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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 77
Quellenangabe
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typemisc
authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090811
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Weingärtner & Co.

Die hübsche kleine Villa steht in der dahlemer Parkstraße, nicht weit vom Roseneck. Sie ist in jenem biedern Landhausstil gebaut, den die neue Architektur verdammt, und den wir aus den Fünfstockhäusern unbeirrt für das erträumte Zuhause halten. Dort im Grünen wohnten Weingärtner & Co., dort produzierten und verhandelten sie ihre Ware. Herr Weingärtner selbst, in guten Zeiten Generalkonsul von Montenegro geworden, war ein seit Jahren nicht mehr glücklich agierender Kaufmann; Stammer, der Sozius und Verwandte, auch ein Mann, der viel versucht hatte, als Amateur der Chemie geschickt und wagemutig, nebenbei vom Erfindertic besessen. Dort im Keller wurden offiziell Cosmetica, Gesundheitstees und Lebenselixiere hergestellt, daneben auch ganz andre Dinge. Und das waren zuletzt wohl die einzigen, die was brachten.

Am Sonntag, den 8. Januar, zur Stunde des Morgenkaffees, gab es plötzlich eine gewaltige Detonation, und die Hälfte des gemütlichen Zuhause nebst einer kleinen Garage flog in die Luft. Nachher fand man Stammer und sein Hausmädchen scheußlich deformiert unter den Trümmern. Der Herr Generalkonsul aber schrie durch den Garten: »O Gott, hat er denn wieder experimentiert!« Ja, er hatte wieder experimentiert, aber nicht mit einem Absud für Zahnpasta oder Laxiertee, sondern mit dem, was die Firma nährte.

Das freundliche Haus am Grunewald verbarg Niedergang. Zum 15. Januar sollte ein Teil der Wohnung vermietet werden. Ein bürgerliches Drama von Größe und Niedergang, eine Episode aus jenem vagen Grenzland des Kapitalismus, wo es keine langsamen Übergänge mehr gibt, sondern jeder Schritt den Absturz bringen kann. Die Dramatiker der naturalistischen Zeit haben mit Vorliebe das geschminkte Grau solcher Milieus geschildert. Es gab da immer einen Gerichtstag, den Tag, wo die Masken fallen, die morschen Träger der Gesellschaft zusammenbrechen, und der still angesammelte Zündstoff Wohlstand und Reputation in die Luft sprengt. Zum Schluß verzehrt ein Feuerbrand das falsche Glück, arm, aber geläutert sitzen die Mitwirkenden am Wegrand und reden von der bessern Zukunft. Katharsis, die Reinigung.

Hier überlebte die Lüge die Katastrophe. Schreiend rennt der Herr Generalkonsul durch den Garten, so, daß recht viele ihn hören: »O Gott, hat er denn wieder experimentiert!« Das Stichwort ist gefallen, der lange präparierte Text muß heraus. Nein, er wußte nicht, daß Explosivstoff im Hause war. Die zwei Familien wissen es auch nicht. Auch die Dienstboten nicht, die man auf der Bahre davonträgt. Das ist schrecklich: das Theater ist abgebrannt, aber die Leute spielen draußen ihre Rollen immer weiter. Jahrelang war dies Haus ein Pulvermagazin, und davon hat es gelebt. Oben: »Aber bitte, Herr Generaldirektor ...« – »Wie meinten gnädige Frau ...?« Unten hantierte Stammer derweilen mit Ekrasit.

Man möchte doch wissen, wie alle die Leute nachts geschlafen haben.

Die Weltbühne, 17. Januar 1928

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