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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 66
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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745

Russischer Friede

Der Hohn, mit dem der russische Abrüstungsvorschlag in Genf überschüttet wird, trübt die Erinnerung daran, daß der Bolschewismus Rußland als erste Großmacht aus dem Weltkrieg gezogen hat. Während die Diplomaten vergebens Verbindungen zu knüpfen suchten, die Sozialdemokraten in Stockholm aller Welt ihre Ohnmacht offenbarten, brachen Lenin und Trotzki den Krieg einfach ab. Die erste Leistung des Bolschewismus war eine pazifistische, und erst in den Bürgerkriegen wurde sein Name so furchtbar. Die Bolschewiken, die jetzt vor zehn Jahren in Brest-Litowsk als Unterhändler erschienen, waren noch gläubig wie Kurt Eisner, als er an Clemenceau appellierte.

Es ist allzu billig zu sagen, Moskau habe nur bluffen wollen, Litwinow habe das radikale Entwaffnungsprogramm nur entwickeln können, weil er vor einer ernsten Zustimmung, geschweige denn Annahme sicher war. Gut. Aber Pazifismus, verehrte Locarnisten, bedeutet doch Abrüstung. Die von Rußland proponierte gründliche Entwaffnung – Entwaffnung bis zur Schleifung von Festungswerken – das nennt man gemeinhin doch Pazifismus, also das, was ihr zu treiben vorgebt. Forderte nicht der brillante pariser Rhetor unter allgemeinem Jubel auf, die Geschützrohre zu zerschlagen?

Doch die genfer Tafelrunde hörte Litwinow halb belustigt, halb erbittert zu. Der englische Herr, Lord Robert Cecils Nachfolger, drohte sogar Zustände zu bekommen, und dieser hochkarätige Friedensengel selbst erklärte sofort in der Zeitung, die Russen hätten sich nur einen schlechten Witz erlaubt.

 

Der Marschall Pilsudski gehört zur Kategorie der Retter. Das erklärt seine phänomenale Beliebtheit, seine nicht zu werfende innenpolitische Position. Ein hochgewachsener Mann von bester Haltung; festes, knochiges Gesicht; buschig Schnurrbart und Brauen; der Blick verrät Willenskraft und Güte, aber auch sehr viel Trotz. Der richtige Abgott für eine Rasse, die leicht dem Zauber pittoresker Männlichkeit verfällt und selbst an ihren Retter dekorative Anforderungen stellt. Als grüner Gymnasiast hat er Eisenbahnen in die Luft gesprengt, dann ein paar Jahrzehnte als conspirierender Emigrant in den Hauptstädten Europas verbracht, sehnsüchtig der Stunde harrend, wo krachende Ekrasitpatronen wieder etwas Leben ins ewige Einerlei brächten, bis er 1914 seine historische Rolle als Freikorpsführer begann. Ein Kampfhahn, ein Haudegen, immer ein grader, aufrechter Kerl, aber wo er die Politik berührt, explodiert er in romantischem Ausbruch. Auch dies Mal ist die Explosion trefflich gelungen. Und eigentlich ist das gut, denn erst Pilsudskis Drohungen an Litauen, seine Drohungen, sich im Falle ungünstiger Entscheidung dem Völkerbund nicht zu fügen, haben die Gefahren des polnisch-litauischen Konfliktes recht deutlich gemacht. Daß er sich dabei zu der Behauptung verstieg, Herr Woldemaras, sein Gegner, wäre geisteskrank, ist mehr als eine temperamentvolle Verirrung, ist auch bei diesem ungestümen Mann eine schwer verzeihliche Disziplinlosigkeit. Lassen wir Herrn Woldemaras aus dem Spiel, auch Pilsudski zeigt sich wenig vernünftig. Schließlich präsidiert er nicht mehr einer bunten Gruppe von Emigranten, sondern einem Staat, der eigentlich größere Sorgen haben sollte, als solche der territorialen Arrondierung. Vielleicht hält es Pilsudski, eingedenk seiner revolutionären Vergangenheit, auch für seine Pflicht, Litauen von seinem Tyrannen zu befreien und zu seiner demokratischen Konstitution zurückzuführen. Ein Mussolini schilt den andern Diktator.

Daß wegen des polnisch-litauischen Konfliktes alarmiert wurde, war richtig. Weniger, daß der Alarm grade von Berlin ausging und grade während der Anwesenheit Litwinows und grade so, als handle es sich hier gleichsam um ein gemeinsames Communiqué. Als dadurch verleitet Herr Woldemaras Berlin zustrebte, um den Kollegen Stresemann gleichfalls zu umarmen, sprang dieser schleunigst in den Zug nach Nürnberg.

 

Herr Seldte, der Stahlhelmchef, hat die Deutsche Volkspartei verlassen, und die Linkspresse widmet dem hoffnungsfrohe Betrachtungen. Dabei werden leider die frühern Beziehungen Seldtes zu Stresemann außer Acht gelassen. Denn Herr Seldte ist es gewesen, der Stresemann im Herbst 1923 zwei Mal die Diktatur angeboten hat, und mit Seldte hat Stresemann 1925 jenes denkwürdige Abkommen getroffen, das ihm gestattete, nach Locarno zu gehen, ohne von den nationalen Verbänden zerschmettert zu werden. Seldte verlangte als Gegenleistung allerdings ein innigeres Zusammenarbeiten zwischen Stahlhelm und Wehrmacht. So ist der in jeder Beziehung mitteldeutsche Likörfabrikant zum Paten des Friedenspaktes geworden; zugleich aber beschließt das Abkommen die schwarze Epoche der Reichswehr. Der offene Kampf um die Aufrüstung beginnt. Dabei wird eine scharfe Grenze gegen den Pazifismus gezogen, der die Stimmung für Locarno doch vorbereitet hat; eine neue Ära von Landesverratsprozessen setzt ein. Das Gesicht der deutschen Politik verschwimmt: in Genf Abrüstung, zu Haus Geßler. Herrn Seldtes Abmarsch, frohlocken Linksblätter, befreie Stresemann von unerwünschten Bindungen. Aber Seldtes Abmarsch befreit die Deutsche Volkspartei auch von vielen Wählerstimmen. Stresemann wird sich hüten, den Völkerbundgeist grade jetzt in vollen Schalen auszugießen. In der innern Politik dreht es sich nicht um den Geist von Genf, sondern um die Seele von Zwickau.

 

In die verfahrenen, verheuchelten Abrüstungsdebatten hat die russische Radikalforderung einen neuen Klang gebracht. Gewiß, es war nur ein diplomatischer Akt, gewiß waren die Russen von vornherein ohne Zweifel über den Effekt. Ihr Ziel war einfach, sich friedensgewillt zu zeigen, und wenn sie auch hier, wie vor zehn Jahren sich »An Alle« wandten, so war es doch im besondern eine ernste Ansprache an England.

Die lustige Laune der Herren Diplomaten über den »schlechten Witz« kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die englische Regierung bei ihrer elenden Lage dringend einen Erfolg braucht und den Konflikt mit Rußland gern liquidieren möchte, denn die City spürt heute nichts mehr von dem frohen Enthusiasmus des Tages, an dem Sir Austen Chamberlain Scotland Yard die Außenpolitik übertrug.

Die Weltbühne, 6. Dezember 1927

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