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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 78
Quellenangabe
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typemisc
authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090811
projectid35a5c5a1
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Was hat Georges Blun geschrieben?

Mein Freund Lucius Schierling hat im vorigen Heft der ›Weltbühne‹ die Erregung über Herrn Bluns Silvesterartikel im ›Journal‹ abfällig glossiert. Dabei war für den optimistischen Lucius die Voraussetzung, daß der von den Entrüstern herangezogene Text auch richtig gewesen sei. Angeblich lautete der inkriminierte Satz: »Die Frauen, trotz der Kälte leicht gekleidet, brüllten Zoten laut heraus und machten den Männern die freimütigsten Angebote.« In Wirklichkeit stand im ›Journal‹: »Die trotz der recht grimmigen Kälte kurz und leicht gekleideten Frauen lachten zu den etwas plumpen Anzüglichkeiten und zu den bewußt dreisten Witzen der Männer, die scharf hinter ihnen her waren. Und da nun in Deutschland in jener Nacht, die den Anbruch des neuen Jahres bedeutet, eine weitgehende Toleranz üblich ist, konnte man häufig Leute antreffen, die sich zwar nie im Leben gesehen hatten, aber noch und noch küßten, ohne daß irgend jemand daran Anstoß nahm.« Das ist immerhin ein Unterschied. Wichtiger als die Textkritik scheint mir trotzdem zu sein, daß man sofort gegen Herrn Bluns Vorstandsamt im Verein der Auslandsjournalisten getrommelt hat, vom Verein seine Absägung gefordert hat. Das hätte nicht sein dürfen. Was der Journalist in Ausübung seines Berufes für sein Blatt schreibt, geht eine in Gesinnungsdingen neutrale Berufsorganisation nichts an. Ob seine Artikel richtig oder falsch sind, nützlich oder schädlich wirken, geht seinen Verein nichts an und deswegen kann er nicht diszipliniert werden. Und in was für eine krumme Situation kämen erst die Vertreter fremder Blätter, ob sie nun in Berlin, Paris, Moskau oder Timbuktu sitzen! Sie wären ständig unter Zensur, sie wären gezwungen, »günstig« zu schreiben, weil sie sonst nicht gelitten würden. Welch tolle Konsequenz! Wie viele Zeitungen aller Zungen bringen nicht seit hundert Jahren schaurige Schilderungen über das »Sündenbabel Paris«? Die Offensive gegen Herrn Blun war patriotisch, aber sehr unklug.

Die Weltbühne, 17. Januar 1928

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