Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Sämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band

Hermann Löns: Sämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHermann Löns
titleSämtliche Werke in acht Bänden. Erster Band
publisherHesse & Becker Verlag
year1925
printrunZweiundzwanzigstes bis einunddreißigstes Tausend
editorFriedrich Castelle
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180416
projectid702be671
Schließen

Navigation:

Mein blaues Buch

Balladen

Maiensegen

Die Maiennacht ist hell und heiß,
In Flammen steht der heilige Kreis,
Ein Dreieck hin, ein Dreieck her,
Die liegen über Kreuz und Quer.

Es bebt das Laub am Lindenbaum,
Es träumt der Väter hohen Traum;
Das ist die Nacht, die heilige Nacht,
In der das neue Reich erwacht.

Es neigt sich jedes Lindenreis,
Der starke Gott tritt in den Kreis;
Die Sterne geben hellern Schein,
Die gute Fraue tritt herein.

Da hebt der Gott die Schwerthand auf
Und hemmt der Wolkenkühe Lauf;
Sie eilen in den heiligen Kreis,
Wo jedes seine Stelle weiß.

Die Euter hängen tief und schwer,
Und Feld und Wiesen dürsten sehr;
Die Göttin regt die weiße Hand,
Der Regen rieselt auf das Land.

Es sprießt das Gras, es schießt das Korn,
Es singt sein Lied der Hungerborn;
O Maiennacht, o Weihenacht,
Es steht das Land in Hochzeitspracht!

Der Märchenwald

Mitten im Moor liegt der Märchenwald,
Vom Zauberbache begrenzt;
Lockender Zauberruf dort erschallt,
Distel und Dorn ihn umkränzt.

Mitten im Wald eine Wiese sprießt,
Ihr Gras ist weich und lang;
Unter der Wiese die Quelle fließt,
Die hat eigenen Klang.

Hinter der Quelle steht ein Baum,
Sein Silberlaub zittert im Wind;
Da sang mir ein Vogel den Wundertraum
Von dir und mir, mein Kind.

Unter dem Baume da wächst ein Moos,
Das schimmert und leuchtet wie Gold;
Farne wuchern da stolz und groß,
Ihr Laub ist seltsam gerollt.

Da wo die beiden Machangeln stehn,
Da führt der Weg in den Wald;
Nur wer das Wort kennt, der kann ihn gehn,
Ihm bieten die Dornen nicht Halt.

Komm, Geliebte, und küsse mich,
Komm, ich weiß ja das Wort;
Und das Wort, das heißt »Ich liebe dich!«
Das drängt jedes Hindernis fort.

Komm, mein Lieb, und fürchte dich nicht,
Komm doch, das Glück das lacht;
Zwei Machangeln, schwarz und dicht,
Halten treuliche Wacht.

Die Letzten

Es steht auf blankem Heidbrink
Am grauen Findelstein
Ein alter hoher Machangel
So hagstolz und allein.

Der Stein der wird zerschossen,
Der Strauch der Axt verfällt,
Der Brink wird abgefahren;
Sie passen nicht mehr in die Welt.

Der Kreuzstein

Es steht ein Stein am Wege,
Ein alter, grauer Stein;
Es grub in ihn der Steinmetz
Kreuz und Beil hinein.

Als Untatsangedenken
Er dort am Wege steht;
So meldet die Bauernkunde,
Die von dem Steine geht.

Keiner wurde vergessen,
Jedem ward sein Teil;
Ein Kreuz bekam der eine,
Der andere das Beil.

Freundschaft

Als du mir gabst die Bruderhand,
Da war es grüner Mai;
Der Wind pfeift auf dem Stoppelland,
Die Freundschaft ist vorbei.

Bei Finkenschlag und gelbem Wein
Trankst du mir Schmollis zu;
»Wir wollen treue Brüder sein,
Die Hand auf Du und Du.«

Jetzt heult der Wind sein Herbstgedicht,
Dürr Laub tanzt auf dem Sand;
Du siehst mir ruhig ins Gesicht
Und hebst zum Schuß die Hand.

Dorette

Es steht eine Rose im Garten,
Ein rotes Röselein;
Die Allerschönste im Dorfe,
Das ist die Liebste mein.

Vollmeier ist ihr Vater,
Im Dorfe der reichste Mann;
Geht er über die Straße,
Seinen Tritt man hören kann.

Ich pfeife auf seine Taler,
Ich flöte auf seinen Stolz,
Ich küsse seine Dorette
Jedweden Abend im Holz.

Und ist der Mond nicht helle
Und sind die Sterne nicht klar,
Dann sieht man an meinem Bette,
Daß ich wo anders war.

Die Zwerge

Der Riese lud die Zwerge ein
Zu Fisch und Fleisch und Bier und Wein.

Die Zwerge sagten: Große Ehr'!
Wir kommen gern und danken sehr.

Sie machten sich gefährlich breit
Und aßen nach der Schwierigkeit.

Sie tranken mehr, als ihnen gut,
Verlorn beim Heimgang Stock und Hut.

Befanden sich drei Tage schlimm,
Und waren voller Gift und Grimm.

Das Fleisch, das war ja mehr als zäh',
Vom Weine kriegt man Schädelweh.

War viel zu jung, und dann der Fisch,
Der war ganz sicher nicht mehr frisch.

Und überhaupt: so groß zu sein,
Ist unmanierlich und nicht fein!

Der König

Das war der junge König,
Der König ohne Land,
Der stand auf brauner Heide,
Sein Speer, der stak im Sand.

Da kam die Allerschönste,
Sie trug ihr Herz in der Hand,
Sie sah den jungen König,
Den König ohne Land.

Was stehst du hier zu warten,
Du König ohne Land,
Hast ja zwei starke Arme,
Dein Speer, der steckt im Sand.

Das blanke Eisen blitzte,
Der Himmel stand in Brand,
Sein war die Allerschönste,
Sein war das ganze Land.

Der Bohrturm

Es steht ein schwarzes Gespenst im Moor;
Das ragt über Büsche und Bäume empor.
Es steht da groß und steif und stumm;
Sieht lauernd sich im Kreise um.

*

In Rosenrot prangt das Heideland;
»Ich ziehe dir an ein schwarzes Gewand.«
Es liegt das Dorf so still und klein;
»Dich mache ich groß und laut und gemein.«
Es blitzt der Bach im Sonnenschein;
»Bald wirst du schwarz und schmutzig sein.«
Es braust der Wald so stark und stolz;
»Dich fälle ich zu Grubenholz.«

*

Die Flamme loht, die Kette klirrt,
Es zischt der Dampf, der Ruß, der schwirrt,
Der Meißel frißt sich in den Sand;
Der schwarze Tod geht durch das Land.

Die Rose

Und nun mußt du in den Tod, du jungjunges Blut,
Und nun mußt du hinab in die Nacht,
Und dein Mund, der singt ein leises Lied,
Und dein Mund, der singt und der lacht.

Und das Kalbfell, das dröhnt und der Knecht faßt dich an,
Und der Mönch, der spricht das Gebet.
Und du lachst so selig und stolz vor dich hin,
Wie ein Mann, der ins Brautbett geht.

Eine Rose fiel vom hohen Altan
Und ein Kuß kam von schneeweißer Hand,
Und du gehst den Weg in die dunkele Nacht,
Den Weg in das düstere Land.

Und es lachen deine Augen und es lächelt dein Mund,
Und du gehst leise singend in den Tod.
Einen Kuß warf dir eine schneeweiße Hand
Und die Rose, wie Liebe so rot.

Verkoppelung

Es geht ein Mann durch das bunte Land;
Die Meßkette hält er in der Hand.

Sieht vor sich hin und sieht sich um;
»Hier ist ja alles schief und krumm!«

Er mißt wohl hin und mißt wohl her;
»Hier geht ja alles kreuz und quer!«

Er blickt zum Bach im Tale hin;
»Das Buschwerk dort hat keinen Sinn!«

Zum Teiche zeigt er mit der Hand;
»Das gibt ein Stück Kartoffelland!«

Der Weg macht seinen Augen Pein;
»Der muß fortan schnurgerade sein!«

Die Hecke dünket ihm ein Graus;
»Die roden wir natürlich aus!«

Der Wildbirnbaum ist ihm zu krumm;
»Den hauen wir als ersten um!«

Die Pappel scheint ihm ohne Zweck;
»Die muß da selbstverständlich weg!«

Und also wird mit vieler Kunst
Die Feldmark regelrecht verhunzt.

Die schöne Marie

Eine Möwe flog um das Achterdeck
Und schrie und schrie und schrie;
Kord Kordsen war es, als wenn sie rief:
Marie, Marie, Marie!

Kord Kordsen drehte das Steuerrad
In der breiten, braunen Hand,
Und er dachte an die schöne Marie,
Und sein Herz ihm stille stand.

Und er dachte daran, wie gespart und gespart
Und gespart er Jahr für Jahr,
Und alles um die schöne Marie
Mit dem blonden Ringelhaar.

Die andern vertaten die Löhnung an Land
Bei Weibern und bei Wein;
Kord Kordsen gedachte der schönen Marie,
Hielt Leib und Lippen rein.

Und dann kam der Brief über Land und Meer,
Kord Kordsens Seele schrie,
Und er dachte, wo er ging und stand:
Marie, Marie, Marie!

Und er aß nicht mehr und er schlief nicht mehr
Und vertrank die Löhnung an Land.
Und er dachte an die schöne Marie,
Am Griffe des Messers die Hand.

Und er kam nach Haus und er ging zum Tanz
Und trank und prahlte und schrie,
Und er rief Timm Taadje ein Schimpfwort zu,
Dem Manne der schönen Marie.

Timm Taadje schlug zu und Kord Kordsen zog blank,
Und die Weiber umkreischten sie,
Und das Messer war rot und Timm Taadse war tot,
Und es weinte die schöne Marie.

Eine Möwe flog an dem Deich entlang
Und schrie und schrie und schrie.
Kord Kordsen war es, als wenn sie rief:
Marie, Marie, Marie!

Zigeunertod

Sie führten ihn hinaus zum Tor
Beim ersten Sonnenstrahle;
»Nun sieh' dich um, du junges Blut,
Zum allerletzten Male!

Mit deinen beiden Augen schau'
So weit du nur kannst schauen,
Den blauen Fluß, den grünen Wald,
Die blumenbunten Auen.

Und wenn du eine Bitte hast,
Sprich aus sie ohne Zagen,
Den letzten, allerletzten Wunsch
Darf dir kein Mensch versagen.«

Er schlug die Augen langsam auf
Und sah nach allen vier Winden:
»Was lebt und blüht von Süd nach Nord,
Muß welken und verschwinden.«

Er sah hinauf zum Sonnenlicht
Und sah hinab zur Erde:
»Und was auch lebt, es ist nur wert,
Daß wieder Staub es werde.

Und wenn ich einmal hängen soll,
So schenk' ich euch die Gnaden,
Werft meinen Leib den Hunden hin,
Den Käfern und den Maden.

Wein, Weib und Pfeife, Kinderei!
Ich hab' damit geschlossen;
Ihr Knechte, ich hab' von alledem mehr
Als ihr zusammen genossen.

Und wenn ich heute sterben soll,
Gilt alles mir geringe.«
Er spuckte nach dem Galgen hin
Und bot sein Haupt der Schlinge.

Die Prinzessin von Ahlden

Ein Vogel singt im hohen Holz,
Wie schön ist doch der Mai,
Der Vogel, der ist gelb und stolz,
Die Liebe, die ist frei;
Die ganze Welt ist aufgeblüht,
Der gelbe Vogel singt sein Lied,
Liebe, Liebe,
Wie süß ist doch die Liebe.

Da drunten in dem Blumengrund,
Wie schön ist doch der Mai,
Dort kost ein Pärchen Mund an Mund,
Die Liebe, die ist frei;
Das Mädchen ist aus Bauernstand
Und er ein Knecht aus fremdem Land,
Liebe, Liebe,
Wie süß ist doch die Liebe.

Ein Vogel singt im hohen Holz,
Wie schön ist doch der Mai,
Der Vogel, der ist gelb und stolz,
Die Liebe, die ist frei;
Die Julirosen blühten rot,
Bei meiner Liebe stand der Tod,
Liebe, Liebe,
Wie süß ist doch die Liebe.

Das ist schon dreißig Jahre her,
Wie schön ist doch der Mai,
Und ich vergess' es nimmermehr,
Die Liebe, die ist frei;
Das Wasser blitzt, die Wiese blüht,
Das Blut in meinen Wangen glüht,
Liebe, Liebe,
Wie süß ist doch die Liebe.

Der eiserne Flegel

Damiett, Damiett, du feine Stadt,
Der Türke hält dich fest;
Wir wurden müde, wurden matt,
Vor dem verdammtigen Nest.

Es floß das teure Christenblut
Von Zinnen und Tor herab;
So mancher Christenmensch, treu und gut,
Fand vor Damiett sein Grab.

So manche Mutter im deutschen Land
Die Augen unter sich schlägt;
Es fiel der Spiegel von der Wand,
Der Wurm in der Lade sich regt.

So manches Mädchen im deutschen Land,
Das weint sich die Augen rot;
Der Rosmarin in Blüte stand,
Und heute ist er tot.

Herr Hayo, der Friese, der blickte quer,
Seine Faust zum Tische kracht;
»Bei Christi Tod, ich leid's nicht mehr,
Ein Ende wird gemacht!«

Er nahm den Dreschflegel von der Wand,
Von Eisen war der gebaut;
Er stieg bis auf der Mauer Rand,
Und sang so lustig und laut.

Er sang ein friesisches Drescherlied,
Er sang nicht gerade fein;
Er sang den Heiden Furcht ins Gemüt
Und Angst in die Hosen hinein.

Es klang sein Flegel die klapp, die klapp,
Er drosch nach alter Art;
Er drosch ihnen Arme und Beine ab,
Er drosch nicht allzu zart.

Sie ließen die Mauern, sie ließen das Tor,
Sie ließen die feine Stadt;
Es stieg das heilige Kreuz empor,
Wo der Halbmond gestanden hat.

Herr Hayo lachte in seinen Bart
Und trank zwölf Schoppen Wein,
Und sprach: »Geht's nicht auf gute Art,
So schlagt mit dem Dreschflegel drein.«

Das Feuerschiff

Auf glatter, grauer Woge ruht das feuerrote Feuerschiff,
Es rührt sich nicht; der Anker hält es fest im Meeressande;
Fahrwasser weist sein Feuerschein durch Sandbank und durch Felsenriff
Den Fischern in der Nebelnacht und leitet sie zum Strande.

Matrosen, grau und lendenlahm, Erleber mancher wilden Fahrt,
Die halten hier das Feuer wach bei Nacht in Wind und Wetter;
Dem wurde grau in Tropenglut das Blondhaar und der rote Bart,
Den trugen bis nach Grönland hin die stahlbeschlagenen Bretter.

Der wusch im Fieber gelbes Gold aus Kaliforniens rotem Sand,
Der hat auf jedem Fleck der Welt das Handelsschiff gelandet,
Der küßte eines Häuptlings Weib an einem weißen Palmenstrand;
Sie alle sind nach Schluß der Fahrt auf diesem Schiff gestrandet.

Von Ehrgeiz, Habsucht, Liebe, Haß, von Hoffnung und von Furcht ist leer
Die Brust, das Wrack liegt morsch und mürb, verfaulend in dem Hafen;
Und was sie fünfzig Jahre hetzte, spornte, peitschte hin und her,
Ist stumm, verloschen, ausgebrannt und endlich eingeschlafen.

Und ist das Herz auch kalt und tot; sie starren gierig in die Flut
Schon stundenlang; kein Fischlein will an ihren Angeln beißen;
Manch halbvergeßner Fluch erschallt voll Ungeduld und wilder Wut,
Das Meer ist geizig und es läßt sich heute nichts entreißen.

Und ist auch lange abgeräumt des Lebens reichgedeckter Tisch,
Und kalt das Herz, dem Freuden, Schmerzen, Angst und Hoffnung mangeln,
So bleibt als heiß ersehntes Ziel ein spannenlanger Fisch,
Nach dem sie stieren Auges täglich angeln, angeln, angeln.

Protokoll

Ich heiße Friedrich Wilhelm Schläger,
Nicht vorbestraft, bin vierzig alt,
Verehelicht, ich stand als Jäger
In Bückeburg und bin bestallt
Seit sieben Jahren über Echter,
Aubruch, Kirchlohe, Hellenstein
Als Jagdaufseher von dem Pächter,
Dem adeligen Jagdverein.

Ich merkte es seit ein'gen Wochen,
Es war nicht sauber im Revier,
Hier war ein Rehbock aufgebrochen,
Dort fehlte eine Ricke mir;
Pfingstsonntag wurden zwei Gescheide
Auf einmal mir ins Haus gebracht,
Von alten Ricken, alle beide
Enthielten eine reife Tracht.

Am dritten Juli bei halb viere
Stand ich am Kösterbruche an,
Dem besten Wechsel im Reviere,
Da kam von Meyers Busch ein Mann;
Die Mütze trug er im Gesichte
Und unterm Arme das Gewehr,
Er pirschte von der Zwillingsfichte
Sich langsam vor der Wiese her.

Dort äste bei der Vorflutbrücke
Vertraut seit einer Stunde sich
Mit ihrem Kitze eine Ricke,
Auf diese zu der Wilddieb schlich;
Ich sah, wie er sich fertig machte
Und langsam vortrat aus dem Wald,
Und ehe daß es drüben krachte,
Ging ich in Anschlag und schrie: »Halt!«

So wie ich rief, da riß er Funken,
Der Hagel schlug um mich herum,
Da nahm aufs Korn ich den Halunken
Und machte auch den Finger krumm;
Ich sah im Feuer ihn roullieren,
Den Knall er nicht vernommen hat,
Er tat nicht Hand noch Fuß mehr rühren,
Es saß die Kugel Mitte Blatt.

Ein Lied vom Lande

Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von hier,
Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von hier;
Im Rosengarten will ich deiner warten,
Im grünen Klee, im weißen Schnee.

Der jungen blassen Frau im vierten Stock
Fallen die Hände müd' herab am Rock,
Wie lange hörte sie nicht mehr das Lied!
Ein bunter Traum ihr vor die Seele zieht:
Der grüne Wald, das weite breite Feld,
Des Dorfes Häuser, weit und breit gestellt,
Die Schwalben spielen lustig in der Luft,
Vom Friedhof kommt der Linden süßer Duft,
Vom Giebel eine Amsel fröhlich singt,
Der Kinder Jauchzen aus der Wiese klingt.

Wie enge ist es in der großen Stadt!
Nur Mauern, nirgendwo ein grünes Blatt.
Der Bauwich drüben ist nun zugebaut,
Ein Stückchen Himmel hatte dort geblaut,
Ein Ast schob keck sich vor der Mauer her,
Im Winter kahl, im Sommer blätterschwer.
So oft die blasse Frau dorthin geblickt,
Hat sie ihr müdes Herz daran erquickt;
Ihr Lied des Abends da die Amsel sang
Frohlockend in den Großstadtlärm es klang.

Jetzt ragt dort eine kahle Wand empor;
Die Frau am Fenster weiß, was sie verlor:
Das bißchen Blättergrün, das Stückchen Blau,
Ihr war es Herzenstrost und Seelentau.
Gleichgültig sieht sie sich im Zimmer um,
Der billige Tand bleibt seelenlos und stumm;
Daheim im Dorfe sprach ein jedes Stück,
Dieses von Last und Leid und das von Glück.
Die junge Frau ein Schluchzen niederzwingt,
Von irgendwo die Stimme weitersingt:

Ich heirate nicht nach Geld und nicht nach Gut,
Ich heirate nicht nach Geld und nicht nach Gut;
Eine junge hübsche Seele tu' ich mir wählen,
Wer's glauben tut, wer's glauben tut.

Susanne

Wo ist dein weißer Schleier,
Susanne, mein vielliebes Kind?
O Mutter mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da weht ein frischer Wind.

Dein Haar ist aufgegangen,
Susanne, mein Töchterlein?
O Vater mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da griff ein Dorn hinein.

Und deine goldene Spange,
Susanne, lieb' Schwester, sag' an?
O Bruder mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da mag sie wohl liegen im Tann.

*

Wo sind deine klaren Augen,
Susanne, mein vielliebes Kind?
O Mutter mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da machte der Staub sie blind.

Dein Wangenrot ist verblichen,
Susanne, mein Töchterlein?
O Vater mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da blich sie der Sonnenschein.

Dein Kränzlein ging verloren,
Susanne, lieb Schwester, sag' an?
O Bruder mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da fand es ein fremder Mann.

*

Und wird er es wiederbringen,
Susanne, mein vielliebes Kind?
O Mutter mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da kommt und geht der Wind.

Was willst du nun beginnen,
Susanne, mein Töchterlein?
O Vater mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da will ich warten fein.

Und kommt er nicht wieder des Weges,
Susanne, lieb Schwester, sag' an?
O Bruder mein, auf der Heide,
Wohl auf der braunen Heide,
Da liegt ein erschlagener Mann.

Erinnerung

Heut' ist der erste Dezembertag,
Da ist das Herz uns schwer,
Ich seh' noch, wie er vor mir lag,
Sind's auch schon Jahre her.

Am ersten Dezember vor sieben Jahr
Schien auch die Sonne so blank,
Und als der Tag zu Ende war,
Die Totenglocke klang.

Wir gingen zu Holze bei halber Nacht,
Der Schnee war hell und hart,
Der Himmel stand in Sternenpracht,
Uns fror der Hauch im Bart.

Wir gingen nebeneinander her,
Seine Augen waren weit fort,
Sein Atem ging so tief und schwer,
Er sprach kein einziges Wort.

Und als wir kamen auf das Hai,
Da sagte er: »Johann,
Mir ist so eigen, Junge, sei
Meiner Schwester ein guter Mann!«

Er setzte die Säge an den Baum,
Am anderen Ende ich stand;
Seine Augen waren wie im Traum,
Ich hatt' ihn noch nie so gekannt.

Sonst sah man die Zähne in seinem Mund,
Den Tag, da sah man sie nicht;
Sonst war so fröhlich und so rund,
Nun ernst und lang sein Gesicht.

Wir nahmen die Axt, der Doppelklang
Schallte hell und klar;
Das Echo aus dem Felsen sprang,
Ganz wie sonst es war.

Es gab einen Krach und gab einen Schrei,
Falsch fiel der Buchenbaum;
Er fiel auf ihn: »Es ist vorbei,«
Sprach er, den Mund voll Schaum.

Ich sprach für ihn ein kurzes Gebet,
Daß leicht ihm die Erde sei;
Im Dorfe hat ein Hahn gekräht,
Es war wie ein Jammerschrei.

Der Oberholzhauer trat heran
Und deckte ihm zu das Gesicht,
Und sprach: »Nun sagt es dem Förster an!
Für heute machen wir Schicht.«

Komm', Frau, und laß die Arbeit stehn,
Zieh' an dein Kirchenkleid;
Wir wollen zu seinem Grabe gehn,
Es ist seine Sterbezeit.

Die rote Rune

Bleede Bluthand sprang von des Schiffes Rand,
Seine Mannschaft hinter ihm drein,
Und er sah nach dem grünen Marschenland,
Und er wog das Schwert in der schwieligen Hand,
Und begann ein Lied, und wer bei ihm stand,
Der fiel voll Freuden ein:

»O du Rune rot, o du Rune fein,
O du Rune so rot wie das Blut,
Rote Runen werden am Himmel sein,
Rote Runen trocknen am Schwerte mein,
Rote Runen schenk' ich dem Mägdelein,
Daß es weiß, wie das Lieben tut!«

Der Tage siebene gingen vorbei,
Sieben Dörfer standen in Brand;
Und die Luft war voll von Rabengeschrei,
Und der Wolf vergaß, was Heißhunger sei;
Denn die Wikinger sangen die Blutlitanei,
Die Kreuz und die Quere im Land.

Es kam die Nacht auf den siebenten Tag,
Bleede Bluthand lag und schlief;
Ein rosiges Mädchen im Arme ihm lag,
Ihr Vater starb durch des Schwertes Schlag,
Ihrer Mutter Herz vor Entsetzen brach;
Bleede Bluthand schlief ruhig und tief.

Und es schlich herbei und es kroch heran,
Das nackende Messer im Mund;
Und es würgte die Schildwachen Mann für Mann,
Und der Meerwölfe Herzblut im Sande zerrann,
Unehrlichen Strohtod jedweder gewann,
Der da schnarchte im grasigen Grund.

Bleede Bluthand schlief und atmete schwer,
Denn ein Nachtmahr brachte ihm Not;
Das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr,
Tote Männer schwammen neben ihm her,
Und die Wellen, die gingen die Kreuz und die Quer,
Und vom Ufer her lachte der Tod.

Bleede Bluthand stand vor dem großen Stein,
Und die Bauern hielten Gericht;
Und das bei ihm geschlafen, das Mägdelein,
Das stieß ihm den Dolch in die Augen hinein,
Nahm das Sonnenlicht ihm und den Mondenschein,
Und spuckte ihm in das Gesicht.

Und sie banden ihn in sein Drachenboot
Und stießen's hinaus in die Flut;
Und sie sangen das Lied von der Rune rot,
Von der Blutrune Lust, von der Blutrune Not,
Drei Runen sie gaben ihm mit in den Tod,
Drei Runen, so rot wie das Blut:

»O du Rune rot, o du Rune schön,
O du Rune, so rot wie das Blut,
Rote Rune soll der Wind dir wehn,
Rote Rune soll dein Auge sehn,
Rote Rune sei dein Sterbegestöhn,
Daß du weißt, wie das Lieben tut.«

Ein Lied zum Weine

Es schlägt ein fremder Fink im Land,
Radibimmel, radibammel, radibumm,
Die Luft die riecht wie angebrannt,
Der Tilly, der zieht um;
Es klingt so fein, radibimmbummbamm
In majorem dei gloriam
Die Pfeife und die Trumm.

Die Rose blüht, der Dorn der sticht,
Das steht in jedem Krug,
Wer gleich bezahlt, vergißt es nicht,
Des Zögerns ist genug;
Die Lutherschen die müssen dran
Mit Haus und Hof, mit Maus und Mann,
Denselben gilt der Zug.

Der Wind der weht, der Hahn der kräht,
Die rote Flamme loht,
Der Tod uns treu zur Seite steht,
Und auch die schwere Not;
Ein falsches Wort geht um im Land,
So mancher, welcher zu ihm stand,
Den fraß der bitt're Tod.

Der Tilly ist von Leibe klein,
Sein Schwert ist meilenlang,
Und wenn es blitzt, dann schlägt es ein,
Dann setzt es Brand und Stank;
Hinunter muß die Lügenbrut,
Was einer gegen diese tut,
Der Herrgott weiß ihm Dank.

Das Liedlein ist zu End' gebracht,
Und der's gesungen hat,
Der hat der Beute viel gemacht
Und trank an Wein sich satt;
Er nennt sich Tönnes Tielemann
Und steckte dreißig Dörfer an,
Des wurde er nicht matt.

Sühne

Hans Elges verfluchte Louis Veit:
»Die Schwindsucht soll er sich holen!
Er hat mir die Sonne aus meinem Tag
Mit Lug und Verleumdung gestohlen.«

Er sprach zu mir mit grauem Gesicht:
»Du mußt mir sekundieren;
Auf Kampfunfähigkeit fordere ich,
Mit Zielen und Avancieren.«

Es war ein sonniger Maientag,
Die Sonne kam über die Wälder,
Die Droschken rumpelten hell und laut
Durch grüne, tauige Felder.

Wir hielten hinter dem Weidenhag,
Ein Sperber schlug einen Ammer;
Hans Elges lachte: »Der Vorspuk ist gut;
Ihr Veits, ich künde euch Jammer!«

Der erste Gang; er schoß vorbei
Und stampfte verstohlen die Erde;
Um seinen Mund kroch scharf und kalt
Eine bitterböse Gebärde.

Der zweite Gang: Bluthunger im Blick
War Elges vorgegangen;
Er traf; die Freudenträne lief
Ihm glitzernd über die Wangen.

Drei Jahre Festung wurden sein Lohn;
Es machte ihn wenig verdrossen;
Er sang jeden Tag: »Louis Veit ist tot,
Und ich hab' ihn totgeschossen.«

Ein teurer Spaß

Auf Beckeln bei Harpstedt ist Erntefest;
Der Ritter sich nicht lumpen läßt.

Herr Simon von Beckeln liebt Scherz und Spaß;
Er geht umher mit dem vollen Glas.

Er stößt mit Bauern und Knechten an;
»Ein jeder trink', so viel er kann!

»Der Hase der ist zart und jung;
Nun eßt man zu, es gibt genung!

»Der Hase der ist jung und zart;
Nicht wahr, das schmeckt nach Herrenart?«

Der Ritter spendiert ein Fäßchen Wein,
Eine neue Schüssel kommt herein.

Und als man den Deckel herunterhebt,
Den Bauern der Wein im Halse klebt.

»Verdonner noch mal, was ist denn das?
Ein Katerkopp? Vermuckter Spaß!

»Der Satan soll den Ritter hol'n;
Wir wollen ihm das Fell versohl'n!

»Wo ist er hin, der schlechte Hund?
Stopft ihm den Katerkopf in den Schlund!

»Für Schweiß und Mühe Schimpf und Schand?«
In die Scheune fliegt der Feuerbrand

Und fliegt von da ins Herrenhaus;
Simon von Beckeln schlüpft hinten hinaus.

Die Mühle und der Speicher brennt;
Simon von Beckeln von dannen rennt,

Ins Wildeshäusener Stift er kriecht;
Der Spaß ihm allzu brenzlig riecht.

Er schickt den Pater Abraham;
Üble Antwort der mitbekam:

»Meldet dem Herrn unser Gebot:
Wir schlagen ihn lebendig tot!«

Der Ritter kratzt sich hinter dem Ohr,
Und wagt sich nicht aus dem Stift hervor.

Er lebte dort noch manches Jahr,
Bis daß es mit ihm zu Ende war.

Die Klosterglocke schwingt hin und her:
Von Beckeln nun und nimmermehr!

Asmus Teufel

Die Pfingstfestglocken klingen,
Maigrün ist Feld und Wald,
Der bunten Finken Singen
Aus allen Zweigen schallt;
O Münden, du mußt vergehen,
Münden, du vielschöne Stadt,
Des Kaisers Fahnen wehen,
Der Tilly säuft in Blut sich satt.

Es huben zwölf Kartaunen
Wohl an ein schnöd Gebrumm,
Bis daß von dem Posaunen
Die Mauern fielen um;
Ist mancher hingeworden
In dieser Nacht der Not,
Es ging das große Morden
Vom Abend bis zum Morgenrot.

Da war ein Mündener Bürger,
Asmus Teufel genannt,
Der schrie: »Du papistischer Würger,
Dir wird jetzt die Schnauze verbrannt!«
Er stopfte mit Hackblei und Nägeln
Ein großes Gestücke voll
Und rief: »Den welschen Flegeln
Der Willkomm schlecht geraten soll.«

Sie kamen angelaufen
Mit Mordiogeschrei,
Er hielt in den dicksten Haufen,
Es ging kein Bröcklein vorbei;
Da flogen Arme und Beine
In der Luft umher,
Das gab ein großes Gegreine,
Doch Asmus Teufel lachte sehr.

Sie suchten in allen Gassen
Wo er zu finden sei,
Sie mußten ihn leben lassen,
Er kam gesund vorbei;
Zu Göttingen saß er und zechte,
Ein helles Lachen sich hub,
Als kund ward, wie sich rächte
Der Teufel an dem Beelzebub.

Das Osterfeuer

Über die Heide ging ich, die Heide so weit und so breit,
Mürrische Worte raunte ins Ohr mir die Einsamkeit.

*

Raunte von toten Zeiten, da hier noch der Urstier zog,
Über dem Bruche der Adler himmelhoch kreisend flog;
Da der Grauhund, der grimme, Mordrunen ließ im Sand,
Da noch das Elch, das starke, fiel von des Jägers Hand.

Da noch nicht welsche Weise Gut in Böse verkehrt,
Wode und Frigga, die Hehren, standen hochgeehrt;
Da noch Mannesmut galt und nicht allein das Geld,
Da mit dem blanken Schwert wahrte sein Recht der Held;

Nicht mit feigem Worte, und nicht mit billigem Eid;
Also lehrte mich heimlich die Toteneinsamkeit.

Unsere Götter die hießen einstmals Liebe und Kraft,
Kraft, die Leben erzeugt, Liebe, die Wonnen schafft.

Unser Gesetz war kurz, unser Gesetz war das:
Liebe um Liebe, aber auch Haß um Haß.

Treuhand jedwedem Mann, der sich erwies als Freund,
Bluthand dagegen dem Wicht, so sich da nahte als Feind.

Andere Zeiten zogen über das Heideland,
Vor der tückischen Axt Wodes Lobewald schwand;

Frigga die freundliche Fraue wurde zur Hexe verkehrt,
Jeglicher heilige Ort zur Greuelstätte entehrt;

Wodes edles Geflügel hieß Galgenvogel nun,
Friggas schelmisches Eulchen schimpften sie Leichenhuhn;

Und die Dreizehn, die hohe Geheimniszahl,
Unglücks- und Angstnummer wurd' sie mit einemmal.

Zwischen Eichen erhob sich ein einsames Strohdachhaus,
Mährenhäupter reckte der moosige Giebel heraus;

Unter ihm aber nach freundlicher Altsitte noch
Eingeschnitten als Herz starrte das Ulenloch.

An dem Missetürbalken, dem grauen, nach alter Weis'
Eingehauen und bunt prangte der heilige Kreis,

Und die Sonnenrune, die gute, daneben auch,
Nach der Urvorväter ernsthaft beharrlichem Brauch.

Rechts und links von der schwarzblanken Feuerwand
Wodes Schlachtroß mutig sich bäumend stand;

Gleich als wollte es lauthals mir wiehern zu:
Noch trage Wode ich, Freund, noch trauest Frigga du.

Weiter ging ich über das dämmernde Land,
Hinter dem rund und rot das gute Gestirn verschwand;

Ihm gegenüber weit hinter dem bräunlichen Bruch
Eine glührote Flamme zum sternleeren Himmel schlug;

Vor dem nachtschwarzen Wald weiß stieg der Rauch empor,
Bis er im Abendgewölke sich langsam verlor.

Und ich stand und stand und sah nach dem Feuerschein,
Hörte der Mädchen Gesuche, der Jungkerle gellendes Schrei'n,

Und ich lachte und dachte: der Urväter fröhliche Art
Hat sich trotz alldem mein Volk immer noch treulich bewahrt.

Immerdar lobt es noch nach der Vorväter schönem Brauch
Seinen Gott mit Glühglut und weißem Wirbelrauch.

Immer noch blieb es, wie es vor Urzeiten war,
Blau von Auge und Sinn, hell von Herzen und Haar.

Immer noch hielt es sich am Leibe und Geiste stark,
Immer noch blieben gesund ihm Bein und Blut und Mark.

*

Über die Heide ging ich, die Heide so weit und breit,
Fröhliche Worte raunte ins Ohr mir die Einsamkeit.

Das Mammut

Tief unten im Moore das Mammut bläst,
Man hört es hoch oben auf der Geest;
Aus allen Lagern rund um das Moor
Eilen bewaffnete Männer hervor,
Gefolgt von der mageren Meute;
Jagdtag, Fleischtag ist heute.

Die Kinder spielen das schöne Spiel
Vom Mammut, das in die Grube fiel;
Das dickste Mädchen muß Mammut sein,
Im Erdloch sitzen und lauthals schrei'n,
Die ganz kleinen Kinder sind Meute;
Jagdtag, Spieltag ist heute.

Der Zaubersmann geht wichtig einher:
Jaja, jaja, wenn ich nicht wär'!
Ich machte gestern den großen Wind,
Da wurde das Untier dumm und blind,
Nun denket auch meiner, ihr Leute;
Jagdtag, Zahltag ist heute.

Das Mammut trompetet in Angst und Not,
Von allen Seiten naht sich der Tod;
Es zischt der Pfeil, es saust der Speer,
Der Quälgeister werden immer noch mehr,
Wie Ameisen bei ihrer Beute;
Jagdtag, Schlachttag ist heute.

Der Häuptling teilt richtig und brüderlich,
Die Mürbebraten behält er für sich:
Ein jeder sackt seinen Anteil ein,
Des Zauberers Stück, das ist grade nicht klein,
Am Gerippe balgt sich die Meute;
Jagdtag, Beißtag ist heute.

Was kriecht denn da aus dem Busche heran?
Vom Nachbarstamme ist es ein Mann.
Und noch einer kommt und immer noch mehr,
Des Mammuts Todesschrei lockte sie her.
Hand von dem Wildbret, ihr Leute!
Jagdtag, Rauftag ist heute.

Wir gruben das Loch und wir hetzten's hinein.
Aber wir schlugen's tot und unser soll's sein.
Es funkeln die Augen bluthungrige Lust,
Ein Krieger fällt um, einen Speer in der Brust.
Hilfe, zu Hilfe ihr Leute!
Jagdtag, Bluttag ist heute.

Ein Kriegsgeschrei hier, ein Kriegsgeschrei dort,
Die Männer werfen die Fleischballen fort;
Es knirscht der Speer, das Beil das kracht,
Der Zauberer schnell sich von dannen macht,
Erwischt noch manch Stück von der Beute;
Jagdtag, Rafftag ist heute.

Die Sonne hinter der Geest versinkt,
Vom Lager die Totenklage erklingt;
Im Moore liegt ein vergessener Mann,
Der weder leben noch sterben kann
Umringt von der Wölfe Meute;
Jagdtag, Fleischtag ist heute.

Die Möwe

Eine Möwe habe ich gefunden,
Rotes Blut entquoll der bitter Wunden,
Ihren Flügel habe ich verbunden;
Armes Vögelein,
Mußt nun bei mir sein,
Niemals heilt dir mehr der Fittich ein.

Sah so lange keine Möwe fliegen,
Dis ich diese fand im Sande liegen,
Ihren Kopf ins Heidkraut niederschmiegen;
Dreißig Jahre lang
Hör' ich Kettenklang,
War ein Seefürst einst so frei und frank.

Dreimal Tausend sind wir ausgezogen,
Uns're Drachen durch die Fluten flogen
Und es duckten sich die grauen Wogen,
Als wir kamen an,
Dreimal tausend Mann,
Wie man besser sie nicht finden kann.

Uns're Schiffe flogen wie die Schwalben,
Unsern Feinden halfen keine Salben,
Uns're Pfeile waren allenthalben;
Vor uns ging der Tod,
Hinter uns die Not,
Uns're Hände waren immer rot.

Als die Kiele dann zu Strande rannten,
Alle Dörfer in den Marschen brannten,
Alle Bauern nach der Geest sich wandten;
Und wir hinterdrein,
Immer querlandein,
Denn die ganze Welt sollt' unser sein.

So sind wir ins Binnenland gezogen,
Ließen hinter uns die guten Wogen,
Die dem Wiking nie die Treue bogen;
Wer die Treue bricht,
Den der Treubruch sticht,
Über uns herein kam das Gericht.

Uns're Feinde heulten sich zusammen,
Uns're Drachen gingen auf in Flammen,
Durch die Deiche graue Wogen schwammen;
Wir verließen sie,
Und nun folgten die
Uns ins Land, wie dummes treues Vieh.

Dreimal Tausend sind wir ausgefahren,
Dreimal Hundert von uns übrig waren.
Dreimal Zehn vergingen mir an Jahren,
Daß ein Knecht ich bin,
Stumpf an Leib und Sinn,
Hinter mir da klirrt die Kette hin.

Einmal möcht' ich über See noch fliegen,
Einmal an das Drachenhaupt mich schmiegen,
Sehen, wie sich graue Wogen biegen;
Jede Nacht im Traum
Schmeck' ich Wellenschaum,
Hör' das Knarren ich vom Ruderbaum.

Weißer Vogel, wolltest dich nicht schämen,
Wolltest lieber dich zu Tode grämen,
Denn ein Fischlein aus der Hand mir nehmen,
Ja, du wärest klug,
Wen die Schwinge trug,
Dem ist Landgang niemals gut genug.

Habe Dank, du liebes Seegeflügel,
Allzulange trug ich Zaum und Zügel,
Brechen will ich meiner Kette Bügel;
Fließe! rotes Blut,
Brause! graue Flut,
Bin ein Seefürst wieder hochgemut.

Des Hanebuth Lied

Der Tau liegt auf der Heide,
Das wird ein schöner Tag,
Ein Vögelein mit Freude
Erhebet seinen Schlag;
Die Taschen sind mir leer,
Der Magen noch viel mehr;
Ich armer Heideläufer,
Mich dauert meiner sehr.

Die Würfel und die Frauen
Sind voller Trug und Tück,
Wer ihnen mochte trauen,
Dem ward ein gläsern Glück;
Dazu der Branntewein,
Erst läuft er lieblich ein;
Ist man des Rausches ledig,
So trägt man schwere Pein.

Ich hab' die drei genossen
Zu Bothfeld in dem Krug,
Mein Geld, das ist zerflossen,
Hab' dessen nie genug;
Die Pfennige sind hin,
Das Weib war falsch von Sinn;
Der Branntwein macht mir Kopfweh,
Das ist nun mein Gewinn.

Daß ich ein Kaufherr wäre,
Mit vielem Gut und Geld,
Ich stände hoch in Ehre,
Hätt' wohl mein' Seel' bestellt;
Nun streif' ich armer Fant
Im magren Heideland;
Da fließt die braune Wietze,
Da fliegt der gelbe Sand.

Was seh' ich drüben reiten?
Ein Krämer hochgemut,
Ich wittre fette Zeiten,
Meine Kugel trifft ihn gut;
Schnell Pulver auf die Pfann',
Du lieber Reitersmann,
Jetzt küssest du die Erden,
Dieweil ich fahren kann.

Der Taler hat er dreißig
In seinem Sacke drin,
Der frohe Jasper heiß ich,
Nach Bothfeld steht mein Sinn;
Zu Fuße zog ich aus,
Jetzt fahr' ich vor das Haus;
Herr Wirt und auch Frau Wirtin,
So richtet her den Schmaus.

Und zapft vom Brannteweine
Und von dem braunen Bier,
Du Hübsche und du Feine,
Ein Liedchen singen wir;
Geh' her und tu' Bescheid;
Soll werden dir nicht leid;
Ein Tüchlein sollst du haben,
Desgleichen ein Geschmeid'.

Was fliegen da die Raben
Und heben an zu schrei'n?
Es soll mich frommen Knaben
Des Werkes nicht gereu'n;
Es nährt sich jeder Mann
So wacker wie er kann;
Herr Wirt, schließt zu die Laden,
Der Abend naht heran.

Laßt uns das Liedlein singen,
Vom Brummelbeerbusch das Lied,
Das gibt ein trefflich Klingen
Wohl für mein treu' Gemüt;
Der schwarzen Raben Schrei'n
Geht mir nicht glimpflich ein;
Es soll mich heut' nicht stören,
Gar lustig will ich sein.

Das Liedlein ist gesungen,
Das Krüglein, das ist leer,
Das Gläslein ist zersprungen,
Mich freut kein Trünklein mehr;
Der Wein sieht aus wie Blut,
Der Tabak schmeckt nicht gut,
Mein Lachen wird zum Weinen,
Das Herz mir wehe tut.

Hannover an der Leine
Ist eine schöne Stadt,
Am Steintor auf dem Raine,
Da steht das gute Rad;
Dabei so steif und stolz
Das edle Galgenholz;
Der Himmel mocht's nicht leiden,
Der Teufel aber wollt's.

Ich glaub' nicht, was der Pfaffe
In seiner Kirche spricht,
Das Lamm hat keine Waffe,
Sonst grasete es nicht;
Die bitterböse Not,
Die kennet kein Gebot;
Der Wolf hat seine Zähne
Und ich hab' Kraut und Lot.

Das Rößlein hat gefressen,
Es scharret in dem Sand,
Nun heißt es aufgesessen,
Wir reiten über Land;
Reicht mir das Faustrohr her,
Und auch die große Wehr;
Der Wind pfeift auf der Heide,
Das Herze wird mir schwer.

Der Longobarde

Es flogen drei Schwäne über die Heide,
Drei silberne Schwäne und keiner mehr;
Sie kamen von Morgen und Abend und Mitternacht,
Aber von Mittag kam keiner her.

Ihr Silbergefieder trug rote Rosen
Vom Abendrot in die Nacht hinein;
Wie Sterne schimmerten ihre Schnäbel,
Wie goldene Sterne mit hellem Schein.

Sie sangen drei Lieder über die Heide,
Drei alte Lieder, süß und schwer;
Drei Lieder von Liebe und Mühe und Frieden,
Drei liebe Lieder und keines mehr.

*

Er stand am Tore und sah in die Heide
Und hatte wieder das fremde Gesicht;
Seine Augen flogen hinunter zum Süden,
Und was sie sahen, er kannte es nicht.

Er sah das Meer und die weißen Städte
Und schwarzes Volk, gering und gemein;
Er sah es unter dem Schwerte sich ducken,
Und das Schwert war rot und das Schwert war sein.

Er sah seine Faust das Szepter halten,
Die Faust, gewohnt des Pfluges Sterz;
Heiß quoll es ihm in die blauen Augen,
Unruhig schlug sein junges Herz.

*

Es kam ein Adler von Mittag geflogen,
Ein goldener Adler und keiner mehr;
Seine Schwingen zerschnitten die Abendwolken,
Sein Schlachtgesang fuhr vor ihm her.

Es schlugen Flammen aus seinen Augen,
Flammen, wie Rubine so rot;
Seine Krallen schleuderten helle Blitze,
Jeder von ihnen war der Tod.

Es klang sein Mordgeschrei über die Heide,
Der heiße Schrei, der Schrei voll Mut;
Drei süße Schwanenlieder verstummten,
Zum gelben Sand floß rotes Blut.

*

Er lag ohne Schlaf auf seinem Lager,
Sein Herz war matt, seine Seele krank;
Das Morgenrot stieg über die Heide,
Ein Adlerruf aus der Ferne klang.

Er riß das Schwert vom Hirschhornhaken
Und gürtete sich mit hastiger Hand;
Es rief sein Horn in die Nebelheide,
Laut klang es über das stille Land.

Im Frühlicht blitzten die blanken Speere,
Der Adler flog vor dem Volke her;
Ein Siegeslustlied sang er den Männern,
Die silbernen Schwäne sangen nicht mehr.

Das Glückshäubelein

Und als das Kind geboren ward,
Die Wehmutter sprach: »Ei seht!
Es trägt ja ein Glückshäubelein,
Wie Sammet weich, wie Seide fein,
Es wird einst vor dem Volk erhöht.«

Und Vater List und Mutter List,
Die schauen gläubig drein;
»Griete Tetzlaff spricht nicht ungefragt,
Wenn Griete Tetzlaff etwas sagt,
Dann trifft es immer richtig ein.«

Und Vater List und Mutter List,
Die stellen sich an, o Gott!
Nichts ist für Nickelchen zu fein,
Sie schauen in ihr Kind hinein,
Als wär' es ein goldner Pott.

*

Wer ist der reiche Kavalier?
Baron de la Mosel er heißt!
Mit Sammet ist er angetan,
Im Gold er nur so wühlen kann,
Mit großem Troß im Land er reist.

Und sein Gemahl ist ebenfalls
Aus hochgebornem Haus;
Selbst unsre Bürgermeisterfrau
Trägt solche Perlen nicht zur Schau,
Sie sieht dagegen ärmlich aus.

So spricht man, wo er geht und steht,
Es lacht der Herr Baron
Und denkt: Es sieht mir niemand an,
Daß jedes Schloß ich sprengen kann
Und daß ich bin ein Häuslingssohn.

*

In Hamburg seufzt man: »Domine!
O welches Skandalum!
Bestohlen ist Sankt Nikolaus,
Geraubt der Schatz dem Gotteshaus!«
Die Ratsherrn schleichen trüb herum.

In Braunschweig stöhnt man: »Jemine!
O Sakrilegium!
Geschehn ist, was man nie geglaubt,
Sankt Katharina ist beraubt.«
Die Ratsherrn sind vor Grausen stumm.

In Lüneburg ist Ach und Weh,
»Sankt Michel ist entweiht!
Es hat ein Dieb in letzter Nacht
Die güldne Tafel fortgebracht,
Zum Himmel auf die Untat schreit.«

*

Zu Celle auf dem Galgenplatz
Das Volk steht dicht an dicht;
Das Glöcklein gibt so schnellen Klang,
Der Nickel tut den letzten Gang,
Es wird ihm endlich das Gericht.

Der Henker stößt ihm mit dem Rad
So Arm wie Bein entzwei;
Die hochgeborne Lebensart
Sich Nickel bis ans Letzte wahrt,
Er tut auch nicht den kleinsten Schrei.

Und als es nun zu Ende war,
Der Henker sprach: »Ei seht!
Er trug ja ein Glückshäubelein,
Wie Sammet weich, wie Seide fein,
Drum ward er vor dem Volk erhöht!«

Jeduch

Ich stehe hier am Jammerstein
Und schreie meinen Fluch;
Ihr Männer von Meckeloh, hört mein Schrein,
Jeduch, jeduch, jeduch!

Hört mein Schrein und hört meine Not,
Ich stehe am Jammerstein;
Mein Hennecke, euer Haupt ist tot,
Und Jeduch muß ich ihm schrein.

Jeduch auf die Leute aus Lüttgeloh,
Die ihn schlugen mit heimlicher Hand;
Ich rufe Jeduch durch den ganzen Go,
Über Feld, über Moor, über Sand.

Wo die Beeke kommt aus dem großen Moor,
Da fand ich ihn liegen im Sand;
Aus seinem Haar krochen Maden hervor,
In den Augen das Blut ihm stand.

Seinen Brägen hatte der Fuchs verbracht,
Seinen Nacken der Wolf zernagt;
Mit dem Haar hab' ich ihm sein Gesicht rein gemacht,
Mit der Hand ihm die Fliegen verjagt.

Sein Arm war hart, seine Hand war rauh,
Sein Herz und sein Mund waren weich;
Seine Augen, die waren wie Bachblumen blau,
Keiner von euch ist ihm gleich.

Wo er hinschlug, kam das Gras nicht zurück,
Wo er küßte, küßte er Glut;
Des Dorfes Stolz, meiner Augen Glück,
Da liegt er in seinem Blut!

Bei Nacht und Nebel, vor Tau und Tag
Erschlug ihn das Hundegezücht;
Von hinten traf ihn des Mörders Schlag,
Er lag auf seinem Gesicht.

Keine Nacht noch war er in Wonnen bei mir,
Kein Kind von ihm trägt mein Leib;
Eine Jungfernwitwe, so stehe ich hier,
Ein unglückseliges Weib.

Wenn der Kuckucksruf aus dem Maibaum schallt,
Dann sollte sein Weib ich sein;
Jetzt liegt auf der Deele er steif und kalt,
Und ich bin gelt und allein.

Ich schnitt mir vom Kopfe mein schönes Haar,
Zerkratzte mir Brust und Gesicht;
Aller Zier und Pracht will ich werden bar,
Einem andern gönn' ich das nicht.

Will in Lumpen gehn, will in Lappen sein,
Um den Kopf das Witwentuch;
Und immer bloß schrein und schrein und schrein:
Jeduch, jeduch, jeduch!

Bis Lüttgeloh brennt, bis Lüttgeloh qualmt,
Bis zum Himmel soll blaken die Glut;
Bis der Hammer der Mörder Knochen zermalmt,
In den Mist soll fließen ihr Blut.

Aus Lüttgelohs Balken baut mir dann
Die letzte Lagerstatt;
Und der Mörder Blut soll kleben daran,
Das macht meine Augen satt.

Dann will ich legen mein Bestkleid an,
Will tragen das große Geschmeid;
Zu Hennecke geh' ich, zu meinem Mann,
Unser Bett, das ist bereit.

Wenn in Lüttgeloh die Kinder schrein,
Wenn das Vieh verkohlt im Stall,
Dann will meines Hennecke Weib ich sein,
Will fahren mit ihm zu Walhall.

Ich stehe hier am Jammerstein
Und schreie meinen Fluch;
Ihr Männer von Meckeloh, hört mein Schrein,
Jeduch, jeduch, jeduch!

Die Varusschlacht

Der Herdrauch zog die Diele entlang,
Im Feuer schwelte der Torf,
Und um das Feuer, da saß im Kreis
Die ganze Jungmannschaft vom Dorf;

Sie hatten es alle vernommen,
Es ging von Haus zu Haus:
»Wülfke ist wiedergekommen,
Er gibt heute abend eins aus!«

Und Wülfke, der griente und legte dann los:
»Na ja, das war schon ein Spaß,
Wenn's auch den römischen Kerls nicht so schien,
Denn scheußlich bekam ihnen das;
Was machten sie sich auch so mausig,
Uns ging die Geduld schließlich aus,
Na, und da, da ging's ihnen lausig,
Kaum einer fand wieder nach Haus.

Na ja, wie das nun gekommen ist,
Das weiß ich nicht mehr so genau,
Ich trank am Abend gefährlich viel Bier
Und war am Morgen noch blau;
Es saß da auf so 'nem Dinge
Ein Kerl und machte sich breit,
Er hatte die Finger voll Ringe
Vor lauter Hoffärtigkeit.

Na ja, der prahlte in einem weg,
Bloß daß ich kein Wort von verstand,
Ein Mann aus der Gegend, der meinte zu mir,
Er hätt' uns Gesindel genannt;
Das wollt' mir denn doch nicht recht passen,
Vor den Augen wurd's mir ganz rot,
Ich konnt' es wahrhaftig nicht lassen
Und bölkte wie unklug: schlah' dot!

Na ja, da ging die Geschichte denn los,
Mir wurde davon erst ganz dumm;
Wohin ich auch sah, fiel ein römischer Kerl,
Wie 'n Schwein beim Schlachtefest um;
Da spuckt' ich denn auch in die Hände
Und kriegte mein Messer her,
Ein ganzes langes Ende
Weiß ich nun aber gar nichts mehr.

Na ja, denn über- und überall
Da ging's: schlah' dot, schlah' dot!
Und als ich wieder zu mir kam,
Mein Arm war bis obenhin rot;
Zum Kuckuck war mein Messer,
Da langte ich mir ein Schwert,
Das flutschte denn doch noch besser;
Es hängt da hinter dem Herd.

Na ja, so ging's denn in einem fort,
Wir brachten sie schön auf den Trab,
Ich habe die Nase noch voll von dem Kerl,
Dem ich den Kälberfang gab;
Er tat man so blitzen und blinken
Vor Gold und Edelgestein,
Und nach Maiblumen tat er stinken;
Sie schmieren mit so was sich ein.

Na ja, doch gegen die Melkezeit,
Da wurd' mir ganz albern vor Durst,
Ob das von der hillen Arbeit nun kam,
Oder ob von der salzigen Wurst?
Da hab' ich denn Wasser getrunken,
Wahrhaftig als wie ein Stück Vieh,
Und das Wasser, das hat gestunken,
Solchen Kuhdurst hatt' ich noch nie.

Na ja, das tat mir denn hinterher leid,
Denn im Lager war mächtig viel Wein,
Das Bier da zu Lande ist ja ganz schön,
Aber Wein ist noch einmal so fein;
Doch muß man sich erst dran gewöhnen,
Denn Kinder, ich sage euch bloß,
Ich wurde im Brägen das Dröhnen
Volle drei Tage nicht los.«

Er spuckte in das Feuer hinein
Und trank sein Warmbier aus,
Die anderen plinkten sich heimlich zu
Und gingen dann alle nach Haus;
Doch ehe sie abseits bogen
Zum Moor und nach der Heid',
Da hieß es: »Na, der hat gelogen
Nach der schweren Schwierigkeit!«

Der Heidhauer

Ein Gluttag in die Heidmark zieht;
Noch sind vom Tau die Büsche naß,
Noch liegt es silbern auf dem Ried,
Noch sind die Grillen stumm im Gras.

Da schanzt er schon im braunen Feld,
Macht Platz dem Korn im Ödeland;
Mit seinen harten Händen hält
Den Twickenstiel er fest umspannt.

Es blitzt das Eisen in der Luft,
Die Plagge reißt es knirschend fort;
Der Heideerde saurer Duft
Steigt auf von dem geschälten Ort.

Ein jeder Ruck, ein jeder Schlag
Ein Stückchen Land, ein Stückchen Brot,
Ein Schritt mehr hin zum Licht und Tag,
Ein Schritt mehr fort aus Nacht und Not.

Die Sonne steigt, die Luft wird heiß,
Kein Lüftchen um die Birken bebt;
Des Mannes Blondhaar näßt der Schweiß,
Am Rückenstrang das Hemd ihm klebt.

Die Sonne sticht, die Lerche schweigt,
Aus blauer Luft der Bussard schreit;
Und rundumher und weit und breit
Die Grille ihren Singsang geigt.

Die Sonne brennt, die Sonne sengt,
Es kocht und loht das ganze Land;
Zum Schatten er die Schritte lenkt,
Die Twicke legt er aus der Hand.

Ein Rangen Brot, ein dünner Trank,
Des Maserkopfes blauer Rauch;
Dann macht er seinen Rücken lang
Am krüppligen Machangelstrauch.

Der Maserkopf hat ausgeschwelt,
Die Unterstunde ist vorbei;
Des Mannes Arm ist neu gestählt,
Von Müdigkeit sein Rücken frei.

Den Rücken krumm, die Beine breit,
So scharwerkt stramm er weiter weg;
Reißt in das braune Heidekleid
Aufs neue wieder Fleck um Fleck.

Und jeder Fleck ein Stückchen Land,
Ein Stückchen Feld, ein Stückchen Grün;
Hellgrüner Saaten lichtes Band
Sieht er aus braunem Unland blühn.

Buchweizen bollwerkt später hier
Und süßer Klee, so rot wie Blut;
Goldner Lupinen schwere Zier
Und grünen Leines blaue Flut.

Obstbäume trägt des Baches Rand
Und Wiesen, bunt von buntem Vieh;
Drum auf und ab mit harter Hand,
Mit krummem Rücken, krummem Knie.

Drum Plagg' um Plagge fest heraus,
Mit jedem Hieb, mit jedem Riß
Verläßt die Schuldenlast das Haus,
Verblaßt der Sorge Finsternis.

Am Wege mülmt es gelb und dicht,
Der Schäfer treibt die Schnucken ein;
Der Mann im Heidfeld achtet's nicht,
Sein Tagewerk muß länger sein.

Die Heidelerche wieder singt,
Der Regenpfeifer ruft im Moor;
Und von dem Torfstich quarrend klingt
Der Frösche breiter Abendchor.

Die Sonne sinkt, die Luft geht kühl,
Der heiße Tag ist bald vorbei,
Schon treibt die Fledermaus ihr Spiel,
Schon gellt der Eule Jammerschrei.

Daheim wohl wartet schon sein Weib;
Er legt die Twicke aus der Hand
Und knöpft um seinen nassen Leib
Den alten Rock aus Beiderwand.

Sein Blick noch einmal überfliegt
Die Rodung, die er heut' geschafft,
Und was noch brach und öde liegt
Und wartet seiner Fäuste Kraft.

Dann schreitet still er durch den Sand,
Durch Heid' und Moor, so schwarz und tot;
Der Abendschein am Himmelsrand,
Ihm leuchtet er wie Morgenrot.

Sophiee von Mandelsloh

Ihr Gang war leicht, ihr Zopf war schwer,
Sie trug ihre Brüste stolz vor sich her
Und lachte so laut und so froh;
Es zwang den ungerittenen Gaul
Und riß dem Bluthund den Fraß aus dem Maul,
Sophiee von Mandelsloh.

Auf Ricklingen ging der Becher rund,
Von Hand zu Hand, von Mund zu Mund,
Gefüllt mit rotem Wein;
Auf Herzog Albrecht ein Spottlied klang,
Die schöne Sophiee es lächelnd sang,
Laut brummte ihr Vater hinein.

Sie sang: »Herr Herzog, wir bitten Euch schön,
So laßt Euch doch endlich auf Ricklingen sehn,
Beehrt doch die Mandelsloh;
Von Lüneburg ist es ja gar nicht so weit,
Zu Eurem Empfange ist alles bereit,
Es blitzet und blinkert nur so.«

Laut lachte ihr Vater und kippte den Rest
Und knurrte: »Nun holla, ein jeder ins Nest,
Heut' abend, da gibt es nichts mehr;
Den Spund in das Loch und geruhsame Nacht,
Und morgen beizeiten hübsch aufgewacht,
Denn die Kammern und die Keller, die sind leer.«

Er warf sich mit Stiefeln und Sporen aufs Bett
Und schnarchte mit seinem Hund ein Duett,
Die Eule zum letztenmal schrie;
Und es krähte ein Hahn und es klang ein Horn,
Herr Dietrich erwachte in hellichtem Zorn:
»Watt schall düsse Döllmerie?«

Er fuhr mit dem Kopf in den Eimer hinein,
Und sah in den lachenden Lenzsonnenschein,
Und machte ein dummes Gesicht;
Denn rings um sein graues, griesgrämiges Schloß,
Da hielt des Herzogs buntscheckiger Troß,
Dreihundert, das langte noch nicht.

»Sophiee, schnell einen Schoppen her,
Auf nüchternen Magen, da ficht es sich schwer!«
Im Unterrock kam sie herein;
Sie kämmte dem Vater schleunigst das Haar,
Das noch von der Nacht etwas strubbelig war,
Und brachte ihm Brot und Wein.

Ihr Bestes nahm sie dann aus dem Schrank,
Von blitzblauer Seide und reichlich lang,
Und bunt von Stickerein,
Und machte sich schnell noch die hohe Frisur,
Die trug sie sonst zum Kirchgange nur,
Und zu ganz großen Gasterein.

Der Herold schrie zur Mauer empor;
Der Ritter legte die Hand ans Ohr,
Dann brüllte er kopfschüttelnd: »Nein!
Übergeben, sagt ihr, solle er sich?
Er denkt nicht daran, der Dieterich;
Es wär' auch zu schad' um den Wein.«

Da sprach der Herzog, er sprach es recht fein:
»So denkt doch an Euer schön Töchterlein,
Herr Dietrich, und bleibt bei Verstand.«
Sophiee jedoch rief mit keckem Gesicht:
»Herr Herzog, so zimperlich sind wir nun nicht!«
An den Wurfbock legt sie die Hand.

Der erste Stein: »Das ging drüber her!«
Der zweite: »Gefällt mir schon etwas mehr!
Spannt schnell das Ding noch einmal!«
Und heulend der Kiesel vom Turme fliegt,
Der Herzog blutend im Sande liegt,
Sein Gesicht ist aschenfahl.

Der Ritter machte ein ernstes Gesicht:
»Ich glaube, der Herr hat den Rest gekriegt,
Doch uns geht es auch ans Genick;
Aber alles, was recht ist, ein guter Schuß,
Komm', Mädchen, da hast du einen Kuß,
Das war ein vorzügliches Stück.«

Zwei Stunden flog weder Stein noch Pfeil,
Dann kam von draußen ein Wutgeheul,
Des Herzogs Kriegsfahne sank:
Und es flog kein Pfeil und es kam kein Stein,
Und die Nacht zog über das Land herein,
So schwarz, so schwer, so lang.

Die Lagerfeuer funkelten rot,
Die Hunde beheulten des Herzogs Tod,
Im Schlosse saß alles stumm;
Denn der Speicher war ledig, die Speckkammer leer,
Im Keller kein einziges Fäßchen mehr,
Der Becher ging sparsam herum.

Die Nacht zerfloß vor dem Morgenrot;
Die Wurst wurde kurz und schmal das Brot,
Sie kriegten alle halb satt;
Der Ritter fluchte: »Daß dich der Daus!
Ich glaube, die Bande, die hungert uns aus,
Sie hungert uns müde und matt.«

Und noch eine Nacht und noch ein Tag;
Herrn Dietrich wurden die Beine schwach,
Er sagte schon gar nichts mehr;
Zu Mittag gab's einen labbrigen Brei,
Der Ritter seufzte: »Gott steh mir bei,
Als ob man im Wochenbett wär'!«

Er schloß kein Auge die ganze Nacht,
Obzwar er den Schmachtgurt ganz eng sich gemacht,
Sein Hund der piepte vor Schmerz;
Vor Hunger er laut seine Pfoten besog,
Und winselnd er lange Geschmacksfäden zog,
Das ging seinem Herrn an das Herz.

Zum Fenster hinein er die Fahne zog;
Die Leute des Herzogs die schrien: »Hoch!«
Sie waren es gleichfalls satt;
Denn die Nacht war kalt, von der Leine her
Da nebelte es und wehte sehr,
Und feucht war die Lagerstatt.

So zog denn der Dietrich von Ricklingen ab,
Die Pferde die wollten durchaus nicht in Trab,
Sie grasten am Wegesrand;
Die schöne Sophiee im Sattel saß,
So steif wie ein Stock, wie der Tod so blaß,
Eine Träne im Auge ihr stand.

Sie hatte die ganze lange Nacht
An den toten Herzog Albrecht gedacht
Und fühlte bittere Pein;
Ihr war inwendig so sonderbar,
Sie glaubte, daß es die Liebe war;
Es konnte auch Heißhunger sein.

Vom grauen Himmel die Heidlerche sang,
Der Trauermarsch in der Ferne verklang,
Die Sonne war ohne Schein;
Die Ricklinger sahen sich lange um,
Dann ritten sie ganz still und stumm
In die weitweite Welt hinein.

Das Bild des Pharao

Ist einer, der Judith Josephi sah
Und sein Herz blieb stumm und lau?
Schöner war einst in Samaria
Keine Hammoriterfrau;
Ihr Angesicht ist rot und weiß
Wie Linnen, getränkt in Bordeaux,
Ihre Augen, blau wie Ehrenpreis,
Sind liebessiegesfroh.

*

Im Völkermuseum ein Bildnis starrt
Geformt aus grauem Stein,
Seine kalten Züge stehen hart
Im warmen Sonnenschein;
Düster droht das hehre
Uralte Königsbild,
Seine Augen sind mit Leere,
Seine Lippen mit Schweigen gefüllt.

Judith Josephi steht vor dem Stein
Des großen Pharao:
»Das soll ägyptische Bildkunst sein?
Ich finde es plump und roh!«
Einen Nasenstüber
Versetzt sie dem grauen Gesicht:
»Wissen Sie was, mein Lieber?
Sie imponieren mir nicht!«

Das graue Bildnis kraust die Stirn,
Ein Schauder sie erschreckt;
»Es braust mir wohl noch im Gehirn
Von heute Nacht der Sekt.«
Aber dann rauscht sie weiter,
Ihre seidenen Röcke weh'n,
Wo hell und hold und heiter
Die Götter der Griechen steh'n.

»Ach ja, die Nacht war toll und lang!«
Die Augen werden ihr schwer;
Sie gleitet auf die Ruhebank,
Still ist es um sie her.
Es sinken ihre Lider,
Lauter ihr Atem weht,
Langsam auf und nieder
Ihre Spitzenbluse geht.

Längst erlosch an der roten Wand
Der gelbe Sonnenschein,
Im grauen Spinnewebegewand
Tritt der Abend ein;
Die Töne der Glocke verklangen,
Schweigen bricht ringsum hervor,
Der Wärter ist gegangen,
Es schloß sich Tür und Tor.

Eine eherne Stimme das Schweigen stört:
»Judith Josephi, tritt her!«
Aus ihrem Schlummer empor sie fährt,
Ringsum ist's stille und leer;
Rundum ihre Augen spähen,
Das Schweigen atmet tief,
Niemand ist zu sehen,
Der sie mit Namen rief.

Des Pharao Bildnis starrt sie an
Mit leerem Gespensterblick,
Zieht langsam sie in seinen Bann,
Ihr Herzblut tritt zurück;
Und wiederum schallt die Stimme
Und hallt so tief und schwer,
Die schreckliche, die schlimme:
»Judith Josephi, tritt her!«

Auf ihrer Stirne liegt der Schweiß
Und brennt des Fiebers Glut,
Ihre Hände sind so kalt wie Eis,
In den Schläfen braust ihr das Blut;
Und abermals tönt die Stimme
Und dröhnt so hohl und leer,
Die grausige, die grimme:
»Judith Josephi, tritt her!«

Zitternd bricht sie in die Knie
Mit schrillem Schreckensschrei,
Aus tiefster Seele wimmert sie:
»Jahve, stehe mir bei!«
Unter Seufzen und Stöhnen
Schleppt sie sich voran,
Und hört die Worte tönen:
»Steh' auf und sieh' mich an!«

Der ehernen Stimme hohler Laut
Ihren Willen in Stücke bricht,
Sie hebt die Augen auf und schaut
In das steinerne Gesicht;
Dumpf und dröhnend hallen
Die Worte auf sie herab,
Gleich Schollen, wenn sie fallen
In ein tiefes Grab:

»Judith Josephi, du hast gelacht
Ins Gesicht dem Pharao,
Du, deren Volk einst ist zerkracht
In meiner Hand wie Stroh;
Wie eine Unwetterwolke
Stand ich über dem Land,
Die Hälfte von deinem Volke
Trat ich in den Sand.

»Es schwirrte Israels Weheschrei
Meinen Rossen voran,
Ich schleppte in die Sklaverei
Siebenzigtausend Mann;
In grauen Bettlerröcken
Ging eurer Großen Schar,
Meinen Speichel mußten sie lecken
Dreiunddreißig Jahr.

»In meinem Zelte die ganze Nacht
Eures Königs Tochter schrie,
Ihrer Tränen habe ich gelacht.
Meine Lust versüßten sie;
Es lag vor meinem Bette
Ihr Vater mit grauem Gesicht
An einer Hundekette,
Seine Flüche trafen mich nicht.

»Judith Josephi, dein Leib ist schön
Und süß ist dein Gesicht,
Entgürte dich, ich will dich seh'n
Nackend im Sternenlicht.«
Die steinernen Hände greifen
An ihres Gürtels Schluß,
Die steinernen Lippen streifen
Sie mit kaltem Kuß.

*

Ist einer, der Judith Josephi sieht,
Und dem das Herz nicht friert?
Grauen aus ihren Augen glüht,
Als hätte der Tod sie berührt;
Ihre roten Lippen erbleichten,
Sie wurden nie mehr froh,
Seitdem auf ihnen keuchten
Die Küsse des Pharao.

Die sieben Steinhäuser

Die Frauen vom Stamme der roten Hunde
Die schrien auf wie aus einem Munde,
Die weite braune Heide erklang
Von ihrem gellenden Jammergesang.

Die Wölfe stoben entsetzt von dannen,
Das Rotwild polterte in die Tannen,
Der Adler ruderte hastig vorbei,
Vergrämt von dem gellenden Jammergeschrei.

Die Krieger umstanden die Bahren im Kreise,
Sie sangen die dunkele Racheweise,
Sie sangen das alte böse Lied
Von dem roten Hund, der auf Raub auszieht.

Der Häuptling stand zu Füßen der Bahren,
Die rote Fellkappe auf den Haaren,
Die rechte Hand umschloß das Beil,
Die andere lag auf dem Feuersteinkeil.

Sah nicht zur Rechten, sah nicht zur Linken,
Seine Augen starrten, ohne zu blinken,
Auf seiner toten Söhne Gesicht,
Seine schmalen Lippen die zuckten nicht.

Sein Antlitz färbten die Zeichen der Trauer,
Sieben weiße Striche und ein blauer,
Die Brust war siebenmal aufgeschlitzt,
Die Stirne siebenfach blutig geritzt.

Er hob das Beil, der Kreis sich teilte,
Vom Lager her der Zauberer eilte,
Er führte herbei ein weißes Roß,
Von dessen Maule der Geifer floß.

Die Frauen schrien, die Männer sangen,
Die Schilde dröhnten, die Hörner klangen,
Der Zauberer riß mit dem heiligen Stein
Dem Schimmel die Opfermarken ein.

Und warf ihm Staub in die weiße Mähne,
Und rieb ihm Asche zwischen die Zähne,
Und sengte die Locke auf seiner Stirn
Und trieb ihm das Messer in das Gehirn.

Die Hörner heulten, die Schilde klangen,
Die Weiber schrien, die Krieger sangen,
Der Zauberer schwang das brennende Scheit
Und weihte die Toten der Dunkelheit.

Aus sieben Bahren schlugen die Flammen
Und kamen in einem Rauche zusammen,
Des brennenden Wacholders Duft
Erfüllte weit und breit die Luft.

Die Flammen flackerten auf und nieder
Und fraßen der Häuptlingssöhne Glieder,
Die Krieger sangen das böse Lied
Von dem roten Hund, der auf Raub auszieht.

Und sangen das Lied wohl sieben Jahre,
Und ließen wachsen am Kinne die Haare,
Und wuschen Leib nicht und Gesicht,
Und schliefen bei ihren Frauen nicht.

Es blieb das Beil in ihren Händen,
Das Messer wich nicht von den Lenden,
Es flog in jedes Kriegers Haar
Der rote Fuchsschwanz sieben Jahr.

Bis daß vertilgt waren von der Erde
Die Männer vom Stamme der weißen Pferde,
Es blieb verschont nicht Weib noch Kind,
In ihren Schädeln pfiff der Wind.

Da machte der bunte Stock die Runde
In allen Hütten der roten Hunde
Und rief die Krieger alle heran,
Sie kamen im Festschmuck Mann für Mann.

Und feierten das große Gelage,
Das dauerte ganze sieben Tage.
Die weite braune Heide erklang
Von ihrem gellenden Jubelgesang.

Dann bauten sie lange, breite Dämme,
Dann fällten sie lange, dicke Stämme,
Dann wälzten immer hundert Mann
Die großen Steine der Heide heran.

Daraus sie sieben Kammern türmten,
Die sieben Totenurnen beschirmten,
Und wölbten hoch den gelben Sand,
Hell leuchtend aus dem braunen Land.

Zu geben weit und breit die Kunde
vom Rachekrieg der roten Hunde,
Von ihrer sieben Helden Tod
Und von der Schimmelreiter Not.

Der Hexenbrenner

Pater Christoph liegt im Sterben,
Und weil immer er getan,
Was die heilige Kirche vorschreibt,
Sieht den Tod er ruhig an;
Beichtet, was nicht wert der Beichte,
Nimmt das letzte Sakrament
Und empfiehlt die reine Seele
In des lieben Herrgotts Händ'.

Als die Seele schwach und elend
Nun im dunklen Jenseits stand,
Sie zu ihrem größten Schrecken
Gar nicht sich zurechte fand;
Sehr vermißte sie den Engel,
Der den wahren Weg ihr wies,
Und es schien ihr nicht sehr freundlich,
Daß man sie alleine ließ.

Und sie schwirrte hin und wieder,
Und sie schwirrte hin und her,
Und sie murrte und sie knurrte
Und sie fluchte schließlich sehr:
»Dazu hat man nun auf Erden
Sich nicht Kuß noch Kind gegönnt,
Daß man hier nun wie ein Schwanzstern
Köpflings in die Runde rennt.

Über fünfzig Hexen hat man
Zu der Hölle hinspediert,
Alles Weinen, alles Winseln
Hat mir nicht den Sinn gerührt;
Und besonders bei der einen
Kam es gar nicht leicht mich an.
Denn man war doch jung und kräftig
Und war schließlich auch ein Mann.

Himmelblau war'n ihre Augen
Und wie Sonnenschein ihr Haar,
Und ihr Leib war schön, wie schöner
Nicht der von Frau Venus war;
Selbst als er zerfetzt und blutig
Wimmernd in den Ketten hing,
Sündlich Fühlen mir wie Feuer
Über Leib und Lenden ging.

Doch ich rang die Sünde nieder
Und ich trat den Teufel tot,
Und ich lag in meiner Zelle
Nackt bei Wasser und bei Brot;
Und ich betete und büßte,
Und ich rief den Himmel an,
Und in Hunger, Frost und Elend
Ich den sauren Sieg gewann.

Doch, wenn ich es recht bedenke,
Finde ich, ich war sehr dumm,
Daß ich selber mir die Pforte
Schloß zu dem Elysium;
Beten, fasten und kasteien
Tat ich all mein Leben lang,
Und nun wird man so behandelt,
Und das ist dafür der Dank!«

Und er quält sich und er härmt sich
Drei Millionen Jahre hin,
Hat den Himmel längst vergessen,
Hat das Hexlein nur im Sinn;
Hexlein mit den blauen Augen,
Hexlein mit dem blonden Haar,
Mit dem blütenweißen Leibe,
Der so jung gestorben war.

Und die arme Seele flattert
Wimmernd vor das Höllentor;
»Laura,« ruft sie, und ein Teufel
Nied'ren Grades tritt hervor:
»Ihre Laura, werte Seele,
Ist hier gänzlich unbekannt.«
Ganz verdonnert Pater Christophs
Seele auf der Treppe stand.

Und sie flattert wieder weiter
Und zum Fegefeuer hin,
Doch die Auskunft, die ihr wurde,
Ward ihr auch nicht zum Gewinn;
In der Hölle keine Laura?
Und im Fegefeuer nicht?
Sollte sie im Himmel weilen?«
Seufzt der ganz verdutzte Wicht.

Zaghaft naht er sich der Pforte,
Und er pochet scheu und bang,
Und das Tor des Himmels öffnet
Weit sich ihm mit hellem Klang;
Und am Tor steht seine Laura,
Schön wie sie auf Erden war,
Mit den himmelblauen Augen,
Mit dem sonnenblonden Haar.

Und er zögert, und er dienert,
Und er fragt: »Ist es erlaubt?
Habe dir dein junges Leben
Einst in blödem Wahn geraubt;
Ich, der Pater Hexenbrenner
Stürzte dich in Not und Qual,
Und nun willst du meine Seele
Führen in den goldnen Saal?«

Doch das Hexlein lacht und alle
Engel lachen mit im Chor,
Und aus seiner Demantlaube
Tritt der liebe Gott hervor;
Und er füget ihre Hände,
Und die Seelen küssen sich;
Gottes Sohn, der lächelt freundlich,
Doch der Geist spricht feierlich:

»Glaubst du denn, wir hier im Himmel
Haben irdisches Gemäß,
Messen eure armen Sünden
Mit dem amtlichen Gefäß?
Nein, wir werten nur die Liebe,
Gab sie sich auch plump und dumm:
Wer geliebt hat, der hat Zutritt
Einstmals zum Elysium.«

Und er schämt sich ganz gehörig,
Und dann spricht er seinen Dank,
Und dann küßt er seine Laura
Zehn Millionen Jahre lang;
Und die Engel stehen alle
Dicht geschart und ihr Gesang
Lehret ihn des Himmels Satzung,
Die verfehlt er allzulang:

Von dem Mond bis zu der Sonne,
Das ist wohl ein weiter Weg,
Von der Erde bis zum Himmel
Führt ein ewiglanger Steg;
Alle Reue, alle Buße
Kürzt dir nicht des Weges Pein,
Nur die Liebe kann dir helfen,
Daß du gehst zum Himmel ein.

Heidgespenster

In Blüte steht der Honigbaum; ein süßer Duft geht durch das Land,
Über der Heide Rosenrot blauseiden sich der Himmel spannt,
Zahllose blaue Falter weh'n lustig dahin im Tändeltanz,
Die Birken an der weißen Straße haben hellen Silberglanz.

Ein Mensch wankt unter ihnen her, Fuselröte im Gesicht,
Die Heidepracht, das Himmelsblau, den Sonnenschein, er sieht es nicht;
Er murmelt unwirsch vor sich hin: »Kein Geld, kein Schnaps, zu dumm, zu dumm!«
Mit langem Arm nach seiner Stirn hinfingert das Delirium.

Er sieht die Heide himmelblau und sieht den Himmel heiderot,
Von jedem weißen Birkenstamm entgegen ein Gesicht ihm droht,
Ein weiß' Gesicht, ein tot' Gesicht, entsetzensbleich und voller Qual,
Ein Hals so weiß und schlank und jung mit einem breiten roten Mal.

Was klingt heran wie Hufgeklapp? Was blitzt und funkelt hell und grell?
Halt, der Gensdarm! In das Gebüsch mit jähem Sprunge hastet schnell
Der Vagabund; und wie der Wind den Klang der Hufe näher bringt,
Besinnungslos er in des Bruches dunkelgrünen Schatten dringt.

Ist das hier kühl, ist das hier schön! Da führt ein Weg den Bach entlang;
Wenn nur das Wasser schweigen wollt! aus seinem Rauschen tönt ein Klang,
Wie Weinen, oder wie ein Schrei, ein Wimmern voller Angst und Qual,
Und da ist wieder das Gesicht, und auch das breite rote Mal.

Aufstöhnend stürzt der Stromer hin; das weiße Totenangesicht
Ist wieder da mit bösem Blick, der bis ins tiefste Herz ihm sticht;
Es schwebt heran und starrt ihn an; er richtet hastig sich empor
Und schlägt den Weg zur Linken ein, und der führt auf das hohe Moor.

Das Moor ist weit, das Moor ist breit; verlassen ist es, tot und leer,
Nur eine weiße Weihe zieht, wie ein Gespenst darüber her;
Doch dort am Graben steht ein Mann! Der Stromer wendet rechter Hand,
Ausweichend dem Machangelbusch in seines Wahnes Fieberbrand.

Wo ist der Weg? Hier ist kein Weg; hier ist nur Moor und nichts als Moor!
Bei jedem Tritt, bei jedem Schritt gurgelt das Wasser braun hervor.
Der Weg, der Weg, wo ist der Weg, wo mag er sein? Er blickt rundum
Und flüstert angstvoll vor sich hin: »Kein Geld, kein Schnaps; zu dumm, zu dumm.«

Der Schnaps, der Schnaps war schuld daran! Es war ein Tag, wie dieser Tag;
Es war im Moor, das Abendrot blutrot auf allen Gräben lag;
Ein Kiebitzpaar nur Zeuge war; die Kiebitze sind wieder da;
Es ist, es ist dasselbe Moor, auf dem einst jene Tat geschah.

Dasselbe Moor, dieselbe Zeit, dasselbe rote Abendrot;
Derselbe weiße Wetterkopf, der hinten an dem Himmel droht;
Derselbe spitze Kirchenturm über des fernen Waldes Rand;
Dasselbe Wetterleuchten, wie es damals hinter dem Moore stand.

Und dort das weiße Angesicht, so jung, so freundlich und so rein,
Beleuchtet von der Abendsonne allerletztem Widerschein;
»O Gott, o Gott, der Schnaps war schuld!« Er sieht sich zähneklappernd um;
Der Durst, der Durst, die Angst, die Angst: »Kein Geld, kein Schnaps, zu dumm, zu dumm.«

Und hätt' ihn der Gensdarm gefaßt, und schleppte er ihn vor Gericht,
Und käm die Untat auch zu Tag; das schadet nicht, das schadet nicht;
Lieber das Beil, das blanke Beil, das wäre eine kurze Pein,
Doch nur nicht um die Uhlenflucht alleine hier im Moore sein.

Das Herz, das Herz, das dumme Herz, und das Gesicht, ja, das Gesicht!
Von allen Seiten kommt es an und geht mit ihm in das Gericht;
Allüberall sieht es ihn an mit Augen angsterfüllt und rund
Und ruft und stöhnt ihm heiser zu: Du Hund, du gottverfluchter Hund!

Er sieht sich um; er steht in Blut und über ihm ist rotes Blut,
Und in ihm Blut und nichts als Blut und Todesangst und Höllenglut.
Das Blut, das Blut, das rote Blut, es hämmert wild, jetzt steht es still;
Über das rote tote Moor geht ein entsetzliches Gebrüll.

Bis Mitternacht klingt hohl und dumpf es in die hohe Geest hinein;
Der Jäger, der vom Anstand kommt, bleibt stehn und horcht: »Was mag das sein?«
Der alte Jagdaufseher meint: »Ein Vogel ist es, hierzuland
Moorochs genannt, gelbbunt gefärbt und mit dem Reiher dicht verwandt.«

Der Bauer, der am andern Tag zu seinem Immenschauer geht,
Der sieht, wie dort das Krähenvolk umschichtig auf und niederweht;
Er tritt hinzu und prallt zurück; da liegt ein toter Vagabund,
Die Augen auf und schauerlich verzerrt den blutgefüllten Mund.

»Ein Vagabund, ein Schnapsgesicht; der liegt am besten, wo er liegt.«
Der Bauer geht: das Krähenvolk von neuem auf und niederfliegt.
Über das rosenrote Moor blauseiden sich der Himmel spannt,
In Blüte steht der Honigbaum, ein süßer Duft geht durch das Land.

Die blaue Flamme

Im Bornbusch wohnt eine Nachtigall,
Die singt im Jahr ein einziges Mal,
Singt nur in einer Sommernacht,
Und was sie singt, ist Leid und Qual.

Die Bäume, die im Bornbusch stehn,
Ihr Flüstern ist wie Todeswehn,
Ihre Zweige kreischen gellend,
Wenn nachts die Winde wehn.

Die Blume, die im Bornbusch blüht,
Das ist ein bitterböses Kraut;
Ihre Blätter sind mit Blut besprengt,
Ihre Blüten mit Gift und Galle getränkt
Und mit kaltem Schweiß betaut.

Der Bach, der aus dem Bornbusch quillt,
Ist klar wie Glas und kalt wie Eis;
Kein Fisch in seinen Fluten lebt,
Kein Vogel an seinem Ufer schwebt,
Sein Grund ist leichenlakenweiß.

Der Weiher, in dem der Bach ertrinkt,
Ist uferlos und ohne Grund;
Blutrote Blumen ihn umblühn,
Blutfäden seine Flut durchziehn,
Es stöhnt bei Nacht sein Mund.

An dem Bach steht ein Machangelbaum,
Oben schwarz und unten grau;
Da liegt die Otter und sammelt Gift,
Da fällt nicht Regen noch Tau.

Seine Zweige strecken wie Finger sich,
Sein Stamm ist verrenkt und verdreht;
Kein Vogel baut sein Nest hinein,
Der Mensch, der dort vorübergeht,
Dem fällt nur Trauriges ein.

*

Im Bornbusch singt die Nachtigall
Blutrotes heißes Herzeleid,
Singt blasse kalte Todesangst
Und graue Hoffnungslosigkeit.

Der Himmel ist so tief und tot,
Zwei Sterne stehen darin;
Der eine ist rot wie Liebesglühn,
Der andere ist wie Gift so grün,
Er hat einen bösen Sinn.

Glühwürmer schweben langsam hin,
Wie Perlen aufgereiht;
Sie schweben still und feierlich,
Heben sich und senken sich,
Vergehn in Dunkelheit.

Ein Schimmel trabt von der Heide her,
Der ist so weiß wie der Schnee;
Sein Zaumzeug ist mit Gold benäht,
Vom Halsbug purpurn Bandwerk weht,
Der Sattel ist rot wie der Klee.

Der Nachtigall Lied zerspringt wie Glas,
Der Bäume Geflüster verhallt;
Aus der Heide kommt ein hohler Ruf,
Ist fern und nah, ist hier und da,
Ist schwach und voller Gewalt.

Er ist voll Angst und ist voll Stolz,
Ist Leben und ist Tod,
Es ist ein Ruf voll Mut und Lust
Und ist ein Schrei der Not.

Die Nebelfrauen schauern auf
Und fallen tot in das Moos;
Der Bornbusch schluchzt und trägt das Wort,
Das die Heide rief, zu dem Weiher fort,
Der öffnet den schwarzen Schoß.

Eine Flamme schlägt daraus hervor,
So kalt und blaß und blau;
Sie dreht und wiegt und windet sich,
Und flackert wild und feierlich;
Unter ihr gefriert der Tau.

Es glimmt kein Halm, es glüht kein Holz,
Wo die blaue Flamme geht,
Es kohlt kein Moos, es schwelt kein Gras,
Wo die taube Flamme steht.

Die blaue Flamme tanzt und springt,
Die Flamme lacht und singt;
Aus der Heide kommt ein ferner Ruf,
Der wie ein Stöhnen klingt.

Er ist wie eines Helden Schrei,
Den arge List verdarb,
Er ist wie eines Mannes Fluch,
Der an falscher Liebe starb.

An tauber, kalter Liebe starb,
An der sein Herz zerfror,
Der Weg und Steg und Ziel vergaß
Und sich im Sumpf verlor.

*

Ein Hornruf hallt vom Bornbusch her,
Ein Hund voll Freuden bellt,
Der Schimmel in die Kniee sinkt,
Den Hals er gebogen hält.

Es klirrt wie Brückenkettenklang,
Eine eiserne Pforte kracht,
Es schallt ein goldner Jubelruf,
Eine silberne Stimme lacht.

Es weht wie weißes Schleiertuch,
Es wallt und weht und winkt;
Der Schimmel auf die Brücke tritt,
Die Brücke klirrt und klingt.

Die blaue Flamme tanzt und springt,
Sie tanzt wohl her und hin;
Sie lacht mit ihrem roten Mund,
Ihre Arme sind so weiß und rund,
Ihre Haare sind wie blankes Gold,
Ihre Augen leuchten wunderhold;
Grüne Punkte sind darin.

Der rote Stern vom Himmel fällt,
Grün lacht es hinter ihm her;
Der Stern, so rot wie Liebesglühn,
Zerspringt und ist nicht mehr.

Die blaue Flamme tanzt heran;
Es lacht ihr roter Mund,
Es glüht ihr langes, goldnes Haar,
Es blitzt und blinkt ihr Augenpaar,
Ihre Arme sind weiß und rund.

Ein schwarzes Schweigen schwebt herab
Es klirrt ein heller Schrei;
Ein Stöhnen webt, ein Schluchzen bebt,
Es bricht ein Herz entzwei.

Vom Bornbusch kommt ein weher Ruf,
Ein Ruf aus Angst und Not,
Am Himmel lacht der grüne Stern,
Der rote Stern ist tot.

*

Vom Morgen weht ein harter Wind,
Die blaue Flamme verlischt,
Der schwarze Weiher seufzt und stöhnt,
Ein kaltes Herz zerzischt.

Im fernen Dorfe kräht der Hahn,
Ein heller Schein erglüht;
Am Himmel lacht der grüne Stern,
Bis daß sein Licht zersprüht.

Die Sonne auf dem Walde steht,
Die Luft wird lind und lau:
Es blitzt in dem Machangelbusch
Wie Spinnegewebe im Tau.

Die Spinne webt dort nie ihr Netz,
Der Tau fällt nie dahin;
Es ist ein Stück vom Schleiertuch
Der armen Herzogin.

Die Rache Tamalals

Die goldnen Hörner klangen
Hinab auf Ninive,
Die silbernen Brunnen sprangen
Aus dem Marmorsee;
Die Freudenfeuer sprühten
Rot auf jedem Dach,
Hunderttausend Fackeln glühten
Und machten die Nacht zum Tag.

Vor Kaiser Hasurbanipal
Tamalal, der Sänger, stand,
Die goldne Harfe gab stolzen Schall
Unter seiner Hand;
Einen Hymnus sang er dem Kaiser,
Einen Hymnus hoch und hehr,
Die Brunnen spielten leiser,
Die Hörner klangen nicht mehr.

»Vier Könige vor deinem Wagen,
O Hasurbanipal,
Ihre Völker liegen erschlagen,
Erhabener, überall;
Wie der Löwe die Rinderherde
Sprangst du sie an,
Rot strichst du die Erde
In der Lande vieren an.

Humanaldasch und Wate,
Ihr liegt im Sand,
Tammarhita und Pate,
Euer Glanz verschwand;
Die gelben Schakale pflegen
Sich an eurem Hirn,
Ihr tratet entgegen
Dem großen Gestirn.

Und war auch deiner Feinde Zahl
Wie Sand am Meer,
Du streutest, Hasurbanipal,
Wie Spreu sie umher;
Sieben Himmelsgewalten
Beschirmen dein Land,
Assur und Isthar halten
Dich in ihrer Hand.

Du bist die Sonne,
Du bist das Licht,
Deiner Völker Wonne,
Der Feinde Gericht;
Es leuchtet dein Namen
Über Berg und Tal,
Benedeit sei dein Samen,
Hasurbanipal!«

*

Es ist ein Lied gekommen
Von Babylon,
Ninive hat es vernommen,
Die Männer pfeifen es schon;
Die Frauen summen die Weise
Lächelnd vor sich hin,
Sie summen sie ganz leise
Und haben die Worte im Sinn:

»Es war einmal ein König,
Wie er heißt, ist einerlei,
Der liebte nichts so wenig
Wie Kriegsgeschrei;
Wenn Beile auf Schilde krachten,
Dann schlug im Frauenzelt
Andere Schlachten
Der große Held.«

In Ninive sang man es leise,
In Babylon laut man es sang,
Die niederträchtige Weise
Aus allen Gassen erklang:
»Ja, wären die Feinde Frauen,
Hunderttausend an der Zahl,
Als Held wär' dann zu schauen
Hasurbanipal.«

Und der das Lied gefunden,
Der Mann hieß Tamalal,
Es schlug seinem Stolze Wunden
Hasurbanipal;
Da floh mit Zorn im Herzen
Der Sänger gen Babylon,
Aus seinen roten Schmerzen
Klang grüner Hohn:

»Du führtest den Krieg
Unter Assurs Schutz,
Ich trete deinen Sieg
In den tiefsten Schmutz;
Ich mache deinen Ruhm
Nackt und kahl,
Dir nimmt dein Heldentum
Tamalal.

Solange Menschen leben,
Seist du bekannt
Als der, so sich mit Beben
Barg in Weibsgewand;
Zum Staub will ich dich reißen,
Hasurbanipal,
König Unterrock sollst du heißen,
Schardanapal.«

Helljagd

Schneelicht die Heide, hell und klar,
Zu Ende geht das alte Jahr;
Sucht sich sein Grab im weißen Schnee
Samt seiner Wonne, seinem Weh.

Ich starre in die Nacht hinein.
Der Himmel ist voll blankem Schein;
Ein Sternlein bei dem andern steht,
Wie Silberblumen ausgesät.

Ich bin nicht traurig, bin nicht froh,
Mein Herz, das ist in Nirgendwo;
Es ist nicht da, es ist nicht dort,
Es ist an einem andern Ort.

Da kommt mein Blick zu mir zurück,
Da heb' ich das gesenkte Genick,
Da horch' ich in die Nacht hinein,
Da hör' ich eine Eule schrei'n.

Der Eule Schrei, der war es nicht,
Ich senke wieder das Gesicht;
Denk' nicht an dies, denk' nicht an das,
Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht was.

Mein Blick geht wieder gradeaus,
Der Fuchs steht auf dem Seelenhaus,
Steht schwarz auf dem verschneiten Stein,
Bellt heiser in die Nacht hinein.

Des Fuchses Bellen war es nicht,
Ich senke wieder das Gesicht;
Da kommt der Ruf von Nimmermehr
Und Nirgendwo noch einmal her.

Hohl kommt er her vom Seelenland,
Ich nehm' die Büchse in die Hand;
Im wilden Walde geht der Wind,
Sein Lied zu summen er beginnt.

Der Wind im Walde war es nicht,
Ich senke wieder das Gesicht;
Bis ich vergesse, wo ich bin,
Da hallt es nochmals nach mir hin.

Die Uhr im fernen Dorfe schlägt,
Zwölf Schläge es herüber trägt;
Da lausche ich mit off'nem Mund,
Ich höre meinen toten Hund.

Viel' Stimmen kommen querfeldein,
Mit Ho Rüd ho und Hussaschrei'n;
Weit weg sind sie und wieder nah,
Sind hier nicht und sind auch nicht da.

Die Sterne springen hin und her,
Sie springen in die Kreuz und Quer;
Sie treten rechts und links zur Seit'
In ihrer hellen Herrlichkeit.

Es öffnet sich das Himmelstor,
Der weiße Keiler bricht hervor;
In seiner Fährte braust die Jagd
Hernieder durch die Weihenacht.

Ich halt' das Hifthorn an den Mund:
Daher, daher, mein lieber Hund;
Gesellmann mein, Gesellmann fein,
Heut' wollen wir beisammen sein.

Daher, daher, mein roter Hund,
Es trieb dich her zur guten Stund';
Daß du gelassen hast dein Grab,
Darein ich dich gebettet hab'.

Voran, mein Hund, voran, voran,
Weis' her, weis' her, die Jagd geht an;
Es hallt das Horn, es hallet nah',
Der hohe Jagdherr, der ist da.

Er reitet kreuz, er reitet quer,
Der weiße Keiler flieht daher;
Und hinter ihm das Grauhundpaar,
Und hinterdrein die ganze Schar.

Der Grauhund bellt, der Rabe schreit,
Nun ist sie da, die hohe Zeit;
Zur Fährt', mein Hund, mein roter Hund,
Zur Fährt', mein Hund, und such' verwund't.

Hei Helljagd schön, hei Helljagd gut,
Der hohe Jagdherr schwenkt den Hut;
Sein Schimmel trabt ob Stock und Stein,
Wir müssen beide hinterdrein.

Dahin, dahin, mein roter Hund,
Wir trafen uns zur guten Stund';
Das ist die Nacht, die helle Nacht,
Die Toten reiten auf die Jagd.

Sie reiten scharf, sie reiten schnell,
Sind allzusammen heut' zur Stell';
Schön laut, mein Hund, mein Hündlein rot,
Gestorben, ist noch längst nicht tot.

Was Tod, was Grab, was Weh, was Leid,
Der Grauhund bellt, der Rabe schreit;
Den weißen Keiler jagen wir,
Das adelige Hochgetier.

Es wetzt sein goldenes Gewapp'
Und schlägt die bunte Meute ab;
Auf seinem Blatte, blink und blank,
Da rinnt der rote Schweiß entlang.

Der Rüdemann, der reitet vorn,
Er bläst sein gelbes Rüdehorn;
Er schwingt die Peitsche lang und schwank,
Ihr Knall, der ist wie Donnerklang.

Ein blauer Blitz folgt hinterher,
Der Helljagdreiter warf den Speer;
Hu Hatz, mein Hund, hu Su, hu Su,
Dazu, mein Hund, dazu, dazu!

Dazu, mein Hund, mein lieber Hund,
Dazu, dazu und such' verwund't;
So recht, so schön, mein Hündlein rot,
Daher, daher, laß ab, tot, tot!

Tot, tot, mein Hund, daher, daher,
Der grimme Basse lebt nicht mehr;
Der weiße Schnee ward rosenrot,
Es ruft das Horn: Sau tot, Sau tot.

Ein Horüdhoh hallt durch die Nacht,
Daß jeder Ast im Walde kracht;
Daß jedes Sternlein sich versteckt,
Vom wilden Weidgeschrei erschreckt.

Dahin, mein Hund, dahin, mein Hund,
Die Uhr, die schlägt die erste Stund';
Aufs Jahr, mein Hund, auf Wiedersehn,
Die Toten müssen schlafen gehn.

Das andre Jahr um diese Zeit,
Mein liebster Hund, halt' dich bereit;
Verschlafe nicht die helle Nacht,
Verschlafe nicht die hohe Jagd.

Leb' wohl, mein Hund, mein toter Hund,
Leb' wohl, aufs Jahr um diese Stund;
Bei Schneelicht und bei Sternenschein,
Will ich für immer bei dir sein.

Das Natternhemd

Jürgen, der Jäger, ging über die Heide,
Zwischen Mond und Sonne ging er hin,
Seine Augen träumten in die Ferne,
Nach seinem Traume stand sein Sinn,
Dem Traum, wie ein Schatten über dem Wasser,
Dem Traum, wie ein Eiland im Nebel fern;
So ging er hin, den Mond zur Rechten
Und linker Hand den guten Stern.

Er ging vom Morgen bis zum Mittag
Durch grüne Marsch und gelbes Moor,
Und ging von Mittag bis zum Abend,
Und als die Sonne die Kraft verlor,
Trat er in eine hohe Heide
Und blieb tief atemholend steh'n;
Er war in seinem fernen Traume,
In dem er sich die Nacht geseh'n.

Da waren sieben schwarze Fuhren
Geordnet in einem engen Kreis,
Da waren sieben schwarze Machangeln,
Düster oben und unten greis,
Da waren sieben blanke Bäche,
Nach sieben Seiten sprangen sie schnell:
Und waren sieben große goldne
Blumen gestellt um den Siebenquell.

Jürgen, dem Jäger, flog der Atem
Und seine Brust ging tief und schwer,
Es ging ein Rauschen über die Heide
Und ein Lachen flog von ihr her,
Ein silbernes Kichern, ein goldenes Lachen,
Wie Rotkehlchenlied und Nachtigallsang;
Jürgen, der Jäger, duckte im Schatten,
Sein junges Herz in der Brust ihm sprang,

Da waren sieben große Schlangen,
Sieben Zauberschlangen, schön und schlank,
Schimmernd in sieben hellen Farben,
Sieben Farben, blitz und blank,
Sie tranken vom Siebenquell das Wasser
Mit ihren roten Züngelein,
Und waren nicht mehr sieben Schlangen,
Sieben schöne Fräulein mußten es sein.

Jürgen, der Jäger, schlich wie der Fuchs schleicht,
Schnell wie der Habicht griff er hin,
Von den sieben blanken Natternhemdchen
Das silberweiße war sein Gewinn;
Und er rief das Wort, das rosenrote,
Das er gerufen die letzte Nacht,
Als er aus seinem bunten Traume
Mit heißen Lippen war erwacht.

Sieben Jungfernschreie gellten schneidend
In die Abendstille hinein,
Sieben rosige Fräulein haschten jammernd
Nach ihren Natternhemdelein,
Zweimal drei Nattern von dannen rauschten,
Sechs Zaubernattern, schön und groß;
Die allerschönste, siebenmal schönste,
Die schlug die Hände vor Brust und Schoß.

*

In Jürgen des Jägers weißem Hause
Singt eine Stimme den ganzen Tag,
In Jürgen des Jägers buntem Garten,
Da klingt's wie Nachtigallenschlag,
Und singt drei Monde und zweimal dreie,
Und als der neunte Mond zersprang,
In Jürgen des Jägers weißem Hause
Eine helle kleine Stimme erklang.

Und jedes Jahr eine neue Stimme,
Ein Kind mit Haaren, gelb und hell,
Wie die sieben großen goldnen Blumen,
Die da blühen um den Siebenquell;
Sieben schöne Jahre, sieben schöne Kinder,
Es klingt wie vieler Vöglein Schlag
In Jürgen des Jägers weißem Hause
Den ganzen lieben langen Tag.

Es rief eine Eule am hellen Mittag,
Es kam in das Land ein falsches Wort,
Es fiel ein Reif auf die Maienblüten,
Sie sind verwelket und verdorrt;
Ein bleicher Mann in schwarzer Kutte,
Ein Hexenbrenner, zog um im Land,
Flugfeuer war seines Mundes Rede,
Das steckte die stille Heide in Brand.

Es ging ein Flüstern von Hof zu Hofe
Und ging ein Raunen von Tor zu Tor,
An Jürgen des Jägers weißem Hause
Rankten sich giftige Blumen empor:
»Die Frau ist anders als unsere Frauen,
Die Kinder sind schöner als unsere sind,
Sie werden ohne Wehen geboren,
Giftsamen ist es, den hertrieb der Wind.

Wenn die Blitze über die Heide fahren,
Steht sie am Tore und lacht und singt,
Und Helle heißt sie; das ist ein Name,
Der nach geheimen Künsten klingt.«
Es flogen Blicke wie blanke Blitze,
Es fielen Worte voll Haß und Wut,
Es ballten Hände sich zu Fäusten,
Es roch die Luft nach Brand und Blut.

Jürgen, der Jäger, geht über die Heide,
Mit Beute beladen, und hinter ihm geht
Sein Sohn, stolz trägt er auf der Schulter
Des Vaters Weidewerksgerät;
Jürgen des Jägers Augen sind dunkel
Und fest geschlossen ist sein Mund,
Um die siebente Stunde heulte zum Himmel
Lange und bange sein treuer Hund.

Jürgen des Jägers Augen fliegen
Seinen schnellen Schritten voraus,
Sie suchen hinter dem Abendnebel
Am braunen Berge das weiße Haus;
Ein breiter Rauch steht an dem Himmel,
Eine schmale Flamme darunter weht;
Jürgen dem Jäger stockt der Atem,
Das Herz in der Brust ihm stille steht.

Was schleicht durch die Gassen und horcht an den Türen,
Was huscht auf dem Hofe und lauscht an der Wand,
Was ruschelt am Zaune und raschelt im Garten
Und rückt an dem Riegel mit heimlicher Hand?
Jürgen der Jäger ist auf der Pirsche,
Bittreres Weidewerk übte er nie,
Eine liebe Stimme hörte er weinen,
Eine liebe Seele nach ihm schrie.

Es klingt die Stimme aus tiefem Zwinger:
»Eia, popeia, schlaf' süß, mein Kind,
Eia popeia, es rief eine Eule,
Dein Vater weiß wohl, wo wir sind;
Suse la suse, ihr Kindelein schlafet,
Fest ist das Gitter, hart ist der Stein,
Suse la suse, wo sind geblieben
Die sieben Natternhemdelein?«

Es steht eine Weide am tiefen Borne,
Ihr silbernes Laub beweget der Wind,
In ihrem hohlen Leibe verborgen
Acht weiße Natternhemdchen sind;
Ein großes und sieben klimperkleine,
In jedem Jahr eins der Baum empfing,
Wenn in dem weißen Hause am Berge
Wieder einmal die Wiege ging.

»O Weide, Weide, vieledle Zierde,
O Weide, Weide, ich bitte dich sehr,
Ich bitte dich auf meinen Knieen,
In meinem Herzeleid komme ich her;
Du sollst auch essen, was wir haben,
Und trinken sollst du, so gut wie wir,
O Weide, Weide, vieledle Zierde,
Gib sieben Natternhemdchen mir!«

Acht Pfeile kommen angeflogen,
Die geben alle hellichten Schein,
Um jedes Spitze ist gewunden
Ein blankes Natternhemdelein.
»Eia popeia, ihr Kindelein kommet,
Suse la suse, und machet euch fein,
Es schrie eine Eule vor dem Gitter
Und brachte uns unsere Hemdelein.«

Jürgen der Jäger weint blutige Tränen,
Acht blanke Nattern entschlüpfen dem Grund,
Er küßt eine jegliche sieben Male,
Doch siebenmal sieben der einen Mund;
Acht Nattern rauschen über die Straße,
Wer weiß, wohin? Wo der Nachtwind weht;
Wo Jürgen der Jäger ging über die Heide,
Das Blut im grauen Moose steht.

*

Jürgen der Jäger geht über die Heide,
Zwischen Mond und Sonne geht er hin,
Seine Augen träumen in die Ferne,
Nach seinem Traume steht sein Sinn;
Dem Traum, wie ein Schatten in der Sonne,
Dem Traum, wie ein Eiland im Nebel fern,
Ein rotes Licht im schwarzen Moore,
Am düsteren Himmel ein blutiger Stern.

Er geht über Sümpfe, schwarz wie die Sünde,
Und über Moore, fahl wie der Tod,
Und über weite, breite Heiden,
Still wie die Nacht, wie Blut so rot;
Er tritt in eine greise Ödnis
Und bleibt tief atemholend steh'n,
Er ist in seinem fernen Traume,
In dem er sich die Nacht geseh'n.

Da ist ein Himmel, schwarz und schrecklich,
Rote Raben fliegen darunter her,
Da ist ein Wasser, tief und schlammig,
Das fließt so träge und so schwer,
Da ist ein schwarzes Zaubereiland
Mit einem Schloß, wie Gift so grün,
Da ist ein dumpfer, dunkler Garten,
In dem viel bleiche Blumen blüh'n.

Durch sieben Höfe geht Jürgen der Jäger,
Durch den weißen und gelben und blauen hin,
Hört nicht die Raben, sieht nicht die Schlangen,
Nach seinem Traume steht sein Sinn;
Geht durch den roten Hof und den grünen
Und durch den Hof, wie Heidmoos grau,
Mit den großen grauen Totenblumen,
Gefüllt mit grauem Todestau.

Es schreien und kreischen die roten Raben,
Die giftigen Schlangen werden laut,
Ihn kümmert kein Kreischen und kein Zischen,
Seinen schwarzen schweren Traum er schaut;
Die hohe Halle, tot und schweigend
Wie eine schwarze Winternacht,
Und dennoch laut von leisen Stimmen,
Und dennoch hell von dunkeler Pracht.

Es sitzt auf ihrem gold'nen Throne
Die böse Otternkönigin,
Es winden sich um ihre Füße
Acht blanke weiße Nattern hin,
Acht schöne schlanke weiße Nattern,
Die eine groß, die andern klein,
Die Natternmutter und sieben kleine
Feine Natternkindelein.

Es schreien und kreischen die roten Raben
Unter dem schwarzen Himmel hin,
In bösem Brande glimmern und flimmern
Die Augen der Otternkönigin;
Sie zischt ihm hellen Hohn entgegen,
Heischt gierig Lohn und Lösegeld:
»Dein rotes Herz mußt du mir lassen,
Du hast ja sonst nichts auf der Welt!

Das Herz, das Herz, das rote Herze,
Das heiße Herz aus deiner Brust,
Ein Otternherz kennt keine Wonne,
Ein Menschenherz ist voller Lust!«
Die Raben hören auf zu rufen,
Die giftigen Schlangen zischen nicht mehr,
Jürgen der Jäger geht über die Heide,
Die große Otter lacht hinter ihm her.

*

Auf Jürgen des Jägers weißem Hause,
Da schreit die Eule jedwede Nacht,
In Jürgen des Jägers buntem Garten
Keine frohe Stimme singt und lacht;
Die Kinder spielen scheu und heimlich
Das Spiel von dem verlor'nen Herz;
In Jürgen des Jägers weißem Hause,
Da weht die Luft nur Leid und Schmerz.

Jung Ebert faltet seine Brauen,
Langt von der Wand des Vaters Wehr;
Die Nacht ist ihm ein Traum erschienen,
Ein Traum, so schön und groß und schwer;
Jung Ebert schreitet über die Heide,
Zwischen Mond und Sonne geht er hin,
Seine Augen gehen grade Wege,
Ein schwarzer Traum liegt ihm im Sinn.

Er geht durch Moore, schwarz wie die Sünde,
Und geht durch die Brüche, fahl wie der Tod,
Und durch die weiten breiten Heiden,
Still wie die Nacht, wie Blut so rot;
Und findet zu dem toten Bache
Und nach dem Schloß, wie Gift so grün,
Und durch den dumpfen dunklen Garten,
In dem die blassen Blumen blüh'n.

Er geht durch die sieben bunten Höfe
Und tritt in die schwarze Halle ein,
Die Augen der Otternkönigin sprühen
Entgegen ihm mit rotem Schein;
Jung Eberts Augen fröhlich lachen,
Sie lachen, wie bei Spiel und Scherz,
Im Leibe der Otternkönigin leuchtet
Warm und rot das verlorene Herz.

»Das Herz, das Herz, das rote Herze,
Das heiße Herz aus deiner Brust,
Ich will dir geben, was ich habe,
Aber das Herz du lassen mußt!«
»Willst du das Herz, das rote Herze,
Was gibst du Lohn und Lösegeld?«
»Dein junges Herz mußt du mir geben,
Du hast ja sonst nichts auf der Welt!«

Jung Ebert lacht ihr in die Augen:
»Mein junges Herz bleibt immer mein,
Mein rotes Herz hört Vater und Mutter,
Und nie soll es dein eigen sein!«
Es kreischen und schreien die roten Raben,
Eine blanke Klinge blitzt und blinkt,
Auf der Otternkönigin Scheitel klirrend
Der rote Karfunkelstein zerspringt.

Jung Ebert schreitet über die Heide,
Zwischen Mond und Sonne geht er hin,
Seine Augen gehen gradenweges
Zu dem weißen Hause am Berge hin;
Er singt eine alte Jägerweise
Über das rote Heideland,
Das rote Schwert trägt seine Rechte,
Das rote Herz seine linke Hand.

Vor Jürgen des Jägers weißem Hause
Schreit keine Nacht die Eule mehr,
In Jürgen des Jägers weißem Hause
Ist keine Brust mehr tot und leer;
Es singen viele helle Stimmen
Von früh dort bis zum späten Tag,
In Jürgen des Jägers weißem Hause,
Da klingt's wie Nachtigallenschlag.

Das bunte Lied

Die Heide riecht nach Menschenblut
Und riecht nach Todesschweiß,
Und blutig ist des Baches Flut,
Und geht so träg' und leis';
Und ging am Morgen flink und laut
Und ging so hell und klar,
Viel guter Männer rotes Blut
Hinein geronnen war.

Und Kaiser Karl sitzt stumm und still,
Sein Angesicht ist blaß,
Der Blutdunst nicht vergehen will,
Es qualmt das Räucherfaß;
Nach Todesangstschweiß riecht die Luft,
Der Wind weht Blutgeruch,
Er weht zum Kaiserzelt hinein
Eines ganzen Volkes Fluch.

Es wagt kein witzig Wort der Narr,
Kein Wort der Kardinal;
Des Kaisers Augen blicken starr,
Sein Mund ist eng und schmal;
Des Kaisers Lieblingslustmagd schaut
Voll Furcht in ihren Schoß,
Kein Lächeln gab ihr heut' der Herr,
Sein Zorn ist allzu groß.

Vom Lager weht der Wind heran
Gelächter und Gesang,
Ein blonder Sachsenfiedelmann
Ergötzt mit Geigenklang
Und Schelmenlied das Frankenvolk;
Der blasse Kaiser winkt,
Die Wache eilt, zum Kaiserzelt
Den fremden Mann sie bringt.

Der steht und starrt auf all die Pracht
Und blicket blöd' und dumm,
Der Würzwein hat ihn blind gemacht,
Ein Lächeln geht rundum;
Der Kaiser winkt, der Fiedler stellt
Sich nach Gewohnheit hin,
Bein über Bein, den Kopf geneigt,
Die Fiedel an dem Kinn.

Die Fiedel singt, die Fiedel klingt,
Als wenn im grünen Hag
Aus allen Zweigen lustig springt
Der bunten Finken Schlag;
Der Todesschweißgeruch zerfliegt,
Der Blutdunst ist zerweht,
Um Kaiser Karels dunkle Stirn
Ein heller Schimmer geht.

Die Fiedel singt, die Fiedel klingt,
Es lacht des Spielmanns Mund,
Ein Liebessehnsuchtslied er singt,
Das klingt so weh und wund;
Des Kaisers Augen werden mild,
Er winkt, der Schenk gießt ein
Und reicht dem blonden Fiedelmann
Den Kelch mit rotem Wein.

Der dankt und trinkt, die Neige rinnt
Blutrot ihm auf die Hand,
Er starrt drauf hin und sinnt und sinnt,
Der Nachtwind singt im Land;
Der Spielmann wirft den Kopf zurück,
Seine Lippen werden hart,
Mit hasseheißem Racheblick
In die leere Luft er starrt.

Die Fiedel schreit, die Fiedel kreischt,
Es lacht des Spielmanns Mund,
Ein sonderbares Lied er spielt,
Ein Trutzlied, kraus und bunt,
Das Lied, das sich das Sachsenvolk
Erfand in seiner Not,
Ein Lied voll Wut und Mut und Glut
Und wie die Flamme rot.

Die Fiedel schreit, die Fiedel kreischt,
Und röchelt und stöhnt,
Sie murret leise vor sich hin
Und spottet und höhnt;
Ein jeder Ton ein Jammerschrei,
Jedweder Klang ein Fluch;
Der Kaiser winkt mit matter Hand:
»Genug, es ist genug!«

Über die Heide geht der Wind
Wimmernd hin und her,
In seinem Zelte sitzt und sinnt
Der Kaiser, sein Herz ist schwer;
Das Lied, das Lied, das bunte Lied,
Es schafft ihm arge Pein:
Er weiß, an seinem Sterbetag
Wird es wieder bei ihm sein.

Das Gericht

Das Fallbeil fiel; auf dem Schafott
Bekam er seinen Lohn;
Den roten Ring um seinen Hals,
Stand er vor Gottes Thron.
Die weißen Engel schlugen all'
Die Hände vors Gesicht,
Und eine tiefe Stimme sprach:
»Es sei ihm das Gericht!«

Es sprach der Geist mit hartem Blick:
»So fahr' zur Hölle hin;
Du hast vergossen Bruderblut,
Die Nacht sei dein Gewinn!«
Die schwarzen Engel, augenlos,
Mit Mienen tot und stumm,
Die stellten um den Schächer sich
Ganz eng und dicht herum.

Es sprach der Sohn mit weichem Blick:
»Laßt ihn zum Lichte ein;
Er hat mit Tod die Tat gebüßt
Und soll willkommen sein!«
Die weißen Engel nahmen all'
Die Hände vom Gesicht;
Die tiefe Stimme aber sprach:
»Fahrt fort in dem Gericht!«

Es sprach der Geist, es sprach der Sohn,
Die Wage fiel und stieg;
Sie stieg und fiel, bis daß der Sohn
Beklommen stand und schwieg,
Die Stimme schwoll, die Stimme quoll,
Sie fiel wie Blei hinab:
»Ihr schwarzen Engel, tretet her,
Führt ihn zum ewigen Grab!«

Der Mörder sah die Stimme an
Und sprach: »Das nennst du Recht?
Was schufest du zum Herren mich,
Und machtest mich zum Knecht?«
Er riß das flammendheiße Schwert
Dem Cherub aus der Hand
Und schlug der schwarzen Engel Schar
Bis an der Höllen Rand,

Und schrie der stummen Stimme zu:
»Du trägst allein die Schuld;
Du gabst mir zu viel Leidenschaft
Und nicht genug Geduld;
Gabst mir den Nacken steif und stolz
Und kochendheißes Blut;
Dich trifft, was ich verbrochen hab'
In glühendroter Wut!

Kommt her, ihr Engel ohne Blick,
Ihr Engel, schwarz wie Nacht;
Hier steht ein Mann mit einer Wehr,
Der euer aller lacht!
Komm' Satan her; mit Flammenschrift
Bemal' ich dein Gesicht;
Sind auch Milliarden hinter dir,
Ich folg' dir dennoch nicht!«

Die tiefe Stimme stieg empor,
Sie wurde leicht und hell,
Und wurde rosig, wurde warm,
Und sprach: »Komm' her, Gesell'!«
Da fiel der Mörder auf die Knie
Und sprach: »O Herr, hab' Dank!«
Und aus der weißen Engel Schar
Erscholl ein Lobgesang.

Das ferne Land

Und das ist offenbar:
Ich weiß ein Land, in dem ich niemals war;
Da fließt ein Wasser, das ist silberklar,
Da blühen Blumen, deren Duft ist rein
Und ihre Farben sind so zart und fein,
So zart und fein, wie sonst am Himmel nur
Der Abendröte allerletzte Spur
An hellen Abenden im jungen Mai
Beim allerersten fernen Eulenschrei.

Auch singt ein Vogel in dem fernen Land,
Er singt ein Lied, das ist mir unbekannt;
Ich hört' es nie und weiß doch, wie es klingt,
Und weiß es auch, was mir der Vogel singt;
Das Leben singt er, und er singt den Tod,
Die höchste Wonne und die tiefste Not,
Jedwede Lust und jeglich Herzeleid,
Die Lust der Zeit, das Weh der Ewigkeit.

Ich kenn' das Land und weiß nicht, wo es liegt,
Und weiß es nicht, wohin der Vogel fliegt,
Und hörte von dem Bach das Rauschen kaum,
Der Blumen Duft empfand ich nur im Traum;
Im Traume nur sind einst sie mir erblüht,
Im Traum nur hörte ich des Vogels Lied,
Das Lied vom Leben und das Lied vom Tod,
Das Lied der Wonne und das Lied der Not.

Erreiche ich das ferne, fremde Land,
Dann blüht das Lebensmal in meiner Hand;
Wenn nicht, dann sang der Vogel nur von Tod,
Sang mir ein Leben, bitter und voll Not;
Du weißt den Weg nach jenem Land; sag' ja!
Dann ist das ferne, fremde Land so nah',
Dann singt der Vogel nimmermehr von Tod
Und Not; dann blühen alle Blumen rot, so rot,
So rosenrot.

Ein Wiegenlied

Sie sangen ihm von Avalun,
Gelb war sein Haar,
In Avalun, da sollst du ruh'n
Über das Jahr;
Avalun, das schöne Land,
Ganz und gar von Zuckerkand,
O Avalun.

Der Jüngling rief: O Avalun,
Blond ist mein Haar,
In Avalun, da will ich ruh'n
Heute übers Jahr;
Avalun ist nicht mehr fern,
Avalun, du roter Stern,
O Avalun.

Es sprach der Mann: O Avalun,
Fahl wird mein Haar,
In Avalun, da will ich ruh'n,
Ich reit' schon dreißig Jahr;
Avalun ist nicht mehr weit,
Avalun, o Seligkeit,
O Avalun.

Es seufzt der Greis: O Avalun,
Grau ist mein Haar,
In Avalun, da will ich ruh'n
Nun bin ich siebzig Jahr';
Avalun, bald bin ich da,
Avalun, ich seh' es ja,
O Avalun.

Sie fuhren ihn nach Avalun,
weiß war sein Haar,
In Avalun, da sollst du ruh'n
Jahr über Jahr;
Avalun, das ist der Tod,
Avalun ist Nimmernot,
O Avalun.

Luzifer

Am Tage des jüngsten Gerichtes war es,
Am letzten Tage des letzten Jahres;
Mit weithin hörbarem Donnerknall
Zersprang der morsche Erdenball.

Alle, die dort vorhanden waren,
Sind sofort gen Himmel gefahren;
Sie scharten sich um Gottes Thron,
Strafe erharrend oder Lohn.

Die Frommen, die ganz vorne standen,
Zu ihrer Entrüstung plötzlich fanden,
Daß auch Satan bei ihnen sei;
Das war ihnen gar nicht einerlei.

Ließen darum bei dem Herren fragen,
Was er eigentlich täte sagen
Zu dieser Frechheit sonder Maß,
Die sich herausnähme Satanas.

Der Herr sprach ohne viel Federlesen:
»Auf mein Geheiß ist er Satan gewesen;
Hätte die Sünde gehabt nicht Platz,
Wo wäre geblieben der Gegensatz?

Wäre kein Satan zur Erde gekommen,
Gäb's keine Schächer, gäb's keine Frommen.
Ihr Erzengel, öffnet eure Reih'n:
Fortan soll er wieder Luzifer sein!«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.