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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 56
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die große Verwirrung

Gesetzt den Fall, es käme jetzt um den serbisch-bulgarischen Streit zum Kriege, welcher von den beiden Staaten wäre dann wohl der Angreifer? Makedonische Patrioten haben einen jugoslawischen General ermordet, das ist wahr, aber es ist ebenso wahr, daß in Serbo-Makedonien ein tolles Säbelregiment herrscht, das den Eingesessenen Bürgerrecht und Sprache raubt. Das fordert die Empörung Bulgariens heraus, das seinerzeit zwischen 1912-18 viel Unrecht getan hat, dem dafür bei den Friedensschlüssen zur Sühne viel Unrecht widerfahren und das seitdem verbissen der Stunde harrt, wo es alles erlittene Unrecht verdreifacht heimzahlen kann. Gesetzt, es käme jetzt zum Abbruch der diplomatischen und zur Eröffnung der militärischen Beziehungen, die gelernten Völkerbundjuristen mögen sich den Kopf zerbrechen, welcher von den beiden Staaten der ruchlose Angreifer, welcher der mitten im tiefsten Frieden Überfallene ist, dem nichts übrig bleibt, als seufzend die Kanone zu ziehen.

Weiter. Dem Hörensagen nach gibt es zwei rote sozialistische Internationalen und außerdem einen weltumspannenden Gewerkschaftsring. Alle drei sollen sich wiederholt zu bestimmten Maßnahmen bei Kriegsgefahr verpflichtet haben. Wo sind die Parolen, die die Geister straffen und aus Millionen von müden, am Alltag zerwetzten Arbeitssklaven eine lebende Mauer gegen den Krieg formen? Wo bleibt der Generalappell für die Arbeiter der Waffen- und Munitionsfabriken, der chemischen Industrien aller Welt? Glaubt man wirklich, ein Balkankonflikt ließe sich so leicht lokalisieren?

Doch man kann gewiß sein: sind erst ein paar Städte von fliegenden Kammerjägern ausgeschwefelt worden, dann wird man sich auch in Amsterdam oder Zürich in einem Konferenzsaal finden, um vorbereitende Maßnahmen zur Vorbeugung von Wiederholungen so peinlicher Zwischenfälle unverbindlich zu bereden.

 

Auch Litauen ist ein verwundetes, beleidigtes Land. Vor sieben Jahren hat ihm Polen seine große Stadt Wilna gestohlen. Das kann Litauen nicht verschmerzen, und, um den gepreßten Gefühlen Motion zu verschaffen, quält die herrschende Klasse von Großgrundbesitzern einstweilen die eignen nationalen Minoritäten und verhängt über die eignen Landeskinder eine ebenso alberne wie harte militärische Diktatur. Besonders das Memelland hat nichts zu lachen, denn hier wird so etwas wie eine Arrangierprobe zur Behandlung künftiger Eroberungen zelebriert. Vor einer Woche war Ministerpräsident Woldemaras in Berlin, man tauschte Versprechungen aus, und alles schien in Butter. Doch kaum war Herr Woldemaras wieder in Kowno, da scherte er sich einen blauen Teufel darum, und die Malträtierungen der Deutschen gingen weiter. Jetzt speit die nationale Presse Feuer und macht dem Auswärtigen Amt Vorwürfe, ein Ehrenwort von Woldemaras ernstgenommen zu haben. Das hätte man auch vorher wissen können. Aber ist es wirklich so schwierig, grade mit Litauen zu einem stichfesten Kontrakt zu gelangen? Herr Smetona, der Staatslenker, ist doch ein alter Bekannter noch von Oberost her, intimer Förderer aller Pläne, einen deutschen Dynasten in Kowno als Fürsten zu installieren, und die Herren Offiziere der heutigen Republik Litauen haben aus den deutschen Heeresbeständen nicht nur Stahlhelme und Monokel, sondern auch ihre Ansprüche auf Beherrschung des Staates geerbt. Während sich kürzlich noch die Offiziösen beider Länder gegenseitig abrieben, machten litauische Offiziere grade eine Studienreise durch Deutschland, begleitet von Herrn Geßlers Offizieren, ohne daß man in der Bendler-Straße ob solcher nationalen Würdelosigkeit Zustände gekriegt hätte. Die wirklichen Beherrscher beider Staaten verstehen sich ganz ausgezeichnet und lachen sich ins Fäustchen über die papiernen Erregungen ihrer zivilen Beauftragten. Schließlich gibt es doch einen gemeinsamen polnischen Gegner, und die Feindschaft ist für die Galerie bestimmt und real nur für die armen Memelländischen, auf deren Rücken sie ausgeklopft wird.

 

Eine bescheidene Frage: lebt eigentlich unser Herr Außenminister noch? Wie schweigsam ist er geworden! Wir vermögen nicht zu glauben, daß sich in der Sonne internationaler Berühmtheit der Überbetriebsame plötzlich in einen Abgeklärten gewandelt hat, der Vielredner in einen Gemessenen, der das Beste, was er weiß, der profanen Menge nicht preisgibt. Wenn es um Herrn Stresemann so still geworden ist, so sind die Gründe nicht in kontemplativen Neigungen zu suchen, sondern weil es ihm sonst in die Bude hageln würde. Der Stresemann von heute leidet an Bismarcks cauchemar des coalitions, aber nicht außen-, sondern innenpolitisch. Ohne uns in Stresemanns Unterbewußtsein psychoanalysierend einzumischen – wie oft mag er sich in Angstträumen winden, den hölzernen, eisenbenagelten Hindenburg aus dem Tiergarten mitten auf der Brust! Die regierende Koalition will ihren innenpolitischen Sieg genießen und teilt rücksichtslos die Beute auf. Monumental, wie es einer säkularen Erscheinung gebührt, tritt der Reichspräsident der Deutschnationalen mitten in den Porzellanschrank der Außenpolitik, und der Herr Minister dieses zerbrechlichen Ressorts erklärt gepreßt seine Billigung, weil ein Wort des Mißfallens die latente Unstimmigkeit sofort akut machen würde.

Noch in Genf hatte Stresemann behauptet, seine Politik werde von der übergroßen Masse des deutschen Volkes, von einigen Nörglern abgesehen, getragen. Das ist, mit Verlaub, irreführend. Man braucht die versprengten Ludendorffleute gar nicht mitzurechnen, denn sie bedeuten nichts. Aber Stresemanns Politik wird geschlossen nicht nur von den Kommunisten bekämpft, sondern auch von dem überwiegenden Teil der alliierten Deutschnationalen. Angesichts des erbitterten Tones der Rechtspresse gegen alle und jede Friedenspolitik wirkt es wie ein Hohn, wenn der nominelle Führer Westarp im Lande herumreist und zwischen ähnlichen Invektiven auch die dünne Versicherung mitfließen läßt, daß diese Politik »die zurzeit einzig mögliche sei«. Stresemann hat keine Basis bei den Deutschnationalen und ebenso wenig in der eignen Partei, deren Presse aus Angst vor der Konkurrenz von rechts die noch an Nationalismus zu überbieten sucht. Herr Stresemann ist heute eine internationale Berühmtheit, aber wo sind denn die deutschen Publizisten, die ihm dienen? Um einen solchen Mann müßten sich doch die Talente scharen! Wahr ist, daß er über gar keine eigne Presse verfügt und sein bißchen deutsche Autorität heute nur noch auf den taktischen Rücksichten der großen liberalen Oppositionsblätter ruht. Sollte etwa die Freundschaft mit Georg Bernhard und Theodor Wolff in die Brüche gehn, dann ist die ganze Herrlichkeit dahin. Die offiziöse ›D.A.Z.‹ ist doch nur noch eine sauber aufgeräumte Ruine, und bei Herrn Rippler, dem Sonntagsprediger der ›Täglichen Rundschau‹, spürt man allzu deutlich die innern Zweifel und wie ihm als Interpreten des Völkerbundsgeistes dabei das alldeutsche Herz vor Kummer fast zerspringen will.

Die deutsche Außenpolitik hat keine innere Führung mehr. Für das gute Bürgertum, das Stresemann in den Jahren seiner oratorischen Hochkonjunktur mehr überredet als überzeugt hat, bedeutet sie nur ein Interim, das jederzeit gekündigt werden kann. Gustav Stresemann hat seine Schwarz-Weiß-Roten, deren Sinn eigentlich nach ganz andrer Richtung führte, sehr geschickt erst zu Dawes, dann nach Locarno und nach Genf lanciert. Das ging so schnell, daß sie gar nicht wußten, was los war. Mars war ihr Ziel, und unter der Friedenspalme wachten sie auf. Jetzt sind sie wieder ganz wach und sehr wütend und jubeln aus tiefster Seele dem monumentalen Präsidenten zu, der so gar keinen Respekt vor Porzellanschränken hat.

 

Der Rakowski-Konflikt ist ausgesprochen englische Mache, auch wenn es in Frankreich selbst nicht an Intriganten und Dummköpfen fehlte. Doch für England wäre die russisch-französische Verständigung ein schwerer Schlag gewesen; grade jetzt, wo es Rußland in China gedämpft hat, hätte es dessen neuen diplomatischen Geländegewinn in Europa als Niederlage empfinden müssen. So inszenierten pariser Blätter unter englischer Influenz den Fall Rakowski, und wenn jetzt auch der formale Bruch wahrscheinlich nicht eintritt, so wird doch eine Trübung bleiben.

Rakowski, in Moskau zur Opposition gehörend, wie die meisten heute Fünfzigjährigen, die Lenins Emigration teilten, hat einmal einen Aufruf unterzeichnet, in dem das internationale Proletariat aufgefordert wird, seine Vaterländer von hinten zu erdolchen, wenn es die gelüsten sollte, Sowjet-Rußland mit Krieg zu überziehen. Es hieße Eulen nach Athen und Resolutionen nach Moskau tragen, wollte man feststellen, daß, so rigorosen Maßen unterworfen, jeder Politiker schon etwas getan hat, was ihn zu einer Auslandsvertretung unmöglich macht, und daß zum Beispiel kein deutscher Politiker als Botschafter für Paris gefunden werden könnte, da schon fast jeder mindestens ein Mal in seinem Leben das feierlich unterschrieben hat, was Hindenburg in Tannenberg nur gesagt hat. Wie immer, wenn ihm nicht die Bleikugeln der Dritten Internationale an den Beinen baumeln, hat Tschitscherin würdig und vollendet logisch geantwortet und vor allem den Beweis erbracht, daß der Fall Rakowski ein künstlich konstruierter sei. Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Frankreich, das klassische Land der konservativen Demokratie, leidet an der wachsenden kommunistischen Agitation im Innern und an jenem überreizten Gemütszustand, in dem das Grauen der Inflation noch nachzittert. Sarraut, der Innenminister, hat eine muntere Kommunistenjagd eröffnet, während Barthou, der Kollege von der Justiz, Strafen aufbrummen läßt, die einen Niedner neidisch machen können.

Die Demokratie in Deroute, in Angst vor sich selbst, das ist ein wenig rühmliches Bild. Aber andrerseits drängt sich die Frage auf, ob die Moskauer klug handeln, grade jetzt auf Frankreich den Kommunistenschrecken loszulassen. Die Russen müssen sich klar werden: wünschen sie diplomatische Beziehungen und damit Verbindungen, die ihre eigne Wirtschaft stärken oder erfolgreiche Agitation unter leicht aufgewühlten Massen, die sie, wie manches andre Beispiel gezeigt hat, doch nicht dauernd an sich binden können? Propagandazentrale oder Staat? das ist die Frage. Überall, wo der neue Staat Rußland auftrat, heimste er überraschend schnell Erfolge; überall, wo die Propagandazentrale Moskau ihre Künste spielen ließ, mußte der Staat die Kosten zahlen. Will Moskau Annäherung an Frankreich und ein vernünftiges Schuldenabkommen, so verschafft es sich damit einen kontinentalen Schutzpanzer, den keine englische Ranküne unwirksam machen kann. Oder will es eine zeitweilig florierende K.P.F., die morgen schon veruneint, gespalten sein kann wie alle andern auch? Von dieser Entscheidung hängt das europäische Schicksal für Jahrzehnte ab.

Die Weltbühne, 11. Oktober 1927

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