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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 67
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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746

Großwardein

Über Clausenburg, über Großwardein und andern Städten Neurumäniens wehte wieder einmal die gelbe Pogromfahne. Zuerst schwindelten die amtlichen Bulletins etwas von einer Kundgebung für den König und die Regentschaft. Das war zu komisch, um auch nur für Minuten Glauben zu finden. Dann gestanden sie einzelne »Ausschreitungen« zu, und jetzt sind sogar ein paar Verhaftungen vorgenommen worden. Die oppositionellen Blätter aber beginnen auszupacken, daß die von den vaterländischen Studenten heimgesuchten Städte einem Schlachtfeld glichen und der angerichtete Sachschaden sich auf eine Million Lei belaufe. So haben die jungen walachisch-völkischen Scholaren gewütet, deren Bestimmung ist, für das nächste Menschenalter rumänischer Geschichte die Richter und Advokaten, die Administratoren und Politiker, die Professoren und wissenschaftlichen Forscher, die Spezialärzte und Schöngeister zu stellen. Wieviel Menschen abgeschlachtet, wieviele verstümmelt und geschändet wurden, wird wohl niemals bekannt werden.

Im bukarester Parlament und in einigen wagemutigen Zeitungen ist mit großer Offenheit herausgesagt worden, daß die Metzelei in Großwardein von Mitgliedern der gegenwärtigen Regierung angestiftet worden sei, um der bösen innenpolitischen Hochspannung eine dem Kabinett ungefährliche Auslösung zu verschaffen. Denn Rumänien ist kostbarer alter Pogromboden, und der Regierung des zweiten Bratianu, eingeklemmt zwischen den Anhängern des verjagten Kronprinzen und der mächtig aufstrebenden Bauernpartei, geht es in der Tat herzlich schlecht. Wir möchten zur Ehre der Menschheit annehmen, daß diese Behauptung nicht stimmt, sondern daß die Minister Bratianus des Zweiten selbst nur die Opfer der während der langen Tyrannis Bratianus des Ersten geschaffenen amtlichen Apparatur sind, die in Bestialität und Betrug jeder Art allerdings ein System ausgebildet hat, das jede europäische Konkurrenz schlägt.

Mit Korruption und Schrecken hat der ältere Bratianu regiert; sein Werkzeug war die Siguranza, die gefürchtete politische Polizei. Es gab schließlich keine sozialistische oder kommunistische Partei mehr, es gab keine Opposition mehr, kein öffentliches Leben – es gab nur die Siguranza und das Standgericht. In diesem Land hat seit 1918 der Ausnahmezustand niemals wirklich aufgehört, und er lastet vor allem auf den nationalen Minoritäten.

Aus den Nationalitätenkämpfen hat sich der Fall des Doktors Boris Stepanow entwickelt, der schon wiederholt die westeuropäische Presse beschäftigt hat. Boris Stepanow ist Bulgare, er stammt aus jenem Stück Land an der Donau, das am Ende des Balkankrieges Bulgarien entrissen wurde. Dieser Zwangsrumäne ist in Wort und Schrift für die Autonomie der eroberten Gebiete im Rahmen des großrumänischen Staates eingetreten. Er zählt zur kommunistischen Partei, was nicht allzu viel besagt, da er aus einem Ackerbaudistrikt stammt und ein Vertreter jenes primitiven Agrarsozialismus ist, der in allen Balkanländern zu Haus ist und wohl auch als ihr eigenster politischer Willensausdruck gelten kann. Er wurde des Hochverrats, der verbrecherischen Verbindung mit Moskau bezichtigt und verhaftet; man wollte, da er Abgeordneter ist, sein Mandat kassieren, und da das nicht gelang, löste man endlich seine Partei auf. Jetzt erträgt er seit anderthalb Jahren rumänische Inquisition, oft schrecklichen Folterungen ausgesetzt. In einem an die Außenwelt gelangten Bericht hat er die Methoden der Siguranza geschildert. Man hat ihm die Handgelenke mit Eisenklammern zusammengeschraubt und dann mit Gummiknüppeln auf ihn eingeschlagen, bis er in Ohnmacht fiel. Der Gefängnisarzt, anstatt die mißhandelten Hände zu verbinden, ließ sie mit dicken Stricken fesseln, die tief ins Fleisch schnitten. So vorbereitet, wartet der Angeklagte Stepanow auf seine Richter. Siebenmal war die Verhandlung vor dem Kriegsgericht schon angesetzt und immer verschoben worden. In den nächsten Tagen soll sie endgültig beginnen.

Wird man die Verurteilung wagen? Die Affäre Stepanow hat in Westeuropa Sensation gemacht; namentlich die pariser Linksblätter haben ihr ergreifende Schilderungen und erregte Proteste gewidmet. So ist es immer: es müssen viele, viele grausam sterben, ehe ein verruchtes System erkannt wird. Wer fragt nach den 15 000 hingeschlachteten Bessarabiern? Aller Widerstand klammert sich schließlich an einen Namen. Boris Stepanow ist kein Hochverräter, seine Arbeit war immer legal. Er ist kein Aufrührer, seine Propaganda galt den nationalen Minoritäten, für deren politische und kulturelle Gleichstellung hat er gekämpft. Seine Verurteilung nach fast zwei Jahren namenloser Torturen würde eine spontane Empörung des Rechtsgefühls hervorrufen und Rumänien mit einer Zone von Abscheu und kalter Verachtung umgeben. Der alte Bratianu in der Fülle seiner Macht konnte dergleichen wagen. Daß selbst er es endlich nicht mehr wagen konnte, beweist seine erste und letzte große Niederlage acht Tage vor seinem plötzlichen Tode: der Freispruch von Manoilescu, Carols Vertrautem. Selbst ein Bratianu konnte seine Kreaturen im Kriegsgericht nicht mehr lenken.

Die rumänische Diktatur krachte in allen Fugen. Ihre einzige Leistung war die Verschleierung der wirklichen Zustände. Seit dem jüngsten Pogrom ist auch der letzte Zweifel gelöst, wie es um Rumänien steht, wie es seit Jahren dort ausgesehen hat. Die Mauer von Lüge und diplomatischer Höflichkeit, die Rumänien dem kritischen Blick verborgen hat, ist nicht mehr. Die Trümmer von Großwardein machen die Aussicht frei über ein gräßliches Leichenfeld. Alles was von jetzt an dort geschieht, steht unter schärfster Observation. Der Prozeß Boris Stepanow wird die erste Probe sein, ob Bratianus Erben, erschreckt durch das Echo der Pogrome, den Rückweg zur Gesetzlichkeit suchen werden, oder ob sie den alten Blutpfad weitergehen wollen, bis plötzlich ein riesiger schwarzer Schlund sich auftun wird ...

Die Weltbühne, 13. Dezember 1927

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