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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 61
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wahlkreis Europa

Es ist heute überall eine ähnliche Stimmung, wie im Winter 1923/ 24. Wieder hat sich ein System stumpf gelaufen, und ein neues ist noch nicht da. Deshalb Enttäuschung überall; Kompromisse; Ritardando statt Fortschreiten. In summa: Reaktion.

Im Jahre 1928 wird in einigen von den hauptsächlichen Ländern Europas gewählt werden, und wie 1924 werden diese Wahlen für ein paar Jahre entscheidend sein. Im Grunde wird Europa in diesem Winter über alle Grenzen hinaus ein einziger Wahlkreis sein, um den gekämpft wird, und so viele Zählkandidaturen auch aufgestellt werden – es wird im Ernst nur zwei große Bewerber geben: Krieg und Frieden.

In England hat sich die Arbeiterpartei wieder gefestet. Ihre Chancen sind bedeutend. Aber so erschüttert das Ansehen des gegenwärtigen Torykabinetts auch sein mag, der Vorsprung der Konservativen ist gewaltig, und dies Mal werden sie alles hinter sich bekommen, was imperialistisch und sozialreaktionär ist. Gar nicht zu reden von den Legionen kleiner Angstbürger, denen die Bolschewikenfurcht in den Gedärmen wühlt. Die Liberalen werden, günstigstenfalls, den Tories eine Reihe von Wahlkreisen abnehmen, aber niemals wieder ersten Rang erobern. Denkbar wäre allerdings eine Regierungskoalition zwischen Labour und Liberalen – denkbar, doch kaum wünschenswert. Denn die Arbeiterschaft ist radikalisiert, und diese Radikalisierung trägt die Partei und ist die Voraussetzung aller ihrer Erfolge. Koalition aber bedeutet Verzicht und abermals Verzicht. Und Resignation als höchste Pflicht läßt sich wohl gedrillten Funktionären einhämmern, aber nicht Proletariermassen, die sich hoffend durch alle Qualen von Streiks und Arbeitslosigkeit geschleppt haben. Koalition wäre neue Enttäuschung, schneller Absturz nach schnellem Sieg – im Endeffekt: Spaltung. Das sei in aller Freundlichkeit unsern Demokraten gesagt, die sich so emsiglich abmühen, den Engländern vorzurechnen, was für ein gutes Geschäft die Koalition sei. Überhaupt scheinen sich unsre Demokraten, seit sie im eignen Haus nichts mehr zu verrichten haben, wenigstens die Generalkontrolle über alle innenpolitischen Koalitionen auf Gottes weiter Erde gesichert zu haben. Man verleide ihnen das Vergnügen nicht; allerdings müßten sie der Vollständigkeit halber auch hinzufügen, wohin sie die berühmte Politik der Mitte gebracht hat und was aus der deutschen Republik dabei geworden ist.

Auch Frankreich leidet augenblicklich schwer unter der Nervosität unausgetragener Gegnerschaften. Das gegenwärtige System hat alle Register gezogen und vergebens gezogen und flüchtet sich deshalb in völlige Systemlosigkeit.

Und dennoch kommt plötzlich ein helles Signal von drüben. Auf dem Jahreskongreß der Radikalen wirft ein unerwarteter Coup der Jüngern Deputierten die alten, in Sieg und Niederlage gleich bewährten Führer übern Haufen. Bittere Vorwürfe werden laut gegen Die, die den glorreichen Maisieg von 1924 haben versanden lassen, die schließlich als hilflose Wracks bei Poincaré gestrandet sind, die auf einer Ministerbank sitzen mit Herrn André Tardieu, dem Odiosesten der Rechten, dessen Korruptionsskandale die Pamphletisten der Linken im letzten Wahlkampf mit blutiger Genugtuung immer wieder aufzählten. Die Radikale Partei schien, von Außen besehen, teils verkümmert, teils verkommen zu sein. Und plötzlich regen sich die Jungen, halten Gericht über ihre Parteimarschälle und schieben sie einfach in die Ecke. Sie reißen die Führung an sich; Männer treten in die erste Reihe, deren Namen bisher nur lokale Bedeutung hatten. An Stelle von Maurice Sarraut wird Daladier zum Parteichef gewählt – Daladier, der in der Kammer das Haupt einer Gruppe von Grollenden war, die gegen den Willen der Fraktionsleitung schon seit Monaten demonstrativ mit den Sozialisten gestimmt hat und gegen das Mischmaschkabinett. Vergebens interpelliert (leider, leider) Herriot, auf Wunsch Poincarés; die Opponenten lassen sich nicht einschüchtern und setzen ihren Willen durch gegen die Arrivierten und die Celebritäten.

Es ist aufs herzlichste zu begrüßen, daß sich die Radikalen dieser Radikalkur unterzogen haben. Denn sie sind die Vertreter der letzten Bourgeoisie, die sich noch freiheitliche Traditionen bewahrt hat. Vieles davon ist gewiß papieren raschelnde Deklamation geworden, aber vieles wurzelt dennoch im echten Gefühl. Frankreich ist weder das mächtigste noch modernste Land Europas, aber es war immer das Schicksalsland unsres Kontinents, und es zeigte stets am deutlichsten den Pegelstand der europäischen Freiheit an. Reaktion in Frankreich, das bedeutete stets Dumpfheit und Verzagen überall. Aber wenn in Paris wieder die Carmagnole gepfiffen wurde, dann pfiff die ganze Welt mit, und es war plötzlich wieder heller.

Möglich, daß in absehbarer Zeit Moskau, das die jüngern Formeln hat, die von 1917, während Paris noch von 1789 zehrt, Frankreich in dieser Rolle ablösen wird. Aber noch steckt Rotrußland allzu sehr im nackten Existenzkampf, was zu wenig wählerischen Mitteln und gelegentlich zu seltsamen Schlafkameradschaften zwingt, als daß es schon jetzt die Patenschaft über die europäische Freiheit mit guter Figur übernehmen könnte ...

Auf diesem so bedeutsamen Kongreß der Radikalen gastierten auch ein paar deutsche Delegierte. Die hatte die Demokratische Partei entsandt, welche jetzt überall Schwesterparteien entdeckt. Hoffentlich haben die Herren dort gut zugehört, denn es gab gewiß viel zu lernen. Aber ich halte jede Wette: wenn man die Herren nach ihren Eindrücken befragt, so werden sie gewissenhaft berichten, wer drüben bei den Radikalen für eine Rückgabe der deutschen Kolonien oder wer gegen eine deutsche Aufrüstung gesprochen hat; denn nach solchen Maßstäben geschieht noch immer die Einteilung in antideutsch und prodeutsch – wenig hat sich da seit zehn Jahren geändert. Aber das Mirakel dieses Kongresses: die Verjüngung einer Partei durch einen jähen Vorstoß unverbrauchter und unkompromittierter Intelligenzen, das werden sie kaum beachtet, geschweige denn begriffen haben. Die Verjüngung durch einen von unten, von den kleinen Leuten einer Partei aufsteigenden Willen, das ist das Wunder dieser Tagung, und das ist bei unsern republikanischen Größen die böseste, die ausrottenswerteste Ketzerei.

Die Weltbühne, 8. November 1927

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