eichener Klotz. Puck hatte ihm neulich ein Bein gestellt und der Bauer war mit dem Kopfe an den Dössel geschlagen, daß es nur so brummte; aber als er wieder zu sich kam, hatte er nur noch mehr spektakelt.

Der Kleine seufzte. Dann faßte er in die Tasche seiner Kutte, holte eine Flöte heraus, aus dem Reißzahn eines Dachses gemacht, und pfiff zweimal darauf. Dann setzte er sich wieder hin und wartete.

Nach einigen Minuten tauchte links ein hellgrüner Punkt auf und rechts ein gelber. Die kamen näher und es waren Niß Pogg und Peter Wipp. Ernst und gemessen näherten sie sich ihrem Freunde, verbeugten sich, reichten ihm die Hände, sprachen erst vom Wetter, von dem hohen Schnee, von ihrem Wintereinlagern bei den Bauern und fragten schließlich Puck, weshalb er sie gerufen habe.

Da erzählte er ihnen die Geschichte von Guste Thormann und Hinrich Grönebusch und fragte sie, was er machen solle. Ganz ausführlich legte er ihnen alles dar und schloß seine Rede: »Leewe Frünne, hört to, ick roope: wo kreeg ich de beiden Minschen tohope?«

Peter Wipp legte erst das Maulwurfshändchen an die spitze, schnüffelnde Nase und überlegte. Dann senkte er die gelbe Kapuze und sah auf seine Entenfüße. Endlich sprach er: »Min leiwe Fründ Puck Kraihenfoot, hör to, wat ick segg, min Rat is good. Breck ehm den Kragen, smit em up'n Schragen. Is de Ohle weege, kümmt alles in 'ne Reege.«

Niß Pogg nickte, daß seine grüne Kapuze hin und her wippte, schlug sich mit den Froschhänden auf die Knie und rief: »Peter Wipp sin Snack is good; is de Ohle erst kalt und dod, is de Ohle weege, kümmt alles in de Reege.«

Puck Kraihenfoot aber schüttelte seine rote Kapuze und erwiderte: »De Snei is witt und Bloot is rot, und witt und rot dat lät nich good.«

Da saßen sie wieder lange Zeit und überlegten. Und schließlich kam ihnen ein Gedanke. Sie standen auf, zogen ihre Kappen herunter und der Platz unter der Fuhre war leer.

*

Auf Thormanns Hof ging der Bauer in der Dönze auf und ab und sah ab und zu grimmig nach seiner Tochter, die mit rot verschwollenen Augen Kartoffeln schälte. Ihm war recht ungemütlich zu Sinne. Brummig ging er an das Bört, langte seine Pfeife herab und ging nach dem Fenster, wo der Tabakskasten stand. Als er danach griff, hörte er leise etwas kichern, und der Tabakskasten fiel vom Fensterbrett und gerade in den Eimer, in den Guste die Kartoffeln tat.

»Dübel,« rief der Bauer, »nu mott ick noch in' Kraug; dat is all wedder de ohle Puck wesen.« Er setzte die Mütze auf, nahm seinen Stock und ging ab. Als er über den Hof ging, hörte er es über sich lachen. Da saß Puck Kraihenfoot in der Giebelluke, schlenkerte mit den rotbestrümpften Beinen und rief vergnügt: »Hie Pucks eene Been, da Pucks annere Been.«

Zu derselben Zeit saß Hinrich Grönebusch zu Hause und stützte den Kopf in die Hand. Seine alte Mutter sah ihn mehrmals von der Seite an, sagte aber nichts. Der Tranküsel schwelte. Da stand Mutter Grönebusch auf und langte nach dem Ölkrug. Als sie ihn eben in der Hand hatte, fühlte sie einen kurzen kalten Schlag auf der Hand und ließ den Ölkrug fallen.

»Wat hebb ick mi verjaget,« rief die Frau, »Hinrich, du schast man beeten na'n Krauge gähn, dat du upp annre Gedanken kummst. De Kräuger kann mi dör sine Lüttje ook'n Pott Ölje schicken.«

Hinrich zog die Jacke an, setzte die Mütze auf und ging auf den Hof. Er wollte die Lüttjemagd nach dem Kruge schicken. Er selbst hatte keine Lust. Aber als das Mädchen eben fort war, hörte er sie kreischen, und sie kam, weiß wie ein Laken, herein und sagte, sie ginge nicht, Peter Wipp sei ihr als feuriges Rad über den Weg gelaufen und habe gerufen: »Gahste, Mäken, den Hals schaste breeken!«

Da ging Hinrich Grönebusch selber, und in der Giebelluke saß Peter Wipp, bummelte mit seinen grünstrümpfigen Beinen und rief: »Hie Peters eene Been, da Peters annere Been.«

Im Kruge ging es hoch her. Thormann war da. Hausteufel, Wirtschaftsengel, konnte man von ihm sagen. Hatte er zu Haus Ärger gehabt, dann gab er einen aus. Bei ihm saß der Schneider und trank schon den achten Kümmel.

»Süh, Thormann, da kümmt din Swiegersohn,« lachte der Schneider.

»Swiegersohn? ick fleitje up so'n Swiegersohn. Eh'r nich de grote Fuhre vom hellen Barge up min Hofe steiht, kümmt de nich als Swiegersohn rup.«

Grönebusch hatte eine heftige Erwiderung auf der Zunge, aber da hielt ihm etwas Kaltes den Mund zu und eine Stimme, die genau so wie seine eigene klang und von der man nicht wußte, ob sie von dem Boden oder aus dem Keller kam, rief: »Schall dat'n Wort sin?«

»Wisse,« rief der Bauer, »wenn Wihnachten de grote Fuhre up min Hofe wassen deiht, schall Grönebusch use Guste hebben,« und dabei streckte er die Hand hin.

Dem jungen Bauern paßte der Scherz nicht. Aber eine unsichtbare Gewalt riß seine Hand nach vorne und drückte sie in die harte Hand des Alten. Der Schneider schlug durch und rief: »Da lur up,« bekam aber in demselben Augenblick einen so furchtbaren Nasenstüber von unsichtbarer Hand, daß er ganz nüchtern wurde und schleunigst abschob. Hinter ihm her aber rief aus dem Giebelloch eine dünne Stimme: »Snider, Supuus, wut du woll to Hus!«

*

Am hellen Berge war die Nacht ein seltsames Leben. Das Rotwild, das aus der Forst auf die Feldmark austreten wollte, verhoffte und sicherte, denn ein seltsames Klingen kam durch die Luft. Und von allen Ecken kamen heran die Pucks aus Moor und Heid, Geest und Bruch, in gelben, weißen, blauen, roten, grauen, grünen, schwarzen Kutten, und ihre Enten- und Krähen- und Gänsefüße traten sonderbare Spuren in den Schnee.

Unter der großen Fuhre aber stand Puck Kraihenfoot und rief: »Ick mot trecken, helpet mi; wenn ju treckt, bün ick ok d'bie.«

Da faßten sie alle zu, der Schnee knirschte, die Eiszapfen rasselten von den Zweigen zu Boden, und dann hörte man es rauschen und schleifen und eine große Schneewolke zog vom hellen Berge nach Thormanns Hof.

Auf dem Hofe aber verkroch sich winselnd mit eingezogener Rute Wasser, der Hund, in seiner Hütte. Denn es war da ein Gewimmel und ein Rennen kleiner Leute, daß es ihm unheimlich war.

Als morgens der alte Futterknecht über den Hof ging, um Wasser aus dem Soot zu pumpen, lief er gegen etwas an. Er sah an dem Baum in die Höhe, rieb sich die Augen, brummte und weckte dann den Bauern. Der stieg trotz seines schweren Kopfes eiliger als sonst in die Hosen, zog die Jacke über und ging auf den Hof.

Als er den Baum sah, der da schwarz in der grauen Dämmerung stand, fröstelte ihn und er sah ängstlich nach der Giebelluke. Da saß Puck Kraihenfoot, bummelte mit den langbestiefelten Beinen und rief mit seiner dünnen Junghahnenstimme: »Verwett' is verwett', steiht min Boom da nich nett? Bur, dat is kin Droom, dat is de Guste ehr Wihnachtsboom!«

*

Das ist lange her; aber heute noch ist Thormanns Hof in der ganzen Heide der einzige, dessen Hofbusch aus Fuhren besteht. Auf allen anderen stehen Eichen. Und die Hausmarke der Grönebuschs genannt Thormanns ist der Krähenfuß im Dreieck. Das Dreieck aber soll die Tarnkappe Kraihenfoots sein.

Brummelchen

Es war einmal ein Hummelchen, das hieß Brummelchen.

Es war ein dickes, lustiges, gräßlich verliebtes Pummelchen und wollte schrecklich gern einen Mann haben.

Aber so verliebt es war, so wählerisch war es auch. Es fehlte ihm nicht an Freiern; doch an jedem hatte es etwas auszusetzen.

Der Schillebold war so mager; der Laufkäfer priemte; der Schwalbenschwanz war zu flatterhaft; der Hirschkäfer kneipte zu sehr; der Ligusterschwärmer trieb sich abends zu viel herum; der Nashornkäfer hatte einen Hängebauch; der Totengräber einen anrüchigen Beruf; der Maiwurmkäfer schwitzte zu stark; und so ging es weiter.

Mochte kommen, wer da wollte, und wenn er auch die ernsthaftesten Absichten hatte, Hummelchen überlegte und überlegte sich die Sache so lange, bis es dem Freier zu langweilig wurde und er sich eine andere Frau suchte. Der Frühling ging hin und der Sommer kam, und noch immer war Hummelchen ohne Mann. Als sie sich eines Morgens in einem Tautropfen spiegelte, sah sie, daß sie anfing, bedenklich alt zu werden. Ihr seidenweiches Haar wurde spröde und verlor seinen Glanz, die Flügel hatten abgestoßene Ränder, ihre Taille war nicht mehr so schlank wie im Mai, und ihre Hüften gingen immer mehr in die Breite.

Sie erschrak ganz fürchterlich. Eine alte Jungfer wollte sie auf keinen Fall werden, und sie nahm sich vor, den ersten besten Mann zu erhören, der ihr einen Antrag machte. Darum verlobte sie sich schleunigst mit einem schon ziemlich bejahrten Eichenbocke. Es gefiel ihr zwar nicht, daß er so gut wie gar nicht sprach, sondern wo er ging und stand in greisenhafter Weise vor sich hin zirpte, auch waren ihr seine Fühlhörner viel zu lang, und daß er sich schnürte, fand sie albern, aber schließlich war es doch ein Mann, und das war die Hauptsache. So wurde alles für die Hochzeit vorbereitet, die Gäste wurden geladen, Bestellungen gemacht, die Wohnung wurde geschmückt. Aber als die Trauung vor sich gehen sollte, war alles da, bis auf den Bräutigam. Man wartete und wartete, aber er kam nicht, und als man ihn suchen ging, fand man ihn tot vor, oder vielmehr bloß noch seine Hülle, denn den Inhalt hatten sich die Ameisen zu Gemüte geführt.

Hummelchen raufte sich die Fühlhörner und schluchzte bitterlich, doch weniger aus Kummer um den Toten, sondern weil sie sich blamiert vorkam, und auch der Unkosten wegen, denn der Bräutigam war ein armer Teufel gewesen. Hummelchen fand es rücksichtslos, daß er vor der Hochzeit tot gegangen war, denn als junge Witwe, so meinte sie, hätte sie bessere Aussichten gehabt denn als spätes Mädchen. Anstandshalber trug sie acht Tage Trauer und lebte sehr zurückgezogen, was ihr nicht sehr schwer wurde, weil es in einem fort regnete. Sobald aber die Sonne wieder schien, legte sie die Trauer ab, machte sich so fein, wie es ihr Alter und ihre Mittel erlaubten, und sah sich aufs neue unter den Junggesellen und Witwern um.

Es dauerte auch nicht lange, da lernte sie einen Herrn kennen, der ihr im großen und ganzen recht gut gefiel. Er war etwas größer als sie, breitschultrig, von gemessenem, aber liebenswürdigem Benehmen. Freilich haftete ihm so eine Art von Pferdestallgeruch an, doch Hummelchen gewöhnte sich sehr bald daran. So verlobte sie sich mit ihm, machte als strahlende Braut bei allen Freunden und Bekannten Besuche und sah sich im Geiste schon als junge Frau. An der Verwandtschaft ihres Zukünftigen hatte sie freilich allerlei auszusetzen, denn einige der Vettern und Basen dufteten schon nicht mehr nach Stall, sondern nach Dünger, und einige der Herren, die ein recht bäuerliches Benehmen zeigten, wirkten auf Hummelchens empfindliche Geruchsnerven gerade so, als ob sie eben Jauche gefahren hätten. Sie beschloß bei sich, sobald sie erst verheiratet sei, sich diese Gesellschaft vom Leibe zu halten.

Große Bedenken machte ihr allerdings die Küchenfrage. Sie hatte ihren Bräutigam einmal zu Mittag eingeladen, aber er roch kaum an dem Honig und dem Blütenstaub und sagte, er habe sich den Magen verdorben. Sodann war es ihr unbequem, daß ihr Verlobter mit ihrer Kleidung nicht zufrieden war. Er meinte, Pelz trüge eine anständige Frau nicht im Sommer, und die goldenen Volants paßten ihm auch nicht; eine Frau aus seinen Kreisen trüge sich ganz einfach, am besten schwarz, sagte er. Auch fand er es auf die Dauer lästig, daß seine Braut in einem fort vor sich hinsummte. Er, sagte er, täte das nur, wenn er flöge, und dasselbe wünsche er auch von ihr. Brummelchen tat ihm den Gefallen und stellte ihr Gesumme ein, wenn sie mit ihm zusammen war, dachte aber dabei: »Laß uns man erst Mann und Frau sein; dann werde ich summen, wann es mir paßt.«

Eines Tages sagte ihr Bräutigam, sein Oheim Schrummbumm habe Namenstag und gäbe ein Essen, und dazu müßten sie beide hin. Brummelchen paßte das durchaus nicht, denn von der ganzen Verwandtschaft konnte sie den alten Schrummbumm am allerwenigsten ausstehen; er roch allzu stark ländlich, hatte allerlei schlechte Angewohnheiten und machte in Damengesellschaft Witze, die schon nicht mehr schön waren. Aber da sie ihren Bräutigam nicht erzürnen wollte, so sagte sie zu. Doch wie wurde ihr, als sie sich zum Essen hinsetzte! Es gab geschmorte Fliegenbäuche mit sauren Maden als Beilage, geräucherte Regenwürmer und gräßlich, aber wahr, Mistklöße! Nun merkte Brummelchen, was ihr Bräutigam war, denn er hatte sie bisher über seinen Beruf im Unklaren gelassen. Sie rümpfte ihre Nase, hielt ihr nach Veilchen duftendes Taschentuch vor den Mund, erklärte dann, ihr sei nicht gut und sie müsse sich zurückziehen, und als die ganz« Mistkäfergesellschaft darüber tuschelte, und der Oheim, dieser Rüpel, sich ganz laut über sie lustig machte, wurde sie heftig, löste die Verlobung auf und flog nach Hause.

Nach drei Tagen sah sie ein, daß sie eine große Dummheit gemacht habe. Jünger wurde sie nicht, das war ihr klar, und im Alter so ganz allein zu sein, das war nicht ihre Sehnsucht. Außerdem merkte sie, daß sie ihren Bräutigam eigentlich sehr gern gehabt habe, und dann dachte sie, sie würde ihm mit der Zeit schon bessere Gewohnheiten beibringen und ihn an eine anständige Kost gewöhnen. Es ging ihr ja sehr gegen den Strich, daß sie gewissermaßen Abbitte tun sollte; doch sie bezwang ihren Stolz und flog nach dem hohlen Fliegenpilze, in dem ihr Entlobter wohnte. In gutem Vertrauen klopfte sie an, denn sie glaubte, er würde sie mit offenen Armen wieder aufnehmen. Doch sein Diener, ein frecher Halbflügler, erklärte ihr mit spöttischer Miene, sein Herr sei für sie nicht zu sprechen, und schlug ihr die Tür vor der Nase zu, und sein Hund, ein bissiger und schmieriger Aaskäfer, bellte sie so wütend an, daß sie sich vor Angst nicht von der Treppe herunter traute.

Als sie da nun so stand und zitterte, kam Fiedelfritze um die Ecke, ein etwas verbummelter Heuschreck, der auf den Dörfern zum Tanz aufspielte, scheuchte den Hund zurück, bot ihr seinen Arm und geleitete sie die Treppe herunter. Fiedelfritze hatte sich schon früher um ihre Hand beworben; Brummelchen hatte ihm aber einen Korb gegeben, weil ihr Ehrgeiz weiter ging, als die Frau eines fahrenden Musikers zu werden, der weiter nichts besaß als seine Fiedel und einen großen Durst. Er war damals sehr geknickt gewesen und hatte sogar einen Selbstmordversuch gemacht, indem er sich in ein Kreuzspinnennetz stürzte. Da es aber unbewohnt war, so mißlang ihm sein Vorhaben zum Glück, und alle paar Tage brachte er Brummelchen ein Ständchen, denn er liebte sie treu und innig.

Jetzt war sie froh, daß sie ihn hatte; sie drückte seinen Arm zärtlich und machte ihm süße Augen, daß sein Herz Polka tanzte und er ihr schleunigst einen Antrag machte, den sie mit holdem Erröten annahm. Acht Tage später war sie Frau Heuschreck, und da ihr Mann das Herumziehen aufgab, weil sie es ihm zu Hause gemütlich machte, so lebten beide in Glück und Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

Lüttjemann und Püttjerinchen

Es waren einmal zwei Mooswichte, die lebten in einem alten Steinbruche.

Sie hatten ein einziges Kind, das nannten sie Lüttjemann, weil es noch viel kleiner war, als die Kinder der Mooswichte sonst sind, so klein, daß es in einer Wiege aus einer halben Walnußschale Platz hatte.

Die alten Mooswichte liebten ihren einzigen Sohn zärtlich; er bekam das feinste Essen: Blumenhonig und Nußkernbrot und dazu Mondtau und herrliche Spielsachen: goldene Käferflügel, silberne Libellenaugen, blitzende Kristalle und funkelnde Steine.

Als er größer wurde und zu Verstand kam, ließen ihn seine Eltern etwas Tüchtiges lernen: der Maulwurf lehrte ihn das Graben, der Specht das Meißeln, die Maus das Hobeln, der Käfer das Bohren, die Spinne das Weben, die Schnecke das Polieren, die Heuschrecke brachte ihm das Fiedeln und die Mücke das Singen bei.

Als Lüttjemann so groß war, daß ihm der Bart wuchs, sagte sein Vater zu ihm: »Du kannst nun allein in der Welt fertig werden. Suche dir eine Wohnung, richte sie dir hübsch ein, nimm dir eine Frau und sei glücklich mit ihr, wie ich es mit deiner Mutter bin. Und damit dir unterwegs niemand etwas tut, so hast du hier einen Spieß und Bogen und Pfeile.« Und er gab ihm einen Schlehdorn, einen Bogen aus einer Fischgräte und Pfeile aus Wildschweinborsten mit giftigen Spitzen aus Bienenstacheln.

Lüttjemanns Mutter weinte sehr, als sie das hörte, und wischte sich mit ihrer Schürze, einem roten Mohnblatt, die Augen. Sie küßte ihren Sohn und sprach zu ihm: »Heirate ein Mädchen, das dünn in der Mitte, blau in den Augen und blond auf dem Kopfe ist. Und hier hast du allerlei auf die Reise mit.« Und sie gab ihm eine Tasche aus Spitzmausfell, darin war: eine Bucheckernflasche mit Bickbeerwein, eine Wurst aus Schneckenfleisch, ein Brot aus Hirtentäschel.

Lüttjemann wollte auch erst weinen, daß er nun so allein in die weite Welt hinaus mußte, aber er dachte daran, daß er einen Bart, einen Spieß und Pfeil und Bogen hatte, küßte seinen Vater und seine Mutter und ging tapfer in die Welt hinaus.

Als er eine Weile gewandert war, wurde er hungrig und setzte sich unter ein Klettenblatt, um zu frühstücken. Vorher aber rief er, wie es ihn seine Eltern gelehrt harten: »Ich habe für zwei Mann genug im Sack, ist keiner da, der mithalten mag?«

Da schnurrte es über Lüttjemann, der Zaunkönig kam angeflogen, machte einen tiefen Knicks und sagte: »Ich esse auch nicht gern allein; ich bin so frei und lade mich ein.«

Sie aßen und tranken, und als der Zaunkönig satt war, bedankte er sich schön und sprach: »Will man dir etwas tun, so rufe mich, ich heiße Vogel Wunderlich.«

Lüttjemann ging weiter, und als er wieder hungrig wurde, setzte er sich unter einen Fliegenpilz, knöpfte sein Ränzel auf und rief: »Ich habe für zwei Mann genug im Sack; ist keiner da, der mithalten mag?«

Da raschelte es neben ihm, und der Igel kam, bot Lüttjemann die Tageszeit und sprach: »Ich esse auch nicht gern allein; ich bin so frei und lade mich ein.«

Sie aßen und tranken, und als der Igel satt war, bedankte er sich schön und sprach: »will man dir was tun, so rufe mich; ich bin das Tierchen Pickedich.«

Lüttjemann ging weiter, und als er wieder hungrig war, setzte er sich unter einen Brombeerbusch und lud sich wieder Gesellschaft ein. Da kam der Hirschkäfer, machte einen Diener und vesperte mit, und als er satt war, bedankte er sich schön und sagte: »Will man dir was tun, so rufe mich her; ich bin der Käfer Kneifesehr.«

Lüttjemann ging weiter und fand einen goldenen Laufkäfer auf dem Rücken liegen; er half ihm auf die Beine, und da sagte der Käfer: »Du halfest mir aus Not und Pein, dafür will ich dein Hund jetzt sein.« Und Lüttjemann freute sich darüber sehr und sprach: »Blitzeblank, so nenn' ich dich, lauf voran und schütze mich!« Da lief Blitzeblank vor ihm her und biß alles in die Beine, was den Weg nicht freigeben wollte.

Gegen Abend kamen sie an einen Steinbruch. Da sahen sie drei Glühwürmer, die leuchteten, und sechs Totengräber in schwarzen, rotbesetzten Röckchen, beerdigten eine Fledermaus. Lüttjemann half ihnen dabei und lud sie nachher zum Abendbrot ein. Als die Totengräber hörten, daß er ein Haus für sich suche, zeigten sie ihm die Wohnung der Fledermaus, die jetzt leer stand.

Lüttjemann ging mit und sah sich die Wohnung an. Es war ein Loch in der Felswand unter einem Glockenblumenbusch. Die Glühwürmer leuchteten und die Totengräber machten rein, und als alle der Kehricht heraus war, den die alte faule Fledermaus hatte liegen lassen, da freute sich Lüttjemann, denn die Decke war ganz aus blanken Kristallen und die Wände aus dem schönsten Kalkstein.

Er machte zwei Lager, eins für sich und eins für Blitzeblank, und schlief ruhig ein, denn er war von dem weiten Wege müde. Frisch und munter wachte er an dem anderen Morgen auf, wusch sich in einem großen Tautropfen, kochte auf einem Feuer aus trockenen Tannennadeln ein Lerchenei, das Blitzeblank herangeschleppt hatte, in einem Topf aus einer Schneckenschale, frühstückte und richtete seine Wohnung ein, und weil er viel freundlicher und gefälliger war als die alte brummige Fledermaus, so halfen ihm die kleinen Leute aus der Nachbarschaft.

Die Spinne webte ihm die Vorhänge, die Eule gab ihm Federn für das Bett, das Eichhorn sorgte für Teller und Töpfchen aus Nüssen und Eicheln, Brennholz brachten die Ameisen, der Specht schaffte Leuchtholz herbei, damit Lüttjemann abends Licht hatte, die Bienen lieferten Honig, der Eisvogel Libellenflügel als Wandschmuck.

Als alles fertig war, sagte Lüttjemann: »Fix und fertig ist das Haus; jetzt geh' ich und such' die Braut mir aus.«

Jeden Tag ging er in die Nachbarschaft auf Brautschau, und jeden Abend kam er allein nach Haus, denn er hatte keine Frau gefunden, die zu ihm paßte. Die Unke war zu dick in der Mitte, das Goldhähnchen hatte schwarze Augen, und die Spitzmaus war zu schwarz auf dem Kopf.

So kam der Herbst in das Land und Lüttjemann hatte immer noch keine Frau. Sein Häuschen war sauber und gemütlich, Küche und Keller, Stall und Scheune waren voll, aber Lüttjemann wurde immer trauriger, weil er so allein war, und spielte auf seiner Fiedel, die er sich aus einem Mausekopf gemacht hatte, nur noch ganz leise Lieder.

Als der Wind die roten Blätter von den Bäumen riß, kam eine kleine Haselmaus und fragte Lüttjemann, ob sie den Winter über nicht neben dem Herd schlafen dürfe, denn die Holzhauer hätten ihr Häuschen in der Buche entzwei gemacht. Das erlaubte Lüttjemann ihr, und sie ging hinter den Herd, rollte sich zusammen und schlief ein.

So wurde es Winter, und wenn Lüttjemann auch noch so traurig war über sein Alleinsein, einen Weihnachtsbaum wollte er doch haben. Er ging mit einer Säge, einem scharfen Heuschreckenbein, in den Wald, wo die ganz kleinen Tannenbäume stehen, suchte sich den schönsten aus, schnitt ihn ab, setzte ihn in eine Kastanie und putzte ihn aus mit Lichtern aus Schneckentalg, Flittergold von Schmetterlingsflügeln und Watteflöckchen von Altweibersommer, und weil er am Weihnachtsabend nicht allein sein wollte, so backte er tüchtig Kuchen für seine Gäste und machte dazu ein so großes Feuer, daß die Haselmaus warm und munter wurde.

Sie rieb sich die großen schwarzen Augen, strich sich ihren langen Schnurrbart gerade, kämmte und putzte sich und sprach: »Lüttjemann, sei mal still, weil ich dir was sagen will. Mir hat geträumt in letzter Nacht, Christkind hält' dir was gebracht. Mitten dünn, oben gold, und die Augen blau und hold, wo der Bach den Bogen macht, es die Pustefrau bewacht.«

Lüttjemann riß sein rotes Mützchen ab und schrie: »Hurra, hurra, das stimmt genau; das paßt ganz auf meine Frau.«

Aber dann wurde er sehr traurig, denn die Pustefrau am Bach war eine Hexe, der jeder gern aus dem Wege ging, denn, wen sie anpustete, der wurde steif und stumm. Aber er dachte an seinen Spieß und an seinen Bogen und seine Pfeile und ging geradenwegs nach dem Bache.

Da saß die Pustefrau unter einer faulen Eichenwurzel, rieb vor Boshaftigkeit ihre Spinnefinger, zwinkerte mit den grünen Augen und rief: »Lüttjemann, Lüttjemann, wer mich stört, den pust ich an. Püttjerine, deine Braut, schläft schon auf dem Farenkraut.«

Lüttjemann hatte große Angst, als er die Pustefrau so reden hörte, aber als er Püttjerinchen sah, die hinter der Hexe auf einem Farnkrautblatt lag und schlief, in der Mitte dünn, auf dem Kopfe blond und in den Augen blau, da ging er tapfer auf die Alte los.

Die Hexe machte sich dick wie eine Kröte und pustete. Als sie das erstemal pustete, lief es Lüttjemann kalt über den Rücken, aber er schoß doch einen Pfeil ab. Die Hexe aber lachte böse, fing den Pfeil auf und blies zum zweitenmale. Da lief es Lüttjemann kochend heiß über den Rücken, aber er schwang seinen Speer und ging auf die Hexe los. Da machte sie sich doppelt so dick wie vorher, und da dachte Lüttjemann an den Zaunkönig und rief: »Kleiner Vogel wunderlich, rette vor der Hexe mich.«

Da schnurrte es in der Luft, der Zaunkönig kam an, flog der Pustefrau in das Gesicht. Aber wenn er dadurch auch Lüttjemann rettete, er selber wurde von der Hexe angeblasen und fiel steif und stumm in den Schnee.

Wieder blies die Hexe sich auf, und da fiel Lüttjemann der Igel ein und er rief: »Gutes Tierchen Pickedich, rette vor der Hexe mich!«

Da trappelte es im Schnee, der Igel kam an, rollte sich zusammen, kugelte sich auf die Pustefrau und stach sie so, daß sie laut schrie. Aber auch ihn pustete sie an und steif und stumm lag er im Schnee.

Wieder blies die Hexe sich auf und wollte Lüttjemann anpusten, da dachte er an den Hirschkäfer und schrie: »Starker Käfer Kneifesehr, ich bin in Not, komm schleunigst her!«

Da krabbelte es in der faulen Eichenwurzel, unter der die Pustefrau saß, Kneifesehr steckte seine Zange hervor, faßte die Hexe um den Hals und würgte sie, daß sie blau im Gesicht wurde und das Pusten vergaß. Und da sprang Lüttjemann hinzu, stieß ihr seinen Speer in das Herz und warf das Scheusal in den Bach.

Da erwachte Püttjerine aus dem Zauberschlaf, richtete sich auf, strich ihr seidenes Röckchen glatt, gab Lüttjemann einen Kuß und sprach: »Püttjerinchen heiße ich, ich bin zart und püttjerig. Mein Vater ist König im Wollgrasland, Flitterfroh ist er genannt, und meine Mutter, die Königin, die nennen sie Frau Susewin.«

Da lachte Lüttjemann und fragte sie, ob sie seine Frau sein wollte, und da war Püttjerinchen zufrieden, und alle kleinen Leute im Walde kamen und wünschten ihnen Glück und geleiteten sie mit Musik durch den Schnee nach Lüttjemanns Haus; auch der Zaunkönig und der Igel, die wieder aufgewacht waren, kamen mit.

Die Haselmaus lachte, als der fröhliche Zug ankam, deckte den Tisch, braute einen Hagebuttenpunsch und steckte die Lichter an dem Weihnachtsbaum an, gerade als unten im Dorfe die Menschen auch die Lichter anzündeten.

Da ging es denn vergnügt her, Lüttjemann war froh, daß er eine Frau hatte, und Püttjerinchen freute sich, daß sie einen so guten Mann bekommen hatte. Im Frühling feierten sie Hochzeit, wozu Lüttjemanns und Püttjerinchens Eltern auch kamen, und als sie Kinder bekamen, nannten sie den Jungen Lüttjepütt und das Mädchen Püttjelütt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch.

Der allererste Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer lustig bellend vor ihm auf lief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her.

Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Eßwaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten.

Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte so und soviel auszugeben und mehr nicht.

So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzwege war, dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben.

Schon von weitem sah er, daß das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das Christkindchen hatte ein langes, weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas, Kastanien, Eicheln und Rüben.

Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. »Na, Alterchen, wie geht's?« fragte das Christkind, »hast wohl schlechte Laune?« Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft.

»Ja,« sagte der Weihnachtsmann, »die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht, ich hab kein Fiduz mehr dazu. Das mit den Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen das ist nichts mehr. Das essen sie auf und dann ist das Fest vorbei. Man müßte etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen ist, aber wobei Alt und Jung singt und lacht und fröhlich wird.«

Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: »Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon ausgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht.«

»Das ist es ja gerade,« knurrte der Weihnachtsmann, »ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh von dem alten Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weiter geht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen dann weiter nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken.«

Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesichte. Es war so still im Walde, kein Zweig rührte sich, nur, wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holze auf einen alten Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Das sah nun wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber und die Tannen standen darin, schwarz und weiß, daß es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrunde stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein.

Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmanns los, stieß den Alten an, zeigte auf die Tanne und sagte: »Ist das nicht wunderhübsch?«

»Ja,« sagte der Alte, »aber was hilft mir das?«

»Gib ein paar Äpfel her,« sagte das Christkindchen, »ich habe einen Gedanken.«

Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen, daß das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps in seinem Dachsholster, aber den mochte er dem Christkindchen nicht anbieten.

Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum und langte ein paar recht schöne Apfel heraus. Dann faßte er in die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchenstamm und reichte es dem Christkindchen.

»Sieh, wie schlau du bist,« sagte das Christkindchen. »Nun schneid' mal etwas Bindfaden in zweifingerlange Stücke, und mach mir kleine spitze Pflöckchen.«

Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts, und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast.

»So,« sagte es dann, »nun müssen auch an die anderen welche und dabei kannst du helfen, aber vorsichtig, daß kein Schnee abfällt!«

Der Alte half, obgleich er nicht wußte, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte: »Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für ´n Zweck?«

»Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?« lachte das Christkind. »Paß auf, das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!«

Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuß an der goldenen Oberseite seiner Klügel und dann war die Nuß golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, und dann hatte es eine silberne Nuß, und hängte die zwischen die Äpfel.

»Was sagst' nun, Alterchen?« fragte es dann, »ist das nicht allerliebst?«

»Ja,« sagte der, »aber ich weiß immer noch nicht –«

»Kommt schon!« lachte das Christkindchen. »Hast du Lichter?«

»Lichter nicht,« meinte der Weihnachtsmann, »aber 'n Wachsstock!«

»Das ist fein,« sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann: »Feuerzeug hast du doch?«

»Gewiß,« sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hellbrennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende, und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.

Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten dunklen Gezweig sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und funkelten und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine weiße Spitz sprang hin und her und bellte.

Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.

Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden Halt. Das Christkind machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte, den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus ebenso leise, wie sie es betreten hatten.

Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am andern Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an dem Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer hängen sah, da wußte er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder.

Das war eine Freude in dem kleinen Hause, wie an keinem Weihnachtstage. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug und nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur alle nach dem Lichterbaum. Sie faßten sich an die Hände, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wußten, und selbst das Kleinste, was noch auf dem Arme getragen wurde, krähte, was es krähen konnte.

Vor dem Fenster aber standen das Christkindchen und der Weihnachtsmann und sahen lächelnd zu.

Als es hellichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie alle daran.

Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorfe Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder.

Von da aus ist der Weihnachtsmann über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde, weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.

Der Wicht vom Heidegrab

Es war einmal ein kleiner Wichtelmann, der wohnte ganz hinten in der Lüneburger Heide, da wo sich die Hasen und die Füchse gute Nacht sagen. Sein Haus war das große graue Steingrab, das zwischen zwei stacheligen Machangelbüschen am Heidbrink lag, und das kleine gelbhäutige Fischer und Imker vor vielen tausend Jahren für ihre Könige aufgebaut hatten.

Da wohnte der kleine Brummerjahn schon viele viele hundert Jahre ganz muttermauseseelenallein. Wenn es Sommer war, dann schleppte er tief aus der Erde seine Schätze und breitete sie auf den dunkelgrünen Moospolstern aus, die unter den hellgrünen Ranken der Krähenbeere wucherten, umrahmt von lauter grauen, rotköpfigen Flechten.

Es sah putzig aus, wenn der Kleine auf seinen Entenfüßchen umherwatschelte und in seiner grauen Schleppkutte die Flußperlen, Silberstückchen, Goldmünzen, Bronzeringe und Bernsteinkugeln aus dem Steingrabe hervorholte. Und hatte er sie dann auf dem Moosrasen ausgebreitet, und alle das blanke und bunte Zeug flimmerte und glimmerte, glitzerte und blitzerte in der Sonne, dann juchte er vor Vergnügen, hopste hin und her, daß die Schleppe von seinem grauen Röckchen nur so flog, und warf sein rotes Zipfelmützchen hoch in die Luft, hoch über das Heidekraut. So stark war der kleine Mann.

Er lebte sehr, sehr einsam, der kleine Wicht. Da war wohl ein Steinschmätzerpaar, das in dem Steingrabe nistete, aber diese Herrschaften waren ihm zu wibbelig und zu kribbelig und er verkehrte nicht mit ihnen. Auch nicht mit den grünen Eidechsen, die durch das Heidekraut witschten; sie waren ihm nicht ernst genug. Auch die braunen Mäuse waren nicht seine Freunde. Das war Pöbel, der sich fortwährend zankte und laut quiekte.

Aber der Rauk, der alte einsame Kolkrabe, der schon seit siebzig Jahren Witwer war, und die uralte Schnake, die verwitwete Kreuzotter, das waren Pucks Freunde. Die redeten nicht immer von Liebe, wie das andere Volk auf der Heide, die waren gesetzt und vernünftig. Denn von Liebe mochte der Wicht nichts hören. Als er jung war vor zweitausend Jahren, da hatte er sich einmal sehr verliebt. In ein kleines Wollgrasnixchen aus dem Bruch. Er hatte ihr fünfzig Jahre lang den Hof gemacht, hatte ihr Blumen und Waldfrüchte, Perlen und Edelsteine gebracht, hatte Lieder zu ihrem Lob gesungen und abends vor ihrem Häuschen Musik gemacht auf einem Heuschreckenbein. Aber als er sie freien wollte, da hatte sie ihn ausgelacht und ihm gesagt, er solle sich unter den Krickenten vom Moor eine Braut suchen, die hätten gerade Patschpatschfüße wie er.

Da war er traurig weggegangen zu der alten Eiche, aus deren Rindenriß schäumender Meth floß. Da verkehrte eine liederliche Gesellschaft von durstigen Brummfliegen, Admiralen, Trauermänteln, Hornissen und Hirschkäfern. Vier Wochen hatte er da herumgesumpft, hatte jeden Morgen einen gräßlichen Kater gehabt und jeden Abend einen Rausch. Und als der Meth nicht mehr floß und die lustigen Zechbrüder alle davonflogen, da wanderte er in die Unterwelt und trank Minne mit den Erdzwergen, den Leuten mit den toten Herzen, und blieb da solange, bis sein Herz abgestorben war.

Das war nun schon schrecklich lange her. Aber der wicht dachte in jedem Frühling wieder daran, wenn die Birkhähne balzten, wenn die Dullerchen lullten, wenn der Pieper sang und abends aus dem Dorfe da hinter der Heide Lachen und Singen und Juchen zu ihm herüberklang. Dann zog er seine Runzelstirn in viele hundert Falten, schimpfte mit den Steinschmätzern, die sich verliebt um das uralte Grab jagten, brummte mürrisch, wie eine alte Erdhummel und saß brummig, wie ein Maulwurf, unter der jungen Tanne, die vor dem Eingang zu seinem Steinhause wuchs.

Vor einigen Jahren war es gewesen, da hatten da drüben hinter dem Moor in den struppigen Sonnenschichten hundert rote Kreuzschnäbel gebrütet. Die hatten die langen goldbraunen Zapfen aufgeklaubt und den Samen gefressen und ihre Jungen damit gefüttert. Ein kleines Flügelsamenkorn war ihnen weggeflogen, der Südwind hatte es über das Moor gewirbelt und vor das Hünengrab geweht, da hatte es der Wicht in die Erde gesteckt, mit Tau begossen und gehegt und gepflegt. Darum war es eine so schöne schlanke Tanne geworden. Und auch darum, weil der Schäfer nicht seine Schnucken hinhütete, denn er fürchtete das alte Heidengrab. Alle anderen Tannen in der Heide waren von den Schnucken verbissen und krumm und kruzelich geworden, diese aber wuchs rank und schlank in die Höhe und unter ihr saß der Wicht und dachte an seine Jugend.

Im Winter aber, wenn der Schnee hart und fest auf der Heide lag, dann wanderte der Wicht in das Dorf und lebte bei dem alten brummigen Jagdhüter. Da wohnte er unter dem alten schwarzgeräucherten Steinherde, und wenn es Abend war und der alte Jagdhüter im Lehnstuhl saß und schmökte, dann fiedelte Puck auf einem Heuschreckenbein mit einer Fiedel aus einer Wieselrippe, und die Leute sagten dann, das täten die Heimchen.

Nun hatte der Jagdhüter eine Tochter, die war das schönste Mädchen im Dorf. Ihre Backen waren so weiß und so rot, wie die roten Glöckchen im Moor, und ihr Haar war so weich wie Wollgras und so goldig wie die Abendsonne im Fuhrenwald. Und die hatte einen Liebsten, der war Knecht im Dorfe. Er war der hübscheste und strammste Bengel weit und breit und fleißiger und nüchterner als alle andern, aber er war gerade so arm, wie seine Liebste. Und so gern er seine Liebste geheiratet hätte, es ging nicht, weil sie beide nichts hatten.

Und weil der Vater des Mädchens das wußte, darum litt er es nicht, daß die beiden miteinander gingen. Aber an jedem Sonntagabend im Frühling und Sommer trafen sie sich bei dem Steingrabe und saßen da und küßten sich und jammerten über ihre Armut. Anfangs hatte Puck sich über sie geärgert, denn küssen und kosen sah der wicht nicht gern. Aber da sie so still und ernst waren, so mochte er sie schließlich gern leiden.

Und dann hatte er auch Grund, beiden gut zu sein. Lieschen, die Tochter des alten Waldhüters, war ein gutes Mädchen. Sie hatte einmal morgens in der Herdasche die Spuren der Entenfüße von ihm entdeckt und hatte ihre alte Muhme gefragt, was das wäre. Und die war eine kluge Frau, die von heimlichen Dingen Bescheid wußte, und sie sagte ihr, das wäre wohl ein kleiner armer Wicht, der nicht Weib noch Kind hätte. Das tat dem guten Mädchen leid und sie stellte von da ab jeden Abend auf einem Puppentellerchen für den Kleinen Speise und in einem Fingerhut Milch oder Honigbier hin. Und wenn gebacken wurde, dann backte sie ihm extra einen kleinen Kuchen, und wenn geschlachtet wurde, dann band sie ihm eine kleine Wurst. Und jeden Morgen war alles aufgegessen.

Johann, der Knecht, hatte bei dem Kleinen auch einen Stein im Brett. Denn vor zwei Jahren hatte sein Bauer ihm gesagt, er solle mit Bohrer und Pulver hingehen und das Hünengrab zerschießen, denn er brauche Steine für ein Stallfundament. Johann aber hatte gesagt, das täte er nicht, denn er wollte nicht den Platz zerstören, wo er so oft mit seinem Lieschen gesessen hatte. Da hatte der Bauer geschimpft und ihm gekündigt und der Knecht war heim Amtmann in Dienst gegangen und hatte dem erzählt, warum der Eichenbauer ihm gekündigt hatte. Da hatte der Amtmann an den Drosten geschrieben und der hatte der Gemeinde bei Strafe verboten, das Steingrab zu zerstören. Das hatte Puck gehört, als Lieschen ihrem Vater das erzählte, und er war dem hübschen Knecht sehr dankbar dafür, denn so versteinert war des Wichts altes Herz doch nicht.

Nun war es wieder einmal Weihnachtszeit geworden. Die Bauern waren alle zur Stadt gewesen und halten eingekauft zum Heiligen Abend. Im ganzen Dorf war alles voll Vorfreude, nur in des Waldhüters Haus sah es nicht festlich aus. Da ging das blonde Lieschen mit dick geweinten Augen herum, und der Alte brummte und knurrte den ganzen Tag. Denn er wollte, daß Lieschen den Krämer heiratete, den alten, dem das hübsche Mädchen gefiel. Aber die wollte ihn nicht, und sie aß und trank nicht und sah ganz blaß und miesepetrig aus. Und abends, als der Alte vor das Holz ging, um für den Bauermeister einen Hasen zu schießen, da kam Johann. Er sah auch blaß und traurig aus, und manchmal kullerte ihm eine Träne über das Gesicht.

Traurig saßen die beiden Liebesleute da, Hand in Hand und weinten und seufzten. Lange sah der Wicht aus seiner Herdecke ihnen zu, aber schließlich taten sie ihm doch zu leid. Und er trat aus seinem Winkel heraus, stellte sich vor sie hin und fragte sie mit seiner dünnen Stimme, was ihnen fehlte.

Da fuhren die beiden zusammen, denn sie sahen ihn nicht. Aber da nahm er seine rote Zipfelmütze ab und sie erkannten ihn. Sie lachten nicht über seine Entenfüßchen, sie lachten nicht über seine Krötenhändchen und seinen Mausebart, und da fragte er sie nochmals nach ihrer Not.

Und sie erzählten ihm von ihrer Liebe und von ihrer Not und sagten ihm, wie schrecklich es wäre, daß beide so blutarm wären, wie die Kirchenmäuse, so arm, daß sie nie daran denken könnten, Mann und Frau zu werden, und sie weinten bitterlich.

Da wurde es dem Kleinen ganz wunderbar ums Herz, und er dachte daran, wie lieb Lieschen immer zu ihm gewesen war und, was er Johann zu verdanken hatte, und plötzlich fielen ihm seine Schätze ein, und daß er damit den beiden Liebesleutchen helfen könne. Und da lachte er seit tausend Jahren wieder zum erstenmal, und winkte dem Knecht und sagte ihm er solle eine Schute und einen Sack nehmen und ihm folgen. Und dann ging er mit ihm über die verschneite Heide bis zu dem Hünengrabe. Und dort lief er rund um die Tanne und trat mit seinen Patschfüßchen einen Kreis in den Schnee und sagte, so solle er die Tanne ausgraben. Und das tat Johann, und als er die Tanne mit vieler Mühe herausgerissen hatte, da funkelte und glitzerte es im Mondlicht in dem Loche von Gold und Geld, Perlen und Edelsteinen. Und alles das gab ihm der Wicht und sagte ihm, die Tanne solle er mitnehmen, schön aufputzen und nach Weihnachten vor dem Hause des Waldhüters eingraben.

Das wurde eine frohe Weihnacht am nächsten Abend. Mitten auf dem Fleet stand die junge Tanne mit ihrem Wurzelboden und darunter lag der Schatz. Und nach Weihnachten ging Johann in die Stadt und verkaufte all das blanke Zeug, und von dem Erlös kaufte er Äcker und Wiesen und Holz und baute an Stelle der alten Kate ein großes Haus und das bezog er im Sommer mit Lieschen.

Und da er fleißig und sparsam war, zahlte er dem Wicht das ganze Darlehn in zehn Jahren zurück. Und jeden Winter wohnt der Kleine bei ihnen und bekommt das Beste aus Keller und Küche.

Die Tanne aber ist groß und schlank geworden, und in ihr brütet im Sommer ein Amselpaar.

Und wer die Geschichte nicht glaubt, der gehe nach dem Wichtelhofe. Da kann er die Tanne sehen und Lieschen, die jetzt aber die Wichtelhofbäuerin heißt. Und schon daran, daß die Leute vom Wichtelhof keine Enten halten, um ihren Herdgeist nicht an seine Patschfüße zu erinnern, sieht man, daß es mit dem Wichtelhof ein heimliches Ding ist.

 

Druck und Einband von Hesse L. Becker in Leipzig

 

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