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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 88
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Antworten [Erwin Piscator]

Erwin Piscator. Sie schreiben: »Seit einiger Zeit scheint die ›Weltbühne‹ ein Sprachrohr für diejenigen geworden zu sein, die meine Arbeit an der Bühne entweder nur von der technischen Seite her als interessant, im Grunde genommen aber als belanglos (Eloesser), oder aber gradezu als schädigend für das Theater empfinden (Kahn). Nun fühle ich mich durchaus nicht etwa über Kritik erhaben. Aber die Art, wie hier an meiner Arbeit Kritik geübt wird und die Bedeutung, welche diese Kritik durch ihren Platz in der ›Weltbühne‹ erhält, zwingt mich zur Auseinandersetzung. Wie stehen wir? Ich habe bisher geglaubt, mit der ›Weltbühne‹ in einer gemeinsamen Kampflinie gegen einen gemeinsamen Feind zu marschieren. Ich habe die ›Weltbühne‹ für eines der wenigen Blätter gehalten, denen der Kampf gegen alles Gestrige nicht nur eine literarische Haltung bedeutete, genau so wie mir meine Arbeit in erster Linie eine politische scheint, und nun erheben sich aus eben diesem Blatt gegen mich und unser Theater wieder dieselben bösartigen Phrasen, die gleichen nichtssagenden Schlagworte, dieselben platten ästhetischen Einwände, die noch von einer Zeit her, wo ich mit Hilfe der ›Weltbühne‹ einen Kampf gegen die Verständnislosigkeit einer reaktionären Kunstclique führte, in peinlicher Erinnerung sind. Es ist dasselbe stark angeschimmelte Gericht, das mir Herr Hussong von Zeit zu Zeit aufwärmt. Es ist der gleiche Hohn auf die ›konsequente Lebensanschauung‹ (Eloesser), die Sehnsucht nach der gedankenlosen Unverbindlichkeit des ästhetischen Vorkriegsbetriebes, der ganze literarische Kramladen einer Generation, die sich leider selber überlebt hat, jener Generation, deren Feigheit und Gedankenlosigkeit uns in die Schützengräben jagen half. Was sie, scheinbar in Angelegenheiten der Kunst, immer wieder vorbringt, sind Argumente, die in Wirklichkeit ihre 1914 jämmerlich-grausig bankerott gegangene Welt rechtfertigen sollen. Was hat es mit jener ›Menschenseele‹ (Kahn) auf sich, die so laut gegen mich aufgerufen wird? Vielleicht sehen Sie sich ein wenig in der Welt um! Was sind die entscheidenden Faktoren unsrer Entwicklung geworden, Seele oder Petroleum? Wonach geht die kapitalistische Gesellschaft, nach Menschlichkeit oder Profit? Wo erdrückt die Maschine die Ihnen so teure Einzelpersönlichkeit? Wo wird die ›Diktatur des toten Apparates‹ (Kahn) proklamiert? In der Fabrik, im Bergwerk, im Zuchthaus, auf dem Kasernenhof, im Krieg. Das, was jene Kritik für ihre letzte Forderung an die Kunst hält, das ist unsre erste Forderung ans Leben gewesen. Ihre Forderungen in allen Ehren, meine Herren, aber Sie haben sich in der Hausnummer geirrt! Fangen Sie die Tour bei Herrn Krupp von Bohlen-Halbach an, dann werden wir uns schneller verständigen. Das, was Sie so schön mit den ›Blau ins Blaue träumenden, völlig unirdischen Augen‹ (Kahn) charakterisiert haben, ist in dieser Gesellschaft eine Angelegenheit der herrschenden Klasse, die Sie irrtümlich mit der ›Welt‹, mit dem ›Heute und immerdar‹ verwechseln. Kein Wunder, daß nach den ästhetischen Gesetzen, die diese Klasse für ihre Kunst aufstellen ließ und die Sie begreiflicherweise für ewig halten, Seele die Substanz der Kunst ›ist und bleibt‹. Irgendwohin müssen wir die Seele ja plazieren. Nehmen wir die Kunst, da kann sie wenigstens keinen Schaden anrichten. Und so fahren wir wieder einmal ›schlittenklingelnd über die schneebedeckte Heimaterde‹ (Kahn) den nächsten Massengräbern entgegen. Meine Aufgabe ist es nicht, diese Art von Kunst den Besitzenden zu liefern. Meine Aufgabe ist es nicht, ihre ästhetischen Gesetze, deren Wert mir fragwürdig erscheint, fortzuentwickeln. Der Gesichtspunkt, unter dem unser Theater arbeitet, ist ein andrer. Wir können begreifen, daß eine im Niedergang begriffene Klasse, der das von ihr angestiftete Unheil langsam über den Kopf wächst, sich gern von dem ›Allzu-wirklichen‹ in ein ›phantastisch Unwirkliches‹ (Eloesser) entführen lassen möchte. Wir haben dieses Bedürfnis nicht. Unser Ausgangspunkt ist grade dieses Allzuwirkliche, und das zu gestalten ist uns jedes Mittel recht. Was geht uns Film, Aufklappbühne, Maschinerie und Schmieröl an! Sie sind uns nichts als Mittel. Unser Ziel liegt in der Wirklichkeit. Wir kamen aus dem Dreck des Krieges, wir sahen ein halbverhungertes, zu Tode gequältes Volk. Wir sahen, wie man seine Führer meuchlings ermordete, wir sahen, wohin wir blickten, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Qual, Blut. Sollten wir nach Hause gehen und über unsern Schreibtischen, Zeichenbrettern, Regiepulten weiter dem phantastisch Unwirklichem nachträumen, dem Schlittengeklingel lauschen? Unsre Kunst wurde aus der Erkenntnis des Wirklichen geschaffen, mit dem Willen, diese Wirklichkeit abzuschaffen. Wir haben das politische Theater gegründet (wahrhaftig nicht aus Liebe zur Politik), um unser Teil beizutragen an dem großen Kampf um die Neugestaltung unsrer Welt. Unsre Kunstwerke können weder den geistigen Inhalt haben, den nach staatlich gebilligten Regeln ein Kunstwerk haben muß, um als solches zu gelten, noch kann ihre Form mehr dem überlieferten Begriff des Kunstwerkes entsprechen. Aber wir haben nie gesucht, daraus ästhetisch einen ›Stil‹ zu machen, wir haben nie ein Dogma aufgestellt, wie Kunst auszusehen habe, uns genügt es vollkommen, wenn es gelingt, hundert von den tausend Zuschauern, die täglich unser Theater besuchen, zu einer gewissen Nachdenklichkeit über die ›Ordnung‹ zu bringen, in der sie leben. Das ist der einzige Maßstab, den wir gelten lassen. Wir wollen nicht Theater, sondern Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist noch immer das größere Theater. Was soll uns in einer Welt, in der die wahren Erschütterungen von der Entdeckung eines neuen Goldfeldes, von der Petroleum-Produktion und vom Weizenmarkt ausgehen, die Problematik von Halbverrückten! Wir sehen Zustände, politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und ihre Einwirkung auf Menschen oder deren Einwirkung auf sie. Das versuchen wir zu gestalten, sicherlich noch in Vielem mangelhaft. Glauben Sie nicht, daß wir gegen ›Blaublick‹ wären, wenn sich damit die Welt auch nur um einen Zoll vorwärts rücken ließe. Wir wären gern bereit, um diesen Preis blau und nichts als blau zu blicken. Man kann die Entmenschlichung der Welt beklagen, man kann beklagen, daß unsre besten Gefühle so wenig Einfluß auf den Weizenmarkt besitzen und daß unsre tiefsten Gedanken keiner 16zölligen Granate standhalten. Aber dann ziehen Sie die Konsequenz daraus. Machen Sie das Morgen, um das wir kämpfen, nicht zu einer Nachtisch-Angelegenheit, behandeln Sie es nicht als ästhetische Forderung an die Kunst, sondern als Kampfparole an die heutige Welt und ihre Vertreter. Sonst sind Sie wirklich nichts andres, als Schleppenträger einer Gesellschaft, die mit Fusel und Fußtritten zugleich Traktätchen zur Rettung ihrer ewigen Seele an hungernde Eingeborene austeilt. Das muß ich schon von meinen Kritikern verlangen, wenn ich sie ernst nehmen soll: daß sie mir ein Beispiel geben in meinem Kampf, daß aus ihrer Kritik die Forderung an sich selbst erwächst. Wenn Kritik nur bedeutet, geschmäcklerisch die Reizungen der eignen Sinnes- und Seelenfäden festzustellen, wenn sie sich auf das Nirgendwo einer Kunst bezieht, zu feige oder zu schwach zu einer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, wenn sie die ›lieben alten Kriegsbilder‹ bespöttelt, statt an die nächsten zu denken und an die Möglichkeit, sie zu verhindern, wenn sie für mich keinen andern Maßstab besitzt, als für den Film vom ›Alten Fritz‹, dann ist diese Kritik nicht nur sachlich unernst, eine Salonplauderei, die mich einen Dreck angeht, sondern selber ein Stück dieser untergehenden hassenswerten Welt. Eine geistige Umwälzung war immer vom Entstehen neuer technischer Mittel begleitet. Soviel zur Technik. Die soziale Revolution mag sich ruhig des laufenden Bandes bedienen, wenn sie damit rascher zum Ziel kommt. Aber wenn die Seele‹ im Anmarsch ist, dann ist es meistens im Parademarsch.« – – Ich habe viel Respekt vor dem hellen Temperament Ihres Briefes, aber etwas nimmt ihm die Wirkung: Sie argumentieren nicht, Sie dekretieren. Glauben Sie mir, Herr Piscator, die ›Weltbühne‹ ist für Belagerungszustände kein fügsames Objekt ... Es ist richtig, daß wir Sie gegen die Bureaukratie der Volksbühne unterstützt haben, und Sie werden uns immer an Ihrer Seite finden, wo Mucker gegen Sie Alarm schlagen und den Polizeiknüppel rühren wollen. Das ist zu selbstverständlich, um erneut und immer wieder betont zu werden. Aber Begeisterung für Ihre Leistungen, Vorzugsbehandlung – nein, das können Sie nicht schlankweg dekretieren. Ich persönlich mache kein Hehl daraus, daß ich nicht an ein in Permanenz politisches Theater glaube. Ich glaube wohl, daß von einem Theater politische Wirkung ausgehen kann. Sie kann ausgehen von einem Stück, von einem Regisseur, ja, von einem einzigen Schauspieler. Aber ein Theater, das Abend für Abend ohne eigne Phantasiezugabe paukt, was in Zeitungen und Meetings auch gepaukt wird, das ist ein Theater ohne Fluidum, ohne Schwingung und Strahlung, ein Theater nicht zum Mitgerissenwerden, sondern zum Abgewöhnen. Mir scheint, die einzige Möglichkeit politisches Theater zu machen, haben Sie versäumt. Es gibt in Deutschland eine imaginäre Linke, die bei allen Kämpfen gegen Militarismus und Justiz in der Avantgarde gestanden hat, unorganisiert, freizügig, freiheitliebend, uneinig oft, aber einig in der Parteiverdrossenheit. Anstatt sich auf diese gute echte Revolutionstruppe zu stützen, verkoppelten Sie Ihre Sache mit der Partei der Revolutionsphrase, mit der KPD., mit der zerriebenen, zerrissenen Partei, die sich bisher am wenigsten tauglich gezeigt hat für Gemeinschaftsbildung, und von der die Massen ebenso schwinden wie die charaktervollen Wortführer. Die ›Weltbühne‹ ärgert Sie, weil sie nicht loben kann? Überlegen Sie: keiner der bedeutenden Theatermänner der letzten Jahrzehnte ist so mühelos durchgedrungen wie Sie, um keinen waren von vornan so stark die Sympathien meinungmachender Kritiker, kein Brahm oder Reinhardt begann so mit Vorschußlorbeeren umkränzt wie Sie. Ich habe in diesen Monaten ganz andre Kritiken in Händen gehabt als die von Arthur Eloesser und Harry Kahn. Ich habe in diesen Monaten gut zwei Dutzend Zuschriften junger Linksradikaler in Händen gehabt – erregte Verwahrungen, wehe Klagen, daß an Stelle des erhofften Revolutionstheaters ein Bourgeoistheater entstanden sei, ein Kurfürstendamm-Ereignis ohne Band mit der besten rebellischen Jugend. Haben Sie einem einzigen jungen Dichter ans Licht verholfen? Sie haben ein Stück von Toller gespielt, vor dem kein bürgerlicher Direktor zurückgezuckt wäre, dann, das Ärgste, den »Rasputin« eines schlechten russischen Konjunkturisten; schließlich den dramatisierten »Schwejk«, von dem Sie die großartige Blasphemie der Schlußszene einfach strichen. Waren es Bedenken vor der Zensur, waren es Erwägungen, ob die Steigerung ins Unwirkliche etwa der Doktrin zuwiderliefe? Ich weiß es nicht. Die »Weber«, das klassische Proletarierstück, ließen Sie Jeßner, den aufreizenden »Toboggan« des jungen Menzel wird ein sehr bürgerlicher Direktor wagen, Brechts englische Soldatenkomödie blieb der verspotteten Volksbühne. Ich glaube, Sie leiden nicht unter zu viel Anfeindung, sondern unter zu viel Lob. Befreien Sie sich von Ihren Korybanten. Die haben ein ganz entzückendes Rezept gefunden: bezweifelt man den politischen Sinn einer Aufführung, so wird tiefsinnig die ästhetische Bedeutsamkeit ausgespielt. Rührt man aber an diese, so heißt es nicht minder tiefsinnig: aber die Politik ist doch gut! Mit Verlaub, so was ist gar nicht proletarisch-revolutionär, sondern sehr glitschig-liberal. Ein Mann von Ihren Gaben, Ihrer Begeisterungskraft und Energie, hat es nicht nötig, in eine Lage zu kommen, auf die der alte Scherz paßt: »Es wird höflichst gebeten, auf den Herrn am Klavier nicht mit Messern zu werfen, er tut sein Bestes«. Hauen Sie die Bürger ruhig in die Pfanne, provozieren Sie Ihr Parkett, daß es heulend sein Geld zurückverlangt, aber lassen Sie das durch einen Dichter besorgen, nicht durch Maschinerie und Parteiphrase. Die Maschinerie wird als Sensation begrüßt, die Jesinnung sanft begrinst. Sie haben uns revolutionäre Taten versprochen und herausgekommen ist eine berliner Sehenswürdigkeit. Entkapitalisieren Sie Ihren Betrieb, ersetzen Sie die teuren Preise durch Kartenverlosung zu einem Einheitspreis, und Sie haben das geschaffen, was wir von Ihnen erhofften und weshalb wir Sie in Ihrem Kampf gegen die Volksbühne unterstützten: – das Volkstheater, das erste richtige Arbeitertheater. Aber ich weiß, daß ich hier an die Grenze des Möglichen gehe. Auch Ihr Theater ist den Gesetzen der kapitalistischen Welt unterworfen, die zu perhorreszieren und als die einzige Wirklichkeit von Heute zu entlarven, Sie als Ihre vornehmste programmatische Aufgabe empfinden und die, ich bedaure das sagen zu müssen, bisher in Betrieb und Geschäft Ihres Theaters deutlicher demonstriert worden sind als in dessen szenischer Leistung.

Die Weltbühne, 6. März 1928

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