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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 60
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Rettungen

Herr Justizrat Claß hat gute Beziehungen höhern Orts; genauer: – auch nach Doorn. Herr Claß hat gute Beziehungen überall; es gibt kaum eine Koryphäe des alten Regimes, die mit Herrn Claß nicht in Briefwechsel gestanden hätte. Dieser tüchtige alte Berufspatriot ruhte selbst dann nicht, als nach dem Niederbruch Ludendorffs und Hitlers die Putschkonjunktur ein für alle Mal erloschen schien. Er machte seine Studien über Diktaturen, stand mit Freunden im regen Verkehr deswegen – Herr Hugenberg, der Schloßherr von Roebraken, könnte darüber Auskunft geben –, bestimmte Verbände sorgten für entsprechende Rekrutierung der Reichswehr ... Im Mai vorigen Jahres deckte die preußische Polizei die Verschwörung auf. Ein paar großindustrielle Schreibtische wurden zwangsweise geöffnet. Die Mitglieder von Claßens erstem Diktaturkabinett wurden bekannt, die Beziehungen der Militärs zu rechtsradikalen Verbänden bloßgelegt. Jetzt erfahren wir, daß das Reichsgericht das daraufhin gegen Herrn Claß eröffnete Verfahren eingestellt habe – aus Mangel an Beweisen. Das diffizilste der Gerichte hat die Diktaturpläne, durch die ein gewisser Neumann aus Lübeck zum deutschen Vereinsvorstand erhoben werden sollte, als harmlose private Studien bewertet. Es hat sich nicht bemüht, die Tätigkeit des Herrn Claß seit 1920 näher zu untersuchen: nicht seine Beziehungen zur münchner Novemberrevolte, nicht seine klägliche Rolle im Thormann-Grandel-Prozeß, wo er unter der Wucht unbequemer Fragen käseweiß und schlotternd dastand, nach Atem ringend, Ausflüchte suchend – ein lange verborgener Conspirator, auf den plötzlich entlarvendes Tageslicht fiel. Herr Claß wäre verloren gewesen, wenn er nicht einen galanten Richter gefunden hätte, der im Augenblick höchster Seenot zu fragen aufhörte. Wenn sie es mit dem Genre Claß zu tun haben, sind unsre Gerichtshöfe so nachsichtig wie eine pariser Jury, wenn eine schöne Frau um ihren Kopf spielt.

Aus Mangel an Beweisen also. Außerdem meint das Reichsgericht: da der Artikel 48 der Verfassung ja Ausnahmemaßregeln zulasse, so habe sich Herr Claß bei seinen Diktaturprojekten ganz im gesetzmäßigen Rahmen gehalten. Das Reichsgericht übersieht, daß die Ausführung selbst dieses gemeingefährlichen Artikels an bestimmte Amtspersonen gebunden ist und daß die Errichtung der politischen Diktatur nicht die Sache eines Privatmannes ist, dessen Beziehungen es zudem erlaubten, in die Wehrmacht die seinen Plänen ergebenen Leute hineinzustopfen. Wahrscheinlich hat noch nie ein Obergericht eine Entscheidung gefällt, die so offensichtlich Umsturzbestrebungen entschuldigt. Wenn die republikanische Verfassung so weitherzig ausgelegt wird, dann läßt sich in den fatalen Artikel 48 auch ganz gemütlich die Monarchie einbauen. Hier hat das Reichsgericht gradezu ein Schnittmuster für den Krönungsmantel Wilhelms des Nächsten geliefert.

 

Jahrelang haben unsre lieben Demokraten sich gegen alles gesperrt, was auch nur entfernt nach Völkerverständigung aussah. Sie haben gegen Genf gewettert, und ihre pazifistischen und völkerbundfreundlichen Mitglieder entweder hinausgedrängt oder in die Armesünderecke verwiesen. Inzwischen ist die Partei sehr mager geworden, und mit dem Fett schwanden auch die sündigen Gelüste. Und da sie nicht mehr kunnten so von wegen hohen Alters, schrieb seine Sprüche Salomon und David seine Psalters. Anschlußsuchend, völkerversöhnend, menschenverbrüdernd schaukeln die schönen Reste der Partei in sanfter Promiscuität durch eine meistens ablehnende Gegenwart. Drüben in England geht es den Liberalen auch nicht viel besser. Deshalb haben sie sich gefunden und machen für einander Reklame. Vor ein paar Monaten haben sie sogar eine gemeinsame Sonntagsschule abgehalten, und jetzt mag man einen Preis ausschreiben, ob das eine Erfindung unsrer stets pädagogisch beflissnen Heußdemokraten war oder eine der bibelfesten englischen Methodistenprediger. Wer das vor ein paar Jahren vorausgesagt hätte! Mindestens die Demopartei hätte ihn im Gleitflug hinunterbefördert.

Das wäre gewiß nicht sehr aufregend, wenn nicht die Macht einer einflußreichen Presse dahinterstünde. So haben unsre demokratischen Blätter einen neuen Fetisch entdeckt und der immer illusionshungrigen Öffentlichkeit mit weihevoller Begleitmusik serviert. Die große Hoffnung der deutschen Demokratie heißt Lloyd George – das ist der Mann, der Europa wieder in Ordnung bringen soll, und der Herr Chefredakteur des ›Berliner Tageblattes‹ hat sich selbst aufgemacht, um das Weltwunder zu interviewen. An und für sich wäre die Neugier durchaus verständlich, den Mann zu sehen und zu hören, der der Hauptschuldige an den Friedensverträgen von 1919 ist, der verantwortlich ist für jene Grenzziehungen, die Europa noch heute in Unruhe halten. T.W. schildert den alten Herrn über fünf Spalten: seine Ansichten, seinen netten Landsitz, seine Kritik des Versailler Vertrags, seine Familie, seinen Eßtisch mit der Mahagoniplatte ohne Decke, kurz, den großen Lloyd George und alles, was dazu gehört – er schildert das mit der bekannten erlesenen Wortkunst und einem bei ihm sonst unbekannten Mangel an Geschmack. So ganz mit der okkupierenden Geste des situationsbewußten Pressevertreters, der die Weltgeschichte vertraulich um die Taille faßt und zum Besitzstück seiner Firma erklärt.

Was soll das? Der alte Lloyd George hat seine großen Verdienste als Sozialpolitiker, als Bodenreformer, als furchtloser Verfechter kapitalbelastender Budgets. Da hätte der deutsche Liberalismus von ihm lernen können. Der Außenpolitiker Lloyd George, der Mann mit den diktatorischen Vollmachten, ist ein einziges europäisches Unglück gewesen. Er hat den alten Asquith gestürzt, nicht um schneller zum Frieden zu kommen, sondern um den Krieg desto vehementer zu führen. Er hat in den ersten Wahlen nach dem Waffenstillstand, in den berüchtigten Khakiwahlen, eine Schlammflut von Nationalismus über England gebracht, die heute noch nicht so beseitigt ist, wie es die deutschen Anglophilen wahrhaben wollen. Er hat jenes blutige Abenteuer inszeniert, den griechisch-türkischen Krieg, der in den Flammen von Smyrna endete, hat die weißen Generale, die Denikin und Wrangel auf Rußland losgelassen. Heute gibt er dem deutschen Besucher wertvolle Winke, wie der Friedensvertrag am besten zu revidieren wäre, der Vertrag, den er selbst gemacht, den er gegen Wilson, gegen alle Verständigen im eignen Lande durchgedrückt. Das ist der neue europäische Schutzgott der deutschen Demokraten! Gewiß, er ignoriert mit der Sicherheit des ganz großen Demagogen die eigne Vergangenheit, aber schon jetzt, wo sein Stern wieder schüchtern zu blinken beginnt, findet er sich zur Verteidigung des blutigen Horthy mit Rothermere, dem Verbündeten von einst. Wir gönnen dem alten Löwen den reizenden Landsitz, gönnen ihm alles, was T.W. als hingerissner Rhapsode dem deutschen Publikum mitteilt: den angenehm gewärmten, mit breiter Behaglichkeit eingerichteten Salon, den Eßtisch, dessen Mahagoniplatte kein Tuch verdeckt, die klug lächelnde Tochter, die schöne Schwiegertochter – alles, alles. Denn er hat viel für Englands Demokratie getan. Aber gegen den Außenpolitiker zeugen seine eignen Werke. An dem ist nichts mehr zu retten.

Die Weltbühne, 1. November 1927

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