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Gutenberg > Hermann Löns >

Sämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band

Hermann Löns: Sämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHermann Löns
titleSämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band
publisherHesse & Becker Verlag
year1925
printrunZweiundzwanzigstes bis einunddreißigstes Tausend
editorFriedrich Castelle
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180416
projectid702be671
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Nachlese

Fritz von der Leines Ausgewählte Lieder

Der Schlachthauskrach

(18. November 1894)

Rauh behandelt uns das Leben,
Nimmt uns viel, und als Ersatz
Gibt es uns den herben Zweifel
Für des Glaubens festen Schatz.

Ach, vorüber sind die Zeiten,
Wo der Sülze ich getraut,
Die im Bund mit Öl und Zwiebel
Und mit Senf mich oft erbaut.

Denn es warf in meine Seele
Eine böse Zweifelssaat,
Die jetzt frech wie Quecken wuchert,
Mitleidslos der Magistrat.

Tief geknickt und qualbeladen
Trete ich vor ihn nun hin:
»Meine Sülze gib mir wieder
Und den kindlich frohen Sinn!«

Vertraulich

(21. Juli 1895)

Die saueren Gurken sind nun reif,
Die Enten sind flügge geworden,
Doch merkt man leider wenig davon
Im Süden und im Norden.

Es blüht die hohe Politik
Ganz wintermäßig weiter,
Hier schwingt man Reden, dort den Dolch,
Ich finde beides nicht heiter.

Auch in Hannover redet man,
Besonders bei Schützenfestessen,
Da wird der störrigen Bürgerschaft
Die Rute zugemessen.

»O habe Vertrauen, lieb' Bürgerschaft!«
So sprach man höchst erbaulich.
Die Bürgerschaft denkt: »Das hab'n wir ja,
Daher der Name ›Vertraulich!‹«

Nummro zwei

(15. September 1895)

Es war eine herbstlich kühle Nacht,
Der Nordwind pfiff nicht ohne
Und spielte Tarabumdeay
Am Draht der Telephone.

Ich kam vom Abendschoppen heim
Just um die Geisterstunde,
Die Gaslaternen brannten trüb,
Unheimlich heulten zwei Hunde.

Auf einmal bumste es irgendwo,
Es donnerte und es krachte;
Ich dachte verwundert bloß: nanu?
Vor Schreck ich sonst nichts dachte.

Ich traf einen Schutzmann, den fragte ich:
Was war denn das für 'n Knallen?
»Ooch nischt, es ist bloß wieder mal
'ne Brücke eingefallen.«

Vorübung

(29. September 1895)

Es zeigt der Lindener Bürgerverein
Sich riesig neuerungssüchtig;
Jetzt schuf eine Turnerriege er –
Die Sache ist äußerst wichtig.

Es kommt dem Lindener Magistrat
Die Gründung sehr gelegen,
Er denkt: »Für einige von euch
Ist Turnen ein wahrer Segen.

Ihr seid mir doch in letzter Zeit
Zu obsternatsch gewesen,
Rumpfbeugen wird allmählich euch
Die steifen Rücken lösen.

Kopfnicken, Kniebeugen, das fehlte euch auch,
Das werdet ihr schon bald sehen,
Vorturner soll ein Senator sein,
Dann wird die Sache schon gehen.«

Aus Überzeugung

(27. Oktober 1895)

Es sitzen Schorsch und Christian
Bei ihrer kleinen Lage,
Besprechend eifrig lang und breit
Die Kandidatenfrage.

»Weißt du schon, wen du wählen wirst?«
Fragt Schorsch. »Ich wähle den Meyer;
Er kauft bei mich schon manches Jahr
Und is für keine Steuer.«

»Wähl' du den Meyer,« sagt Christian,
»Ich habe dazu keine Neigung,
Ich wähle nicht aus Eigennutz,
Ich wähle aus Überzeugung.

Doch ehe ich wähl', da muß er sich
Auf Ehrenwort verpflichten,
Vor Weihnachten noch 'ne Bogenlamp'
Vor meinem Haus zu errichten!«

Nordstadtromantik

(8. Dezember 1895)

Es jammern die Freunde der Romantik,
Gar zu prosaisch würde die Welt.
Na, Kinder, kommt nur nach Hannover,
Hier hat die Romantik noch ein Feld.

Es steht in der Nordstadt ein riesiges Bauwerk,
Gespenstig wie eine Räuberburg,
Den Kassenboten, die hierher kommen,
Nimmt man das Geld ab und haut sie durch.

Verbrechen und Liederlichkeit, die geben
Sich oftmals hier ein Stelldichein,
Wer oberflächlich die Sache betrachtet,
Der denkt verwundert: »Darf denn das sein?«

So etwas zu fragen ist faktisch läppisch.
Denkt doch bloß nach und seid gescheit:
Die Überführung dient ja gerade
Der öffentlichen Sicherheit!

Warraftig

(11. Januar 1896)

Denkt ihr noch jenes schönen Morgens,
Als es am Goetheplatz gekracht?
Ein Trümmerhaufen war das Ende
Des stolzen Turmgebäudes Pracht.

Man ließ sich aber nicht verblüffen,
Hat lustig wieder aufgebaut,
Obwohl die Nachbarschaft mitunter
Voll stiller Sorge hingeschaut.

Und es gelang; beendet wurde
Die Kirche für die Garnison,
Und die Akustik hat geprüft man
Mit donnerndem Drommetenton.

Manch einem wurde freilich bange
Bei diesem starken Ohrenschmaus,
Doch ist es glücklich abgelaufen,
Die Kirche hielt's wahrhaftig aus!

Steuerobjekte

(12. April 1896)

Ein jeder Frühling bringt neue Blumen,
Auch dieser zeigt sich der Ahnen wert,
Indem er uns als Angebinde
Eine Fahrradsteuer-Erwägung beschert.

Wer auf dem Rover oder Hochrad
Oder auf behäbigem Dreirad nur
Die Welt durchfährt, muß dafür blechen
Ein Goldstück für Luxus und Überkultur.

Ich hoffe, die städtischen Kollegien,
Die nehmen den Vorschlag mit Freuden an
Und gehen noch weiter, als Steuerobjekte
Ich ferner ihnen empfehlen kann:

Die Kinderwagen, die Krankenfahrstühle
Und Handkarren; doch zu verschonen sind
Die Equipagen, das ist kein Luxus,
Wer das nicht einsieht, ist taub und blind.

Die Rhododendrenriede

(19. April 1896)

Jetzt wird die Eilenriede schön,
Trotz winterlicher Repressalien,
Die Buchen und Eichen schlagen aus,
Auch Rhododendren und Azalien.

Die Menschheit wird ganz aufgeregt,
Wie früher bei den Bacchanalien,
Wenn sie im deutschen Walde sieht
Die Rhododendren und Azalien.

Maiglöckchen und Leberblümchen sind
Ja nur botanische Canaillen,
Viel besser passen zum deutschen Wald
Die Rhododendren und Azalien.

Drum sägt die Buchen und Eichen ab,
Pflanzt Pinien und Palmen wie in Italien,
Und korrigiert den deutschen Wald
Mit Rhododendren und Azalien.

Nichts Gutes gewöhnt

(14. Juni 1896)

Ein ganz unglaubliches Gerücht
Ist Montag zu mir gedrungen:
Der Simonsbrunnen, so sagte man mir,
Der habe am Sonntag gesprungen.

Als eingeweiht man mit Prunk und Pomp
Die Kirche am Goetheplatze,
Da renommierte Hannover auch
Mit seinem Wasserschatze.

Doch nahm man die traurigen Fische fort
Und hatte dazu seine Gründe,
Sonst hätte der eifrige Tierschutzverein
Geklagt über Frevel und Sünde.

Im letzten Momente, da hörte man
Ein Mitglied erschrocken sagen:
»Die Fische, nehmt doch die Zische fort,
Die können kein Wasser vertragen!«

Die Kegelreise

(19. Juli 1896)

Die Urlaubs- und Ferienzeit ist da,
Die Kegelreisen blühen,
Sehr reich mit Zigarren und Kognak versehn
Die Klubs zum Bahnhofe ziehen.

Der Zug rasselt fort; bald zeigen sich schon
In der Ferne die Berge verschwommen,
Naturempfindung bewältigt die Schar,
Schnell wird erst einer genommen.

Jetzt steigt man aus: wie wunderbar dort
Die grünen Berge winken,
O Kinder, wie schön ist doch die Natur,
Hier müssen wir erst eins trinken!

Der Tag ist heiß und der Weg ist steil,
wo's Bier gibt, läßt man sich nieder,
Und kegelt einer den Berg hinab,
Dafür sind's Kegelbrüder.

Nichts Neues

(9. August 1896)

»Ist heute etwas Neues passiert?«
So fragt man, wenn ich erscheine
Am Stammtisch, aber meistenteils
Ich diese Frage verneine.

Doch als ich gestern zum Stammtisch ging,
Da hielt ich den Kopf viel höher,
Beinahe so hoch wie ein eben erst
Gewählter Bürgervorsteher.

Voll Stolz und Eifer ließ ich mein Wort,
Bevor ich mich setzte, erschallen:
An der Sandstraßenüberführung ist
Ein Junge überfallen.

»Wenn's weiter nichts ist,« sprach Schorse da,
»Das ist doch nicht wert des Geschreies;
Ein Überfall an der Sandstraßenbrück',
Das ist doch wahrhaftig nichts Neues!«

Ein Wunder

(4. Oktober 1896)

Nun wird der Bahnhof nach dem Raschplatz
Geöffnet; ja, es ist geglückt,
Nach jahrelangen Petitionen
Hat es die Oststadt durchgedrückt.

Doch schwere Arbeit hat's gekostet,
Viel Reden, Tinte und Papier,
Ausdauer aber führt zum Ziele,
Das sehn wir wieder einmal hier.

Die bösen Rampen in der Nordstadt
Verschwinden auch noch mit der Zeit
Und werden dann Museumsstücke,
Denkmäler alter Zopfigkeit.

Wann? kann ich noch nicht sicher sagen,
Allein es ist kein leerer Wahn,
Denn den Verkehr kann auf die Dauer
Nicht hemmen selbst die Eisenbahn.

Im Konzerte

(8. November 1896)

Vom Baume fiel das letzte Blatt,
Frau Musika fröstelt im Freien
Und labt uns im geheizten Saal
Mit ihren Melodeien.

Schön ist ein Symphoniekonzert
Mit Kaffee und mit Kuchen.
»Frau Schulze, probieren Sie meinen mal,
Ich werd' dafür Ihren versuchen.«

Die Tassen klappern, die Damen auch,
Stricknadeln klimpern nicht minder,
Dazwischen plärren und weinen laut
Die mitgenommenen Kinder.

Schön ist ein Symphoniekonzert,
Wenn nur die Musik nicht wäre,
Man klagt darüber, daß sie zu sehr
Die Unterhaltung störe.

Immer langsam voran

(29. November 1896)

Winter ist es jetzt geworden,
Putz' die Schlittschuh', junger Mann!
Laß es lieber, bei Hannover
Man ja doch nicht laufen kann.

Eine Eisbahn hat man freilich
In der Masch, jedoch man weiß,
Wenn es friert, dann ist sie trocken,
Ist sie naß, dann friert's kein Eis.

Jetzt, wo's friert, da müßt' man sie doch
Überschwemmen, damit dort
Auf der breiten, weiten Fläche
Blühen könnt' der Schlittschuhsport.

Die Behörde aber handelt
Ruhig stets, nie kindisch rasch:
Wenn die Schwalben wiederkommen,
Überschwemmt man auch die Masch.

Grund zum Streik

(20. Dezember 1896)

Der Hochschulenbau am Misburger Damm
Macht keinem Menschen Freude,
Denn er ist alles andere eher
Als eine Augenweide.

Ein Zimmererstreik ist neulich nun
An dem Neubau ausgebrochen,
Die Ursache sei eine Lohndifferenz,
So wird allgemein gesprochen.

Doch das ist falsch, die Ursache sind
Ideale Differenzen,
Nur diese bewogen die Zimmerleut',
Seit einer Woche zu schwänzen.

Die ostentative Geschmacklosigkeit
Des Baues erfüllt sie mit Grauen,
An dem Neubau, über den alles lacht,
Genierten sie sich zu bauen.

Fort mit Schaden

(4. April 1897)

Was von den Vätern wir geerbt,
Ach, Plunder ist's zumeist,
Wie im Kolleg mit kühnem Mut
Herr Borchers uns beweist.

»Holzgraben, das ist abgeschmackt,«
So sprach der Stadtpapa;
»Ich sehe keinen Graben dort,
Und Holz ist auch nicht da!«

Und wenn Senator Plathner auch
Dem Redner widerspricht,
Was kümmert die Historie uns?
So was geniert uns nicht!

Damit der Redner auch was hat
Für seine Rednermüh',
So nennt die Straße doch nach ihm,
Nennt Borchersstraße sie!

Auf Abbruch

(11. April 1897)

An der Egestorffschen Straße
Standen Häuser stolz und kühn,
Ihre Decken sind zerfallen,
Risse durch die Wände ziehn.

Fröhlich hatte man gebauet
Ohne Geld und ohne Lehm,
Dieses hält zwar nicht besonders,
Aber es ist sehr bequem.

Als man war im schönsten Bauen,
Ach, da kam die Polizei,
Die sich mengt in alle Sachen,
Und verbot die Bauerei.

Abgebrochen mußte werden,
Und die Meinung wurde laut,
Daß man diese neuen Häuser
Nur auf Abbruch hätt' gebaut.

Maienlob

(9. Mai 1897)

Das ist der Mai, der holde Mai,
Den alle Welt so liebt,
Der Blüten uns und Vogelsang
Und frischen Spargel gibt.

In Schnee hüllt sich der Birnenbaum,
Grün wogt die junge Saat,
Radieschen aß ich gestern schon,
Bald gibt's auch Kopfsalat.

Wie wonnesam die Nachtigall
Im Nachbargarten singt,
Und meine Wirtin mir vom Markt
Den ersten Pfingstlauch bringt.

Und morgen prangt auf meinem Tisch
Spinat mit Spiegelei.
Drum singe ich aus voller Brust:
Wie schön ist doch der Mai!

Die Festjungfrau

(18. Juli 1897)

Der Juli, das ist Volksfestzeit,
Hoch her geht's dann im Städtchen,
Es freuen darauf sich schon wochenlang
Die jungen Burschen und Mädchen.

Die Stadt trägt Kranz- und Flaggenschmuck
Und Meyers Krischan das Banner,
Der Bürgermeister die Festrede hält,
Man muß es ihm lassen, das kann er.

Und auch eine Fahnenjungfer ist da,
Sehr dick, sehr rot, sehr blöde,
Sie hält mit Angstschweiß im Gesicht
Eine unverständliche Rede.

In ihren Zügen hold und mild
Kann man es deutlich lesen:
Halb fühlt das Mädchen sich blamiert
Und halb als höheres Wesen.

Geh. S.-W.

(29. August 1897)

Wo sind die Sanitätswachen geblieben,
Von denen man, wie mir deuchte, las,
Daß sie beschlossene Sache wären?
Ist's wahr, daß man sie total vergaß?

Man bricht sich doch immer noch die Beine,
Läßt immer noch fahren sich über den Hals,
Liegt damit dann lange auf der Straße –
Großstädtisch ist das keinesfalls.

Was man beschlossen hat, zu errichten,
Errichte man auch, und zwar möglichst bald,
Und nicht in dürftiger, nein, womöglich
In allervollkommenster Gestalt.

Denn zögert man noch ein Jahr oder zweie,
So wird vielleicht der Witz beliebt:
Geheime Sanitätswachen gibt's in Hannover,
So wie es geheime Sanitätsräte gibt.

Nach Belieben

(14. November 1897)

Ich ging zum Konzerte, es sollten mein Ohr
Süß klingende Töne umschweben,
Und trat zur Garderobe hin,
Meinen Überrock abzugeben.

Die Donna, die mir den Rock abnahm,
Frug ich: »Was kostet die Sache?«
»Das steht ganz in Ihrem Belieben, mein Herr,«
Sprach sie mit holdem Gelache.

Zehn Pfennige, dachte ich, ist wohl genug,
Und legte sie hin auf den Tresen;
Doch schleunigst verfinsterte sich ihr Gesicht,
Das eben so freundlich gewesen.

Und eilig bemühte die Holde sich,
Das Geld mir zurückzuschieben:
»Nein, fünfzehn Pfennig ist Taxe, mein Herr,
Was drüber ist, steht im Belieben!«

Feiner

(16. Januar 1898)

So ist es doch geschehen,
So hat man es doch gemacht,
Den Heckengang, den hat man
Um seinen Namen gebracht.

Es liegen in den Museen
Alte Sachen aller Art,
Die man mit vielen Kosten
Sammelt und aufbewahrt.

Doch alte Straßennamen
Bewahren fällt keinem ein,
Heckengang klingt gewöhnlich,
Arnswaldtstraße klingt fein.

Und wenn man schon einmal umtauft,
So sei man konsequent,
Ich weiß nicht, warum man die Straße
Nicht Philisterstraße nennt.

Baukuppelei

(23. Januar 1898)

Der spitze Turm, das schräge Dach,
War deutsche Bauart von je;
Doch seh' ich mir heute die Häuser an,
Dann wird mir wirklich weh'.

Nicht morgenländischer kann es wohl
In Kairo und Bagdad ausschaun,
Als hier bei uns, wo sie jetzt nur
Noch runde Kuppeln baun.

Die Bauart unsrer Väter ist
Nichts mehr für unser Gefühl,
Die Architekten schwärmen nur
für türkischen Zwiebelstil.

Schimpft man mich auch Reaktionär,
Ich sag' es frank und frei:
Es tut uns eine Lex Heinze not,
Ein Gesetz gegen Baukuppelei!

Im Gegensatz zum Tier

(27. März 1898)

Ich kenne einen Wiesenplan,
Er liegt nicht weit von hier,
Dem Menschen ist verboten er
Im Gegensatz zum Tier.

Es ist die weite, breite Masch,
Hannovers grüne Zier,
Die keines Menschen Fuß betritt
Im Gegensatz zum Tier.

Nur wenn sie naß und schmutzig ist,
Dürfen sie betreten wir,
Doch nicht, wenn sie mit Blüten prangt,
Im Gegensatz zum Tier.

Und steh' ich vor der grünen Masch,
Dann denke ich bei mir:
O Mensch, was bist du doch borniert,
Im Gegensatz zum Tier.

Die Bimmelei

(8. Mai 1898)

Ich hatte die Fenster geöffnet,
Es war dieser Tage zu heiß,
Da bimmelt es auf der Straße –
Das ist der Mann mit dem Eis.

Der Mann, der den Kehricht abfährt,
Der bimmelt, was er kann,
Von morgens früh bis abends,
Da bimmelt die Straßenbahn.

Die Molkereiwagen bimmeln,
Es bimmelt die Feuerwehr,
Radfahrer kommen bimmelnd
In hellen Haufen daher.

Dies Bimmeln, ach, dies Bimmeln,
Zu schön ist doch dieser Brauch –
Ich glaube, in meinem Kopfe,
Da bimmelt es nächstens auch.

Schützenfest

(2. Juli 1898)

So fängt denn morgen das Schießen an,
Um dreie beginnt der Trubel,
Die große Spektakelsymphonie,
Der Lärm und das Gejubel.

Als ruhiger Schlag ist sonst bekannt
Das Volk am Strand der Leine,
Beim Freischießen aber, da kocht ihm das Blut,
Und lebhafter werden die Beine.

Der Dritte ist morgen, da hat jeder Geld,
Da heißt es »Rein ins Vergnügen!«
Und wenn vom Elften bis Letzten wir
Dann alle krumm auch liegen.

Jedoch das Wetter, das sage ich euch,
wird schlecht in jedem Falle,
Denn bleiben wir auch vom Regen verschont –
Verhageln tun wir doch alle.

Elektrisch

(18. September 1898)

Elektrisch ist heute fast alles
Auf dieser Erde Rund,
Elektrisch macht tot man die Menschen,
Elektrisch macht man sie gesund.

Elektrisch kann man schon nähen,
Elektrisch plätten man kann,
Elektrisch kann man sich schreiben,
Elektrisch ruft man sich an.

Elektrisch beim Schützenfeste
Das Rundteil beleuchtet war,
Elektrisch lassen die Damen
Entfernen das Schnurrbartshaar.

Elektrisch ist heute fast alles,
Und was das Neueste ist,
In Hannover fährt man elektrisch
Auf der Georgstraße Mist.

Auf nach Lüne

(9. Oktober 1898)

Der Schäfer Ast ist aus der Mode;
Zu einem andern Heidjer eilt
Das Volk, weil dieser, wie er selbst sagt,
Mit Hafergrütze alles heilt.

Beim altberühmten Kloster Lüne
Bei Lüneburg, da wohnt der Mann,
Der selbst die allerschlimmste Krankheit
Mit Hafergrütze heilen kann.

Er stippt den Finger in die Grütze,
Dann ist das Zeug magnetisiert,
Und wer davon für zehn Mark futtert,
Derselbige ist gleich kuriert.

»Nach Lüne!« heißt darum die Losung,
Die jetzt erschallet durch die Welt;
wer keine Grütze hat im Kopfe,
Bekommt in Lüne sie für Geld!

Durchbrenner

(16. Oktober 1898)

Harzkäse ist nicht jedermanns Sache,
Ich aber finde riesig nett
Als Zubiß zu der kleinen Lage
Ein sogenanntes Schneider-Kot'lett.

Harzkäse mit Schmalzbrot nennt man nämlich
Im Volke so; und ich bestellt'
Mir kürzlich das; kurz vor dem Ersten,
Denn weiter langte nicht das Geld.

»Woll'n Sie nun Vietz'schen oder Noah'schen?«
So sprach der Wirt, und langte her
Die Käse: »Ich kann Ihnen versichern,
Daß durchgebrannt sie beide sehr.«

Ich überlegte, dann streckte ich zeigend
Nach der Marke Noah aus meine Hand:
»Von diesem geben Sie mir, Herr Gastrat,
Denn der ist schon länger durchgebrannt!«

Voreiligkeit

(23. Oktober 1898)

In Pattensen, in Pattensen
Schrie man: »Mehr Licht, mehr Licht!
Elektrisch muß hier alles sein,
Das Gasöl genügt uns nicht!«

Und ehe die Leitung fertig war,
Nahm man die Laternen fort,
Drum hüllt jetzt schwarze Finsternis
Des Abends ein den Ort.

Und wenn nicht gerade Mondschein ist
Und man muß abends aus,
Dann nimmt man sich 'ne Laterne mit,
wenn man verläßt das Haus.

Doch unbedingt nötig ist das nicht,
Denn, Kinder, wie mir deuchte,
Da ist es bei euch immer hell:
Dafür habt ihr ja »Die Leuchte!«

Vorsicht

(20. November 1898)

Vor Limmer stand einst eine Brücke,
Die fiel ins Wasser hinein,
Dabei ist zu Tode gekommen
Ein unschuldig Knäbelein.

Die Jahre kamen und gingen,
Die Brücke ward nicht gebaut;
Warum? Darüber ward manche
Verkehrte Vermutung laut.

Man sagte, uneinig seien
Die Regierung und die Stadt,
Und das sei der Grund, daß die Brücke
Man nicht wieder errichtet hat.

Ihr irrt euch, liebe Leute;
Der Grund ist, hört mich an:
Man will die Brücke nicht bauen,
Damit sie nicht einstürzen kann.

Weißt du, wieviel ...

(22. Januar 1899)

Weißt du, wieviel Gaslaternen
Am Ernst-August-Platze stehn?
Weißt du, wieviel Kandelaber
Man am Tag dort kriegt zu sehn?

Kandelaber, Gaslaternen
Stehn da wirklich dicht an dicht;
»Abends muß,« so denkt der Fremde,
»Hier ja sein ein Meer von Licht.«

»Das ist würdig einer Großstadt;
Und bei feinen Leuten auch
Ist, den Vorplatz zu beleuchten
Tageshell, ein guter Brauch.«

Kommt er abends dann zum Bahnhof,
Dann erblickt er weit und breit
Eingehüllt Hannovers Vorplatz
In ein Meer von Dunkelheit.

Rabatt

(19. März 1899)

Zum Einkauf geht die junge Frau
Des Morgens in die Stadt,
Es lockt sie sehr das neue Wort:
Rabatt, Rabatt, Rabatt!

Ein Kauffieber ganz fürchterlich
Sie auf dem Leibe hat,
Das kleine Buch verspricht ihr ja
Rabatt, Rabatt, Rabatt!

Sie kauft bald hier, sie kauft bald da,
Sie kauft sich müd und matt,
Backt sieben Seiten im Buche voll
Rabatt, Rabatt, Rabatt!

Das ganze Haushaltsgeld geht drauf;
Da fällt ihr ein, sie hat
Kein Geld mehr für das Mittagsbrot –
Das kommt von dem Rabatt!

Nur ein Hund

(9. April 1899)

Geht ein Manschettenknopf verloren,
Dann wird er sauber registriert,
Im Polizeibericht gemeldet,
Und auf ein Jahr dann deponiert.

Ein Portemonnaie mit fünfzig Pfennig,
Ach, darum macht man ein Geschrei,
Als ob's ein Schatz von großem Werte,
Ein Diamant wie'n Kohlkopf sei.

Doch fängt dir 'mal der Hundefänger
Fort deinen Hund, kein Hahn kräht nach,
Und war er dir auch noch so teuer,
Man murkst ihn ab am vierten Tag.

Läufst du nicht gleich zum Zoologen,
Dann ist dein Hund, eh' du's gedacht,
Dein armer Putti, Ami, Alli,
Zu Kunstdünger schon längst gemacht.

Bei die Hitz

(13. August 1899)

Das waren Tage, glühend und heiß,
Bei sengender Sonne Prallen,
Da sind wir in der heißen Stadt
Beinahe vom Stengel gefallen.

Doch ihr Gutes hat die Hitze auch,
Da draußen auf dem Lande,
Da schafft der Bauer die Ernte heim
Bei sengendem Sonnenbrande.

Doch in der Stadt, da ist sie meist
Von zweifelhaftem Werte,
Was sie da zeitigt, ach, sehr oft,
Da ist es das Verkehrte.

Die Hitze dehnt alle Dinge aus,
Manchmal sogar die Namen;
So kam es, daß wir zur heißen Zeit
Den Minister-Thielen-Platz bekamen.

Die Privilegierten

(27. August 1899)

Zum Schützenhaus Frau Meyer geht
Mit ihrem Töchterlein,
Die Kleine soll in frischer Luft
Dort froh und munter sein.

Klein Elschen auf den Rasen läuft
Und hopst dort froh umher,
Da kommt ein Mann in Uniform
Und schnauzt sie an gar sehr.

Frau Meyer voll Erstaunen fragt:
»Sag'n Sie 'mal, lieber Mann,
Warum mein Kind auf diesem Platz
Nicht fröhlich spielen kann?«

Mit ernster Miene spricht der Mann:
»Die Kleine muß da weg;
Die Schützenkühe weiden da,
Das sehn Sie doch an dem Dünger.«

Nach Berlin, nach Berlin ...

(11. Februar 1900)

Von Waterloo die Fahnen,
Die sind jetzt in Berlin,
Und die von Langensalza,
Die sollen jetzt auch dahin.

Der Silberfund von Hilmsen,
Der ist schon lange da;
In Lüneburg vom Ratsschatz
Ich auch nur Kopien sah.

Bald wird's in unsern Kirchen
Und unsern Museen leer;
Hannöversche Reliquien,
Die findest du da nicht mehr.

Doch laß den Mut nicht sinken,
Sei traurig nicht, mein Sohn;
Was brauchst du der Väter Erbe?
Du hast ja die Tradition!

Das Beste daran

(18. Februar 1900)

Ein Bild von unserm neuen Rathaus
Ist in der Kunsthalle ausgestellt;
Ich hab's gesehn; nun raten Sie mal,
was mir am besten dran gefällt?

»Die Kuppel?« Nee, darauf verzicht' ich;
Wir sind ja nicht im Orient.
Jawohl, ich hätte nichts dagegen,
Wenn es im fernen Bagdad ständ.

»Das Ganze?« Nee. »Und die Detailchens?«
Auch nicht. »Das kolossive Dach?«
Erst recht nicht, und Sie finden's nimmer,
Was ich an diesem Bau gern mag.

Sie raten's nicht; als ich es ansah,
Da hab' ich so bei mir gedacht:
Am besten gefällt mir an dem Rathaus,
Daß kein Hannoveraner 's hat gemacht.

Die böse Woche

(10. Juni 1900)

Hannover, du hast viel auszuhalten,
Du lebst in einer bösen Zeit,
Wenn ich an die letzte Woche denke,
Dann tust du mir faktisch von Herzen leid.

Zuerst der Ausstand der Straßenbahner,
Das ist fürwahr kein Pfingstfestspaß,
Dann die Krawalle, die Schutzmannssäbel,
Die Bürgersteige, von Menschenblut naß.

Zu all dem Elend kommt noch der Sousa,
Halb Schlangenmensch, halb Musikus,
Und gibt hier mehrere Konzerte,
Daß man das auch noch ausstehen muß!

Und schließlich schickt nach dem armen Hannover
Man tausend Posaunenbläser her,
Die sollen Sonntags auf einmal tuten;
O Herr, du strafst dein Volk zu schwer!

Erkennungszeichen

(12. August 1900)

Zehn Jahre ist er im Ausland gewesen,
Hat nicht gesehen den Leinestrand,
Und als er zurückkam nach Hannover,
Da hat er es fast nicht wiedererkannt.

Das Durchbruchsviertel, die Asphaltstraßen,
Die elektrische Bahn, ihm war alles neu,
Und der vordere Teil der Eilenriede,
Wo war die alte Wüstenei?

Ihm wurde ganz wild und fremd zumute,
Als er das sah, und er dachte dabei,
Es wäre ihm wirklich, als ob das gar nicht
Das alte gute Hannover noch sei.

Da sah er die aufgerissenen Straßen,
Den Grand und die Steine und Loch an Loch,
Und sprach: »Es ist doch mein altes Hannover,
Ich kenne es wieder: sie buddeln noch!«

Schlimm, schlimm

(2. September 1900)

Sie saßen zusammen und tranken Kaffee
Und sprachen vom Achtuhrladenschluß:
»Nu denken Se mäöl, was soll das werden,
Wenn man spät noch etwas häöben muß?!

Wie oft ist nicht geräöd das Petroleum alle,
Oder Väöters Zigarrenkiste ist leer,
Es kommt Besuch und man hat keinen Aufschnitt,
Nicht wäöhr, denn sitzt man d'r schöne her?!

Wer kann denn auch immer an alles denken,
Geht man zum Einholen in die Stadt?
Man trifft 'ne Bekannte und merkt erst zu Hause,
Daß man noch etwas vergessen hat.«

Sie saßen und klönten bis viertel nach achte
Und kamen um dreiviertel neune nach Haus
Und hetzten die Mädchen zum Abendbrotkaufen
Spät abends um neun noch zum Kaufmann hinaus.

Das Schrecklichste

(11. November 1900)

Ein Schwanzstern stand am Horizont;
Das hat was zu bedeuten,
Von Mißwachs, Pest und Kohlennot,
Und anderen Schröcklichkeiten.

Von steifem Geldstand, Arbeitsnot,
Von bösen Moritaten –
Wir wollen zu einer weisen Frau,
Die soll uns die Deutung verraten.

Die aber sprach: »O Schlimm'res als Pest,
Als Mißwachs und Kohlennöte,
Und Klauenseuche und Rotlauf sagt
Für Hannover dieser Komete.

O höret, was er bedeuten soll« –
Unser Haar sich sträubte vor Grauen –
»In der Herschelstraße der Fiskus wird
Eine neue Mauer bauen!«

Der schönere Name

(16. Dezember 1900)

Nun muß der Lärchenberg dran glauben,
Er paßt in unsere Zeit nicht mehr.
Graf-Waldersee-Straße soll er heißen,
Das ist bedeutend vornehmerer.

»Am Lärchenberg«, das klingt nach Grünem,
Und Grün, das ist doch ordinär,
Die neue Bezeichnung, liebe Leute,
Die ist bedeutend schönerer.

»Am Lärchenberg« ist viel zu kurz auch,
Und Kürze, die mag man nicht mehr,
Graf-Waldersee-Straße, das ist besser,
Denn das ist ja viel längerer.

Was hübsch und alt ist in Hannover,
Will man am grünen Tisch nicht mehr,
Und flugs erfindet man was Neues,
Doch das ist meist viel dämlicherer.

Musik mit Natur

(6. April 1902)

Es wird noch nicht genug getutet
In unserer lieben Leinestadt,
Noch immer der Georgengarten
Nicht Militärkonzerte hat.

Dort singen bloß die Nachtigallen
Und Amsel, Drossel, Star und Fink,
Das ist doch nichts, denn wieviel feiner
Klingt's Schnedderengteng und Tschingdingding.

Piepmätze hat ja jedes Bierdorf,
Die Großstadt aber ist verwöhnt,
Uns kann nur ein Konzert begeistern,
Das ord'ntlich knallt und klingt und dröhnt.

Das ist poetisch, schnedderedderengteng,
Das ist so reizend, rattabum,
O welche Wonne, tsataszingda,
O, welche Lust, tsarummschrummschrumm.

Fiskalische Zierpflanzen

(28. September 1902)

Für den Schmuck von ihren Plätzen
Hat die Stadt stets viel getan,
Unterstützung findet sie jetzt
Auch noch von der Eisenbahn.

Der Minister hat befohlen,
Daß ein Bahndamm in der Stadt
Etwas Pflege soll erfahren
Und hübsch auszusehen hat.

Er befahl und man gehorchte
Und man machte alles schön,
wie man in der Herschelstraße
Es kann alle Tage sehn.

Herrlich ist des Bahndamms Flora,
Und voll Staunen man dort schaut:
Hederich und Mäusegerste,
Schierling und Franzosenkraut.

Die Eisenbahndeputation

(23. November 1902)

Nach Berlin, nach Berlin, fahr' nicht nach Berlin,
Mein Sohn, ich rate dir gut,
Und wenn du mit einem Minister dort sprichst,
Mein Sohn, so sei auf der Hut.

Ein Minister, der ist schon auf alles geeicht,
Und redet die Kreuz und die Quer,
Du denkst dann, es ist was, und wenn du's besiehst,
Dann bist du so klug wie vorher.

Von der Eisenbahn gehst zur Finanz du dann hin,
Sehr freundlich empfängt man dich dort,
Man sagt dir daselbst, was du lange schon weißt,
Und freudig verläßt du den Ort.

Aber bist du dann draußen, dann weißt du nicht hin
Noch her, nicht ein und noch aus,
Dann bist du so klug und so dumm wie vorher
Und kommst auch genau so nach Haus.

Das Ehrenforum

(14. Dezember 1902)

Wie denken Sie über das Ehrenforum?
Das ist eine tadellose Idee.
Wir kriegen dann auf dem Schorsenwalle
So eine halbe Siegesallee.

Alle zehn Schritte steht eine Größe
von dieser oder jener Partei,
Welfen und Nationalliberale
Bilden dann hübsch dort bunte Reih'.

Dazwischen werden dann die Koniferen
Aus Kunst und Wissenschaft gesetzt,
Natürlich in ganz bestimmtem Abstand,
Daß man nirgends die Symmetrie verletzt.

Man rechnet so auf Stücke hundert
vorläufig, schließt man die alten mit ein,
Bis zum Bundesschießen im Sommer
Soll der ganze Krempel fertig sein.

O Jammer, Jammer, höret an

(25. Januar 1903)

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so trau-e-rig bin,
Das Haus in der La-a-vesstraße,
Das wi-ill mir nicht aus dem Sinn.

Der la-a-angweilige Kasten,
Das stu-u-umpfsinnige Haus,
Halb sieht es wie eine Kase-rne
Und halb wie ein Kornspeicher aus.

Den gu-uten Hannoveraner
Ergreift es mit wi-ildem Weh,
Sieht er an der Silofassade,
Der ö-öden, i-in die Höh.

Und antiberlinisch wird wählen
Das nä-ächste Ma-al der Mann;
Das ha-at mit seinem Gebau-au-e
Dann wieder der Fiskus getan.

Die Lustbarkeitssteuer

(15. Februar 1903)

:,: Ihr traurigen Hannov'raner
Seid ihr alle beisammen, :,:
Ei so lasset uns weinen,
Die Großen und Kleinen,
In unser Glas Bier,
Lust'ge Hannov'raner waren wir.

:,: Was wird nicht schon heute
Bloß alles besteuert, :,:
Nun soll auch 's Vergnügen
Der Steuer unterliegen,
Das ist doch gemein,
Traur'ge Hannov'raner tun wir sein.

:,: Unser Stadtdirektor hat es wohl bedacht,
Daß die Steuer sich lohne, :,:
Wenn im Tanze wir fliegen,
Mit schönen Mädchen uns wiegen,
Dann heißt's gleich »Betahl!«
Lust'ge Hannov'raner war'n wir 'mal.

:,: Ei hört nur, wie so liebreich
Der Herr Worthalter redet, :,:
Auf Musik eine Steuer,
Das Singen wird teuer,
Bei Bier und bei Wein
Traur'ge Hannov'raner tun wir sein.

Neuphilologie

(15. März 1909)

Wenn ich den Schutzmann frage:
Wo willst du hin?
»Zur englischen Stunde!«
Spricht er mit trübem Sinn.

Wenn ich den Schutzmann frage:
Wo kommst du her?
»Ich ochse Französisch!«
Spricht er und seufzet schwer.

Er hat es doch begriffen,
Ging's anfangs auch nicht leicht,
Er kriegte es doch binnen
Und sprach: »Es ist erreicht!«

Und als ich ihn dann fragte:
Parlez-vous français?
verstand er meine Rede
Und sagte fröhlich: »Nee!«

Solche und so'ne

(5. April 1903)

Von Naturverehrern gibt's zwei Sorten:
Erstens solche, denen die Natur
Wie sie ist, am allernettsten dünket,
Ohne Beiwerk, ohne Korrektur.

Zweitens so'ne, und das sind die mehrsten,
Denen macht dieselbe nur Pläsier,
Wenn dieselbe etwas komfortabel
Ist versehn mit Butterbrot und Bier.

Schön geebnet müssen sein die Wege,
Ansichtskarten muß es geben dort,
Und ein Aussichtsturm muß daselbst stehen,
wenn geeignet dafür ist der Ort.

Von dem Aussichtsturm da kann man nämlich
Die Natur sich voll Gefühl besehn
Und schärm eerisch zu dem Nachbar sagen:
»Die Natur, die ist doch faktisch schön!«

Der schäbige Rest

(19. April 1903)

Heil soll Hannover widerfahren,
Die große Sarah will hierher,
Das ist sehr freundlich, doch wir fragen:
O Sarah, was kamst du nicht eh'r?

Als du noch jünger warst an Jahren,
Da ließest du dich hier nicht sehn,
Jetzt, wo die Zugkraft von dir weg ist,
Da willst du auf die Dörfer gehn.

In Frankreich reüssierst du, Sarah,
Kaum noch im allerkleinsten Nest,
Und nun servierst du den Barbaren
Diesseits des Rheins den schäb'gen Rest.

Ich aber schätze keine Neigen
Und laufe davor, was ich kann;
Schon immer warst'e reichlich mager,
Und jetzt ist an dir nichts mehr dran.

Der Tiergarten

(26. April 1903)

Noch sitzt der Kater auf dem Dache,
Und schon hat man sein Fell verkauft;
Noch hört der Tiergarten dem Fiskus,
Und schon man um den Zweck sich rauft.

Der möchte ihn zur Rennbahn machen,
Doch meine ich, für diesen Zweck
Stehn dort die Bäume sehr im Wege
Und deshalb müßten diese weg.

Zur Hasenheide will ein andrer
Ihn machen; ach, wie wunderschön,
wenn Würstchenhändler dann dort grölen
Und zwanzig Karussells sich drehn.

Die Bäume fall'n, die Buden wachsen,
Und eine Tafel dort ich seh:
Der Tiergarten, der ist im Hofe,
Den Schlüssel kriegt man beim Portier.

à la Haby

(30. August 1903)

An der Bellawuppdichbrücke
Ist Hannovers Wappen dran,
wovon jeder Maschparkwandrer
Leicht sich überziehen kann.

Aber es ist fortgeschritten
Mit der Zeit, die Enden sind
von dem Kleeblatt ausgezogen,
»Jugendstil!« ruft Greis und Kind.

Ja der Fortschritt, ja der bricht sich
Bahn an unserm Leinestrand,
Und man wird noch viel erleben,
Man erlebt noch allerhand.

Gar zu altmodsch und zu steif ist
Unser alter Marktkirchturm,
Auf, und brennt ihn à la Haby,
Krümmt ihn à la Regenwurm.

Die Mordsmode

(1. November 1903)

Einen kleinen Vogel hatte früher
Jede Dame, nämlich auf dem Hut,
Unter zwei bis dreien heutzutage
Es die Modedame nicht mehr tut.

In der ganzen Welt beginnt ein Morden,
Überall da knallt das Schießgewehr,
Rar geworden sind die Papageien,
Kolibris, die gibt's schon gar nicht mehr.

Einen bessern Piepmatz sich zu leisten,
Ach, der Mittelstand, der kann es nicht,
Aber einen Vogel muß man haben,
Und so nimmt man eben, was man kriegt.

»Nein, die Preise sind nicht zu bezahlen,«
Sagt die Hausfrau, »was ist da zu tun?
Für die Mädchen nehm' ich tote Spatzen
Und für mich das olle Legehuhn!«

Der Konzerthuster

(16. Dezember 1903)

Er hat einen richtigen Schnupfen,
Ihr Husten ist auch nicht ganz schlecht,
In einer Tour niest er und prustet,
Sie kröchert sich schon was zurecht.

Die beiden sind Kunstenthusiasten,
In keinem Konzert fehlen sie,
Ob Kammermusik oder Wüllner,
Man hört ihr Gehust und Hatschi.

Im Tivoli spielt Sarasate,
Die beiden, die sitzen ganz vorn,
Sie hustet bei jeder Piece,
Er dröhnt wie ein Turmwächterhorn.

Ihr Enthusiasmus ist rührend,
Die Kunst, die ist ihnen kein Spaß,
Und geht's ihnen auch noch so elend,
Sie kommen und husten uns was.

Keine Bange

(10. Januar 1904)

Das Logenhaus im Hoftheater
Wird umgebaut, so wie man sagt,
Warum denn dieses nun geschähe,
Der gute Hannovraner fragt.

In unserm alten Hoftheater
Liebt man sonst keine Änderung;
Man sagt dort, was so lange gut war,
Das ist auch heut noch gut genung.

So denkt man sich: Aha, Chikago,
Vorbeugung gegen Brandgefahr,
Das Logenhaus ist alt und dröge,
Doch mehr noch das Repertoire.

Doch darum seid nur ohne Sorge,
Mit Ausnahme des »Großen Lichts«,
Da zündet in dem Hoftheater
Seit Ewigkeit schon lange nichts.

Ulenspeigels Ausgewählte Lieder

Lüneburger Kinderlied

(2. April 1905)

Ringel Ringel Rosendorn,
Den pflanzen wir am Sand,
Wir pflanzen dort Akazien an,
Ki-ka-kazien an,
Man lacht uns aus im Land.

Das Land, das geht uns gar nichts an,
Mag auf dem Kopfe stehn.
Wir pflanzen doch Akazien an,
Ki-ka-kazien an,
Wir finden das sehr schön.

Und wer das nicht für stilvoll hält,
Der hat nicht viel Verstand;
Denn Rotdorn und Akazienbaum,
Ki-ka-kazienbaum,
Paßt fein zu unserm Sand.

Akazien, die sind priepelig,
Der Sand monumental;
Drum pflanzen wir Akazien an,
Ki-ka-kazien an,
Und singen dann noch mal:
Ringel Ringel Rosendorn usw.

Der Wundermann

(9. April 1905)

In Völksen wohnt ein Wundermann,
Der jede Krankheit heilen kann:
Zahnweh und Friesel und den Mumps,
Die Schwindsucht und den Fuß des Klumps.

Er hat nicht Medizin studiert,
Hat nicht zum Doktor promoviert,
Mit einer Flasche Fliedertee
Kuriert er jedes Ach und Weh.

Kolik und Infaulentia,
Die Wassersucht, das Podagra,
Für Gallenstein, für Hüfteweh,
Für alles hilft der Fliedertee.

Das heißt, dem Wundermann hilft er.
Bisher war seine Börse leer,
Jetzt ist stets voll sein Portemonnaie,
So sehr hilft dieser Fliedertee.

Für kalten Brand und dickes Blut
Ist Fliedertee vorzüglich gut,
Für Krätze, Krebs und auch für Gicht,
Bloß gegen Dummheit hilft er nicht.

Ruppsäcke

(16. April 1905)

Was ist denn mit der Eilenriede passiert?
Sie sieht ja so aus als wie ganz ruiniert,
Noch gestern war sie ganz mit Blumen geschmückt,
Und heute ist alles zerruppt und zerdrückt.

War das eine Kuh oder war es ein Pferd,
Das dort hat die lieblichen Blumen verzehrt,
Ein Esel vielleicht oder ein wildes Schwein?
Denn so etwas ähnliches muß es wohl sein.

Es war keine Kuh und kein Pferd war es nicht,
Es trug ein menschliches Angesicht,
Was dort hat geruppt so roh und gemein,
Ein ruppiger Mensch wird's gewesen sein.

Der Differenzbeschluß

(20. Oktober 1905)

Ihr lustigen Bürgervorsteher,
Seid ihr alle zusammen?
Ei so lasset uns fahren
Im Straßenbahnwagen
Zum Dreimännerquartier,
Lust'ge Bürgervorsteh'r seien wir.

Unser Hauptmann hat uns wohl bedacht,
Die Weinkarte hergebracht,
Den Bleistift zum Schreiben,
So laßt's uns denn treiben
Zu Lust und Pläsier,
Lust'ge Bürgervorsteh'r seien wir.

Und als wir kamen in den Sitzungssaal,
Da gab es einen Mordskandal,
Die beiden Parteien
Woll'n sich überschreien:
Gilt es mir oder gilt es dir?
Lust'ge Bürgervorsteh'r seien wir.

Es hat sich das Blättlein
Schon zweimal gewendet,
Schon zweimal gewendet,
Noch ist's nicht beendet,
Neugierig ist die ganze Stadt,
Wo es diesmal eingeschlagen hat.

O seht nur, wie so niedlich
Wir hin und her schwanken,
Fest stehn auf den Beinen
Sieht kaum man noch einen,
Dem Volk macht's Pläsier,
Lust'ge Bürgervorsteh'r, das sein wir.

Bierkriegfrieden

(30. September 1906)

Die Wirte und die Brauerein,
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn
Und schlossen endlich Friede.
Und jeder Jüngling, jeder Mann,
Der Knabe auch, der es schon kann,
Die Tasche voller Däuser,
Bezog die alten Häuser.

Da sitzen sie und halten fest
Die lang' entbehrten Töpfe,
Die Börsen werden ihnen dünn,
Doch dicker stets die Köpfe.
Es ist die schlimme Zeit vorbei
Der Ringbiertrinkerspäherei,
Man darf jetzt ohne Zagen
Mit Ringbier füll'n den Magen.

Nicht mehr mißtraut der Freund dem Freund,
Der Vater nicht dem Sohne,
Und fragt ihn fürchterlichen Blicks:
»Trankst mit du oder ohne?«
Man darf jetzt trinken, was man will,
Und ist man knüll, dann ist man knüll,
Und niemand darf es wagen,
Dem Stoffe nachzufragen.

Drum Brüder, stoßt die Gläser an,
Wir können wohl noch einen,
Nach Hause darf heut' keiner gehn
Mit zielbewußten Beinen;
Wir haben es der Welt gezeigt,
Was Solidarität erreicht,
Laßt uns den Sieg genießen,
Die Nasen uns begießen.

Vorörtlersorgen

(20. Januar 1907)

Einst waren wir mant Pysen
Und unser Ort ein Dorf;
Großstädter sind wir nun
Und können uns dicketun,
Das ist so klar wie Torf.

Zwar werden wir verwaltet
So'n bißchen nebenher;
Es heißt: »Macht euren Knix,
Zu sagen habt'r nix!
Was wollt'r denn noch mehr?«

Wir dachten an Wasserleitung
Und Kanalisation;
Gedanken, die sind frei,
Die Eingemeinderei
Ist nix als Dekoration.

Wir riechen auf'n Proppen.
Der Proppen schmeckt nach mehr;
Mehr gibt es aber nicht
An Wasser und an Licht
Und sonstigem Zubehör.

Die Sache, die ist bitter,
Und bitter ist nicht süß;
wir fielen schön hinein,
Adjö, du holder Schein,
Die Sache, die ist mies.

Wir gründen Bürgervereine,
Vielleichtens hilft uns das;
Und nützt es auch nicht viel,
Es ist ein schönes Spiel
Und macht uns bannig'n Spaß.

Circulus vitiosus

(17. Februar 1907)

Am Ägidientor in Hannover
Ist der Straßenbahnrendezvousplatz,
Da trifft die grüne die rote,
Die Stöckener den Hildesheimer Schatz.

Es ist rührend anzusehn,
Die Freude und die Zärtlichkeit,
Sie können sich gar nicht trennen,
Sie vergessen Ort und Zeit.

Sie kommen aus der Breiten-
Und aus der Georgenstraß',
Von der Prinzen- und Marien-,
Und so weiter ohne Unterlaß.

Jeden Augenblick kommt noch eine,
Und fährt endlich eine weg,
So kommt schon wieder eine andre
Von dieser oder jener Eck'.

Oft sind es bloß sechs bis sieben,
Meist aber zwanzig oder mehr,
Von denen dann diese oder jene
Vor Freude fährt hin und her.

Oder eine bekommt den Rappel
Und fährt um den Platz herum
Zum allergrößten Ergötzen
Von dem geehrten Publikum.

Aber auf einmal fällt ihnen ein,
Daß sie noch etwas hatten vor,
Und dann ist es plötzlich einsam
Zu Hannover am Ägidientor.

Das dauert aber meist nicht lange,
Dann sind sie wieder alle zusamm',
Und erzählen eine der andern,
Was sie unterwegs gesehen ham.

Das Publikum findet das öde,
Das Publikum, das ist so dumm,
Es denkt, daß die Straßenbahn wäre
von wegen dem Publikum.

Nach Recht und Billigkeit

(24. Februar 1907)

Wer soll denn die Lasten tragen?
Na, doch immer der Interessent!
Der Worthalter hat es gesprochen,
Nun hat die Geschichte ein End'.

Das ging ja auch nicht mehr so weiter,
Da war ja das Ende von weg,
Von dem Ein-für-den-andern-bezahlen,
Dabei kriegt die Börse ein Leck.

Laßt die Toten die Toten begraben,
Die Armut ein Armenhaus baun,
Die Schulkinder bauen die Schulen,
Die Stifte die ärmlichen Fraun.

Niemand soll fürder Wassergeld zahlen,
Wer notorisch nur Alkohol sauft,
Für das Rathaus hat aufzukommen,
Wer dahin von Amts wegen lauft.

Vor allem die Interessenten,
Die müssen blechen und wie,
Die Herren Vertreter der Firma
Eggert, Küster und Kompanie.

Der Laubenkolonist

(10. März 1907)

Ich armer Laubenkolonist,
Da sitz' ich nun mit meinem Mist
Und kann ihn nicht gebrauchen;
Es steigert mich der Magistrat,
Der Kuckuck baue nun Salat,
Es lohnt nicht mehr das Jauchen!

Das Gärtchen war so schön bestellt,
Der Teufel seinen Schwanz drauf hält,
Nun wird sich's nicht mehr lohnen;
Wir sind doch nicht in Kanaan,
Es hängen an den Stangen dran
Doch man bloß Vietsebohnen!

Die Hamaus frißt den Sellerie,
Kartoffeln, die geraten nie,
Der Appelbaum trägt Prümmel;
Der Porro wird so lang wie'n Mann,
Doch setzt er keine Bollen an,
Das weiß der liebe Himmel!

Die Erdbeern holt sich Spatz und Star,
Radieschen werden mächtig zwar,
Doch dafür sind sie stockig;
Das bißchen, was noch übrigbleibt,
Dann unser Magistrat eintreibt,
Da wird ein Bählamm bockig!

Was soll ich mit der Laube nun
Und mit der grünen Banke tun
Und den zwei Rosenstöcken?
Mein Geld, das ist doch nicht von Blei,
Der Magistrat denkt nichts dabei,
Ich kann am Proppen lecken!

Ich tret' dem Bund der Landwirt' bei
Und mache da ein Mordsgeschrei
Um Kompensationen;
Denn kommt erst der Kanal hier durch,
Bin ich erst recht in Merseburg
Mit meinen Vietsebohnen!

Magistratsbeschluß

(17. März 1907)

Am grünen Donnerstage des Jahres
Des Heils ein Tausend neun Hundert und Sechs
Beschlossen die städtischen Collegia
Nachfolgende hochwohlweise Lex:

Wasmaßen in Folge der allzugroßen
Überhandnahme der dritten Kind'
Unserer getreven Stadt Finanzen
In perturbationem geraten sind,

Wasmaßen ferner und alldieweilen
Die Kosten der Repraesentatio
In urbis gloriam erheblich wachsen,
Beschlossen die Collegia so:

Die dritten Kindlein sind hinfüro
Des Rechts der Schulgeldfreiheit bar,
Zuwiderhandlung geschieht von jetzt ab
Auf eigene Rechnung und Gefahr.

Dies tuen kund wir und zu wissen
Den Bürgern Unserer lieben Stadt,
Den Inquilinis ebenfallsig;
wonach sich zu richten! Der Magistrat.

Siehst du wohl, das kommt davon

(24. März 1907)

In der Eilenriede ein Wirtshaus steht,
So mancher dran vorübergeht,
Der Wirt, der nahm die besten
Plätze und reservierte sie
Den weinverzehrenden Gästen.

Herr Wirt hatt' aber manchen Gast,
Dem hatte dieses nicht gepaßt;
Er sprach in seiner Gemeinheit:
»Nun geh' ich ganz woanders hin;
Ich flötje aus die Feinheit.«

Herr Wirt hatt' auch ein Portemonnä,
Sah er das an, so ward ihm weh';
Er ging zum Magistrate
Und sprach: »Ich möcht' entbunden sein!«
Worauf man das auch tate.

Nun kam ein anderer Wirt dahin,
Dem wurde ziemlich mies zu Sinn,
Als er tagtäglich merkte,
Wie man bei ihm vorüberging
Und sich woanders stärkte.

Er stiefelte zum Magistrat
Und sprach: »Nun schaffet einmal Rat!«
Da ließ man nun demselben
Ein großes, grünes Mordsplakat,
Wo sich der Weg zwillt, wölben.

Jetzt läuft kein Mensch mehr dort vorbei,
Ein jeder wird von weitem scheu,
Biegt rechts ab oder zur Linken,
Um, wo er es bisher gewohnt,
Sein Bitterbier zu trinken.

Die Resignierten

(31. März 1907)

Seid alle ruhig, seid alle stille,
Opposition hat keinen Zweck,
Der Magistrat, der stimmt ja doch bloß
Ratsch über unsere Köpfe weg.

Was hilft uns denn die eigne Meinung,
Wird sie von oben ignoriert;
Stimmt man uns über, sind wir im Buddel,
Und obendreine noch blamiert.

Was hilft ein Differenzbeschlüßchen,
Der Magistrat tut, was er will;
Benickkoppt alles, was er vorschlägt,
Und haltet euch nur sonst recht still.

Im Magistrat hat man die Bildung,
Dagegen an kann man nicht gut,
Riskiert mal einer eine Lippe,
Bums, hat er gleich eins auf dem Hut.

Drum schweiget stille und haltet die Ränder,
Bis daß es wieder kommt zur Wahl,
Als Kandidat macht man natürlich
Ein ganz klein wenig in Skandal.

Das kostet nichts und macht Vergnügen,
Doch weiter hat das keinen Wert;
Sitzt man erst wieder auf dem Rathaus,
Dann heißt's doch wieder: »Rechtsum kehrt!«

Volkslied

(7. April 1907)

Es steht ein Baum am Stephansstift,
Der hat drei grüne Äst',
Einst standen ein'ge Tausend hier,
Das ist der schäbige Rest.

Da sitzt ein kleiner Vogel drauf,
Der pfeift nicht gerade schön,
Es ist ein Spatz, denn Fink und Star
Sind längst nicht mehr zu sehn.

Der Vogel sitzt in seinem Nest
Wohl auf dem letzten Baum;
Ach Schätzel, bin ich hühnerblind,
Oder ist es nur ein Traum.

Es ist kein Traum, den schönen Wald,
So dichte bei der Stadt,
Verkaufte man und trieb ihn ab,
Das tat der Magistrat.

Der Baum, der steht beim Stephansstift,
Und still mir mein Verstand,
Der Vogel pfeift ein Schelmenlied,
Man hört's im ganzen Land.

Und wer es hört, der denkt sein Teil
Und spricht: »'s ist ein Skandal!
Woanders pflanzt man Bäume an,
Hier hackt man alles kahl.

»Woanders geht man klug zu Werk
Und hält vernünftig Haus,
Doch hier ...«, da fliegt der Vogel weg,
Das Lied ist deshalb aus.

Kleefelder Villenlied

(28. April 1907)

In des Waldes tiefsten Gründen,
Bis zur Nasenspitz' versteckt,
Schlaf' ich armer Trockenwohner,
Bis ein Mückenstich mich weckt.

O verflixt, ruf' ich erwachend,
O verflucht, brüll' ich vor Wut,
Dieses geht entschieden über
Jede Schnur an meinem Hut.

O ich Esel, ich gehörnter,
Daß ich auf den Mostrich kroch,
Und verführt von schönen Reden
Hier in diese Wildnis zoch.

Abends wimmelt da die Gnitte
Und die Mücke, langgebeint,
Und drei Sorten blinder Fliegen
Kommen, wenn die Sonne scheint.

Außerdem gibt's da Bazillen,
Es ist wirklich alles da;
So zum Beispiel die Amöbe
Lebt dort, der Malaria.

In den Adern hab' ich Serum,
Mit Karbol bin ich beschmiert,
Und trotzdem ganz blutvergiftet
Und vollkommen infiziert.

Eine einz'ge dicke Beule,
So ist meines Kindes Leib,
Ein Konglomerat von Pickeln
Mein mir angetrautes Weib.

Kratzen müssen wir uns immer,
Kratzen im und außer'm Haus,
Und ich schlage vor: das Beste
Ist, wir kratzen nächstens aus!

Auch ein Defizit

(5. Mai 1907)

Der Maschpark ist 'ne schöne Gegend,
Wie man sobald noch keine sah,
Da ist's nicht, wie bei armen Leuten,
Im Gegenteil, 's ist alles da.

Denn da sind Bäume und Gesträuche,
Auch einen See hat man gemacht,
Und an dem Ufer von demselben
Ist ein Gebirge angebracht.

Und Bänke stehen da in Massen,
Auf denen kann man sitzen gehn,
Und von der Brücke kann man Fische
Teils füttern, teils bloß so besehn.

Und Blumen gibt's von allen Sorten,
Ja wohl noch mehr, es ist ein Staat,
Doch etwas fehlt, was man zuweilen
Noch nötiger als diese hat.

Und fehlt es, kann es leicht passieren,
Daß auf die Gartenkunst man pfeift
Und furchtbar plötzlich in die Gegend,
Wo noch Natur ist, wärtser läuft.

Doch diese die ist hier vernagelt,
Es stehn da Warnungstafeln 'rum,
Und es wird einem immer schlechter,
Und es wird einem mehr als dumm.

Und man rennt hierhin und rennt dahin,
Die Stirn voll Schwitz, das Auge stier,
Und nirgendswo kann man erblicken
Das heißersehnte Wörtchen: Hier!

Umgehungsgesang

(19. Mai 1907)

Hab'n wir nicht was Schönes angerichtet?
Hab'n wir nicht was Herrliches erreicht?
Haben endlich mit Geduld und Spucke
Des Ministers hartes Herz erweicht.

Große Dämme werden aufgeworfen
Und die Landschaft mitten durch halbiert,
Wenn es nicht ein großer Vorteil wäre,
Könnt' man glauben, man sei angeschmiert.

Mit der Aussicht, damit ist es Essig,
Auch wird der Verkehr sehr stark gehemmt,
Und die Stadt wird zwischen hohe Wälle,
Wie 'ne Katze in der Tür geklemmt.

Die Ästhetik ist total zum Kuckuck
Und das Bild der Stadt, das ist verhunzt,
Als Erfolg die Sache aufzufassen,
Dazu gehört wahrhaftig eine Kunst.

Uns wird bang und uns wird immer bänger,
Unerträglich war der Status quo,
Doch bedenkt man sich den Fall genauer,
Denkt man, es war doch noch besser so.

Doch was hilft's? Die Sache ist geschehen,
Siebzig Millionen die sind hin,
Hin ist hin, verloren ist verloren,
Tun wir so, als sei es ein Gewinn.

Hauptsach ist: Der Bürger darf nicht merken,
Daß die Sache eine Pleite war,
Als unfehlbar müssen wir erscheinen
Diesem guten Tiere immerdar.

Darum lasset uns Verzückung heucheln
Ob dem großen unverhofften Glück,
Denn wir sind nun einmal 'reingeschliddert
Und wir können nun nicht mehr zurück.

Drum erhebet mächtig eure Stimme,
Stimmt die hehre Lobeweise an:
Heil dem Fiskus, Heil dem Magistrate,
Die uns gaben die Umgehungsbahn!

Lebensregel

(18. August 1907)

Üb' immer Untertänigkeit
Bis an dein frühes Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Vom Magistrate ab.

Sag' immer: »Ja« und dann nur »Nee«,
Bist du in Minderzahl,
Das schadet nichts und macht sogar
Ganz gut sich auch einmal.

Opposition ist pöbelhaft,
Nach eigner Meinung geht
Kein feiner Mann, im Gegenteil,
Das tut bloß ein Prolet.

Drum tue ruhig deine Pflicht,
Wie sich's für dich gehört,
Vielleicht wirst du Senator dann
Und stirbst einst hochgeehrt.

Und jeder, der dein Grabmal sieht,
Der zieht den Hut und spricht:
Er tat stets, was man ihm gesagt,
Und sträubte nie sich nicht.

Er ward dem Magistrate nicht
Zum Ärger und zur Last,
Mit einem Wort: er war ein Mann,
Wie er aufs Rathaus paßt.

Leinenführig

(8. September 1907)

Es zog ein Mann im Rathaus ein,
Als Hecht im Karpfenteich,
Die Waden drückte er stramm durch,
Sein Rückgrat war nicht weich.

Verwundert sah der Magistrat
Sich an das Ungetier
Und lächelte und sprach bei sich:
»Wie kommst du uns bloß für!«

»Stoppt ihn 'mal in die Kommission,
In die kein andrer will,
Schluckt er erst Zahlen Tag für Tag,
Das macht ihn schon bald still.«

»Und wenn er Männertöne red't,
Quetscht man ihn an die Wand,
Bis daß er nicht mehr quietschen kann,
So kommt er zu Verstand.«

Und wie gesagt, so auch getan,
Nach einem Vierteljahr
Der stramme Hecht im Karpfenteich
Ein braver Karpfen war.

Er schwänzelte bescheidentlich,
Hört' er den Tritt des Herrn,
Und warf der ihm ein Bröslein hin,
So nahm er's liebendgern.

Der Verschwender

(22. September 1907)

Schorses Leben war ein wüstes,
Jeden Abend war er voll,
Keine Nacht war er zu Hause,
Ja, er trieb es allzutoll.

Und er sumpfte und er liebte,
Jeute nach der Schwierigkeit,
Hielt sich Autos und Mätressen,
Manchmal zwei zu gleicher Zeit.

In dem Buffet war er Stammgast
Und in jeder Bar zu Haus,
Jede Biermamsell die kannte
Schorse und sie zog ihn aus.

Die Verwandtschaft sah mit Kummer,
Wie so wüst es Schorse trieb,
Daß vom Gelde seiner Eltern
Immer weniger übrigblieb.

Doch sie konnten es nicht hindern,
Schorse, der blieb in der Norm,
So ein Leben, wie sein Leben,
Hört zur bessern Lebensform.

Endlich ward er pathologisch,
Denn das Bürgerrecht erstand
Er sich, ohne daß er's wußte,
Rein aus Mangel an Verstand.

»Also mit dem Geld zu aasen,
Geht zu weit,« so sprach man; schnell
Ward entmündigt der Verschwender,
Steht nun unter Kuratel.

Allerhöchste Ordre

(6. Oktober 1907)

Ich hab' die Sache dicke,
Ich hab' die Sache satt;
Es sind mir zu viel Nörgler
In meiner lieben Stadt.

Schwarzseher kann 'ch nicht brauchen,
Hab' Besseres zu tun;
Und wem's nicht paßt, der schüttle
Den Staub von seinen Schuh'n.

Wir brauchen Optimisten,
Und der, der das nicht ist,
Der zieh' gefälligst wärtser
Mit seinem Pessi-Mist.

Ausrotten will ich gänzlich
Das Nörgeleigewächs;
Voluntas mea, hört ihr,
Soll sein suprema lex!

Döhrener Klage

(27. Oktober 1907)

Als wir man noch Dörfler waren,
War es bis halb zwölfe hell,
Jetzo find't man schon um zehne
Nicht mehr richtig von der Stell'.

Scheint kein Mond, dann ist es dunkel,
Jeder geht mit der Latern',
Ist denn das der Großstadtsfortschritt,
Ihr verehrten Rathausherr'n?

In Hannover brennt bis dreie
Und noch länger hell das Licht,
Damit jeder noch 'ne Kneipe
Finden kann. Wir könn'n das nicht.

Für die Damen des Asphaltes
Spart man nicht das teure Gas,
Doch dem tugendhaften Vorort
Knapst man's ab. Wie find'n wir das?

Dumpfes Murren herrscht im Vorort,
Weil man es nicht recht begreift;
Ist man denn nun eingemeindet,
Oder ist man eingeseift?

Ballade

(17. November 1907)

Deine Buckse ist von Blut so rot
Und gehst so stolz einher, oh!
Die Opposition, die schlug ich tot,
Keinen Ton sagt sie jetzt mehr, oh!

Oppositionsblut, das ist nicht so rot,
Gingst auch nicht so stolz einher, oh!
Ich schlug nebenbei auch die Presse tot,
Das wurde mir ziemlich schwer, oh!

Der Presse Blut ist nicht so rot,
Gingst auch nicht so stolz einher, oh!
Ich schlug den wilden Dambock tot,
Vom Tiergarten komme ich her, oh!

Rathausschmerzen

(21. November 1907)

Sie wollten allzu hoch hinaus
Schon bei den Außenmauern,
Viel weiter hat es nicht gelangt,
Nun stehn wir da und trauern.

Der Bauherr ward am Säckel krank,
Sein Geld tat ihm zerrinnen,
Von außen sieht es protzig aus,
Doch klaterig von innen.

Von außen ist es wundervoll,
Von außen ist's beglissen,
Von innen aber weniger,
Da ist es stark belämmert.

Kommunalimperialismus

(8. Dezember 1907)

Was ist denn unser Vaterland?
Ist's Döhrenland, ist's Buchholzland?
Ist's, wo der Seelhorstspargel sprießt?
Ist's da, wo man den Dambock schießt?
O naan, o naan, o naan, o naan,
Mein Vaterland soll größer saan!

Was ist denn unser Vaterland?
Ist's Vahrenwalder Heidesand?
Ist's, was man Bemerode nennt?
Und was man als Leinhausen kennt?
O naan, o naan, o naan, o naan,
Mein Vaterland muß größer saan!

Was ist denn unser Vaterland?
's ist rechts und links vom Leinestrand?
Und alles bis zum Deisterrand?
Und fernhin bis zur Heidekant?
O naan, o naan, o naan, o naan,
Mein Vaterland muß größer saan!

Wo hört denn auf die Vaterstadt?
Wann wird Hannover denn wohl satt?
Wenn unser Defizit kommt gleich
Demjenigen vom Deutschen Reich;
Bis dahin sagen wir: O naan,
Mein Vaterland muß größer saan!

Stammes Geist

(15. Dezember 1907)

Für den ägidischen Torplatz
Hatt' ich das Geld bestimmt;
Wie kommt es, daß man es plötzlich
Zum Rathausbaue nimmt?

Ein Brunnen sollte es werden,
Auf einem freien Platz;
Kein Dings für eine Treppe,
Denn das ist für die Katz.

Und bin ich auch tot und begraben:
Hier ist mein Testament!
Ihr Herren, nehmt eure Brillen,
Wenn ihr's nicht lesen könnt!

Hier heißt's: ent- oder -weder!
Wenn nicht: Das Geld gebt her!
Mich nach dem Tode bemogeln,
Das eggert mich doch zu sehr!

Botanik und Zoologie

(22. Dezember 1907)

Das Kleeblatt war einst unser Wappen,
Botanisch dachten früher wir,
Zoologisch sind wir nun geworden,
Im Wappen sind der Viecher zwier.

Das eine ist ein kleiner Affe,
Der froh lebt in den Tag hinein,
Wenn er was hat, dann ist er fröhlich,
Der Kostenpunkt macht ihm nicht Pein.

Das andre aber ist ein Kater,
Des grauen Elends grimmes Bild,
Jetzt sitzt er da noch sanft und friedlich,
Mit einmal aber wird er wild.

Dann wird er heulen und miauen,
Und brummen wird er täglich mehr,
Bis daß man sieht, es ist kein Kater,
Es ist ein angebundener Bär.

Monumentalität

(29. Dezember 1907)

Noch ist das Rathaus erst halb fertig,
Die Rennbahnbauschuld nicht gedeckt,
Da haben wir bereits schon wieder
Ein neues Kommunalprojekt.

Auf drei Millionen nur veranschlagt
wird Bellawuppdichs stolzer Bau,
Doch was der Nachtrag einst wird kosten,
Weiß man vorläufig nicht genau.

Monumental, das muß er werden,
Monumental ist alles hier,
Ganz gleich, ob Rathaus, ob ein Häuschen,
Auf dem man liest das Wörtchen: »Hier!«

Monumental drum laßt uns bauen
Hannovers Ausstellungslokal,
Da stellen aus wir unsern Dalles,
Denn der ist auch monumental.

Das Wichtigste

(5. Januar 1908)

Ein Mordshallo hat's einst gegeben,
Als Cäsar nahm den Rubikon,
Bei uns gibt's andre Überschritte,
Jedoch wir sagen keinen Ton.

Ob Rathaus oder etwas andres,
Nie kommt man aus mit dem Etat,
Zuweilen scheint's, als würd' es langen,
Doch hinterher ist alles da.

Die neue Rennbahn hat's bewiesen;
Kein Nachtrag? Kinder, welch Malheur!
Doch nein, es stimmt, denn als man nachsah,
Da waren's hunderttausend mehr.

Dem Stadthall'nbau sehn drum entgegen
Wir mit Vertrauensvölligkeit;
Ist erst der Bauetat bewilligt,
Der Nachtrag find't sich mit der Zeit.

Ist alles dunkel ...

(26. Januar 1908)

Kein Gas, kein Petroljum
Kann brennen so schlecht,
Als wie 'ne Bogenlampe,
Die man nicht anstecht.

Eine Funzel mit Ölje
Brennt noch mal so schön,
Als wie 'ne Bogenlampe,
An der keiner tut drehn.

Ein Talglicht für'n Groschen,
Das leuchtet viel mehr
Als wie 'ne Bogenlampe
Gießt man drauf kein Ampère.

Für'n Pfennig 'n Kienspan
Gibt zehnmal mehr Schein
Als die Bahnhofsplatzlampen,
Denn sie lassen es sein.

Ein Streichholz, ein dünnes,
Ist heller im Licht,
Denn die Bahnhofskandelaber,
Die tun's nun mal nicht.

Drum ist es das Beste:
Nehmt die Dinger da weg!
Denn was keinen Zweck hat,
Hat gar keinen Zweck.

Das Steuerrad

(16. Februar 1908)

In einem kühlen Grunde,
Da rauscht das Steuerrad,
Der Überschuß ging flöten,
Den man geträumet hat.

Die Gegenwart ist greulich,
Die Zukunft, die ist grau,
Uns wird beträchtlich miese,
Uns wird erheblich mau.

Der Worthalter hat gesprochen,
Er sprach's voll tiefem Weh,
Uns ging ein kaltes Grausen
Durch Mark und Pfennige.

Er sprach von neuen Steuern
Zu uns, der gute Mann;
Nun Kinder, kauft euch Kämme,
Die lausige Zeit kommt heran.

Das Ehrenauto

(23. Februar 1908)

Zu diesem deinem Ehrentage
Nah'n wir uns mit Ergebenheit
Mit einem kleinen Angebinde,
Sind glücklich, wenn es dich erfreut.

Nur fünfunddreißig Pferdekräfte
Hat leider es, der reine Quark,
Allein wir hatten zur Verfügung
Nur eben zwanzigtausend Mark.

Und außerdem auch nur sechstausend
Für den Chauffeur und das Benzin,
Nur wenig ist's, doch kommt's von Herzen,
Drum sei so gut und nimm es hin.

Fahr well! Doch lies vorher die Widmung,
Mit der die Liebe es versah;
Sie heißt: »Dem teuren Stadtdirektor
Dankbarlichst die Hannovera.«

Die Bauchtänzerin

(1. März 1908)

Ich komm' von's Provinziäölmuseum,
Da war's famos,
Das Treppenhaus, na, und die Kuppel,
Noch mäöl so groß.

Und Bilder sind däö, nich von Pappe,
Ganz kollossäöl,
Von Kunst soll mehrstens nich viel dran sind,
Mir puttegäöl.

Ich bin auch mehr vor das Pikante,
Da liegt was drin,
Zum Baaspiel, wie die ganz famöse
Bauchtänzerin.

Man schäöde, daß für mehr von so was
So wenig Platz,
Die Viecher sind ganz überflüssig,
Rein für die Katz.

Drum schmaaßt sie raus und kauft noch Mächens
Ins Necklischee,
Und macht vor Herrens Extrazimmer
Und mit Engtree.

Heimatschutz

(12. April 1908)

Es war im zwanzigsten Jahrhundert,
Als man vom Heimatschutz geschwögt,
Da hat man unsre Eilenriede
In aller Ruhe abgesägt.

Doch, daß man sehr für Heimatschutz war,
Das kann man heute hier noch sehn,
Von jeder Sorte Bäume ließ man
Zum mindesten zwei Stücke stehn.

Und als Naturdenkmal genügt das
Ja schließlich auch, denn Baum ist Baum,
Ob zwei, ob tausend von der Sorte
Da stehn, das interessiert doch kaum.

Denn von der List bis hin nach Döhren,
Da sah man auf der ganzen Tour,
Bis es zum Halse einem 'raushing,
Fast nichts als solche Bäume nur.

Die Überschule

(19. April 1908)

Das ist die neue Töchterschule,
Sie kostet nur 'ne Million,
In Anbetracht des hohen Zweckes
Ist das ein wahrer Sündenlohn.

Denn was da lernt, ist hoher Adel,
Wenn nicht F.-K.-Kartell S.-C.,
Und wenn auch das nicht, im Besitze
Von einem Überportemonnaie.

Das ist die Creme, ist die Elite,
Der Flott von junger Weiblichkeit,
Und viel zu einfach ist die Schule,
Die solchem hohen Zweck geweiht.

Zehn Millionen wären nötig
Gewesen für ein solches Haus.
Denn für die höchsten höh'ren Töchter
Reicht nur 'ne hohe Summe aus.

Der Ehrensold

(26. April 1908)

Ja in Hannover ist man nicht power,
Da schätzt und ehrt man noch die Kunst,
Da lohnt sogar sich schon die Lyrik,
Der Dichter dichtet nicht umsunst.

Bist sechzig Jahr du dort geworden,
Dann, Dichter, wird dein Schicksal hold,
Die städtischen Kollegien spenden
Dir einen hohen Ehrensold.

In bar und nicht in Naturalien,
Zum Beispiel Autos, ihn man zahlt,
Wie andren Leuten; ist's ein Wunder,
Daß des Poeten Antlitz strahlt?

Der andre aber nimmt das Auto
Und denkt dabei in seinem Sinn:
»Was danke ich bloß meinem Schöpfer,
Daß ich nicht auch ein Dichter bin!«

Maienlied

(3. Mai 1908)

Der Mai ist gekommen,
Der Torfmann brüllt aus,
Da bleibe, wer Lust hat,
In Hannover zu Haus.
Der Kirschenfritz schreit bald,
Daß mir 's Trommelfell gellt,
Ich glaub', ich verdufte
Nach auswärts in die Welt.

Herr Vater, Frau Mutter,
Es wird mir zu dumm,
Auf dem Nachbar sein'm Grundstück
Dreht 'n Karussell sich 'rum,
Es wimmert die Orgel,
Ich halt's nicht mehr aus,
Es treibt zur Eilenriede
Mich mächtig hinaus.

O weh, es ist Sonntag,
Ich bin schön lackiert,
In jedem Lokale
wird drauf los konzertiert,
Von der List bis nach Döhren
Ist überall Musik,
Ich mache mich dünne,
Denn ich habe es dick.

O wandern, o wandern,
Du frohe Burschenlust,
Ich blieb' gern zu Hause,
Doch hab' ich fortgemußt.
Wie die Wolken wandern
Am blauen Himmel 'rum,
So mach' ich es gerade,
Denn zu Hause ist's zu dumm.

Das Ehrenfenster

(28. Juni 1908)

»Dir zu Ehr'n woll'n wir stiften
Für das Rathaus aus Glas
Ein pikfeines Fenster,
Wie gefällt dir denn das?

Wir haben die Gelder,
Zehntausend und mehr,
Wir geben dir zu Ehren
Sie liebendgern her.«

»»Sehr freundlich, meine Herren,
Ich bedank' mich auch schön,
Doch was hilft mir ein Fenster,
Ich tu doch nicht 'raussehn.

Und was meine Frau ist,
Macht sich auch nichts daraus,
Was hilft ihr ein Fenster,
Sie kuckt nicht daraus.

Was Hübsches, was Feines,
Das ziemt sich viel mehr,
Denn allzuviel Ehre,
Das ist zu viel Ehr'!««

Wie 's weiter gekommen,
Das weiß man noch nicht,
Darum macht der Sänger
Vorläufig hier Schicht.

Die goldene Kuppel

(6. September 1908)

Es ist doch etwas Schönes
Um unsre Rathauskup-
pel, denn die ist von Golde,
Wir bilden uns viel ein drub-

e; kost's auch viel Moneten,
Das ist uns völlig schnup-
pe, denn wir geben's gerne
Für unsre Rathauskup-

pel, das ist unsre Freude,
Paßt auf, auf einmal, schwupp,
Vergold't man auch die Türme
Am Rathaus, wie die Kup-

pel, oder soll'n wir,
Was kommt denn an darub,
Den Magistrat vergolden,
Genau so wie die Kupp?

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